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Textdaten
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Autor: S.
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Titel: Das schwarze Buch der Sclavenjunker
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 8 und 9, S. 120-122, 135-137
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[120]
Das schwarze Buch der Sclavenjunker.
Ausplünderung der Kriegsgefangenen. – Der „Sclavenpeitscher“ als Gefängnißinspector. – Das „Yankeeschießen“ ein Soldatenexercitium. – Hungernoth und Hungerdelirien. – Tag und Nacht ohne Obdach. – Jeden Morgen Erfrorene. – „Es giebt keinen Ausdruck für unseren Hunger.“

Nichts kann die Unsittlichkeit der von Nordamerika’s Südstaaten verfolgten Politik und das Princip, auf das sie gebaut ist, treffender kennzeichnen, als eine Schrift, die unlängst in Philadelphia veröffentlicht, doch nicht in den Buchhandel gekommen ist. Zwar sträuben sich die Haare empor, zwar stockt uns das Blut in den Adern, wenn man die Seiten dieses Buches durchblättert, das der Redaction der Gartenlaube von officieller Seite übermittelt wurde, aber es verdient in weitesten Kreisen die höchste Beachtung, denn es soll Zeugniß ablegen von der Barbarei der südstaatlichen Kriegsführung und die Unmenschlichkeiten der sclavenzüchtenden Junker in Virginien und Carolina, in Georgien und Mississippi vor der gesammten civilisirten Welt an den Pranger schlagen – zur ewigen Verdammung alles Junkerthums jenseits und diesseits des Oceans. Von wie viel Blut und Hunger und Siechthum, von welchem unfaßbaren Jammer erzählen die glatten Velinblätter des Buches, erzählen Geschichten so grausiger Natur, daß sich die ausschweifendste Phantasie eines Sensationsnovellisten kaum solche Schauerscenen und Schazerdetails ersinnen und ausmalen könnte und daß man sich versucht fühlen müßte, das Ganze für die Ausgeburt eines wahnwitzigen Gehirns zu halten, wäre das Buch nicht eine amtliche Publication und mit allen Beweisen und Belegstücken versehen, welche an der Glaubwürdigkeit des Dargestellten – leider – nicht den leisesten Zweifel aufkommen lassen!


Schon nach den ersten Schlachten des amerikanischen Krieges war der Norden voll von beängstigenden Gerüchten über die Behandlung, welche die Rebellen-Behörden den gemachten Kriegsgefangenen zu Theil werden ließen. Jeder dieser aus der Haft entflohenen oder ausgelösten Gefangenen brachte die gräßlichsten Berichte heim von der Grausamkeit und Barbarei des Feindes, so daß sich schon damals die Gemüther des nordstaatlichen Publicums in höchster Aufregung befanden. Wo ein Krieg plötzlich in so ungeheuere Dimensionen hinaus wächst; wenn mit einem Male Tausende von Gefangenen die Lager von Freund und Feind überschwemmten, die beide ihre militärischen Ueberlieferungen und Erinnerungen nur einer um Generationen rückliegenden Vergangenheit zu entnehmen hatten: konnten Anfangs große Uebelstände und Mißbräuche nicht ausbleiben, bis in dieser Beziehung die nothwendigsten Anordnungen und Vorkehrungen getroffen waren. Allein der Kampf hatte nachgerade schon länger als drei Jahre gewüthet, beide Parteien waren inzwischen längst mit den Bräuchen und Gesetzen des militärischen Lebens vertraut worden, hatten alle Mittel und Anstalten kennen gelernt, wodurch die moderne Civilisation Unmenschlichkeit und Schrecken des Kriegs zu mildern versteht – und dennoch liefen Woche für Woche immer beängstigendere Nachrichten von der Barbarei der Conföderirten ein, welche, wie man hörte, die unglücklichen Gefangenen aus dem Norden vor Frost und Hunger schaarenweise in den Kerkern dahinsterben ließen; man erfuhr, wie bei der letzten Gefangenenauswechselung ganze Boote voller halbnackter lebendiger Skelete, die zerfressen waren von Koth und Ungeziefer, Schiffe voller Jammergestalten, siech und sterbend oder invalid für’s Leben, gegen wohlgenährte und gutgekleidete Männer eingetauscht wurden, die gesund und kräftig aus der nordischen Haft in die Reihen der Ihrigen heimkehrten.

Nunmehr mußten ernstliche Schritte geschehen, der täglich steigenden allgemeinen Erbitterung gerecht zu werden. Der Congreß selbst konnte nicht länger unthätig bleiben; er setzte eine Commission nieder, den Thatbestand festzustellen und zu ermitteln, ob und in wie weit jene grauenhaften Hiobsposten auf Wahrheit beruhten.

Ehe jedoch das Ergebniß dieser Erhebungen veröffentlicht war, hatte auch die sogenannte Sanitäts-Commission der Vereinigten Staaten, ein Verein menschenfreundlicher und sachkundiger Männer, der sich die Aufgabe gestellt hat, das Sanitätswesen der im Felde stehenden Armee zu organisiren, die Verpflegung ihrer Verwundeten und Kranken zu leiten und zu überwachen, und Treffliches leistet, seinerseits ebenfalls beschlossen, eine gründliche und unparteiische Untersuchung jener Scheußlichkeiten in Gang zu bringen. Zu diesem Behufe – „die wahre Körperbeschaffenheit der Gefangenen zu constatiren, die neuerdings durch Auswechselung aus der Haft in Richmond und sonstwo innerhalb der Linien der Rebellen befreit wurden“ – erwählte man im Mai des vorigen Jahres einen aus sechs Mitgliedern bestehenden Ausschuß, dem neben drei der ersten medicinischen Autoritäten von Philadelphia und New-York unter Andern der Gouverneur des letztern Staates angehört und außerdem von Unionswegen ein Deputirter – United States Commisioner – beigegeben ward.

Ohne Säumen unterzog sich der Ausschuß seiner schwierigen Aufgabe. Der Reihe nach besuchte er die verschiedenen Hospitäler, worin die aus südstaatlicher Kriegsgefangenschaft Entlassenen Unterkunft gefunden hatten, vor allen die von Baltimore und Annapolis in Maryland. Am letztern Orte allein beherbergten die zu solchem Behufe umgewandelten weitläufigen Räumlichkeiten der Marineschule und des St. Johns Collegiums über drei Tausend, Officiere und Soldaten aller Waffengattungen und Grade, sämmtlich erst vor Kurzem aus der Gefangenschaft erlöst.

