Das erste böhmische Quartier

Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Das erste böhmische Quartier
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aus: Die Gartenlaube, Heft 29, S. 453–455
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Scenen und Bilder aus dem Feld- und Lagerleben Nr. 4
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Scenen und Bilder aus dem Feld- und Lagerleben.
4. Das erste böhmische Quartier.


Es mag recht interessant sein, aus einem Fenster auf die vorbeimarschirenden Colonnen hinabschauen zu können, aber dem, der in dieser staubumhüllten Colonne mitmarschiren muß, sei es bescheiden zu Fuß, oder hoch zu Roß, oder auf dem Protzkasten der Kanone, ist wahrlich nicht wohl dabei zu Muthe, zumal, wenn der Marsch bereits acht Stunden gewährt hat und die Aussicht auf Ruhe sich dem sehnlichst in die Ferne schauenden Blicke noch immer nicht zeigen will. Vorauf die Infanterie mit ihren blitzenden Helmen und Gewehrläufen, mit ihrem Tambour-Major und der Janitscharen-Musik an der Spitze; dann die Cavallerie

Die Gartenlaube (1866) b 453.jpg

Im ersten böhmischen Quartier.
Originalzeichnung von A. Nikutowski

mit schmetterndem Hörnerklang und zum Schluß die Artillerie mit den Tod und Vernichtung speienden Geschützen! Das sieht Alles recht hübsch aus.

Wenn man aber wie wir seit dem 8. Juni theils in furchtbarer Sonnenhitze, theils in strömendem Regen tagtäglich sechs und acht Stunden die Landstraße getreten, wenn man die nicht ganz Arkadien gleichenden Gegenden von Jüterbogk, Warmbruck, Finsterwalde, Pockwitz etc. etc. mit gepacktem „Affen“ und warmen Mantel in fortwährenden Staubwolken durchwandert, Abends schlechte Quartiere bezogen und kein vernünftiges Bier gefunden, dann lernt man auch die Kehrseite des Soldatenlebens kennen. Aber, Gott sei Dank, den preußischen Soldaten verläßt der gute Humor nicht. Der gestrige Tag – wir hatten in Großhennersdorf in guten Quartieren uns erholt – hatte Vieles wieder gut gemacht und heute den 23. Juni sollte nun endlich die österreichische Grenze überschritten werden.

Kein Lüftchen regte sich, drückend, fast erdrückend lag die Sommerschwüle auf uns, vergeblich wurden die Helme gelüftet, vergeblich die Röcke aufgeknöpft, so weit das Marschreglement es erlaubte, kein kühler Wind fächelte die heiße Brust und die nasse Stirn. Die Feldflaschen waren geleert, die Marketender weit hinter der Colonne, der betäubende Duft von Hoffmann’s Tropfen, Pfefferminze und anderen Universalmitteln, der bald hier, bald dort emporstieg, war keineswegs geeignet, die ermatteten Kräfte neu zu beleben. Diese Universalmittel erfüllen ihren Zweck nur für den Augenblick, sie reizen und spannen die Nerven an, die gleich darauf um so mehr wieder erschlaffen. Die hübsche Marketenderin, die hoch oben auf dem Gepäckwagen thronte und von diesem hohen Sitzpunkte aus recht vergnügt in die Lande hinausschaute und recht mitleidig auf mich herunterschaute, reichte mir eine gefüllte Weinflasche, die ich, ohne vorher ihren Inhalt zu prüfen, unverzüglich an die Lippen setzte und zur Hälfte leerte. Sie enthielt Branntwein, einen ganz gewöhnlichen Fusel, ich entdeckte es erst, als ich die Flasche absetzte, und ich bleibe auch heute noch bei dieser Behauptung, wenn gleich auch die Marketenderin mich belehren wollte, daß ich den feinsten Batavia-Rum getrunken habe! Die Gute! Sie ahnte wohl nicht, daß in dem staubbedeckten Rocke ein Mann steckte, der das würzige Aroma des Rums in mancher Tasse Thee mit Behagen geschlürft hatte. Der Labetrunk raubte meinem Geldbeutel fünfzehn Silbergroschen, und ich kann nicht leugnen, daß meine fünf Sinne die Wirkung desselben etwas stärker empfanden, als mir lieb war. Aber ich [454] fühlte mich für den Augenblick neu gekräftigt und blickte geringschätzend auf die, welche es vorzogen, sich den Aerzten und Lazarethgehülfen anzuvertrauen, die mit Schachteln und Fläschchen bald hier bald da Trost und Hülfe zu spenden suchten.

