Das neue Hoftheater in Altenburg

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Titel: Das neue Hoftheater in Altenburg
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aus: Die Gartenlaube, Heft 18, S. 307–308
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[307] Das neue Hoftheater in Altenburg. (Mit Abbildung.) Wer auf der von Penig herführenden, nach den Münsaer Linden benannten Landstraße in den Kessel hinuntersteigt, in welchem Altenburg liegt, hat im Sommer einen überraschend schönen Anblick. Rechts von ihm liegt auf gewaltigem steilabfallendem Felsblock das Schloß mit seinem kleinen, aber auf das Sorgfältigste unterhaltenen Park, und ihm zu Füßen sind bergauf, bergab die Straßen der häuserreichen Stadt ausgebreitet. Daß ihr Terrain ein so hügeliges ist, giebt dem Ganzen eine gefällige Bewegung in der Ruhe, und daß die letzten Häuser auf dem Höhenrücken drüben sich zwischen Bäumen und Gärten verlieren, vollendet das Malerische des Eindrucks. In neuerer Zeit nun ist für die Stadt zu diesem Allem ein neuer Reiz gekommen: ein schönes stattliches Theater, das sich dem Schlosse schräg gegenüber erhebt, auf dem Josephsplatze und der Straße rechts zur Seite, welche an freundlichen Villen vorüber vom Bahnhofe aus in das Innere der Stadt führt.

Man hat bekanntlich eine gewisse Durchschnittssumme von Jahren ausgerechnet, wenn wir nicht irren, dreißig, welche im Allgemeinen die Lebensdauer eines Theaters bilden, das alsdann durch Brand zu Grunde zu gehen pflegt. Das herzogliche Hoftheater in Altenburg hatte in dieser Hinsicht ein seltenes glückliches Geschick. Obgleich früher erbaut, als die meisten Schauspielhäuser Deutschlands, ist es doch bis auf den heutigen Tag noch nicht abgebrannt. Aber schon vor Jahren zeigte es eine derartige Altersschwäche und Hinfälligkeit, daß seine fernere Benutzung lebensgefährlich erschien und daß vom Herzog der Schluß des Hauses angeordnet wurde.

Natürlich machte sich alsbald das Bedürfniß nach einem neuen Theater geltend, und nachdem nur einmal die Landschaft die zum Bau nöthige Summe bewilligt hatte, fand man auch alsbald die richtigen Männer, deren Händen man das Unternehmen anvertrauen konnte. Schon am 1. Juli 1869 wurde mit dem Bau, der nach dem Plane des Baurath Enge in Altenburg und unter der Leitung des vom Architekten Feller unterstützten Baumeisters Otto Brückwald in Leipzig ausgeführt werden sollte, begonnen und schon gegen Weihnachten desselben Jahres konnte das Haus unter den üblichen Feierlichkeiten gerichtet werden.

Das neue Theater liegt, wie schon gesagt, dem schönen herzoglichen Residenzschlosse gegenüber. Wer von den Münsaer Linden kommt, hat das stattliche Haus gleich vor sich, die Stadt als wirksamen Hintergrund. Eine völlige Freistellung auch mit der Rückseite gestattete der Platz nicht, doch ist das Gebäude hinter der Bühne stylistisch abgeschlossen und nur durch ein niedrigeres, feuersicher gewölbtes Magazin mit der Häuserreihe der Burgstraße in Verbindung gebracht.

Ueber die äußere Ausstattung giebt unsere Abbildung hinreichende Auskunft. Sämmtliche Gesimse der durchaus massiven Mauern sind in Pirnaer Sandstein ausgeführt. Die obere Balustrade und die dahinter liegenden Felder der jetzt noch kahlen Wandfläche sollen später noch ihre entsprechende Ausschmückung erhalten und zwar die Balustrade mit Figuren und Vasen, die Wandfelder mit Malereien in Sgraffitomanier.

Ueber die breite Freitreppe tritt man in das untere Foyer. Links und rechts sind dem Logenhause Treppenhäuser angebaut. Jede der beiden breiten und hellen Treppen führt in das sehr schöne obere Foyer. Höher [308] hinauf liegt noch ein dritter Gang und die Gallerie. Das Innere ist äußerst praktisch und geschmackvoll. Von unten aus bis zum dritten Range sind die Verzierungen der Brüstungen golden in Weiß. Ebenso sind die Säulen verziert. Der Bühne gegenüber, welche eine Breite von dreiundsiebenzig und eine Tiefe von achtundvierzig Fuß hat, während die Bühnenöffnung im Proscenium sechsunddreißig Fuß breit ist, liegt die herzogliche Loge. Das Parterre enthält hundertzweiundsiebenzig, der gesammte Zuschauerraum neunhundert Plätze.

Daß die Decorationen durchaus neu und schön sind, bedarf kaum einer besonderen Hervorhebung; dieselben rühren von dem Decorationsmaler Lütkemeyer in Coburg her und repräsentiren einen Werth von achttausend Thalern. Die Maschinerie verdankt das Theater dem weithin bekannten Maschinenmeister Brand in Darmstadt. Sie kostet vierzehntausend Thaler. Das Gebäude an sich endlich erforderte einen Aufwand von zweiundachtzigtausend Thalern, so daß die Gesammtkosten des Baues sich auf etwa hundertvierzehntausend Thaler belaufen.

Abgesehen von einem namhaften jährlichen Zuschuß, welchen der Herzog Ernst dem neuen Theater zugesichert hat, soll sich dasselbe selbst erhalten; Director ist der frühere Regisseur Podolsky aus Weimar, der die Verpflichtung übernommen hat, jährlich vier Monate lang in Altenburg zu spielen. Möge die neue Bühne die Aufgabe, die ihr bei beschränkten Mitteln und unter beengenden Verhältnissen allein gegeben sein kann, nie aus dem Auge verlieren, möge sie, dem eitlen bei großen Bühnen unvermeidlichen Prunk glänzender Schaustellungen aus dem Wege gehend, lediglich dahin streben, im Kleinen Großes zu wirken: dann wird ihr Einfluß nach allen Richtungen hin – für die Kunst, wie für das Volk – ein wahrhaft fruchtbringender sein.