Der Dichter in der Backstube

Textdaten
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Autor: J. Venedey
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Titel: Der Dichter in der Backstube
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aus: Die Gartenlaube, Heft 27, S. 430–431
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Nachruf auf Jean Reboul, französischer Dichter
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[430]
Der Dichter in der Backstube.


Ein Bäcker und ein Dichter, das ist schon etwas; aber nun gar ein Bäcker, ein Arbeiter, ein Dichter und zugleich ein Legitimst, das war für die blasirte Pariser Gesellschaft mehr als nöthig, um den Kitzel zu fühlen, diesen Wundermenschen, der sich Jean Reboul nannte, in ihre Kreise hineinzuziehen. Nicht ohne Mühe gelang es auch, den Dichter nach Paris zu locken. Er wurde im Triumph herumgeführt, überall mit Weihrauch bestreut, überall in den Vordergrund geschoben und war bald des Pariser Getreides so satt, daß er mit dem glühendsten Heimweh nach seiner Vaterstadt Nimes in Südfrankreich zurückeilte, wieder in seiner Backstube Posten faßte und dann freilich auch von den Parisern nach und nach vergessen wurde, bis sein neulich erfolgter Tod ihn endlich noch einmal auf vierundzwanzig Stunden in den Literaturberichten der pariser Blätter von den Todten auferweckte, um ihn nun wohl für immer der Vergessenheit zu übergeben.

Ein Mann des Volkes, ein Sohn der Arbeit, der aus seiner Werkstatt heraus Geistesfunken in die große Welt hinauswirft, die sich die Aufmerksamkeit eines ganzen Volkes erzwingen, ist indeß immerhin eines Andenkens werth. Ueberdies aber liegt in der Geistesrichtung seiner Gedichte auch eine allgemeine Lehre, und dieser zu lieb wollen denn auch wir dem Todten sein Recht eines Nachrufes widerfahren lassen.

Wer war der Bäcker-Dichter von Nimes? Wie wurde er zum Dichter? Was wollte er mit seinen Gedichten? – Das sind die Fragen, die wir mit ein paar Andeutungen beantworten wollen.

„Er war ein Mann von beinahe arabisch brauner Gesichtsfarbe, mit schwarzen, glänzenden Haaren und perlmutterweißen Zähnen. Sein Blick war rasch und durchdringend, er hatte prachtvolle, indische, mächtige, sammetne Augen, gemacht um die Liebe wie den Zorn auszusprechen.“ So fand und schildert ihn, in der Vorrede zu [431] Reboul’s Gedichten, Alexander Dumas, als er ihn besuchte und in seinem Bäckerladen in der Bäckerjacke fand. Noch bezeichnender aber ist es, wenn der Bäcker dem berühmten Schriftsteller sagt: „Ich bin Bäcker von fünf Uhr Morgens bis vier Uhr Abends. Wollen Sie Milchbrod, so bleiben Sie hier; – wollen Sie Verse, so kommen Sie diesen Abend wieder zu mir.“

Als Alexander Dumas Abends kam, fand er den Bäcker wieder im Laden. Dieser führte ihn dann auf den Speicher und zwischen Haufen von Weizen und Korn hindurch zu seiner Poetenstube. Auch die dann folgende Scene schildert Dumas, und sie ist bezeichnend genug, um wiedergegeben zu werden.

„So,“ sagte Reboul, indem er die Thüre hinter sich schloß. „Hier ist mein Heiligthum. Das Gebet, die Begeisterung, die Poesie nur haben das Recht, hier einzudringen. In dieser Kammer, die einfach ist, wie Sie sehen, habe ich meines Lebens schönste Stunden, die der Arbeit und der Träume, zugebracht.“ Das Zimmer war so einfach wie möglich, zwei Stühle, ein Schreibpult, ein elfenbeinernes Crucifix waren alles Geräthe; die ganze Bibliothek bestand aus zwei Büchern, der Bibel und Corneille.

Auch Dumas ließ die stille Frage: „Wie kommst Du dazu, zu dichten?“ endlich laut werden. Der Bäcker-Dichter antwortete: „Das Unglück hat mich dazu gebracht!“ Er hatte seine Geliebte durch den Tod verloren. „Diejenigen, die mich bis dahin umgeben hatten, suchten, anstatt mit mir zu weinen, mich zu trösten; meine Thränen flossen gegen das Herz zurück und überschwemmten es. Ich suchte die Einsamkeit und in Ermangelung einer Seele, die mich verstand, suchte ich Trost in Gott. Diese einfachen und gottgläubigen Klagen nahmen einen poetischen Charakter an; meine Gedanken bildeten sich eine Sprache, die mir selbst unbekannt war, und da sie, in Ermangelung einer gleichgestimmten Seele auf Erden, dem Himmel zustrebten, so gab Gott ihnen Flügel und sie stiegen zu ihm hinauf.“

Es liegt in diesem Auftreten des Dichters und Bäckers so viel Poesie wie Selbstschätzung, Selbstüberschätzung, so viel Tiefe wie oberflächliche Eitelkeit. Bezeichnend ist es dann ebenfalls, daß der legitimistische Dichter und Bäcker seine Gedichte von Lamartine und Alexander Dumas zugleich in die Welt einführen ließ; er war in der That ein Schüler Lamartine’s und – kokettirte doch ein wenig mit Alexander Dumas in der napoleonisch-republikanischen Richtung, die Letzterer vertrat.