Steh ich in finstrer Mitternacht
So einsam auf der stillen Wacht etc. etc.

Ich hatte es unzählige Male gehört, dieses alte Soldatenlied, wenn eine verstimmte Straßenorgel es ableierte oder eine wandernde Harfenistin in einer Restauration die Ohren der Gäste damit beleidigte, aber heute zuckte ich weder die Achseln noch rümpfte ich die Nase, als die Cameraden es anstimmten, es marschirte sich ganz vortrefflich nach dem Takt. Endlich sahen wir in der Ferne einige Helme blitzen, „die Quartiermacher sind da,“ rief Einer dem Andern zu, und ein „Gott sei Dank!“ flüsterte manche Lippe. Da lag das Dorf, kaum eine Stunde von der böhmischen Grenze bei Grottau entfernt; mir entfiel der Muth, als ich die wenigen Schornsteine sah und hinter mich blickend die Truppenmasse überschaute, die dort Obdach finden sollte. Ich gedachte so manches guten Quartiers, welches ich in früheren Jahren auf Märschen und während der Manöver bezogen hatte, so mancher Flasche Wein und Champagner, so manches Rehbratens, die damals gespendet worden waren. Heute im Palast des Commerzienrathes, morgen in der Hütte des Taglöhners – es ist einmal nicht anders! Das Quartierbillet ist ein Lotterieloos, Wenige ziehen einen Treffer, die Meisten erhalten eine Niete. Aber der Soldat begnügt sich gerne mit einer Strohschütte und einem frugalen Imbiß, wenn er nur sieht, daß der Quartierwirth ihn freundlich aufnimmt, daß er giebt, was er hat. Und zumal der Landwehrmann, der den eigenen Heerd, der Haus und Hof, Weib und Kind verlassen hat, um für das Vaterland Gut und Blut zu opfern, verlangt eine freundliche Aufnahme; die Opfer, die er bringt, sind ja weit größer, als die, welche er von seinem Wirth fordern kann. Er macht keinen Anspruch auf die drei Viertelpfund Fleisch, vier Pfund Kartoffeln oder ein Viertelpfund Reis, ein Loth Kaffee, anderthalb Loth Salz, ein Zwölftel Quart Branntwein, ein Quart Bier, zwei Pfund Brod und sechs Cigarren, die er als tägliche Verpflegungs-Ration von seinem Quartierwirth verlangen kann, wenn er nur die Ueberzeugung erhält, daß man giebt, was man hat. Freilich, die Cavallerie schreitet gerne über den Verpflegungsetat hinaus, wenn eine Gelegenheit dazu sich bietet, das ermüdete Roß verlangt eine gute Streu und reichliches Futter.

Der sächsische Bauer hat’s erfahren und ich glaube, er wird’s nie vergessen! Ich meine jenen Bauer, der beim Einrücken der preußischen Cavallerie ein Päckchen Banknoten in Sicherheit bringen zu müssen glaubte. Der Husar, der bei ihm Quartier erhielt, dachte in erster Reihe an sein Pferd, er „fouragirte auf eigene Faust“, die Häckselmaschine arbeitete recht wacker, daß der Bauer in ihr unter dem Stroh seine Werthpapiere versteckt haben könne, ahnte der biedere Sohn der Uckermark nicht, und das Rößlein fraß die Banknoten sammt dem Häcksel. Eine gute Lehre war’s für den Bauer, der die Ehrlichkeit des preußischen Soldaten bezweifelte. Er hätte besser gethan, seine Banknoten gegen Silber umzutauschen. Wer die strenge Mannszucht im preußischen Heere kennt, wer da weiß, aus welchen Elementen das Heer gebildet ist, der wird, auch wenn der preußische Soldat als siegender Feind einrückt, keine Furcht vor ihm empfinden.

Die Quartiermacher waren freilich zur Stelle, aber das Quartier selbst lag noch eine Stunde entfernt. Ungefähr der dritte Theil unseres Corps rückte in das vor uns liegende Dorf ein, die Uebrigen mußten weiter marschiren und zwei andere Dörfer besetzen.

