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Textdaten
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Autor: Alfred Brehm
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Titel: Das faulste Thier
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aus: Die Gartenlaube, Heft 24, S. 383–386
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[383] 
Die Gartenlaube (1874) b 383.jpg

Der Aï.
Nach der Natur aufgenommen von G. Mützel.

[384]
Das faulste Thier.
Von Brehm.


In seinem „Gaudeamus“, diesem unerschöpflichen Schatze von Geist, Humor und Laune, giebt Josef Victor Scheffel, der noch immer viel zu wenig gekannte, dafür aber von verhältnißmäßig Wenigen auch um so mehr geschätzte, gelehrte und gemüthvolle Dichter des „Ekkehard“, eine Schilderung des Megatherium und damit den Kern der ungünstigen Nachreden wieder, welche bis zum heutigen Tage die Naturgeschichte der Faulthiere trüben. Es ist noch nicht lange her, daß jene Nachreden und gewisse Uebertreibungen, welcher man sich bei Schilderungen besagter Thiere zu schulden kommen ließ, selbst von Naturforschern geglaubt wurden, und somit erscheint es, wenn auch nicht verzeihlich, so doch erklärlich, daß geistlose Schriftsteller noch gegenwärtig das im Ernste wiederkäuen, was der geistvolle Dichter zu anmuthigem Scherze gestaltete.

„Das hurtige Hündchen,“ sagt der Spanier Gonsalvo Fernando Oviedo, dem wir die ersten Nachrichten über die Faulthiere verdanken, „ist das trägste Thier der Erde. So schwerfällig und langsam bewegt es sich, daß es einen ganzen Tag braucht, um nur fünfzig Schritte zurückzulegen. Die ersten Christen, welche es gesehen, erinnerten sich, daß man in Spanien die Neger ‚weiße Hänse‘ nennt, und gaben ihm daher spottweise den Namen ‚hurtiges Hündchen‘. Es ist eines der sonderbarsten aller Thiere. Den Hals bewegt es, als ob es staune. Sein einziger Wunsch und sein Vergnügen ist, hoch an Bäumen zu hängen oder sonst an etwas, wo es klettern kann, und daher sieht man es oft an Bäumen, an denen es langsam hinaufklettert, immer mit den Klauen sich festhaltend. Seine Stimme ist von der aller anderen Thiere sehr verschieden; es singt auch immer nur bei Nacht. Hat es einmal gesungen, so wartet es eine Zeit lang und wiederholt dann dasselbe; aber nur bei Nacht läßt es sich vernehmen, und deshalb sowie seiner kleinen Augen wegen halte ich es für ein Nachtthier. Findet es einen Baum, so klettert es sogleich auf die höchsten Aeste des Wipfels und bleibt daselbst zehn, zwölf, ja zwanzig Tage, ohne daß man weiß, was es frißt. Bisweilen fangen es die Christen und tragen es nach Hause; dann läuft es mit seiner natürlichen Langsamkeit und läßt sich weder durch Drohungen noch Stöße zu größerer Schnelligkeit bewegen, als es ohne äußere Anreizung an den Tag zu legen pflegt. Ich habe es zu Hause gehabt, und nach meiner Erfahrung muß es von der Luft leben; dieser Meinung sind auch noch viele Andere, denn Niemand hat es irgend etwas fressen sehen. Meist wendet es den Kopf und das Maul nach der Gegend, woher der Wind weht, woraus folgt, daß ihm die Luft sehr angenehm sein muß. Es beißt nicht und kann es auch nicht, wegen seines sehr kleinen Maules; es ist auch nicht giftig, übrigens aber das dümmste und unnützeste Geschöpf, welches ich bis zur Stunde gesehen habe.“

Ich mußte diese erste Beschreibung des Aï oder dreizehigen Faulthieres – denn nur dieses oder einer seiner nächsten Verwandten kann gemeint sein – hier anführen, weil sie von einer Reihe späterer Berichterstatter entweder einfach wiederholt oder mit Zusätzen bereichert wird, welche noch weit weniger Beobachtungsgabe und Verständniß bekunden, als beides Oviedo besaß.