Beide Gegensätze finden wir auch in seinen Gedichten wieder. Die große Mehrzahl derselben sind aus dem Samen aufgegangen, der durch die Winde aus den welkenden Blumen der Lamartineschen Treibhauspflanzen emporgetragen wurde. Sie sind schwungreich und schön, nur sind sie in dem weniger üppigen Boden des Bäckerkämmerleins lange nicht so voll, duftig, strotzend und farbenstrahlend, wie in den Warmhäusern der Lamartine’schen Prunkgärten. Im Geiste sind sie aber vollkommen dieselben: Weltschmerz, Gottbegeisterung, tiefes Bewußtsein der Verkommenheit des Tagesgetreibes und hoffnungsloses Hinübersehnen nach irgend etwas Besserem. Es fehlt das rechte Mark, die einfache Natur, der frohe Muth, das klare Wollen.

Der legitimistische Anflug des Südens liegt auf fast allen Blättern und Blumen. Auch diese Richtung deutete Reboul in dem Gespräche an, welches er mit Alexander Dumas in seinem Dachstübchen führte. „Sie sind kein Royalist, ich weiß es,“ sagte er dem zukünftigen Historiographen Garibaldi’s, „aber Sie sind religiös. Denken Sie sich also, was es heißt, die heiligen Bilder, zu denen Euch als Kinder Eure Mütter führen, um zu denselben zu beten, umgeworfen, unter die Hufe der Pferde getreten, in den Koth geschleppt zu sehen. – – O, wenn ich nicht die Poesie, um zu klagen, und die Religion, um mich zu trösten, gehabt hätte, was wäre aus mir geworden, o mein Gott!“

In diesen paar Aeußerungen liegt der ganze Mensch und liegen auch alle seine poetischen Ergüsse. Sie sind sämmtlich Variationen über dasselbe Grundthema. Schön aber sind sie mitunter, recht schön, und so wollen wir denn wenigstens eins davon in freier Verdeutschung mittheilen. Es heißt:

 Meine Leier.

Für Wahn wird heute die Vernunft gehalten,
Des Brandes Fackel für ein leuchtend Licht,
Und eh’ die Ströme des Vulcans erkalten,
Hebt sich an seinem Fuße Schicht um Schicht

5
Der Bau des Hochmuths! Was soll dir dies frommen,

O Leier? Nichts! Du bist von Gott gekommen!

Schon fühlt die Macht, wie ihr die Kraft ermattet,
Die Hände zittern und der Glanz verblaßt –
Und droben hängt, von Trauer überschattet,

10
Die stolze Fahne regungslos am Mast.

Kaum sind die letzten Wetter wild zerstoben,
Droht neues Blitzgewölk, bereit zum Toben.

Was kümmert’s mich, wenn solche Eintagsmächte
Der Alltagsmensch als seine Götter ehrt?

15
Er ist ein Knecht, und es gefällt dem Knechte,

Daß er den Staub vor jedem Tempel kehrt.
Der Götze, den er heute will zertreten,
Wie oft lag er vor ihm in brünst’gem Beten!

Die Geißel nur lehrt ihn den Meister kennen,

20
Nur in der Geißel achtet er den Herrn;

Und heute wird er den Verräther nennen,
Der gestern noch als Brutus war sein Stern,
Und den er gestern in den Staub gezogen,
Dem baut er heute des Triumphes Bogen!

25
Und darum ist es Dein Beruf geworden,

O meine Leier, Deines Zorns Orkan
In donnernden gewaltigen Accorden
Zu schleudern gegen solchen Doppelwahn!
Gedenke stets des Himmels, meine Leier!

30
Du kommst von ihm, nur ihm ist Deine Feier!

Und um dieses Bewußtseins willen, daß seine Leier vom Himmel komme, um des hohen Berufes willen, den er für sich in Anspruch nahm und den er mit keiner Sylbe verleugnet hat, widmen auch wir ein ehrendes Andenken dem edlen Arbeiter, der für uns eben so hoch steht wie Lamartine, in der That unendlich viel höher, da er seine Backstube nicht verließ, sondern der Arbeit – und nicht dem Heller Belisar’s – das Brod in hohem Alter dankte.

Reboul war der würdige Schüler Lamartine’s. O, warum konnte der Meister vom Schüler nicht lernen, der Arbeit allein zu danken, was das Leben bedarf! Dem Schüler aber gebührt ein reines Denkmal; wir zollen unsern bescheidenen Beitrag dazu.
J. Venedey.