Das Schauspiel von Elend und Leiden, das sich hier von Zelle zu Zelle, von Zelt zu Zelt, von Bett zu Bett den Untersuchenden bot, spottet jeder Beschreibung! Es bestätigte nicht nur die schlimmsten Befürchtungen, es überstieg sie; es übermannte selbst die Aerzte der Commission, die bekennen mußten, noch niemals ähnlicher Jammerscenen ansichtig geworden zu sein. Kein Bild, selbst die Photographien nicht, welche man von einigen der charakteristischsten Krankenerscheinungen nehmen ließ, grausenerregend wie sie sind, vermögen nur annähernd das Furchtbare des Eindrucks wiederzugeben, welchen der Anblick von Hunderten lebendiger Leichen, von buchstäblich zu Gerippen abgezehrten und ausgehungerten Gestalten machte, die nur durch matte, kaum bemerkbare Bewegungen verriethen, daß noch Athem in ihnen war. Gräßlicher aber als alles Dies, gräßlicher als die knochigen, hohlwangigen Gesichter, die in stumpfer Apathie wie Halbidioten die Vorübergehenden aus den Kissen heraus anstarrten; gräßlicher als die geschwollenen, durch Beulen und Wunden, durch Löcher und Narben verunstalteten Leiber, von denen Beine und Arme herabhingen, dünner, als die Glieder fünfjähriger Knaben, welche mühelos die Hand umspannt – entsetzlich, wie die Erscheinung eines grausigen Spukes, die uns nicht mehr aus den Augen kommen will, die uns auf Schritt und Tritt verfolgt, im Wachen und im Schlafen, war ein Moment, das sämmtlichen dieser Unglücklichen angehörte, denen in Baltimore, wie jenen in Annapolis, dem Reconvalescenten, der sich langsam im Lazarethgarten erging, wie dem Todsiechen, welcher den Kopf nicht mehr vom Pfühle aufrichten konnte, – es war der Ausdruck äußerster Trostlosigkeit in Augen und Zügen, ein Blick unüberwindlicher Melancholie, als hätten sie sammt und sonders eine Periode höchster physischer und geistiger Qual durchleben müssen, die jedes Lächeln für immer aus ihren Gesichern verscheuchte. Wo dies nämliche Merkmal Allen gemeinsam war, allen den Tausenden, welche in der Gefangenschaft bei den Rebellen geschmachtet hatten, da konnte von zufälligen individuellen Zuständen nicht mehr die Rede, da mußte eine allgemeine, immer und überall wirkende Ursache vorhanden sein, der jener unvertilgbare und unvergeßliche Ausdruck entsprang, und wer auch von der Commission vernommen wurde, Stabs- und Subalternofficiere, Sergeanten und Gemeine, und die Wahrheit seiner mündlichen und schriftlichen Aussagen und Antworten feierlich beschwor, – Alle hatten unveränderlich die nämliche Jammergeschichte zu erzählen: von Hunger und Mangel, von Schmutz und Obdachlosigkeit, von Kälte und Frost, von Martern ohne Zahl und ohne Beispiel!

Der Bericht der Commission liegt vor uns mit jenen schrecklichen Photographien als Titelbildern und dem gesammten Material von eidlich erhärteten und officiell beglaubigten Zeugnissen und Beweisen als Anhang, ein stattlicher Octavband. Es ist das Buch, von dem wir oben sprachen und welchem die nachstehenden Mittheilungen, hie und da wortgetreu, entnommen sind. Der uns zur Verfügung gestellte Raum gestattet freilich blos da und dort hineinzugreifen in die Masse der gesammelten Thatsachen und Einzelheilen, – doch wir fürchten, den Lesern wird auch so schon des Gräßlichen genug und übergenug geboten sein.

[121] Die geflissentliche Barbarei, die raffinirte Grausamkeit, mit welcher die Conföderirten ihre Kriegsgefangenen, Brüder ihres eigenen Stammes, mißhandelt haben, schreien zum Himmel in einer Zeit, wo bei allen civilisirten Nationen auch im Kriege die Gesetze der Menschlichkeit zur Geltung kommen; wo sich eben erst eine große Reihe von Staaten dem bekannten Genfer internationalen Sanitätsconcordate angeschlossen hat; wo, sobald die Schlacht geschlagen, für ihre Opfer der Unterschied schwindet zwischen Sieger und Besiegten; wo die Verwundeten von Freund und Feind sich gleicher Hülfe und Pflege erfreuen; wo man die Gefangenen der Wahlstatt nicht mehr in finstere Kerker wirft und hinter Schloß und Riegel sperrt wie Verbrecher, sondern sie kleidet und nährt und lohnt, als seien sie jetzt dem eigenen Heere einverleibt. Kann irgendwer noch Sympathieen hegen für die Bestrebungen der amerikanischen Secessionisten – und leider hat es auch in Deutschland an solchen Sympathien nicht gefehlt, noch fehlt es daran da, wo jede freiheitliche Regung als Eingriff in Rechte von Gottes Gnaden angesehen zu werden pflegt, – dies schwarze Buch, in welchem den Sclavenjunkern des Südens und ihrer Wirthschaft ein unvergängliches Denkmal der Schmach gestiftet ist, sollte für immer heilen von derlei Parteinahme.


In und um Richmond, der Hauptstadt Virginiens, des Junkerstaats par excellence, des amerikanischen Mecklenburgs, haben die Conföderirten zwei Hauptdepots für ihre Kriegsgefangenen. Dort befindet sich u. A. dicht am St. Jamesstrome das sogenannte Libby, das, ursprünglich eine große Tabaksniederlage, jetzt vorzugsweise kriegsgefangenen Officieren zum Detentionsorte dient. In sechs Zimmern von je hundert Fuß Länge und vierzig Fuß Breite waren hier mehr als zwölfhundert Officiere des Unionsheeres vom General bis zum Unterlieutenant monatelang zusammengepfercht und hatten in diesem engen Raume, der nicht überschritten werden durfte, Alles zu verrichten, was zur Herstellung der nothdürftigen menschlichen Existenz erfordert wird: zu wohnen, zu schlafen, zu kochen, zu essen, zu waschen u. A. mehr. Es scheint unglaublich und doch ist’s nichts als bittere Wahrheit!

