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Der Börsen- und Gründungsschwindel in Berlin/12. „Dividendenbier“

Textdaten
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Autor: Otto Glagau
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Titel: Der Börsen- und Gründungsschwindel in Berlin
12. „Dividendenbier“
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[838]
Der Börsen- und Gründungsschwindel in Berlin.
Von Otto Glagau.
12. „Dividendenbier“.

Zu Rostock ist ein Büchlein erschienen, betitelt „Der große Schwindel und der große Krach“. Ein originelles ergötzliches Büchlein! Es ist nämlich eine humoristisch-satirische Geschichte der Schwindelperiode, blos zusammengestellt aus Citaten der Berliner Witzblätter: „Kladderadatsch“, „Wespen“ und „Ulk“; also ein Geschichtswerk, das auf unantastbaren Quellen beruht. Im Gegensatze zu der übrigen Presse haben „Kladderadatsch“ und Genossen den Schwindel als solchen gekennzeichnet und mit ihren Witzen begleitet. Aber eben diese Witze und Schnurren halfen vielleicht täuschen über den blutigen Ernst des Schwindels, ließen den verbrecherischen Frevel, der an dem ganzen Volke verübt wurde, nicht recht zum Bewußtsein kommen. Während wir die auf Kosten der Gründer und Börsianer gerissenen Witze und Spaße belachten, merkten wir nicht, daß dieselben Gründer und Börsianer auch uns die Taschen leerten, auch uns bis auf’s Hemde auszogen.

Die allgemeine Ausplünderung der Gesellschaft vollzog sich allmählich und fast unmerklich im Laufe von Jahren, aber als unmittelbare Folgen des Schwindels zeigten sich sofort allerlei Calamitäten und Wehen. Hand in Hand mit der Wohnungsnot ging die Vertheuerung und Verschlechterung der Lebensmittel. Alle Lebensmittel und alle Waaren wurden nicht nur theurer, sondern auch schlechter, zugleich geringer an Quantität und an Qualität, oder sie erlitten gar eine grobe und nicht selten gesundheitsgefährliche Verfälschung. Das Publicum wurde nicht blos übertheuert, dreimal betrogen: man beeinträchtigte und verleidete ihm auch den Genuß, man verkümmerte ihm des Leibes Nahrung und Nothdurft. Besonders geschah dies mit einem Artikel, der neben dem Brode im täglichen Haushalt eine Hauptrolle spielt.

In ganz Deutschland steigert sich seit länger als 30 Jahren der Bierconsum, ist namentlich das sogenannte „Baierisch“ zu einem Nahrungsmittel für alle Classen geworden. Bis 1870 war es durchweg ein reines gehaltvolles Getränk; mit dem [839] Gründungsschwindel verlor es sofort und reißend an Geschmack und an Güte, und wenn es sich auch nach dem „Krach“ wieder etwas verbessert hat, so giebt es doch immer noch viel zu klagen.

In Berlin wurde ehedem ein gutes, ja vortreffliches „Baierisch“ verschänkt. Eine Reihe hiesiger Brauereien, wie die von Schwendy, Lipps, Ahrens, Wagner, Patzenhofer, lieferten ein Fabrikat, das in Stadt und Provinz einen wohlverdienten Ruf genoß. Auch das „Actienbier“ vom Tivoli hatte zahlreiche Liebhaber. Tivoli, 1857 begründet (nicht „gegründet“), war lange die einzige Actienbrauerei; erst 1869 trat Friedrichshain, vormals Lipps, hinzu – eine bloße Umwandelung; schon eine Vorgründung, besorgt von Banquier Rauff, Justizrath Hinschius, Commerzienrath Gilka und Genossen.

Die hiesigen Brauereien vermochten den Bedarf nicht entfernt zu decken; in jedem Sommer zeigte sich Biernoth; das ganze Jahr hindurch wurden von nah und fern, aus der Umgegend und aus ganz Deutschland gewöhnliche Lagerbiere und „echte“ Biere eingeführt. – Hier lag ein wirkliches (nicht blos, wie bei den Wohnungen, ein scheinbares und künstlich gesteigertes) Bedürfniß vor und konnte daher den Gründern nicht entgehen. Zugleich mit der „Wohnungsfrage“, nahmen die Gründer auch die „Bierfrage“ in die Hand und lösten sie nach ihrer Weise.