Unsere treffliche, von Mützel dem Leben abgelauschte, treu wiedergegeben Abbildung des Ai (Bradypus tridactylus), wohl die beste und richtigste Zeichnung, welche bis jetzt verallgemeinert wurde, überhebt mich einer eingehenden Beschreibung der Aeußerlichkeit dieser, von dem Unau oder „zweizehigen Faulthiere“ nicht unerheblich abweichenden Art. Doch glaube ich auf die eigenthümliche Richtung, den „Strich“ der sehr richtig mit winterdürrem, das heißt, abgestorbenem Heu verglichenen Haare aufmerksam machen zu müssen. Während bekanntlich bei den Säugethieren insgemein der Strich von der oberen nach der unteren Seite, vom Rücken nach dem Bauche sich richtet, ist bei den Faulthieren, entsprechend ihrer hängenden Lebensweise, das gerade Gegentheil der Fall; die Haare scheiteln sich auf der Brust und fallen nach dem Rücken zu, aber ebenfalls hinab, nicht hinauf. Der Aï mit seinen nächsten Verwandten macht insofern eine Ausnahme von der Regel, als sein reiches Haupthaar von oben nach unten hängt; dies aber erklärt sich aus seiner geradezu beispiellosen Kopfhaltung, welche ermöglicht wird durch eine ungewöhnliche Anzahl von Halswirbeln. Gerade hierdurch, innerlich, das heißt im Gerippe, als ungleich mehr als äußerlich, weichen die Faulthiere von allen übrigen Säugethieren ab. Der Mensch wie der Walfisch, die Fledermaus wie das Beutelthier, der Maulwurf wie die Girafe, der Löwe wie der Elephant haben übereinstimmend sieben Halswirbel, und wenn einmal weniger vorzukommen scheinen, wie bei einzelnen Delfine, ist eine Verschmelzung, nicht aber ein Fehlen als Ursache anzunehmen. Bei den Faulthieren scheint die Regellosigkeit zur Regel geworden zu sein. Der Unau, das sogenannte zweizehige Faulthier (Choelopus didactylus), hat allerdings ebenfalls sieben Halswirbel, eine ihm verwandte, gegenwärtig im Kölner Thiergarten lebende Art (Choelopus Hoffmanni) aber besitzt deren nur sechs, während bei dem Aï deren neun, bei dem diesen verwandten Kapuzenfaulthier (Bradypus cucullatus) deren zehn oder, da die Artbestimmung der zergliederten Stücke nicht zweifellos ist, bei jenen zehn und bei diesen neun gefunden werden. Man hat deuteln und die überzähligen Halswirbel als Brustwirbel erklären wollen, um die außerordentliche Abweichung in Einklang mit der Regel zu bringen; gedachte Deutelei erweist sich jedoch demjenigen, welcher ein lebendes Faulthier der Sippe Bradypus beobachtet, als gänzlich unfruchtbar. Denn letzteres macht von neun oder zehn Halswirbeln einen dieser Anzahl durchaus entsprechenden umfassenden und den Beschauer anfänglich geradezu verblüffenden Gebrauch; es ist, wie unsere Abbildung deutlich erkennen läßt, im Stande, seinen Kopf soweit zu drehen, daß das Gesicht geradezu die entgegengesetzte Stellung wie bei anderen Thieren einnehmen kann und meist einzunehmen pflegt.