Die erste Mißhandlung, welche die Gefangenen, Officiere wie Soldaten, regelmäßig über sich ergehen lassen mussten, war eine Ausplünderung von Allem, was sie irgend Werthvolles an und bei sich trugen. Diese Räuberei erstreckte sich soweit, daß den Unglücklichen oft nicht die allerunentbehrlichste Kleidung blieb. Decken und Ueberröcke wurden fast ohne Ausnahme weggenommen; an ihrer Statt mußten sich die Gefangenen mit den erbärmlichsten, schmutzigsten Lumpen behelfen. Anfangs gab es im Libby weder Bank noch Tisch noch Stuhl; auch war streng verpönt, sich etwa aus jenen elenden Hüllen einen Sitz oder ein Lager herzurichten! Später geruhte man den Gefangenen wenigstens zu gestatten, sich der Fässer und Kisten, worin ihnen allerhand Lebensmittel und Spenden aus der Heimath zukamen, als Möbel zu bedienen.

Trotz aller Vorsicht und trotz der fleißigsten Reinigungen konnte es bei solchem Zusammenschichten nicht fehlen, daß bald Jeder von Ungeziefer starrte. „Nachts lagen wir auf der harten Diele, nothdürftig eingewickelt in die Fetzen, die wir besaßen, aneinandergedrückt wie die Fische in einem Korbe,“ – bezeugt einer der vernommenen Officiere, – „auf der harten Diele, die rücksichtslos immer erst am späten Abend gescheuert wurde, so daß der Boden noch triefnaß war, wenn wir uns darauf zum Schlafen hinkauerten.“ In jedem Zimmer standen zwar zwei Oefen, allein in keinem brannte ein ordentliches lustiges Feuer; eine Handvoll grünes Holz war der einzige Vorrath, den man für den kalten Wintertag verabreichte.

Von der Strenge und Härte der sonstigen Behandlung macht sich Niemand einen Begriff. Bestimmte Normen, nach denen die Hausordnung im Libby geregelt war, schienen nicht vorhanden, die Gefangenen vielmehr einzig und allein den Launen der Gefängnißbeamten preisgegeben zu sein. Ein gewisser Major Turner, als Gouverneur des Platzes, und unter ihm der Gefängnißinspector Richard Turner, ein ehemaliger Sclavenaufseher – „Sclavenpeitscher“ nennt ihn der Bericht – hatten unumschränkte Autorität in Händen; Beides Männer von wahrhaft teuflischer Grausamkeit, deren Namen vor der gesammten civilisirten Welt gebrandmarkt zu werden verdienen.

In allen derartigen Gefangenenstationen des Südens bestand, wie in vielen Zuchthäusern, das Verbot, sich den Fenstern zu nähern; näher als drei Fuß durfte Niemand an diese herankommen. Wie schwer, oft geradezu unmöglich, wurde die Beobachtung dieses Gesetzes in so überfüllten Räumen, wo Alles in quetschender Enge beisammen war, daß wider Willen Einer den Andern stieß und drängte! Wie barbarisch war seine Handhabung, wenn zufällig oder ahnungslos einer der Gefangenen die gezogene Grenze überschritt! Auf der Stelle, ohne daß vorher der geringste Warnungsruf oder auch nur ein Zeichen erfolgte, feuerte die im Hofe postirte Wache auf den Unglücklichen. Tag für Tag fast knatterten dergleichen Schüsse, Tag für Tag fast sanken Gefangene todt oder schwer verwundet zusammen! „Auf einen Yankee zu feuern“ wurde zu einer Art von „Sport“ bei den conföderirten Soldaten, welche den Gefängnißwachdienst zu besorgen hatten. Man sah, wie sie, den Hahn ihres Gewehres gespannt, nach den Fenstern spähten und lauerten, ob sich kein Ziel für ihre Kugeln böte. Oft genug warteten sie diese Gelegenheit nicht einmal ab. So hatte sich eines Tages ein gefangener Officier, Lieutenant Hammond, in einen engen Breterverschlag begeben, der gar keine Fenster, sondern nur eine Spalte in einer seiner Wände hatte. Plötzlich ward der außen schildernde Soldat durch diese Lücke Hammond’s Hut gewahr, – sofort legte er die Muskete an und schoß. Er hatte tiefer gehalten, um das Herz des Gefangenen zu treffen, glücklicher Weise sprang jedoch die Kugel an einem Nagel ab und traf nur das Ohr und die Hutkrämpe des Officiers. Als sämmtliche Gefangene über diese Brutalität bei Major Turner Beschwerde führten, gab dieser kurz und höhnisch zur Antwort: „Meine Leute müssen sich üben,“ und die Schildwache sagte übermüthig: „Ich hatte gewettet, daß ich, noch ehe ich von Wache käme, einen Yankee todtschießen wollte.“ Damit war der Vorfall abgethan, und keine Behörde nahm weiter Notiz davon. – Noch kannibalischer hauste man in einem benachbarten andern Gefängnisse, das Kopf an Kopf voll stak von Rekruten. Vierzehn bis fünfzehn dieser furchtbaren Schüsse des Tages gehörten dort nicht zu den Seltenheiten! Auch in Danville in Virginien, das ebenfalls eine große Anzahl von Kriegsgefangenen beherbergte, war die Wirthschaft nicht menschlicher. Einer seiner Gefangenen stand eben dicht an dem Platze, wo er Nachts sein Lager hatte, das sich zufällig unweit des Fensters befand, und sprach mit einem Mitgefangenen. Unachtsamer Weise hatte er währenddem die Hand auf das Fensterbret gelegt. Auf einmal knallt ein Schuß, und der arme Bursche fällt mit zerschmettertem Schädel todt zu den Füßen seines Cameraden nieder. Von ihrem Posten aus hatte die Wache ihn nicht sehen können, wahrscheinlich aber hatte sie seinen Schatten bemerkt und war dann in die erforderliche Distanz zurückgetreten, um ihr Ziel schußgerecht zu bekommen.

Beinahe jeder Officier hatte von diesem grausamen „Sport“ der südstaatlichen Soldaten zu erzählen. Auf manche war zu wiederholten Malen gefeuert worden und einer beschwor, daß er vor seinen eigenen Augen fünfhundert seiner Cameraden auf solche Weise todt oder blessirt habe niederstrecken sehen. Ein Officier wurde von der Schildwache erschossen, als er durch das Fenster einem glücklich abziehenden Cameraden seinen Abschiedsgruß zuwinkte!

So entsetzlich, so unglaublich diese Barbareien sind – es war bei Weitem noch nicht das Schlimmste, dem sich die armen Dulder ausgesetzt sahen. Ach, wie Mancher mochte den Gefährten beneiden, den die Kugel der Schildwacht mit einem Schlage von den Martern erlöste, welche die Unmenschlichkeit des Feindes über sie verhängte! Wahrhaft herzbrechend, über alle Worte empörend sind die Scenen von Mangel und Hunger, wie sie, nach dem einstimmigen Zeugniß sämmtlicher Befragten, in allen diesen südstaatlichen Militärstationen die stereotype Tagesordnung ausmachten.