Noch vor Ausbruch des Actiengesetzes, und natürlich in Voraussicht desselben, wurden im Frühjahr 1870 zwei Brauereien in „Commanditgesellschaften auf Actien“ – damals die bequemere, weil leichter erreichbare Form – verwandelt: Unions-Brauerei, früher Gratweil und Böhmisches Brauhaus, dem Gerichts-Assessor a. D. Knoblauch gehörig. – Hermann Geber, auch hier wieder der Erste auf dem Platz, „gründete“ in Verbindung mit den Banquiers Julius Guttentag und Georg Sackur sowie dem Rechtsanwalt Hecker – seinen Freund Hermann Gratweil, der sich alsbald selber zu einem flotten Gründer entwickelte, beziehentlich bei verschiedenen, eigentlich Geber’schen Gründungen hülfreiche Hand leistete. – Armand Knoblauch ließ sich gründen von F. W. Krause u. Comp., Commerzienrath Victor Ludwig Wrede, Gustav Gravenstein, Fabrikbesitzer Gustav Schöpplenberg und Justizrath Ahlemann.

Am 11. Juni 1870 explodirte das Actiengesetz, und nun kamen die übrigen Brauereien an die Reihe; eine nach der andern wurde „gegründet“. Wir classificiren sie wie folgt:

A. Nicht zu böse Gründungen:

Friedrichshöhe, vormals Patzenhofer. Verfasser: Banquier Anton Emil Wolff (Hirschfeld u. Wolff), Banquier Paul Heimann (Marcus Nelken u. Sohn), Generalconsul Ascher Salinger (Gebrüder Arons) etc. Cours circa. 90;

Schultheiß. Verfasser: Commerzienrath Wilhelm Herz, Consul und ehemaliges Reichstagsmitglied Gustav Müller, Consul George Marchand, Commerzienrath Benjamin Liebermann, Oskar Hainauer, Julius Schiff, Adolf Rösicke, Richard Rösicke. Cours noch circa 100.

B. Ziemlich böse Gründungen:

Bock, früher G. Hopf. Gründer: Commerzienrath Meyer Cohn, Julius Alexander, Dr. Otto Hübner, Fabrikant Hermann Reimann etc. Cours circa 50;

Moabit, früher Moritz Ahrens. Gründer: Josef Pincuß (Feig u. Pincuß), Bernhard Friedheim, Karl Deibel, Julius Grelling (Gebrüder Grelling). Aufsichtsräthe respective „Revisoren“: Regierungsrath a. D. Albert Bühling, Dr. Georg Kurs, Dr. Hermann Rasche, Aron Aumann. Cours circa 50.

C. Entschieden böse Gründungen:

Schöneberg, vormals Heinrich Schlegel. Gründer: Hermann Schuster, Gustav Löwenberg, Aron Aumann, Karl Coppel, Ludwig Max Goldberger, Adolf Martini, Fabrikbesitzer Emil Moritz Rathenau. Cours circa 30.

Adler, vormals G. Schwendy. Gründer: Hugo Wolff, Hermann Frenkel, Director Spielhagen, Stadtrath Pohle etc. Cours circa 20;

Königstadt, vormals Busse u. d’Heureuse. Gründer respective Aufsichtsräthe: Alwin Soergel (Deutsche Genossenschaftsbank von Soergel, Parrisius u. Comp.), Johann Kämpf in Halle (Hallescher Bankverein), Anton Securius, Julius Busse, Louis Feig, Heinrich Booß, Arnold Wittkowski, Reichstagsmitglied Stadtrath Hausmann in Brandenburg etc. Cours circa 20.

D. Sehr böse Gründungen:

Societäts-Brauerei; gegründet von Heinrich Reh, Karl August Arndt und Johann Gottlieb Maecker, welche auch die berühmte Tempelhofer Baugesellschaft in die Welt setzten. Cours circa 8;

Hasenhaide, früher C. Kelch. Gründer: Julius Samelson, Julius Pickardt, Felix Mamroth, Julius Hahlo, Joseph Neisser, Gustav Noah, Director Gustav Hartmann, Generaldirector Julius Müller etc. Director und später Liquidator: Albert Neisser. Cours ½.

Von allen diesen „Gründungen“ war wohl die anständigste „Friedrichshöhe“. Nach Saling’s Börsenhandbuch geschah sie „mit einem sehr bescheidenen Aufschlag“. Dies war aber nicht die Schuld der Gründer, sondern die des Vorbesitzers G. Patzenhofer, der seine Hand darüber hielt. Der ehrliche, dicke Patzenhofer behielt auch die Leitung der Brauerei bis zu seinem im vorigen Jahre erfolgten Tode, und unter ihm behauptete „Friedrichshöhe“ von allen Bier-Actien den höchsten Stand. Erst hinterher, unter der Direction von F. Goldschmidt und Paul Potocky-Nelken, fiel mit der Dividende auch der Cours, und die Actien nehmen nicht mehr die erste, sondern nur noch die vierte oder fünfte Stelle ein.

