Das versteinerte Gefährt

Textdaten
<<< >>>
Autor: Raimund Friedrich Kaindl
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Das versteinerte Gefährt
Untertitel:
aus: Sagen und Märchen aus der Bukowina, in: Zeitschrift für Volkskunde, 1. Jahrgang, S. 24
Herausgeber: Edmund Veckenstedt
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Alfred Dörffel
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Google, Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[24]
2. Das versteinerte Gefährt.
(Galizisch.)

Wenn man von Czernowitz thalabwärts nach Revna zu geht, so sieht man am Wege ein eigentümliches Steingebilde. Das Gebilde gleicht einer Kutsche aus Stein, vor welcher zwei Felsblöcke liegen, die Pferden nicht unähnlich sehen. Wie die steinerne Kutsche mit den Pferden dorthin gekommen ist, berichtet folgende Sage.

Unweit der Stelle, wo jetzt die Steinkutsche steht, sass vor unvordenklichen Zeiten – wer kann das wissen, wie lange es her ist? – ein armes Weib am Wege, umgeben von ihren hungernden Kindern. In ihrer Not flehte sie zum Himmel und bat um Abhilfe ihres Elendes. Da wirbelte plötzlich oben am Berge Staub auf und bald sah die Frau eine Kutsche in scharfer Eile auf sich zukommen, denn vor dieselbe waren zwei feurige Pferde gespannt. In der Kutsche sass ein gar stolzer Herr. Derselbe kümmerte sich nicht um die ihn umgebende Herrlichkeit der Natur, sondern er schlief und träumte wohl von seinen Schätzen. Da plötzlich wurde er jäh aus seinem Schlummer aufgerüttelt, denn die Kutsche war mit einem Ruck angehalten worden, weil sich die Frau vor die Pferde geworfen hatte und in flehendem Tone rief: „Hilfe, Hilfe, ich und meine Kinder sterben vor Hunger.“

Aber der reiche Herr im Wagen liess sich von dem Hilferuf der Armen nicht erweichen, mit einem gräulichen Fluch befahl er den Kutscher über die Frau hinwegzufahren. Die Frau rief noch einmal um Hilfe, aber der Herr erneuerte den Befehl, und nun trieb der Kutscher die Pferde an. Dieselben schritten aber nicht über den Leib der Frau hinweg, sondern bogen in heftigen Ansprunge mit dem Wagen vom Wege ab, dem Abhang zu.

In demselben Augenblick erstarrte das Gefährt mit Insassen und Pferden zu Stein, welche noch heute dort am Wege liegen.

Man weiss, dass diese Steine Niemand berühren darf, sonst trifft ihn ein Unglück, denn die Steine liegen da zur Warnung für alle Geizigen und alle Habgierigen, welche ihren Mitmenschen das tägliche Brot nicht gönnen.