Die Faulthiere sind auf Süd- und Mittelamerika beschränkt. Sie bewohnen hier die ausgedehnten, wenig bevölkerten Waldungen der Tiefebenen und Stromthäler, welche, durch Feuchtigkeit und die aufregenden Strahlen der Sonne zum üppigsten Stande gebracht, in einer uns Nordländer zur Bewunderung hinreißenden Weise ihre drei- und mehrfach übereinander geschichteten und gedrängten, mannigfaltig verschiedenen Laubmassen entwickeln. An diese Waldungen sind sie gebunden; sie stehen und fallen mit ihnen. Wo die Axt zur Geltung kommt, wo im frisch gerodeten Walde die Kaffeepflanzung entsteht, das Haus des Ansiedlers aufgebaut wird, verschwinden sie, wie sie in vielen Gegenden bereits verschwunden sind. Doch giebt es immerhin noch ausgedehnte, von dem Alles vernichtenden Weißen kaum berührte Strecken, auf denen sie nicht selten auftreten. Häufig im eigentlichen Sinne des Wortes bemerkt man sie nirgends; denn sie vermehren sich schwach und scheinen durchaus nicht gesellig zu sein. Fast wehrlos, weder zu erfolgreicher Vertheidigung noch zu rettender Flucht befähigt, fallen sie, wenn sie in dem Laubgewoge einmal entdeckt wurden, dem ewig hungrigen Indianer wie dem mordsüchtigen Weißen leicht zur Beute, und auch sonst haben sie von Feinden zu leiden. Vor größeren Raubsäugethieren, die kletternden Katzen vielleicht ausgenommen, sichert sie ihr Leben in der Höhe; das scharfe Auge der Raubvögel aber vermag ihr rindenfarbiges Haarkleid doch von der Umgebung zu unterscheiden, und so fest sie sich auch an den Zweig, welcher sie trägt, anzuklammern oder so kräftig sie die langen Sichelkrallen, ihre einzige, nicht ungefährliche Vertheidigungswaffe, zu gebrauchen versuchen, die erdolchende Klaue des größeren Raubvogels ist schärfer als die ihrige, die Kraft des Adlers ihrer Ohnmacht bei weitem überlegen: die Harpyie, der gewaltigste und raubtüchtigste Adler der Erde, soll sie stückweise von den Aesten reißen.

Es läßt sich nicht verkennen, daß die Faulthiere insgesammt zu den am wenigsten entwickelten Säugethieren zählen; so tief, wie man anzunehmen gewohnt ist, stehen sie jedoch nicht. Die meisten Beobachter, welche sie während ihres Freilebens kennen lernten, haben sich, selbst wenn sie durch Vorurtheile nicht befangen waren, in schwer begreiflicher Weise täuschen lassen; sie haben nicht erkannt, daß Oviedo’s Vermuthung die einfache Wahrheit ist, daß nämlich die Faulthiere nur bei Nacht, nicht [385] aber bei Tage thätig sind. Hierin finde ich die Erklärung aller Fabeln und Unwahrheiten, aller Uebertreibungen und Ausschweifungen, welche die Naturgeschichte der Faulthiere enthält.

Ein bei Tage überraschtes, noch schlaftrunkenes oder doch aus dem gewohnten Geleise gebrachtes Faulthier macht allerdings keinen ansprechenden Eindruck auf den Beschauer. „Träg’ glotzt es in die Welt hinein,“ sagt Scheffel vom Megatherium richtiger, als Schomburgk vom Aï, indem er von „wehmüthigen und bittenden Blicken“ spricht. Eigenthümlich glotzend, wie die aller Nachtthiere, sind auch mir diese Blicke erschienen, und merkwürdig unsicher, wie geistesabwesend, obendrein, nicht aber bittend und wehmüthig. Ohne zu flüchten, läßt es den Menschen an sich herankommen und nur in Ausnahmefällen schickt es sich, wenn man es ergreift und von seinem Aste loszureißen sucht, zur Vertheidigung an.