Wie es sonst bei den Bier-Gründungen in der Regel zugegangen ist, hat ein Herr Bötzow verrathen, der sich 1871 von der Vereinigung der Brauereibesitzer trennte, und damals Folgendes erzählte:

Man habe ihm für seine Brauerei, um dieselbe zu „gründen“, die enorme Summe von 300,000 Thaler geboten. Der Commissionär, der das Geschäft vermittelte, beanspruchte für sich die Kleinigkeit von 25,000 Thaler; der eigentliche Leiter oder Hauptgründer verlangte 50,000 Thaler; die Banquiers oder das Börsen-Consortium forderten 200,000 Thaler, sodaß ein Actiencapital von 600,000 Thalern ausgeworfen werden sollte. – Herr Bötzow hatte den Muth, abzulehnen, aber viele seiner Collegen warfen sich den Gründern mit Wollust in die Arme.

Alle jene Bier-Gründungen – auch die, deren Actien noch hoch im Course stehen – waren sehr theuer; alle sind heute mit einem zu großen Capitale belastet. Auch Tivoli und Friedrichshain, die schon von 1857 und respective 1869 datiren, haben sich in der Schwindelperiode mit neuen Emissionen und neuen Anleihen übernommen.

Schloßbrauerei Schöneberg, Adler und Königstadt gehören schon zu den grausamen Gründungen, wie dies freilich nur dem Charakter der Verfasser entspricht, die sich durch eine Reihe zum Theil noch schlimmerer Werke fast unsterblich gemacht haben. Hermann Schuster’s „Schloßbrauerei“ ist einschließlich der Hypotheken mit 820,000 Thalern, Hermann Frenkel’s und Hugo Wolff’s „Adler“ mit 1,000,000 Thalern, Alwin Soergel’s „Königstadt“ mit 1,200,000 Thalern belastet, und „Königstadt“ gedachte Ende 1872 noch „400,000 bis 600,000 Thaler neue Actien“ auszugeben, was aber nicht mehr gelang.

Auf der schiefen Ebene der Gründungen geht es ohne Halt abwärts, tiefer und tiefer. Ein Gründer übertrumpft immer noch den andern; in vielen Fällen haben sie das gegründete Object sich nicht nur zwei-, drei-, fünf-, zehnmal über den Werth bezahlen lassen, sondern allmählich auch das ganze Actiencapital escamotirt, ja die Gesellschaft noch mit großen Schulden belastet, nicht nur die Actionäre um Alles gebracht, sondern auch noch die Gläubiger betrogen. Freilich sind die „Gläubiger“ oft nur fingirt, oder doch die heimlichen Verbündeten der Gründer, resp. der Herren „Directoren“ und „Aufsichtsräthe“.

Wahre Nachtstücke von Gründungen sind die Societätsbrauerei und die Bergbrauerei Hasenhaide.

Herr Heinrich Reh „gründete“ sich selber, seine eigene, noch gar nicht fertige Brauerei, die er „Societätsbrauerei“ nannte und nach und nach mit ca. 800,000 Thalern belastete. Den Actien und Hypotheken ließ er noch 6-procentige „Prioritäts-Obligationen“ folgen, die wahrscheinlich noch tiefer stehen als die der „Flora“ und schon lange gar nicht mehr notirt werden. Wie mit den „Prioritäten“ der „Flora“, so handelt auch mit den Prioritäten des Herrn Heinrich Reh – der geniale Finanzkünstler Jean Fränkel: denn schöne Seelen finden sich, und [840] wo es eine besonders faule Gründung giebt, ist in der Regel auch Herr Jean Fränkel dabei.

Heinrich Reh warf pro 1873 eine Dividende von ganzen drei Procent aus, bekam aber gleich darauf Gewissensbisse und zahlte die grandiose Dividende nicht aus, sondern trug sie in die Bilanz als „unerhoben“ (!) ein. Die vorjährige Generalversammlung setzte er auf den heiligen Christabend. Nicht, daß er den Actionären eine angenehme Weihnachtsbescheerung zu machen gedachte: nein, er rechnete darauf, daß ihnen die Stunde ungelegen sein und daß sie dieselbe versäumen würden. Aber in den Zeitungen erschienen menschenfreundliche Merkzeichen und Fingerweise, und die Actionäre meldeten sich so zahlreich, daß Herr Reh schließlich viele abwies und ihnen die Eintrittskarte verweigerte.