Ein handgroßes Stückchen Weizen- oder Maisbrodes und vier Loth Rindfleisch waren die Ration, welche reglementsmäßig jeder gefangene Officier täglich erhalten sollte. Allein auch das stand nur auf dem Papiere, in Wirklichkeit fand in Quantität und Qualität der Nahrnng die allergrößte Willkürlichkeit statt. „Bei Gott im Himmel,“ äußerte einer dieser Officiere, „ich habe die Pferde in meines Vaters Stalle um ihr Futter beneidet!“ Allein auch diese Ration, sowenig sie hinreichte zur Ernährung und so ernstlich sie auf die Dauer die Gesundheit gefährden mußte, scheint an maßgebender Stelle für die Yankees noch zu gut und zu reichlich gedünkt zu haben. Vom vorletzten Herbste an verringerte und [122] verschlechterte die Kost sich dergestalt, daß bald offenbare Hungersnoth eintrat. Das gelieferte Brod war nicht mehr zu genießen, voller Hülsen und Kolben, die Rinde hart wie Eisen; die Erbsen, die von Zeit zu Zeit an die Reihe kamen, saßen voller Würmer und Larven, die in dicken Schaaren auf der Suppe schwammen, welche man daraus zu kochen versuchte. Wer nicht Freunde und Angehörige im Norden hatte, die ihn dann und wann mit Lebensmitteln versorgten, fiel bald Tag und Nacht den furchtbaren Qualen anheim, von denen der Hunger begleitet ist, um unter peinigenden Phantasien und Delirien langsam dahin zu siechen. „Das Feuer, das mir in Magen und Eingeweiden brannte, war entsetzlich,“ erzählte ein Hauptmann, als man ihn zum Zeugniß aufrief. „Von Stunde zu Stunde schwanden meine Kräfte mehr und mehr und ich wurde so schwach in meinen Gedanken, daß ich mich mit den bittersten Selbstanklagen marterte, nicht mehr gegessen zu haben, als ich frei und daheim war. Essen, essen, essen – an Anderes dachte ich nicht mehr. Einer meiner Mitgefangenen hatte von Freunden in der Heimath ein Stückchen Schinken empfangen. Stundenlang starrte ich mit fieberheißen Wangen und gierigen Augen auf diesen Schatz und sann und sann, wie ich ihn meinem Cameraden entwenden konnte.“ „Ich träumte von Nichts als von Essen und Trinken,“ deponirte ein Anderer. „Gedeckte Tische mit allen Leckerbissen besetzt, die ich mir erdenken konnte, gaukelten beständig vor meiner wirren Phantasie – alle Tafelfreuden, die ich je genossen, zogen an meiner Erinnerung vorüber und steigerten die Pein, die ich litt.“

Die Noth war furchtbar; Hunderte delirirten im Hungerwahnsinn, Hunderte wanden sich unter dieser grausamsten aller Torturen; Alle hatten jenen traurigen Herzergreifenden Blick im Auge, der sich nicht beschreiben läßt, aber nicht wieder vergißt. Und zur selben Zeit lagen die Keller unter dem Gefängniß – voll von Lebensmitteln, voller Kartoffeln, voll des schönsten Mehls, voller Gemüse, wie man eines Tags beim Aufheben einer Diele entdeckte!!

Das Alles war indessen noch nicht genug der Barbarei, das Raffinement der Grausamkeit ging noch weiter. Bisher waren die Gaben, die mit Eßwaaren und Genußmitteln gefüllten Kisten und Fässer, die für die Gefangenen aus der Heimath einliefen, regelmäßig an die Empfänger vertheilt worden, mit einem Male fand man ohne allen Grund für gut, diese Vertheilung zu sistiren. So stapelten sich jene Kisten und Fässer zu mehreren Tausenden in einer angrenzenden Niederlage auf und ihr Inhalt verdarb und verfaulte. Man kann sich die Tantalusqualen der Hungernden vorstellen, die Tag für Tag diese Gegenstände ihres heißesten Verlangens vor Augen hatten und nicht erreichen konnten! Und wenn es dann dem Inspector beliebte, etwa fünf oder sechs von den Tausenden von Kisten auszuliefern – was höchstens einmal in der Woche geschah – so verfuhr er dabei in einer Weise, welche nur zu einer neuen Grausamkeit wurde. Womit die trauernde Gattin, die bange Mutter den fernen Gefangenen zu erfreuen gedacht, was sie sorglichst gesondert und bestens verpackt und verwahrt hatte – in buntem Gemisch wurde es auf die Decke geschüttet, welche der Empfänger aufhalten mußte, Fleisch, eingemachte Früchte, Tabak, Gemüse, condensirte Milch, gepökeltes Fleisch, Alles durcheinander, so daß das Ganze eine ekelhafte Mischung bildete und kaum dem Ausgehungerten noch genießbar blieb.

Die kleinsten Vergehen, die leiseste Ueberschreitung der unmenschlichen Disciplinarvorschriften wurden mit Einsperrung in unterirdische Zellen geahndet, an deren Wänden das Wasser herabrieselte und dicker Schimmel wuchs. Manchmal war die darin campirende Menschenmenge so groß, daß die Meisten Tag und Nacht stehend zubringen mußten. In diesen schauerlichen Verließen hielt man auch die Geiseln fest! Daß mit dem Leben die Barbarei noch nicht endete, daß auch die Todten noch von ihr betroffen wurden, die sich nackt und bloß in offenen Kellern und Ställen anhäuften, wo Ratten und Mäuse, selbst Schweine ungestört an ihnen nagten und fraßen, sei nur angedeutet; die Feder sträubt sich, bei solchen Scenen zu verweilen.


