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Der „Vorschlag“ zur Orthographie-Reform

Textdaten
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Autor: R.
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Titel: Der „Vorschlag“ zur Orthographie-Reform
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aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[104] Der „Vorschlag“ zur Orthographie-Reform in Nr. 3 der „Gartenlaube“ hat gewiß das Interesse aller derjenigen Deutschen erregt, denen es darum zu thun ist, ihre schöne Muttersprache in tadellosem Gewande zu erblicken. Gab doch die Aufnahme dieser Notiz zugleich die Versicherung, daß die „Gartenlaube“ ihre bisherige Zurückhaltung in dieser Frage aufgegeben habe und mit eintreten wolle in den bereits seit Decennien geführten, neuerdings in der Schweiz, wie im Osten Deutschlands wieder frisch auflodernden Kampf gegen ein widerliches Zopfthum, einen aus den Zeiten deutscher Schmach vererbten, von sprachkundigen Grammatikern und grämlichen Pedanten wohlconservirten Mißstand.

Daß für die Reform der Orthographie etwas gethan werden muß, kann Niemand mehr bezweifeln. Es ist hier nicht der Ort, die Mängel unserer sogenannten „Rechtschreibung“ einzeln aufzuzählen. Jeder, der sie mit vorurtheilsfreiem Blicke geprüft, stimmt Jacob Grimm bei, der sie „eine schimpfliche, die Gliedmaßen der Sprache ungefüg verkleisternde und entstellende Schreibweise“ nennt; Niemand kann leugnen, daß sie eine unwürdige Hülle für unsere herrliche deutsche Sprache, ja, daß sie mit ihrem verworrenen Regelkrame nichts als ein wüstes Gewirr von Willkür und Unsinn ist. Sie erschwert nicht nur ganz außerordentlich die Arbeit der Lehrer in den Schulen, sie wirkt auch in Folge ihrer vielen Unregelmäßigkeiten und Schwankungen verwirrend auf das schreibende Publicum ein und schreckt Viele aus den untern Volksclassen ab, nach der Schulzeit die Feder nochmals in die Hand zu nehmen. Jeder, dem die Hebung unserer Volksbildung am Herzen liegt, muß mit Hand anlegen an das Werk der Reform.

Jedoch kann ich nicht ganz der Ansicht des geehrten Herrn Einsenders der betreffenden Notiz aus Wien über die Weise der Reformdurchführung beitreten. Nach meiner Ueberzeugung darf uns eine Reform nicht von oben herab durch eine orthodoxe Commission aufgedrängt werden; sie muß vielmehr von unten herauf, aus dem Volke selbst angeregt werden. Es muß zunächst das Interesse der Lehrerwelt wie des größeren Publicums für diese Angelegenheit erregt werden. Es gilt zuvörderst, noch manches hemmende Vorurtheil zu beseitigen, das Widerstreben der „Conservativen“ um jeden Preis zu brechen und überall für das Neue bereite Bahn zu schaffen. Ist dies geschehen, dann mag die Commission mit ihren Gesetzen eintreten, dann erst kann ihr Wirken auf Erfolg rechnen.

In Schlesien ist bereits ein erster Schritt gethan. Der Pädagogische Verein zu Görlitz hatte im vergangenen Sommer beschlossen, eine orthographische Reform-Bewegung zunächst in der schlesischen Lehrerschaft anzuregen, und versandte zu diesem Zwecke gegen Ende des vorigen Jahres eine von ihm ausgearbeitete, von Professor Dr. Jacob Bucher in Luzern durchgesehene und äußerst günstig beurtheilte Abhandlung „Ueber Neugestaltung unserer Rechtschreibung“ an die einzelnen Zweigvereine (über fünfzig) des schlesischen Provinzial-Lehrervereins mit dem Ersuchen um Berathung der darin aufgestellten Thesen, von denen die drei ersten principieller Natur sind und wie folgt lauten:

1) Unsere Rechtschreibung ist als eine zum Theil ungenaue und regellose, selbst unpraktische zu bezeichnen. Es ist darum eine Verbesserung derselben anzustreben.

2) Zur Durchführung einer solchen ist das historische Princip ungeeignet.

3) Eine zweckentsprechende Orthographie-Reform kann nur unter Zugrundelegung des phonetischen (Laut-)Princips erreicht werden.

Der Verein hegt die Absicht, zunächst eine Einigung der schlesischen Lehrer herbeizuführen, dann aber auch der Sache größere Ausdehnung zu geben und das Reformwerk zu einer Angelegenheit der gesammten Lehrerwelt Deutschlands zu machen.

Es ist zu wünschen, daß das Streben der schlesischen Lehrer von der Theilnahme des ganzen Volkes unterstützt werde. Vielleicht ist es unserer Zeit, der Zeit der politischen Einigung Deutschlands, vergönnt, auch eine Einigung auf dem Gebiete der deutschen Rechtschreibung herbeizuführen.

R.