Auch war Herr Reh so vorsichtig, die „Vertreter der Presse“ auszuschließen, das will hier sagen, die Abgesandten der Börsenblätter, woraus wir ihm übrigens nicht den geringsten Vorwurf machen wollen, denn diese Leute sind sehr überflüssig, und sie verfolgen nicht die Interessen des Publicums, sondern nur die der Börse. Trotz aller Vorsichtsmaßregeln war die Versammlung zahlreich, und sie nahm einen sehr aufrührerischen Verlauf. Von allen Seiten erhoben sich Klagen, Vorwürfe, Anschuldigungen und Drohungen, aber Herr Reh stand da wie im brandenden Meere der Fels. Er leugnete nicht einmal; er gab fast Alles zu; er ließ die empörten Actionäre schreien und toben, bis sie müde wurden, und dann schloß er ruhig und würdig die Sitzung. Seiner Pflicht gemäß, veröffentlichte er auch wieder die Bilanz, ohne sie aber, wie es Gebrauch ist, von einem Revisor bescheinigen zu lassen. Herr Heinrich Reh weiß sich über solche Formen hinwegzusetzen, und in Wahrheit ist bei den Bilanzen der Actiengesellschaften der „Revisor“ eine bloße Form.

Der Bergbrauerei Hasenhaide hatte der frühere Besitzer, C. Kelch, für das erste Jahr eine Dividende von 8 Procent garantirt, und er bezahlte sie auch. Die Gesellschaft erwarb das Etablissement für den kolossalen Preis von Einer Million und schritt dann noch zu kostspieligen Ankäufen und Bauten. Die Bilanz pro 1874 schloß mit einem Verlust von 96,000 Thalern; thatsächlich war aber bereits das ganze Actiencapital und noch mehr verloren. Man mußte liquidiren, und die Firma Benoni Kaskel erstand die Brauerei kürzlich für 550,000 Thaler, welche Summe noch nicht einmal die Forderungen der Gläubiger deckt. Die Actien sind völlig werthlos; trotzdem werden sie an der Börse noch immer mit ½ notirt und flott gehandelt.

Nicht nur, daß die Actienbrauereien theuer „gegründet“ sind – auch ihr Umbau und Ausbau, ihre Vergrößerung und Erweiterung, die in manchen Fällen das Maß überschritt, fällt gerade in die theuerste Zeit. Sie kauften Terrains, Grundstücke und Maschinen zu den höchsten Preisen – sie haben überaus kostspielig gebaut. Seitdem sind Gebäude und Baugründe im Werthe sehr gesunken, die Löhne und die Preise der Materialien rapid gefallen.

Ferner ist auch die Verwaltung der Actienbrauereien, wie die jeder Actiengesellschaft überhaupt, sehr theuer. Hoch sind die Gehälter und Lohne; unverhältnißmäßig hoch sind die Tantièmen, welche „Vorstand“ und „Aufsichtsrath“ beziehen. Diese Tantièmen verhalten sich nicht selten zu der Dividende, welche auf die Gesammtheit der Actionäre entfällt, wie 1 zu 5. Solche riesige Tantièmen waren vor dem Gründungsschwindel unerhört. Und selbst bei den Gesellschaften, die nur eine klägliche Dividende abwarfen, scheuen sich die Herren Directoren und Aufsichtsräthe nicht, eine erkleckliche Tantième einzustreichen. So erhielten sie bei Moabit (4 Procent Dividende) 4000 Thaler, bei der Bockbrauerei (4⅓ Procent Dividende) 5800 Thaler und sogar bei Adler (1½ Procent Dividende) 1775 Thaler.

[858] Die Gründer beschränkten sich darauf, Privatbrauereien in Actiengesellschaften umzuwandeln. Was aber von manchen Brauereien fabricirt, an vielen Orten verschänkt wurde, war fast ungenießbar, war oft geradezu Gift. Um die Bieractien unterzubringen, warf man hohe Dividenden aus, und um bei der ungeheuren Belastung und der kostspieligen, verschwenderischen Wirthschaft überhaupt Dividenden erzielen zu können, producirte man ein Getränk, dem das Volk mit vollem Rechte und höchst treffend den Namen „Dividendenjauche“ beilegte.

Unter diesem widerlichen Getränk, das den Durst nicht stillte und doch auch wieder nicht reizte, das mancherlei Unbequemlichkeiten und sogar Unpäßlichkeiten erzeugte, litten Publicum und Gastwirthe gleichmäßig. Man trank es nur mit Unbehagen und Widerstreben.