Im Angesickt des Libby erhebt sich eine kleine Insel, Belle-Isle geheißen, aus dem St. Jamesflusse. Hier auf niedrigem, kahlem Sandplatze, der, ohne Baum und Strauch, den sengenden Strahlen der südlicken Sonne ausgesetzt ist, hatte man die gefangen genommenen gemeinen Soldaten zusammengetrieben, oftmals bis zu zwölf Tausend. Der Platz glich einigermaßen einem Feldlager, indem eine Anzahl von Zelten in regelmäßigen Reihen ihn bedeckten. Diese Zelte, morsch und zerfetzt, durch welche Regen und Frost ungehinderten Eingang fanden, waren das einzige Obdach, welches man den Gefangenen bot, allein es reichte nur für einen kleinen Theil von ihnen hin; den Uebrigen blieb zum Quartier nichts als die nackte Erde unter dem freien Himmel. Da lagen nun Tausende, ohne den geringsten Schutz gegen die Witterung, oft mitten im Wasser, oft auf eisigem Boden aneinandergepackt wie die Häringe, so daß Niemand sich rühren und regen konnte. Und die ganze Gegend ist voller Wald; das Holz zur Aufführung von Hütten und Baracken war in nächster Nachbarschaft zur Hand, dennoch ist seit dem Beginn des Krieges bis heute nicht der geringste Versuch gemacht worden, die Gefangenen derart nur auf’s Nothdürftigste unter Dach und Fach zu bringen.

Was müssen sie gelitten haben, wenn die Sommersonne den Sand zu ihren Füßen erhitzte und auf ihre Scheitel brannte! was, wenn die Herbstregen mit ihren gewaltigen Güssen kamen! was, wenn eisiger Wind ihre halbnackten frostzitternden Leiber peitschte! Ohne Decken, ohne Mäntel, meist ohne Hut, oft ohne Schuhe und Strümpfe – denn Alles, was sie davon besessen, war ihnen genommen worden, als sie in Gefangenschaft geriethen – in zerrissenen Hemden und Röcken kauerte sich Einer dicht an den Andern, um sich zu wärmen oder sonst die Unbilden des Wetters minder peinlich zu empfinden. Das Elend überstieg alle Begriffe. Dazu kam die ungewöhnliche Strenge des letzten Winters. Fußtief lag rund um Richmond der Schnee, der St. James starrte in dicken Eisbanden – und die Armen nach wie vor unter freiem Himmel!

Vergeblich suchten sie sich mit allen Kräften und Mitteln gegen den andringenden Tod zu wehren, legten sich Nachts Einer auf dem Andern in den Graben, der hinter einem Walle rund um den Platz lief, da wo er am meisten Schutz gewährte, drückten sich zusammen wie Schweine im Winter; trotz alledem aber fand jeder neue Morgen eine Reihe lebloser Gestalten hingestreckt, die in ihren letzten Schlaf hinübergeschlummert, die erfroren waren. In Angst und Verzweiflung rannten Schaaren der Unglücklichen die ganze Nacht auf und nieder, um sich den Feind vom Leibe zu halten, denn das gleiche Schicksal drohte Allen, umsomehr, als sie sammt und sonders Hunger litten. Die Kälte erstarrte sie, weil sie hungerten, der Hunger verzehrte sie, weil sie froren. Zu gleicher Zeit nagten so diese beiden grausamen Geier an ihren Eingeweiden; man wußte das nur zu gut im Congreß der Conföderirten, und dennoch erbarmte sich Niemand des Jammers. Die einzige Stimme, die sich einmal gegen solche Barbarei zu erheben wagte, „eine Barbarei, die den amerikanischen Namen auf ewig schände“, verhallte ungehört.

Schweine werden besser, rücksichtsvoller gefüttert, als die Gefangenen auf Belle Isle. Ein Stück unausgebackenen Brodes, muffig, voller Risse, als sei es nur an der Sonne geröstet, in dem noch ganze Körner und Hülsen saßen; ein Mundvoll übelriechenden, unappetitlichen Fleisches; ein paar Löffel verdorbener Bohnen; widerliche, dünne, ranzige Suppe, auf der in der Regel Schaaren schwarzer Insecten sich tummelten, – das variirte den Küchenzettel. Denn immer gab es nur einen dieser Leckerbissen auf einmal und immer kaum die Hälfte des zur Ernährung eines gesunden Menschen nöthigen Nahrungsquantums. Trotzdem geriethen die Leute in den Zustand wilder Aufregung, wenn die elenden Rationen ausgetheilt wurden, und fielen mit einer Gier darüber her, die sich nur dem Toben wilder Bestien vergleichen läßt, wenn in der Menagerie die Fütterungszeit gekommen ist.

Wer könnte die kunstlosen, ungeschminkten Aussagen der Gequälten lesen, ohne davon im Innersten seines Herzens ergriffen zu werden, ohne die Faust zu ballen in stillem Ingrimm über die Teufel in Menschengestalt, die geflissentlich – wie wir bald sehen werden, geschah dies Alles in wohlberechneter Absicht – solchen Ueberschwang von Noth und Elend verschuldet?

„Es giebt keinen Ausdruck für unsern Hunger!“ sagte der Eine. „Einmal wachte ich Nachts auf und fand, daß ich am Aermel meines Rockes kaute. Und wenn ich hier vor Ihnen, meine Herren Commissare, eine ganze Woche sitzen wollte, – ich könnte Ihnen noch lange nicht auch nur die Hälfte unserer Leiden erzählen.“

[135]
Verbot sich zu waschen. – Schmutzüberzug und Sechsfüßler. – Noch widerlichere Qualen. – Luftverpestung und Kothlache. – Das Hospitalzelt. – Holzblöcke als Kopfkissen. – Beispiellose Unsauberkeit im Lazareth zu Richmond. – Die Hölle von Camp Sumter. – „Fütterung“ der Gefangenen – Ekelhaftes Trinkwasser. – Täglich einhundetundfünfunddreißig Todte! – Blödsinn in Folqe der Leiden. – Briefentziehung. – Verwundetentransport auf der Eisenbahn. – Systematische Absichtlichkeit der Barbarei.

Von Tag zu Tage stieg die Noth auf Belle-Isle, von Tag zu Tage wuchs der Hunger, so daß die Gefangenen die Knochen zerbissen, die sie etwa im Kehricht fanden; daß sie froh waren, wenn sie eine Ratte erjagen und verspeisen konnten; daß sie sich der Lumpen entäußerten, mit denen sie noch ihre Blöße deckten, um dafür einen Bissen Brod einzutauschen und dann nur um so mehr zu frieren und zu hungern. Blos noch Haut und Knochen, konnten sehr Viele nicht mehr gehen; bis auf’s Aeußerste entkräftet, fielen sie schwindelnd um, so wie sie sich zu erheben versuchten. Diarrhöe, Scorbut, Hungertyphus begannen furchtbar zu grassiren und Woche um Woche zahlreichere Opfer zu fordern. Welche Hungerqualen die Gefangenen erduldet haben müssen, zeigt u. A., daß sie, nach ihrer Auswechselung in den Hospitälern der Föderirten untergebracht, oft flehentlichst baten, ihnen nur den Anblick eines Apfels oder eines Stückes Fleisch zu gönnen, damit ihnen wenigstens im Gedanken ein Genuß zu Theil würde, welchen die Aerzte den Leidenden vorläufig noch versagen mußten.