An eine Abwehr durch Beißen, wie das zweizehige Faulthier ohne Weiteres thut, denkt der Aï nicht; sein Maul ist auch viel zu klein, als daß er ein größeres Glied packen könnte. Hat man die Sichelkrallen, welche das Faulthier sehr fest um den Ast schlägt, glücklich gelöst, und setzt man es auf den flachen Boden, so bewegt es sich hier in wahrhaft erbarmenerweckender Weise. Vergebens müht es sich ab, vorwärts zu kommen, vergebens tastet und greift es mit beiden Vorderfüßen in allen Richtungen umher, in der Absicht, einen ihm passend erscheinenden Anhaltspunkt zu suchen. Gelingt es ihm, solchen zu finden, so hakt es die Sichelkrallen des einen Fußes an ihm fest, streckt schnell den anderen Vorderfuß ebenfalls darnach aus und zieht nunmehr mühsam den Leib nach. Mit ersichtlicher Anstrengung, unter schweren Athemzügen, unsicher in jeder Bewegung, tastend und versuchend, das eben Erstrebte oder Erreichte sofort wieder aufgebend, bald hierhin, bald dorthin sich wendend, kriecht es im Laufe von Stunden thatsächlich nur wenige Schritte weit, und erscheint dann wirklich als ein Stiefkind der Natur, scheint allerdings seinen Namen zu verdienen. Hat es endlich einen Ast erreicht, und ist es im Stande, hier in üblicher Lage sich aufzuhängen, so blickt es noch einige Male in die Runde und nimmt dann so bald wie möglich seine (auf unserer Abbildung unten rechts dargestellte) Schlafstellung an. In sich zusammengeknäuelt, den Kopf auf die Brust gebeugt und zwischen den vier dicht aneinander gepreßten Beinen verborgen, einem an seinen Tragriemen aufgehangenen Ranzen vergleichbar, hängt es an seinem Aste und verharrt fortan regungslos bis zum Einbruche der Dämmerung. Daß man unter all solchen Umständen von den geistigen Eigenschaften des Aï wenig wahrnimmt, muß begreiflich erscheinen, und somit erklären sich auch die absprechenden Urtheile der Reisenden in dieser Beziehung.

In den Augen einzelner Naturforscher gelten die Faulthiere als stumpfsinnige, geistlose, dummgleichgültige Geschöpfe. Man sagt ihnen nach, daß sie weder Leidenschaften noch andere geistige Regungen bekunden, weder Liebe noch Haß, weder Freundschaft noch Feindschaft zeigen, weder Furcht noch Muth bethätigen, veränderten Umständen willen- und verständnißlos sich fügen und höchstens Naturtrieb untergeordneter Art erkennen lassen sollen. Unterstützt wird diese Annahme durch die Trägheit ihrer Lebensäußerungen und Lebensthätigkeiten, wie durch eine Lebenszähigkeit, von welcher man geradezu unglaubliche Dinge berichtet. Hunger und Durst, Luftmangel und anderweitige Entbehrungen, Verwundungen und Gifte ertragen die Faulthiere mit einer uns räthselhaft dünkenden Fühllosigkeit und scheinbar mit Gleichsmuth. Schomburgk hielt einen Aï, um ihn zu tödten, zwanzig Minuten lang unter Wasser, ohne seinen Zweck zu erreichen; er vergiftete andere Stücke mit dem furchtbare Urari, welches, in das Blut des größten Raubthieres gebracht, dieses binnen wenigen Secunden lähmt und unter Krämpfen verenden macht, und erfuhr, daß das vergiftete Faulthier erst nach Verlauf von einer Viertelstunde seinen letzten Athemzug aushauchte. „Wurde ein solches Thier,“ so berichtet derselbe, „das Ziel meiner Flinte, so veränderte es weder seine Stellung, noch stieß es einen Schmerzenslaut aus. Bei der einen Gelegenheit schoß ich viermal nach einem, welches kaum dreißig Fuß über mir an einem Aste klebte, ohne daß es herabgefallen wäre oder eine schmerzhafte Bewegung gezeigt hätte.“