Alle Biere, auch die, welche die noch übrig gebliebenen Privatbrauereien herstellten, wurden schlechter. Das früher so beliebte „Actienbier“ von Tivoli verlor schnell seinen Ruf, und das Wort „Actienbier“ wurde nur noch im verächtlichen Sinne gebraucht, wo man nicht „Dividendenjauche“ sagen wollte. Alle Actienbrauereien liefern ein miserables Getränk, das miserabelste aber diejenigen Gesellschaften, welche sich später als faule und oberfaule Gründungen erwiesen, wie Schloßbrauerei Schöneberg, Adler, Societäts-Brauerei und Hasenhaide. Im besten Falle wurde ein Gebräu fabricirt, das früher als „Bier zweiter Classe“ galt und das, die Tonne einen oder zwei Thaler billiger, in gewissen Tanzlocalen und Vergnügungs-Etablissements verschänkt worden war.

Nur Eine Ausnahme ist zu vermerken. Der alte brave Patzenhofer ließ sich zu dem Schwindel der „Dividendenjauche“ nicht herab. Auch in der Gründerperiode behauptete „Patzenhofer“, wiewohl jetzt ebenfalls „Actienbier“, seinen alten Geschmack und Gehalt. Selbstverständlich war es sehr begehrt und konnte der Nachfrage nicht genügen. – Uebrigens ist auch dieses Bier in der allerletzten Zeit schlechter geworden.

[859] Aber nicht genug an der Dividendenjauche – die edeln Fabrikanten beschlossen auch den Preis für dieses köstliche Naß noch zu erhöhen. Ihnen vorauf gingen freilich die Weißbierbrauer. In Berlin wird noch immer viel Weißbier getrunken; auch bei der jüngeren Generation hat das „Bairisch“ die „kühle Blonde“ nicht verdrängen können. Weißbier ist ein moussirendes, in heißen Sommertagen ganz probates, nur in Cholerazeiten etwas gefährliches Getränk. Um es überhaupt trinken zu können, muß man mindestens zehn Jahre in Berlin gelebt haben. Um es mit Geschmack zu trinken, muß man in Berlin geboren sein. Dem Fremden, dem Anfänger erscheint es wie Lehmwasser, und es schmeckt ihm auch nicht besser. Dem geborenen Berliner dagegen dünkt es Champagner; als gewitzter und vorsichtiger Mann vergißt er aber doch nicht, auf die „kühle Blonde“ stets eine „Strippe“, das ist den landesüblichen Gilka oder Kümmel, zu setzen.

October 1871 traten die Weißbierbrauer zusammen und erklärten, die übliche „Rabatt-Tonne“ nicht mehr gewähren zu wollen. Alsbald versammelten sich im großen Saale des Handwerkervereins die Weißbier-Schänker und Weißbier-Verleger[1], sprachen ihre moralische Entrüstung aus und verpflichteten sich auf Ehrenwort zu einem gemeinsamen Strike. Nach einigen schwachen Versuchen mußten die Brauer sich wieder zu der hergebrachter „Rabatt-Tonne“ verstehen.

Durch diesen Ausgang nicht belehrt, verbündeten sich jetzt die Actienbrauereien und verlangten für die Tonne „Bairisch“, statt 7 Thaler, von Neujahr ab 7½ Thaler. Auch hier gaben den Anstoß die fragwürdigsten Gründungen, wie Moabit, Schöneberg, Adler, und bald schlossen sich ihnen die anderen Gesellschaften an. Alle verschworen sich, nicht billiger zu liefern, und erließen an die Schankwirthe einen drohenden Ukas. Aber diese handelten ebenso geschlossen und noch energischer. Sie wiesen das „menschenentwürdigende“ Circular, wie sie den Ukas nannten, weit von sich, verpflichteten sich zu Conventionalstrafen, gründeten eine Strike-Casse und bezogen ihr Bier aus Privatbrauereien oder von auswärts. Beide Theile legten den Casus dem Publicum vor; denn beide Theile versicherten, nur die Interessen des Publicums zu vertreten, dem die Brauer nur vorzügliches Bier liefern, das die Wirthe vor Uebertheuerung schützen wollten. Die Brauer behaupteten, daß die Wirthe an jeder Tonne 100 Procent profitiren – was die Wirthe sonder Zögern zugaben. Dagegen erklärten diese, daß die Brauer ihrerseits an jeder Tonne gleichfalls 100 Procent verdienen – was die Brauer nicht leugnen konnten. Das Publicum schien von beiden „Enthüllungen“ nicht überrascht zu sein und sah dem Kampfe gleichmüthig zu. Die Brauer waren die Klügsten, denn sie gaben nach. Einer nach dem andern vergaß seinen Schwur und lieferte zum alten Preise, während sie sich gegenseitig des Wortbruchs und des Meineids anklagten.

