Denkwürdigkeiten aus dem Morgenlande

Textdaten
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Autor: Johann Peter Hebel
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Titel: Denkwürdigkeiten aus dem Morgenlande
Untertitel:
aus: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes
S. 8-10
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum: 1803-1811
Erscheinungsdatum: 1811
Verlag: Cotta
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Erscheinungsort: Tübingen
Übersetzer:
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Quelle: ULB Düsseldorf und Djvu auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[8]
Denkwürdigkeiten aus dem Morgenlande.

1.

In der Türkei, wo es bisweilen etwas ungerade hergehen soll, trieb ein reicher und vornehmer Mann einen Armen, der ihn um eine Wohlthat anflehte, mit Scheltworten und Schlägen von sich ab, und als er ihn nicht mehr erreichen konnte, warf er ihn noch mit einem Stein. Die es sahen, verdroß es, aber Niemand konnte errathen, warum der arme Mann den Stein aufhob, und ohne ein Wort zu sagen, in die Tasche steckte, und Niemand dachte daran, daß er ihn von nun an so bey sich tragen würde. Aber das that er. Nach Jahr und Tag hatte der reiche Mann ein Unglück, nemlich er verübte einen Spitzbubenstreich, und wurde deswegen nicht nur seines Vermögens verlustig, sondern er mußte auch nach dortiger Sitte zur Schau und Schande, rükwärts, auf einen Esel gesezt, durch die Stadt reiten. An Spott und Schimpf fehlte es nicht, und der Mann mit dem [9] räthselhaften Stein in der Tasche stand unter den Zuschauern eben auch da, und erkannte seinen Beleidiger. Jetzt fuhr er schnell mit der Hand in die Tasche; jezt griff er nach dem Stein; jetzt hob er ihn schon in die Höhe, um ihn wieder nach seinem Beleidiger zu werfen, und wie von einem guten Geist gewarnt, ließ er ihn wieder fallen, und gieng mit einem bewegten Gesicht davon.

Daraus kann man lernen: Erstens man soll im Glück nicht übermüthig, nicht unfreundlich und beleidigend gegen geringe und arme Menschen seyn. Denn es kann vor Nacht leicht anders werden, als es am frühen Morgen war, und „wer dir als Freund nichts nutzen kann, der kann vielleicht als Feind dir schaden“. Zweitens, man soll seinem Feind keinen Stein in der Tasche, und keine Rache im Herzen nachtragen. Denn als der arme Mann den seinen auf die Erde fallen ließ und davon gieng, sprach er zu sich selber so: „Rache an dem Feind auszuüben, so lange er reich und glücklich war, das war thöricht und gefährlich; jetzt wo er unglücklich ist, wäre es unmenschlich und schändlich.“


2.

Ein anderer meinte, es sey schön, Gutes zu thun an seinen Freunden, und Böses an seinen Feinden. Aber noch ein anderer erwiederte: das sey schön, an den Freunden Gutes zu thun, und die Feinde zu Freunden zu machen.


3.

Es ist doch nicht alles so uneben, was die Morgenländer sagen und thun.

Einer, Namens Lockmann, wurde gefragt, wo er [10] seine feinen und wohlgefälligen Sitten gelernt habe? Er antwortete: Bei lauter unhöflichen und groben Menschen. Ich habe immer das Gegentheil von demjenigen gethan, was mir an ihnen nicht gefallen hat.


4.

Ein anderer entdeckte seinem Freund das Geheimniß, durch dessen Kraft er mit den zanksüchtigen Leuten immer im guten Frieden ausgekommen sey. Er sagte so: Ein verständiger Mann und ein thörichter Mann können nicht einen Strohhalm mit einander zerreissen. Denn wenn der Thor zieht, so läßt der Verständige nach, und wenn jener nachläßt, so zieht dieser. Aber wenn zwey Unverständige zusammen kommen, so zerreißen sie eiserne Ketten.