Wo Tausende von Menschen auf so engem Raum zusammengedrängt und dazu noch aller Mittel zur gehörigen Reinigung beraubt waren, mußten sich zu den geschilderten Qualen bald noch andere gesellen, die von Vielen am Peinlichsten empfunden werden mochten, Qualen der abschreckendsten Art, die sich eigentlich der Beschreibung entziehen, aber hier doch nicht unerwähnt bleiben dürfen, damit der Leser das volle Bild der südstaatlichen Barbarei erhalte.

Der St James floß zwar in nächster Nähe der Station, aber die Grausamkeit der Aufseher verbot den Gefangenen selbst die Benutzung des Wassers. Von den vielen Tausenden, die auf Belle-Isle schmachteten, durften täglich nicht mehr als einige siebenzig sich der Wohlthat eines Bades theilhaftig machen, so daß auf diese Weise der Einzelne etwa alle sechs Wochen einmal zu der heißersehnten Reinigung und Erfrischung gelangte! Was die Folgen solcher Entbehrung waren, kann man sich denken.

In kurzer Zeit gab es nicht Einen, dessen Körper nicht dick incrustirt war mit Schmutz und Ungeziefer, nicht einen Einzigen, an und auf dem es nicht wimmelte von Läusen; überdies waren Alle wund und blutrünstig von den scharfen Sandkörnern, die ihre Lagerstatt bildeten. Zu welchem Grade das Ungeziefer von ihnen Besitz ergriffen hatte, – davon nur ein Beispiel. Einer der gefangenen Soldaten war ausgewechselt und wurde nun vor allen Dingen gebadet. Man wusch ihn mit möglichster Gründlichkeit, schor ihm den Kopf bis auf die Haarwurzeln, zog ihm frische Wäsche an, aber kaum lag er zehn Minuten in einem reinen Bette, und Laken und Decken und Kissen waren schwarz von sechsfüßigen Ungethümen. Und – auch das darf nicht verschwiegen werden, ekelhaft wie es ist – trotz des herrschenden Durchfalls durfte während der Nacht Niemand die Latrinen aufsuchen. Jeden Morgen war der Erdboden mit Koth überzogen und zur Jauchenlache geworden, welche die Luft verpestete und die Brunnen vergiftete. „Nur dann und wann war uns erlaubt, zu den Abtritten unsere Zuflucht zu nehmen,“ heißt es in einer der beschworenen Zeugenaussagen; „ja, es kam vor, daß sie uns drei volle Tage, einmal sogar sechs Tage lang, verschlossen blieben! Wir wälzten uns Alle im Unflathe und allmorgentlich trug die ganze Umgebung von Belle-Isle einen Charakter, der sich anständiger Weise nicht einmal andeuten läßt. Wagenladungen von Unrath wurden tagtäglich vom Erdboden abgefahren; dessenungeachtet blieb dieser noch immer ein Sumpf von Schmutz und Unflath.“

Eine Art von Hospital befand sich allerdings auf der Insel, das nie leer wurde von Patienten, allein es war nichts weiter als ein großes Zelt ohne Dielen, ohne Betten, ohne alle und jede Bequemlichkeit, wie sie für Kranke unerläßlich sind. Holzscheite und Holzblöcke waren die einzigen Kopfkissen, die man den Leidenden unterbreitete. „Wenn Sie einen Gaul sterben sähen,“ bemerkte einer der Vernommenen zu dem ihn fragenden Commissar, [136] „würden Sie dem armen Thiere nicht wenigstens ein Bündel Stroh unter den Kopf schieben? Würden Sie ihm im Todeskampfe sich die Glieder an den harten Holzblöcken zerschlagen lassen?“ Erst wenn dies Zelt so voll war, daß absolut Niemand mehr darin Platz fand, wurde die Uebersiedelung der Todkranken in das Hospital zu Richmond angeordnet; meist aber erst im letzten Augenblicke, wo menschliche Hülfe nichts mehr fruchtete. Ueber die Hälfte erlag schon auf dem Transporte, ja Viele starben in dem Augenblicke, wo die Träger sie zur Abbolung bereit machten. Auch in dem Richmonder Hospitale war von angemessener Behandlung und ordentlicher Pflege übrigens nicht im Entferntesten die Rede. „Die Unsauberkeit der Betten, auf welche man die blessirten Gefangenen brachte,“ berichtet ein Arzt, der selbst zu den letztern gehört hatte, „kann nirgends in der Welt ihres Gleichen haben. Eiter und andere Körpersecretionen, von verschiedenen Generationen von Kranken herrührend, besudelten Decken und Kissen, so daß schon der bloße Anblick übel und krank machte.“ Daß unter solchen Umständen das Sterblichkeitsverhältniß ein außerordentlich hohes war, wird Niemanden befremden. Von zweitausendachthundert Kranken starben in Richmond eintausendvierhundert, also gerade die Hälfte. –

Noch gräßlicher lauten die Nachrichten, die von einer andern südstaatlichen Militärstation einliefen. Seit längerer Zeit waren aus dem Gesammtgebiete der Rebellen die Kriegsgefangenen vorzugsweise nach Georgien zusammengeschleppt worden, die Officiere nach Macon, die gemeinen Mannschaften nach, Andersonsville. In dessen Nähe befindet sich Camp Sumter, und daselbst war auf einem Areale von einigen dreißig preußischen Morgen, in dessen Mitte ein tiefer Morast pestilenzialische Dünste aushauchte, die ungeheuere Anzahl von fünfunddreißigtausend Gefangenen zu gleicher Zeit untergebracht, wenn man überhaupt von „unterbringen“ sprechen kann, wo von dieser ganzen Menge höchstens für ein paar Tausend Obdach – Obdach der jämmerlichsten Art – vorhanden war. Ueber Dreißigtausend besaßen nicht das geringste Obdach, keine Hütte, kein Zelt, gar keinen Scutz, Tag und Nacht dem Regen und dem Sturm wie der Gluth der hier schon mit nahezu tropischer Macht niederbrennenden Sonne preisgegeben. Die Meisten hatten nicht einmal eine Decke, in die sie sich einhüllen konnten, um sich gegen den kalten Thau zu schützen, der allnächtlich den Erdboden feuchtete und in diesen Klimaten lebensgefährlich wirkt.