Derartige Wahrnehmungen verleiten um so leichter zu falschen Schlußfolgerungen, je weniger sie durch Beobachtungen des wirklich wachen und thätigen Thieres berichtigt werden können. Die Schweigsamkeit der Faulthiere, ihre Anspuchslosigkeit betreffs der Nahrung, ihre geringe Theilnahme an dem Wohl und Wehe Anderer ihres Gleichen, das eigene an der Mutterbrust hängende Junge nicht ausgenommen, tragen ebenfalls das Ihrige zu der ungünstigen Beurtheilung der geistigen Kräfte bei, und so wird es erklärlich, daß man auch gefangenen Aïs oder Unaus von vornherein mit Vorurtheilen gegenübertrat und es kaum der Mühe werth hielt, sich längere Zeit eingehend mit ihnen zu beschäftigen. Und doch kann man nur hierdurch über sie und ihr Wesen ein einigermaßen richtiges Urtheil gewinnen.

Seitdem unsere Dampfschiffe unmittelbar mit den südamerikanischen Häfen verkehren, gelangen gefangene Faulthiere ziemlich regelmäßig zu uns. Sie widerlegen schon hierdurch die ebenfalls angestellte Behauptung, daß man sie nicht an ein Ersatzfutter gewöhnen und somit längere Zeit im Käfige halten könne. So wie einen eben seiner Freiheit beraubter Wiederkäuer oder Nager darf man sie freilich nicht behandeln, will man nicht Gefahr laufen, sie Hungers sterben zu sehen. Gewohnt, ihre Nahrung, Baumblätter und Früchte in hängender Stellung, über sich, wegzunehmen, gehen viele, ich glaube sogar die meisten Faulthiere, elendiglich zu Grunde, einfach deshalb, weil man ihnen Futterstoffe und Trinkwasser in Gefäßen auf den Boden der Versandkiste setzt, in der Erwartung, daß sie sich der Nahrungsstoffe bedienen werden, während sie, auch abgesehen von ihrer Unbekanntschaft mit den gewöhnlich gereichten Futterstoffen selbst, gar nicht daran denken, nach unten zu sehen und unter ihnen liegende Nahrung aufzunehmen. Giebt man sich dagegen die Mühe, sie wie kleine unmündige Kinder zu atzen, indem man ihnen die Nahrung vor das Maul hält, so fressen sie, sobald sie hungrig sind, gewöhnen sich allmählich an Ersatzstoffe mancherlei Art, Obst und andere Früchte, gekochten Reis, Eier, Milchbrod z. B., und lernen es auch in nicht allzu langer Zeit, von oben herab selbst zuzugreifen. Entsprechend ihren geringen Fähigkeiten macht ihre Zähmung nur langsame Fortschritte, aber doch solche, welche vorgefaßte Meinungen hinsichtlich ihrer Stumpfgeistigkeit auf das Bestimmteste widerlegen. Allmählich gewöhnen sie sich an Käfig und Wärter, machen sich im ersteren heimisch und schließen sich dem Letzteren mit ersichtlicher Zuneigung an, achten auf den Ruf, lassen sich ohne Abwehr oder Widerstreben ergreifen, von ihrem Sitze, beziehentlich von ihrer Hängestange loslösen, in den Schooß nehmen, atzen etc., gehen der Wärme nach, entäußern sich ihrer Gewohnheiten, indem sie sich beispielsweise in erwärmtes Heu oder Stroh verkriechen, und bekunden auch sonst noch entschieden Verständniß für die veränderten Umstände, unter denen sie zu leben gezwungen sind.

