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Das steinerne Kreuz an der Dreifaltigkeitskirche zu Zittau

Textdaten
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Autor: Johann Georg Theodor Grässe
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Titel: Das steinerne Kreuz an der Dreifaltigkeitskirche zu Zittau
Untertitel:
aus: Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen, Band 2. S. 218–220
Herausgeber:
Auflage: Zweite verbesserte und vermehrte Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Schönfeld
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Erscheinungsort: Dresden
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Google-USA* und Commons
Kurzbeschreibung:
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Bild
Zittau Dreifaltigkeitskirche Suehnekreuze.jpg
Bearbeitungsstand
fertig
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[218]
824) Das steinerne Kreuz an der Dreifaltigkeitskirche zu Zittau.
S. Sachsengrün II. Jahrg. 1861. S. 22. u. oben S. 212.

Die heilige Dreifaltigkeitskirche, die auch, weil sie vor dem Weberthore gelegen ist, kurzweg Weberkirche genannt wird, ist eine der drei kleinern Begräbnißkirchen Zittaus. Tritt man vor die Stufen, die zu dem einfachen, aus Sandstein gehauenen Portale emporführen, so gewahrt man bald hinter dem ersten Pfeiler, welcher sich an der linken Seite desselben befindet, ein etwa 1½ Ellen langes steinernes Kreuz, das fest in der Mauer der Kirche eingefügt ist. Seine Form verräth ein ziemlich hohes Alter, ebenso das Messer, welches in dasselbe eingemeißelt ist. Ueber letzterem, in der Mitte des Kreuzes befindet sich eine kleine Nische. Links neben diesem, in einer Entfernung von etwa 3 Fuß, ist in einem der Sandquadern, aus welchem der Unterbau der Kirche besteht, ein langes gebogenes [219] Schwert eingehauen, das große Aehnlichkeit mit einem Türkensäbel besitzt. Eine früher dabeigewesene Inschrift ist gänzlich verwischt. Als Ursprung dieser Bildwerke wird folgende Sage erzählt.

Der Senat der Sechsstadt Zittau hatte, da es ihm nicht an Gelde fehlte, einen berühmten italienischen Baumeister kommen lassen, um den Bau der neuen Kirche zu leiten. Der Meister kam und begann den Bau, unterstützt durch fleißige und geschickte Gesellen. Allein diese waren ihrem Herrn nicht sehr gewogen, da er aufbrausend und jähzornig war, und jedes geringe Versehen hart rügte. Namentlich zog einer unter ihnen, ein junger blonder Geselle, den Haß des Italieners auf sich, weil er dem Uebermuth desselben keck die Stirne bot und dadurch auch die Uebrigen zum Widerstand ermuthigte. Als er nun einst in Vermessenheit die Worte ausgesprochen hatte, daß auch hier Meister in der edlen Baukunst angetroffen würden und er sich getraue, ebensoviel zu leisten wie jener, so forderte dieser eine Probe und man kam auf beiden Seiten überein, seine Kunst an zwei noch unvollendeten Strebepfeilern zu zeigen. Wer von Beiden zuerst den seinigen ohne Tadel vollendet haben würde, der solle Sieger sein. Rüstig ging es an die Arbeit, Meister und Gesellen ruheten nie, Schlaf erquickte sie nicht, kaum gönnten sie sich zum Essen Zeit, und wenn der eine durch Ruhe seine Kräfte erfrischen wollte, so trieb ihn die Furcht, daß der Gegner ihm unterdessen zuvorkommen möge, zu neuer Thätigkeit an. Zwei Tage und zwei Nächte waren so vergangen und die Pfeiler ihrer Vollendung bald nahe, als die Kraft des Meisters, die an eine anhaltende und schwere Arbeit nicht mehr gewöhnt war, immer mehr zu erschlaffen begann, obgleich er selbst sah, daß, wenn er nicht alle Kraft der Muskeln zusammennehme und auf das Höchste steigere, der Jüngling eher seinen Pfeiler vollendet haben würde, als er. Fieberhaft zitternd in Folge der großen Erschöpfung und Angst setzte er Stein auf Stein. Doch waren seine Mühen umsonst, in der Mittagsstunde des dritten Tages erscholl vom andern Pfeiler der freudige Ruf: [220] „fertig!“ herüber, der eine Leichenblässe auf dem Antlitze des Meisters hervorrief. Unten jubelten die anderen Gesellen und die Volksmenge, welche dem eigenthümlichen Wettkampfe mit steigendem Interesse und Theilnahme zugeschaut hatte. Der Meister steigt vom Gerüste herab, um sich von unten den Bau des andern Pfeilers zu betrachten, und vielleicht irgend einen Mangel an demselben zu entdecken. Aber kein Fehler ist zu sehen, Alles im Gegentheil nach den Regeln der Kunst gemacht. Auch der Jüngling ist herabgekommen, Freude strahlt sein Antlitz, nur aus den Augen blitzt kecker Uebermuth und Hohn. Da glänzt ein blanker Dolch in der Luft, von der sichern Hand des Meisters ins Herz getroffen sinkt der Jüngling nieder und haucht zu dessen Füßen seinen Geist aus, ruhig, ja fast Freude und Genugthuung über seine Blutthat empfindend stellt sich der Welsche dem Gericht, welches das Todesurtheil über ihn fällte. Ohne Reue zu äußern, stirbt er den Tod durch Henkershand; sein Haupt, feurig anzusehen rollt jetzt noch mitunter in der Nacht über den Kirchhof. Zum ewigen Andenken an diese Begebenheit hat man an den Pfeilern, welche das Volk davon die Wettepfeiler genannt hat, und sich an der Westseite der Kirche befinden, zwei Nischen anbringen und das Kreuz mit dem Dolche und Schwerte in die Mauer einfügen lassen.