Die Wirthe hatten gewonnen, aber nun gingen sie gegen das Publicum vor. Dank unseren Manchesterleuten und der alleinseligmachenden Manchester-Doctrin von der „freien Concurrenz“, existiren in den Restaurationen keine geaichten Gläser und Flaschen, kümmert sich um Quantität und Qualität der verschänkten Getränke kein Gesetz, keine Aufsichtsbehörde. Ursprünglich hatten die sogenannten Bierseidel den Inhalt eines halben Quarts und wurden bis zum Rande ohne Spritzschaum gefüllt. Allmählich verkleinerten sich die Gläser; die Fabriken legten sich förmlich darauf, Vexirseidel zu machen, mit zolldickem Boden, fingerdicken Wänden und nach oben spitz zulaufend. Das war schon vor der Gründerzeit, aber nun wurde es noch weit ärger. Die Wirthe ließen die Gläser immer winziger werden, bis sie in vielen Localen zu einem halben Seidel zusammenschrumpften, das man dem Gaste präsentirt, zu zwei Dritteln Bier und zu einem Drittel Spritzschaum.

Die Tonne Bier kostet dem Wirthe 7 Thaler und bringt ihm, in ordentlichen Seideln verschänkt, 14 bis 16 Thaler. Bei solchen Miniaturgläsern aber schlägt er 18 bis 20 Thaler heraus. Und auch damit begnügten sich die Herren noch nicht, viele von ihnen erhöhten die Preise jetzt um 33 bis 66 Procent. Während man früher für ein normales Seidel guten Bieres 1½ Groschen zahlte, mußte man jetzt für ein Zwergseidelchen „Dividendenjauche“, das der Brauerei höchstens 3 Pfennige, dem Wirth vielleicht 6 Pfennige kostete – 2 und auch 2½ Silbergroschen zahlen.

Dazu kommt noch das Trinkgeld an den Kellner. Die Kellner erhalten vom Wirthe gar keinen oder doch einen erbärmlichen Lohn und sind daher auf den Wohlthätigkeitssinn der Gäste angewiesen. Vor dem Schwindel waren die Trinkgelder facultativ, wie die allgemeine Wehrpflicht; jetzt wurden sie obligatorisch, wie die Civilehe. Ehemals dankten die Kellner schon für einen halben Silbergroschen; nun thaten sie es auch für einen ganzen noch nicht. – Nebenbei bemerkt, übernahmen von den Kellnern die Gründer und Gründergehülfen die Lehre von den Trinkgeldern und bildeten sie zu einem System aus, das statt der Groschen Tausende und Hunderttausende von Gulden und Thalern einbringt.

Um neuen Ausschreitungen der Actienbrauereien vorzubeugen, um dem Publicum etwas Besseres zu bieten, als die ekle „Dividendenjauche“, trat eine Anzahl von Restaurateuren zusammen, lauter politisch und oratorisch ausgebildete Männer, die sich offenbar zu etwas Höherem berufen fühlten, und gründeten unter Führung des Bankhauses Bercht u. Swoboda eine eigene Brauerei, die „Vereinsbrauerei Berliner Gastwirthe“. Das war auf diesem Gebiete die einzige wirkliche Neuschöpfung der Gründer, aber dafür ist sie auch darnach.

Am 15. April 1872 legte man den Grundstein der „Vereinsbrauerei“, und Abends gab’s einen großen Ball, wo gemüthlich mit einander Gründer und Actionäre tanzten. So verlustirt sich die Katze mit den Mäusen, eh’ sie dieselben frißt; so spielen mit einander Wölfe und Lämmer. Hätten die Actionäre ahnen können, was ihnen bevorstand – das Tanzen und Jubiliren würde ihnen vergangen sein.

„Der rühmlichst bekannte Ingenieur Herr Nehrlich, Chef des großen Ingenieurbureaus von Nehrlich und Ellissen in Frankfurt am Main“, wurde „für das Unternehmen gewonnen“, und derselbe Herr Nehrlich fungirte auch zeitweise als „Vorsitzender des Aufsichtsraths“. Herr Hugo Nehrlich baute „mustergültig“, aber überraschend theuer und reichte auch noch hinterher eine „Nachrechnung“ über „Extralieferungen“ ein, die den Actionären fast Thränen erpreßte. Die „Vereinsbrauerei“ ist mit 1¾ Millionen Thaler belastet; daraus erklärt sich der Cours der Actien mit circa 10. Die „Vereinsbrauerei“ producirte noch dünneres und schwächeres Bier als ihre Colleginnen, und sie ist in jeder Hinsicht ein würdiges Seitenstück zu der „Societätsbrauerei“ des Herrn Heinrich Reh. Die Geschichte dieser beiden Gründungen studirt jetzt der Staatsanwalt; aber wir fürchten, es wird dabei wieder nichts herauskommen.

