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Titel: Der Amazonenstaat auf der Insel Java
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aus: Die Gartenlaube, Heft 5, S. 68
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[68] Der Amazonenstaat auf der Insel Java. Unter den holländischen Besitzungen jenseits Europa’s giebt es einen merkwürdigen kleinen Staat, der mit seiner Constitution und den originellen Gebräuchen seiner Bewohner an eine der ergötzlichsten Stellen in Ariosto’s „rasenden Roland“ erinnert, und die fünfhundert Träume amerikanischer Emancipations-Damen übertrifft. Auf der Insel Java, zwischen den Städten Batavia und Gamarang, versteckt sich ein ganzes Königreich, genannt Bantan. Obgleich unter der Oberherrlichkeit Hollands, bildet das Ländchen doch einen besondern Staat mit unabhängigem Staatsoberhaupte. Das Land, politisch ohne Bedeutung, ist doch glücklich und reich, und ward seit undenklichen Zeiten stets blos von Weibern regiert und vertheidigt. Der König ist zwar ein Mann, alle übrige Regierung aber schönes, schwaches Geschlecht. Der Fürst ist durchaus abhängig von seinem weiblichen Staatsrathe, gebildet von drei Frauen, der obersten Behörde des Landes. Alle Staatsstellen, alle Hofstellen, alle Militairstellen, alles Militair – ohne Ausnahme aus Eva’s Geschlecht. Die Mannsen treiben Ackerbau, Handel und Gewerbe. Die Leibgarde des Fürsten besteht aus der weiblichen Elite des Landes, den Schönsten der Schönsten. Diese Amazonen reiten nicht damenartig, sondern wie ächte Ritter, größtentheils wohl besser, da bei uns viele Ritter in sich selbst zwar oft Esel, sonst aber keine Pferde besitzen. An ihren kleinen Schuhhacken haben sie statt der Sporen kleine Stahlspitzen. Ihre Kleidung ist oft sehr spärlich, sehr malerisch und sehr antik: eine kurze rothe Tunica, welche oben Schulter, Busen und linken Arm, unten die Füße von den Knieen an unbedeckt läßt. Um den linken Arm sind die Zügel des Pferdes geschlungen. Das Haar wird an allen Seiten in die Höhe gebunden und von einer breiten Binde, mit einem goldenen Schmuck über der Stirn, umschlossen. Ihre Hauptwaffe, eine kurze, spitzige Lanze, schwingen sie sehr graziös und geschickt. Sonst früher mit Pfeil und Bogen bewaffnet, tragen sie jetzt eine kleine Muskete an der Stelle des ehemaligen Köchers. Mit den Musketen wissen sie auch sehr geschickt umzugehen: im vollen Galopp schießen und treffen sie blos mit einer Hand. Dieser seltsamen Soldateska entspricht die übrige Regierung von Bantan. Der Thron ist erblich für die männlichen Erstgebornen. Sobald so ein Erstgeborner den Thron besteigt wird er mit einer Reihe Mädchen unter sechzehn Jahren umgeben, damit er die ihm Schönste sich zur Gemahlin wähle. (Viel vernünftiger als bei uns, wo kein Herz, sondern nur Diplomatie wählt und die Gattin dictirt und octroyirt). Stellt sich nach dreijähriger Ehe kein junger Thronerbe ein, kann der Fürst eine andere Gattin wählen, jedoch ohne die erste von ihrem eigenen Range als „Sultanin“ zu verstoßen. Sollte der Fürst oder Sultan trotz dieser Fürsorge ohne Thronfolger sterben, versammeln sich hundert junge, auserwählte Amazonen, um einen Thronerben unter ihren eigenen Sprößlingen auszuerkiesen. Der frauengewählte Sultan wird dann proclamirt und Alles ist wieder in Ordnung. Die Hauptstadt dieses kleinen Frauenstaates liegt in einem der malerischsten Theile der Insel auf einer fruchtbaren, baumbeschatteten Ebene. In der Mitte derselben erheben sich zwei gut verwahrte Festungen; die Diamantenburg, wie eine derselben heißt, schließt den Palast des Sultans ein, ein großes, geräumiges, massives Bauwerk, wohl geeignet, eine Belagerung auszuhalten. Die regierenden Damen sind sanft und höflich in ihrem Benehmen, und Fremde, die ihre Aufwartung machen, werden mit großer Zuvorkommenheit aufgenommen. Das glückliche Bantan-Land erinnert an glückliche, brave Frauen, von denen die Welt auch nicht spricht. In der Politik kommt das Land gar nicht vor. Man sagt, es sei politisch ohne Bedeutung. Ich dächte nicht. Wenn es unter dem Scepter der Schönheit so reich und glücklich ist, wie es der Engländer Elton schildert, wäre es ja die Lösung eines großen Problems, der Sieg einer neuen Regierungsform. Wer, wie es jetzt Vielen geht, weder zur Monarchie, noch zur Demokratie, noch zum Constitutionalismus, noch zur Oligarchie, Plutokratie, Republicokratie noch zu einer andern Kratie Vertrauen hat, der könnte sich ja vielleieht noch mit der Hoffnung trösten, daß von Bantan die Pantofflokratie die Welt befreien und erlösen werde. Mit letzterer hat man bis jetzt blos im stillen Familienkreise glückliche Versuche gemacht, es käme bei diesem Mangel an Männern nun nur auf einen großen, staatlichen an.