Der beobachtungseifrige Naturforscher, in dessen Besitz und Pflege ein gefangenes Faulthier gelangt, kann sich tage- und wochenlang mit ihm beschäftigen, bevor er seine wesentlichsten Eigenthümlichkeiten kennen gelernt hat. An einer Querstange der Versandkiste hängt der schlafende Aï in der oben beschriebenen Stellung, ohne von seinem Kopfe das Geringste sehen zu lassen, das stummelhafte Schwänzchen gerade ausgestreckt, das in verkehrter Richtung gestrichene Haar etwas gesträubt. Gelindes Schütteln mit der herausgehobenen Stange stört seinen Schlummer nicht; denn jeder Windhauch versetzt das freilebende Thier in ein ähnliches Schaukeln. Endlich aber, vielleicht in Folge der ihm zum Bewußtsein gelangenden Stimmlaute seiner bewundernden Beschauer, erwacht es doch, und hervor streckt sich ein auf langem, schmächtigem Halse sitzender, mäßig großer Kopf „mit rundem Eulenangesicht“ und unendlich gutmüthigem Ausdrucke des recht hübsch gezeichneten Antlitzes. Noch liegt die Mittellinie des Scheitels in derselben Richtung wie das Rückgrat, also nach unten; plötzlich aber führt der Aï eine Drehung aus, wie kein zweites Säugethier, auch nicht der Unau und seine Verwandten, es vermag: er dreht den Kopf um volle hundertachtzig Grade, von rechts oder links beginnend, sodaß die Scheitellinie mit dem Brustbeine in eine Richtung zu liegen kommt. Dies geschieht mit derselben Leichtigkeit, mit welcher man eine Hand umwendet, und wirkt so überraschend, daß man sich an den auffallenden Anblick gewöhnen muß, bevor man ihn verstehen lernt. Ungeübte Beobachter gelangen ist der Regel erst, wenn sie darauf aufmerksam gemacht worden sind, zum Bewußtsein des [386] Absonderlichen dieser Stellung. Alle übrigen Bewegungen des Thieres geschehen mit außerordentlicher Langsamkeit und Bedächtigkeit, auch ungleich schwerfälliger als die des zweizehigen Faulthieres, welches unzweifelhaft viel höher begabt ist, als der Aï, und durch eine gewisse Behendigkeit in den Füßen das zu ersetzen weiß, was dieser durch die Gelenkigkeit des Halses vor ihm voraus hat.

Beim Klettern setzt der Aï langsam einen Fuß vor den anderen, die langen Sichelkrallen einfach wie Haken benutzend, und ehe er einen anderen Ast gepackt hat, läßt er den ersten sicherlich nicht los. So ungeschickte Werkzeuge die hakigen Krallen zu sein scheinen, so trefflich erfüllen sie ihren Zweck. Die Fertigkeit aller Faulthiere, an einen Ast oder auch an eine glatte Stange sich anzuklammern, setzt in Erstaunen. Man kann solche Stange drehen und wenden, wage- oder senkrecht, schief nach oben oder nach unten halten, ohne daß das Thier seinen Halt verliert. Selbst wenn es sich nur mit zwei Füßen, gleichviel ob mit den beiden vorderen oder hinteren, deren einer Seite oder mit einem Vorder- und dem andersseitigen Hinterfuße angehakt hat, hängt es fest und sicher, ohne jemals Ermüdung bemerken zu lassen, möge seine Stellung sein wie sie wolle. Die Gliedmaßen zeigen bei dem Wechsel der verschiedenen Stellungen eine Gelenkigkeit, welche man am liebsten Gelenklosigkeit nennen möchte, so vollständig weiß das Thier sie um ihre Achse zu drehen. Ob die Krallen nach dieser oder nach jener Seite hin gewendet werden, ist dem Faulthiere gleichgültig; seine Beine gleichen in Ansehen und Bewegung Stricken mehr als gegliederten Geh- beziehentlich Hängewerkzeugen.