Nirgends wurde die Ausplünderung der Gefangenen systematischer betrieben, als in Camp Sumter. Man kann sich daher wohl den kläglicken Aufzug vorstellen, in welchem die Unglücklichen einhergingen. Tausende waren ohne Rock, Tausende selbst ohne Beinkleider, Viele trugen nichts als ein in Fetzen herabhängendes Hemd auf dem Leibe. Die Verpflegung war alledem ebenbürtig: die täglichen Rationen, aus drei Viertel Pfund Brod oder Mehl und einem Achtel Pfund Fleisch bestehend, konnten den Hunger nicht stillen, der bald mit unaufhaltsamer Gewalt zu wüthen und Tag für Tag seine Opfer zu fordern begann. Ueberdies war das Mehl in der Regel schon in Gährung übergegangen und stets voller Unreinigkeiten, das Fleisch von einer Beschaffenheit, die es mehr für den Seifensieder, als zum Lebensmittel qualificirte. Wie dem Vieh ward diese Ration den Gefangenen vorgeworfen von hohen Wagen herunter, welche jeden Nachmittag die Portionen herbeifuhren: Anfangs hatten die Armen weder Topf noch Schüssel noch sonst ein Gefäß zu ihrer Verfügung. Später errichtete man zwar ein großes Kochhaus, allein für die Dreißigtausend und mehr reichte es in keiner Weise hin, und so geschah es, daß Hunderte voller Verzweiflung mit ihrer Ration umherliefen, die sie sich nicht zubereiten konnten, und Hunderte das Fleisch und Mehl, roh wie es war, mit Wasser hinabzuwürgen suchten. Ueber alle Worte widerlich war dies Wasser, dessen sich die Gefangenen bedienen mußten. Ein sumpfiger Bach floß durch das Lager, nachdem er vorher noch alle Arten von Zuflüssen von der um das Lager postirten Wachtstation, selbst die aus den Cloaken, aufgenommen hatte. Diese schwarze, dicke, faulige Flüssigkeit, mit der sich auch noch der Koth und Schmutz der Gefangenen selbst vermischten, war das einzige Wasser, welches die Unglücklichen zum Trinken und zum Kochen benutzen konnten.

„Es war eine Hölle, dies Camp Sumter!“ bezeugt einer der befragten Soldaten. Bald nahmen Hungertyphus und Fieber auf das Furchtbarste überhand und das Sterblichkeilsverhältniß wuchs mit jedem Tage. In der ersten Zeit waren täglich im Durchschnitte dreißig Mann ihren Qualen erlegen, später starben täglich einhundertundfünfunddreißig, ja, „ich habe“ – constatirt ein anderer Zeuge – „eines Tages einhundertundfünfzig Leichen gezählt, die sämmtlich des Transports nach dem Leichenhause harrten.“ „Daß man Morgens beim Erwachen seinen Nebenmann todt, erfroren oder verhungert an seiner Seite liegend fand, war eine zu gewöhnliche Erscheinung, als daß man sie groß beachtete.“ „Ich habe den Tod unter jeder Form im Hospitale sowohl als auf dem Schlachtfelde gesehen, ich kenne selbst die Schauerstätte von Belle-Isle in Virginien, allein die Scenen, die ich in Camp Sumter Tag für Tag vor Augen hatte, überboten Alles, was ich je von menschlichem Leiden und Elend erblickt oder nur als möglich gedacht hatte,“ – läßt sich ein Anderer vernehmen, der, obwohl selbst Kriegsgefangener, im Lazareth von Andersonsville mit zur Krankenpflege verwandt worden war. Daraus mag man versuchen sich ein ungefähres Bild des Jammers zu entwerfen, zu welchem die armen Gefangenen verdammt waren, des Zustandes, dem sich weitaus ihre Mehrzahl hingegeben sah. Alle packte die Verzweiflung, bei Vielen artete sie zuletzt in völligen Blödsinn aus, der sie auf immer untauglich machte für die Anforderungen und Geschäfte des Lebens.

Neben solchen Foltern des Leibes gefiel man sich darin, den Gefangenen auch noch Seelenmartern afzulegen, zu deren Bezeichnung uns vollends alle Worte fehlen. „Nicht nur,“ sagt einer der Leidensgefährten aus, „daß man uns alles Schreibmaterial unbarmherzig versagte, auch die Briefe, die aus der Heimath an uns eingingen, kamen uns nur ausnahmsweise zu. Im letzten Sommer blieben Tausende – über Fünftausend – an uns nach Camp Sumter adressirte Briefe erst monatelang irgendwo unterwegs liegen, und als sie dann endlich an ihrem Bestimmungsorte anlangten, forderte man uns für jeden Brief ein Bestellgeld von zehn Cents ab. Die Meisten von uns besaßen ja auch nicht einen einzigen Cent, – und so erhielten wir unsere Briefe nicht nur nicht ausgeliefert, sondern hörten auch nicht, was mit ihnen nun weiter geschah! Einer meiner Cameraden erblickte unter den vorgewiesenen Briefen einmal drei, deren Aufschrift von der Hand seines Vaters herrührten, allein der arme Bursche hatte nicht so viel, sich die lang ersehnten, schmerzlich erwarteten Nachrichten aus dem Elternhause einzulösen, und all sein Flehen blieb ohne Erfolg: unerbittlich warf der Gefängnißbeamte die Briefe zu dem großen Haufen der andern, die für uns auf immer verloren waren!“

Enden wir aber mit Aufzählung dieser Scheußlichkeiten; der Leser wird ihrer längst müde sein und das Herz schwer haben im Gedanken, daß in unserm Jahrhunderte, in einer Nation, die zu den stimmführenden der Zeit gehört, in einer Republik, die bis jetzt vielfach als Vor- und Musterbild, gewissermaßen als Ideal staatlicher Verhältnisse aufgestellt worden ist, dergleichen Barbareien, die dem Menschenthume Hohn sprechen, überhaupt noch möglich sind. Das nur muß noch hinzugefügt werden, daß die nämlichen Scenen von Ausplünderung und Mangel, von Frost und Hunger, von Schmutz und Krankheit, von Aufseherwillkür und Schildwachensport, wie wir sie in Libby, auf Belle-Isle und in Camp Sumter kennen lernten, in allen Militärstationen der Conföderirten spielen und daß die Art und Weise, wie man den Transport von Kranken und Verwundeten in den Eisenbahnwaggons zu bewerkstelligen pflegte, dem Kannibalismus eines Königs von Dahomey Ehre machen würde. Zu Hunderten wurden Verwundete und Unverwundete, Kranke und Gesunde in die Vieh- und Gepäckwagen eingeschichtet; darin lagen und standen, hockten und starben sie mitten in Koth und im Blut, das von den unverbundenen Wunden strömte!