Die 14 Bairisch-Bierbrauereien auf Actien tragen einschließlich der Hypotheken eine Capitalslast von 17 Millionen Thaler – gewiß eine gefährliche Ueberbürdung. Die Gesammtproduction betrug 1874 circa 800,000 Tonnen, welche Leistung gegenüber jener Summe nur mäßig genannt werden kann. Die Durchschnittsrente war in demselben Jahre nur 4½ Procent; 6 Brauereien zahlten über 5 Procent, 8 unter 5 Procent Dividende, Hasenhaide, Societäts- und Vereinsbrauerei – 0. Wenn Friedrichshain 9, Schultheiß 10 und Böhmisches Brauhaus gleichfalls 10 Procent Dividende gaben trotz der großen Belastung und trotz der kostspieligen Wirthschaft, so sieht man, wie hocheinträglich das Braugeschäft ist.

Neben „Bairisch“ machten die Gründer auch in der „kühlen Blonden“. Sie „gründeten“ die drei Weißbierbrauereien von Karl Landré, Emil Gericke und W. A. Bolle. – Landré ist noch verzeihlich, aber bösartig sind wieder Gericke und Bolle, denn sie entstanden beide unter den Händen des Herrn – Jean Fränkel.

Nachdem die Gründer von Bairisch- und Weißbierbrauereien „gegründet“ hatten, was sich irgend gründen ließ, schauten sie scharf aus und entdeckten in einer abgelegenen Straße eine Wittwe Fischer, die in stiller Zurückgezogenheit von der Welt und unbekümmert um die Fortschritte der Cultur in patriarchalischer Weise ein patriarchalisches Getränk braute – das heute nur noch in unterirdischen Gemächern credenzte und nur noch von Kindern und alten Weibern begehrte „Braun- und Bitterbier“. Ueber diese unschuldige Wittwe stürzten her: Benno Beer, Hermann Leubuscher, Max Gerschel, Gustav Loth, Julius [860] Pickardt und Hofrath Moritz Alberts und nöthigten sie, sich flugs in eine Actiengesellschaft verwandeln zu lassen, die sie mit dem pompösen Namen „Berliner Brauhaus“ belegten. Die Bitterbierbrauerei wurde den Actionären mit 390,000 Thalern berechnet und war wirklich eine bittere Gründung. Inzwischen hat man liquidirt, und die Liquidation ergab nicht weniger denn – 2½ Procent.

Selbstverständlich beschränkten sich die Berliner Gründer nicht auf Berlin; sie suchten auch die Provinzen, das ganze große deutsche Vaterland sorgfältig ab.

Jean Fränkel „gründete“ mit Louis Bamberger, Assessor a. D. Plewe und Anderen die Potsdamer Brauerei, vormals W. Hoene: – Cours circa 15. Julius Pickardt „gründete“ mit Leopold Krautheim, Fritz Ramme etc. die von Siegfried Geber und Joseph Julius Seelig vorgekaufte Brauerei Werder bei Potsdam, vormals F. W. Hoffmann. – Cours circa 5. Louis Gratweil verfaßte mit Heinrich Wisotzki, Bernhard Bonwitt, Julius Joseph, Louis Blumenthal, Alfred Glasenfeld, Emil Treitel, Moritz Treitel die von Julius Pickhardt vorgekaufte Oranienburger Schloßbrauerei (Cours?) und mit Kaufmann und Gustav Bendix die bei der Geburt verunglückte Grätzer Actienbrauerei im Posen’schen. Hermann Gratweil „gründete“ in Verbindung mit Samelson und Sackur, David Liepmann in Berlin, Gebrüder Alexander, Ludwig Heyne, Oppenheim und Schweitzer in Breslau die dortige Brauerei Wiesner und in Verbindung mit Seelig und Ferdinand Strahl (Centralbank für Genossenschaften) die Brauerei von Herberz und Compagnie in Dortmund, die beide den Actionären viel Schmerzen gemacht haben. Die Kieler Actienbrauerei, vormals Consul C. Scheibel, ward von dem Consortium Geber-Stahlschmidt „gegründet“ etc.

Wie man sieht, kehren dieselben Personen häufig wieder, treten dieselben Leute bei den verschiedensten Gründungen auf. In sehr intimen Beziehungen stehen zu einander und „gründeten“ oft Hand in Hand: Hermann Geber (gewissermaßen der Häuptling, der aber gern hinter den Coulissen bleibt), Siegfried Geber, Reinhold Alexander Seelig, Joseph Julius Seelig, Eduard Stahlschmidt, Hermann Leubuscher, Hermann Gratweil, Louis Gratweil, Julius Pickardt, Moritz Bonwitt, Bernhard Bonwitt, Bernhard Maywald, Julius Müller, „Generaldirector“ der Wöhlert’schen Maschinenfabrik, Justizrath Hinschius (kürzlich zum Geheimrath ernannt), Julius Schweitzer etc. etc.