In der Regel verschläft das Faulthier den ganzen Tag, es sei denn, daß trübes Wetter es an der Tageszeit irre werden läßt. Es erwacht in den späteren Nachmittagsstunden und beginnt nun zunächst, das Haarkleid zu ordnen. Zu diesem Ende hängt es sich mit den beiden Beinen einer Seite auf und benutzt die Klauen der freigewordenen Füße als Kämme. Ist die eine Seite geputzt, so wechselt es die es tragenden und strählenden Füße einfach um. Die Ordnung der Haare geschieht mit ebensoviel Sorgfalt als Bedachtsamkeit, und in dem so wenig beweglichen Gesichte zeigt sich dabei der unverkennbare Ausdruck jener Behaglichkeit, welche alle Thiere beim Kratzen ihrer Haut oder Krauen ihres Felles erkennen lassen. Nachdem das Geschäft des Putzens beendet, denkt das Faulthier an seine Nahrung. Ist es gewöhnt worden, aus einem Napfe zu fressen, so läßt es mit den Vorderfüßen die Hängestange los, beugt sich kopfabwärts nach unten, stützt sich vielleicht auch leicht mit den Vorderfüßen auf und frißt; wird es von seinem Pfleger geatzt, so läuft es, unruhig denselben erwartend, im Käfige hin und her, geht oder klettert dem endlich erscheinenden Manne eilfertig entgegen, versucht sich an ihn anzuhängen und nimmt, ergriffen und in den Schooß des sitzenden Pflegers gelegt, sofort die diesem bequemste Stellung ein, indem es sich auf den Rücken legt, alle vier Glieder von sich streckt und mit den Krallen an den Kleidern seines Freundes sich festhält. Der Unau öffnet sein großes Maul weit und frißt, eifrig kauend, mehrere Bissen rasch nacheinander; der Aï ißt sehr zierlich und nur kleine dünne Scheibchen. Eine Art wie die andere bekundet Vorliebe für den einen oder den andern Nahrungsstoff und nicht allein einen keineswegs unentwickelten Geschmack, sondern selbst eine gewisse Leckerhaftigkeit. Nach geschehener Sättigung pflegt das Thier eine nochmalige Ordnung seines Haarkleides vorzunehmen, hierauf in seiner Weise spazieren zu gehen, sodann eine Weile verdauend zu ruhen, hierauf sich wieder zu bewegen etc. So verbringt es die Nacht.

Um andere lebende Wesen bekümmert sich das Faulthier erst dann, wenn dieselben ihm in unerwünschte Nähe kommen. Daß es weder Haß noch Liebe an den Tag legen soll, ist falsch. Wenig gesellig, läßt es sich zwar anscheinend mit Gleichmuth gefallen, wenn man ein zweites Stück seiner Art zu ihm bringt, keineswegs aber, wenn man ihm die Gesellschaft anderer Thiere aufzwingt. Als ich versuchsweise einen Aï zu einem längere Zeit von mir gepflegten, in seinem Käfige bereits eingewohnten Unau unterbringen wollte, gerieth letzterer in eine Aufregung, welche mich in Erstaunen setzte, eilte rasch auf den Ankömmling zu, versetzte ihm zunächst, weit ausholend, einige Schläge mit den Klauen des einen Vorderfußes, näherte sich sodann mehr und gebrauchte die Zähne, so gut deren Mangelhaftigkeit gestattete. Der Wärter, welcher beide Thiere trennen mußte, bekam ebenfalls den Zorn des erbosten Geschöpfes zu fühlen. Daß das Thier auch der Liebe nicht unzugänglich ist, erfuhr mein Berufsgenosse Funk, Leiter des Kölner Thiergartens, welcher das außerordentliche Glück hatte, ein trächtiges Faulthier und von ihm ein Junges zu erhalten. Letzteres wurde von seiner Mutter sehr sorgfältig gepflegt und erst, nachdem es halb erwachsen war, von ihr abgestreift und zur Selbstständigkeit gezwungen.

Ich habe mit vorliegender Skizze die Naturgeschichte der Faulthiere selbstverständlich nur in groben Umrissen zeichnen können, glaube aber doch bewiesen zu haben, daß sie die Geringschätzung, unter welcher sie bisher zu leiden gehabt haben, nicht verdienen. Was uns an ihnen unverständlich erscheinen will, wird uns klar, wenn wir sie im Zusammenhange mit ihrem Wohngebiete betrachten. In ihm erfüllen auch sie, wennschon vielleicht nicht einen besondern Zweck, so doch wohl einen bestimmten Wirkungskreis, und dieser ist größer, als wir bisher angenommen haben.