Genug, genug dieser entsetzlichen Bilder, die irre machen können an der Menschheit! Wie aber konnte dergleichen geschehen? fragt der Leser. War es frevelhafter Leichtsinn oder strafbare Nachlässigkeit, Rohheit der Unbildung oder Stumpfsinn geistiger Beschränktheit; war es ein Zusammentreffen unglücklicher Umstände, denen das Ungeheuerliche zur Last fällt? Nein, leider nein! Wie man auf Menschlichkeit der Kriegführung nicht hoffen darf, wenn der ganze Kampf nur um die Erhaltung der allergrößten Unmenschlichkeit geführt wird, so unterliegt es, nach den actenmäßigen Erhebungen, nach den unumwundenen Bekenntnissen von conföderirten Officieren und Behörden, keinem Zweifel, daß die verübten Grausamkeiten, welche diese Blätter zur Kenntniß auch des deutschen Publicums bringen wollen, ein wohlerdachter Plan, ein fein angelegtes und organisirtes [137] System waren, – um die feindliche Armee zu decimiren, dadurch, daß man die nach tapferer Gegenwehr auf den Schlachtfeldern Gefangengenommenen in Mangel und Elend verkommen ließ oder wenigstens auf lange hin zu weiterem Kriegsdienste untauglich machte. Und der Plan war praktisch, man muß es den Sclavenbaronen zugestehen! Eine andere Erklärung der geschilderten Unmenschlickkeiten läßt sich nicht auffinden, denn was man hie und da als Beschönigung und Entschuldigung hat anführen wollen, daß die conföderirten Truppen selbst am Nothwendigsten Mangel gelitten hätten, hat sich als durchaus unbegründet erwiesen. Armeen, die mit Frost und Mangel kämpfen, sind nicht im Stande die unaufhörlichen forcirten Märsche, die unsäglichen Strapazen eines Krieges zu ertragen, der Beschwerden bot, wie kaum je ein anderer, noch weniger aber den tollkühnen Muth, die Kampflust, das Ungestüm an den Tag zu legen, welche fast allen Actionen der Conföderirten zuerkannt werden müssen! Daß die Barbarei auch kein Act der Wiedervergeltung war, auch das wissen wir. Durch unverwerfliche Zeugnisse, durch die unbeeinflußten Aussagen conföderirter Officiere und Soldaten, welche in die Gefangenschaft des Unionsheeres geriethen, ist unwiderleglich constatirt, daß die Gefangenen der Föderirten sich blos über den Verlust ihrer Freiheit zu beklagen hatten, im Uebrigen aber mit der ihnen werdenden Behandlung und Beilegung vollkommen zufrieden waren, nicht nur mit dem Nothwendigen ausreichend versehen, sondern selbst im Genusse von mancherlei Annehmlichkeiten und Bequemlichkeiten und in jeder Beziehung mindestens ebensogut versorgt, wie das Unionsheer selbst. Namentlich entsprach die Pflege der Kranken und Verwundeten in den Spitälern des Nordens nach jeder Richtung hin allen Ansprüchen, die man heutzutage an solche Anstalten zu machen berechtigt ist. Den allerbesten Beweis dafür liefert das Mortalitätsverhältniß unter diesen Gefangenen; während in den südstaatlichen Gefangnenstationen der Procentsatz desselben fort und fort wuchs und selbst fünfzig Procent überschritt, steht fest, daß Dank der guten Wohnung, Kleidung und Abwartung, z. B. in Fort Delaware im verflossenen Mai von acht Tausenden nur zweiundsechszig, im letzten Juli sogar nur zweiundvierzig starben. –

Diese Thatsachen wird der künftige Geschichtsschreiber des furchtbaren Bruderkrieges vor allem Andern hevorzuheben haben, denn es sind keine zufälligen, sondern sie stehen in unzertrennlichem Zusammenhange mit Ursache und Natur des Kampfes selbst. Die Barbarei, vor welcher die Leser geschaudert haben, ist, wie wir sehen, lediglich eine Consequenz der unmenschlichen Institution, für deren Erhaltung der Süden die Waffen ergriff. Was für Nebenursachen auch Anfangs in Mitwirkung gewesen sein mögen, nachgerade ist der Krieg zum Vernichtungskampfe wider die Sclaverei geworden, – er ist der Kampf der nämlichen Principien, welche in Europa seit langer Zeit um die Herrschaft streiten: der Kampf des modernen Bürgerthums, der Kampf von Handel und Industrie wider den Feudalismus, der Kampf der allgemeinen staatsbürgerlichen Gleichheit wider Anmaßung und Privilegien einer kleinen volksfeindlichen Kaste, – der Kampf der Freiheit wider die Tyrannei, – der Kampf der Humanität wider die Barbarei. Das ist die große weltgeschichtliche Bedeutung des gegenwärtigen amerikanischen Krieges, und darin liegt das Interesse, welches er für die ganze civilisirte Welt besitzt!

Auf welche Seite, wie im Allgemeinen, so hier in unserm besondern Falle, der endliche Sieg sich neigen wird, – darüber kann kein Zweifel obwalten. Schon haben mehrere Staaten des Südens, Missouri, Kentucky, Maryland, Tennessee, die Abschaffung der Sclaverei beschlossen, und wir dürfen uns jetzt, nach den neuesten Berichten vom Kriegsschauplatze, nach Sherman’s kühnem Zuge auf Savannah, nach dem Falle von Fort Fisher, und nachdem der Präsident der Conföderation selbst schon von Friedensanträgen spricht – der verzweifelten Anstrengungen ungeachtet, mit dem der Süden ein letztes va-banque versucht – der bestimmten Hoffnung hingeben, daß der gigantische Kampf seinem Verlöschen nahe, der Sieg dem Norden schon so gut wie gesichert ist. Die zerrissene Union wird wieder die einige werden, der Süden, reingewaschen von dem Schandfleck der Sclaverei und erlöst von dem Joche eines monopolisirenden Junkerthums, der freien Arbeit erschlossen, fortan Antheil nehmen an der Bewegung der modernen Welt und damit erst zur vollen Entwickelung seiner reichen Hülfsquellen gelangen.

S.