Was auswärts nicht Berliner Gründer thaten, thaten Gründer in der Provinz. In jeder Stadt, in jedem Städtchen entstanden „Actienbrauereien“; aller Orten klagte und schalt man über „Dividendenjauche“.

Merkwürdiger Weise fanden diese lauten Klagen in der Presse nicht den geringsten Wiederhall. Die Presse, die sich als Organ der öffentlichen Meinung, als Vertreterin der allgemeinen Interessen geberdet, blieb stumm. Sie hatte auch kein Wort für das Treiben der Bäcker, welche die Backwaaren bis zur mikroskopischen Grenze klein werden ließen und den Preis des kleinsten Gebäcks rasch auf das Doppelte und Dreifache erhöhten. Sie sah es ruhig mit an, wie die Fleischer und Höker, Gewürzer und Händler aller Art die neue Maß- und Gewichtsordnung benutzten, um namentlich die kleinen Leute in der unverantwortlichsten Art zu kürzen und zu betrügen.

Erst neuerdings, wo das Uebel schon nicht mehr so craß auftritt, las man in einigen Zeitschriften Aufsätze über Verschlechterung und Verfälschung des Biers, und auch im Reichstage kam die Sache zur Sprache. Da geriethen die Brauer in Harnisch, wiesen die Beschuldigung mit Entrüstung zurück und drohten mit gerichtlichen Strafanträgen. Herr Richard Rösicke, der „gegründete“ Mitvorbesitzer und jetzige Director der Schultheiß’schen Brauerei, erließ als Inserat eine lange Abhandlung, worin er nachzuweisen sucht, daß die Brauer nur wenig Malzsurrogate und gar keine Hopfensurrogate verwenden. Indeß muß er doch zugeben: „daß die Biere nicht mehr so stark gebraut und nicht mehr so lange gelagert werden, wie früher“. Das aber sind, wie Jedermann begreifen kann, zwei wesentliche Mängel, die allein schon die Verschlechterung des Biers erklären. Herr Rösicke rühmt zwar: die Fortschritte in der Brauereikunst, die Verwerthung des Dampfes, die Vervollkommnung der Maschinen etc. Doch das ist eitel Dunst! Unsere Zunge lehrt uns, trotz Herrn Rösicke, daß die Biere entschieden an Gehalt und Geschmack verloren haben, daß sie lange nicht mehr das sind, was sie vor dem Gründungsschwindel waren.

Und die Regierung thut ein Uebriges. Anstatt die Brauart und den Ausschank des Bieres unter Controle zu stellen, bereitet sie ein Gesetz vor: die Erhöhung der Braumalzsteuer – wahrscheinlich, um die Börsensteuer annehmbarer zu machen, welche sie seit Jahren plant, aber bisher nicht einzubringen wagte, soll das Bier nun doppelt besteuert werden. Nach Aufhebung der Schlacht- und Mahlsteuer, nachdem die Wissenschaft längst die Besteuerung der eigentlichen Lebensbedürfnisse für verwerflich erklärt hat – gewiß ein wunderbares Project, das da zeugt von dem rathlosen Hin- und Herschwanken, von dem verzweifelten Experimentiren unserer manchesterlichen Steuerpolitiker. Die Brauer protestiren gegen die Erhöhung der Braumalzsteuer. Sie erblicken darin eine „neue Schädigung“ des Brauereigewerbes, das „ohnehin durch die hohen Preise der Rohmaterialien, sowie durch die in der Gründungsperiode entstandene große Concurrenz mit einem sehr geringen Nutzen zu arbeiten genöthigt ist“. –

Nun, die Herren Brauer werden sich schon zu helfen wissen. Entweder sie erhöhen die Preise oder sie fabriciren „Steuerjauche“. Vielleicht thun sie auch Beides. Das Publicum allein würde den Schaden spüren, die Steuer zahlen müssen, und zwar nicht einfach, sondern doppelt und dreifach. Darum, so hoffen wir, wird der Reichstag ein Einsehen haben und die Erhöhung der Brausteuer verwerfen, wie er einst die Petroleumsteuer verwarf.

  1. Wer in Berlin mit Bier in Flaschen oder Kruken handelt, heißt „Bier-Verleger“; es giebt hier auch „Milch- und Sahne-Verleger“ oder „Milch- und Sahne-Bureaux“.