Eine Viertelstunde Rast! Die Gewehre wurden zusammengestellt, die Tornister und Helme abgelegt, die Cavallerie saß ab, die Kanoniere verließen den Protzkasten und Alles gruppirte sich um die Marketender und Marketenderinnen, die ihren famosen „Batavia“- und Jamaika-Rum den durstigen Kehlen mit wahrhaft rührender Aufopferung spendeten. Alles lechzte nach Wasser und in der Nähe plätscherte ein Bach lustig über die Kiesel, aber die Herren Unterofficiere, Aerzte und Lazarethgehülfen bewachten den Born der Erquickung mit Argusaugen. Und mit Recht! „Niemand wandelt ungestraft unter Palmen“, und ein kalter Trunk hat schon mancher erhitzten Lunge den Todesstoß gegeben. Aber die Qualen des Tantalus kann nicht jeder Sterbliche ertragen, da werden dann alle Mittel und Wege versucht, die Wachsamkeit der Hüter zu täuschen, was hie und da auch einem Glücklichen gelingt. Das Kalbfell rasselt, gestärkt und erfrischt geht’s wieder weiter, die Cigarren und Pfeifen werden angezündet, der Compagnie-Lustigmacher, deren jede Compagnie, jede Schwadron einen besitzt, stimmt ein heiteres Lied an.

Endlich spät Abends hatten wir unser Dorf erreicht, die Vertheilung der Quartierbillets ging rasch von statten, die Aufsuchung des Quartiers selbst bot keine besonderen Schwierigkeiten, da das Dorf klein war und Jeder sich beeiferte, die erschöpften Soldaten zurechtzuweisen. Ein Billet auf „vier Mann für einen Tag mit Verpflegung“ lautend, war mir zu Theil geworden. Das Quartier war rasch gefunden, ein alter Bauer und dessen junge, hübsche Tochter empfingen uns. Der Alte bat mich, ihm zu sagen, was wir zu beanspruchen hätten, er habe nie Soldaten im Quartier gehabt, wir müßten ja besser wissen, als er, was uns zukomme. Ich führte ihm das ganze Register an. Cigarren habe er nicht, Bier könne er nicht beschaffen und mit der täglichen Fleischportion von drei Viertelpfund für den Mann werde es auf die Dauer auch nichts geben, meinte er. Ich beruhigte ihn, Cigarren hätten wir selbst, wenn kein Bier zu erhalten sei, nähmen wir auch mit Wasser vorlieb, und was die Fleischportion betreffe, so gelte das Billet mit Verpflegung ja nur für einen Tag, schon am nächsten Tage würden wir Natural-Verpflegung erhalten. Wir würden alsdann täglich Jeder Fleisch, Gemüse, Salz und Branntwein von den Armee-Lieferanten empfangen, er dagegen müsse uns das nöthige Kochgeschirr und die Feuerung liefern. Die Tochter fragte etwas ungläubig, ob wir selbst uns die Mahlzeit zubereiten könnten, was mich zu der Gegenfrage veranlaßte, ob sie vielleicht die Mühe für uns übernehmen wolle, was uns bereitwillig zugesagt wurde. Das junge Mädchen führte uns in die Scheune, eigentlich mehr ein Schuppen, dort sollten wir schlafen und uns so bequem wie möglich einzurichten suchen. Meine liebe Frau, die mich vor einigen Jahren mit einer Eiderdaunendecke überraschte, würde sich freilich über die Einfachheit meiner Schlafstätte gewundert haben. Schlechtes Stroh, auf dem sich Katzen und einiges anderes Ungeziefer breit gemacht, eine zerrissene Pferdedecke, statt der nothwendigsten Möbel einige Heugabeln, Sensen, Karren etc. – das war unser erstes böhmisches Quartier. Aber wir schliefen später doch wie Ratzen.

Schon nach einer Stunde glich das Dorf einem wohlorganisirten Feldlager. Die Kanonen richteten ihre Mündungen drohend gegen den Feind, die Pferde der Cavallerie und Artillerie, welche in den Ställen kein Unterkommen fanden, standen gegen Wind und Wetter so gut wie möglich geschützt auf den freien Plätzen. Allenthalben ein reges Leben und Treiben! Gruppenweise standen hie und da die Soldaten beisammen und trotz dem Ernst des Augenblicks fehlte auch der Scherz nicht. Vor dem Dorfe, eine Viertelstunde von demselben entfernt, hatte die Feldwache sich aufgestellt, eine starke Abtheilung Infanterie und Cavallerie bildete sie. Die Doppelposten waren vorgeschoben, sie zogen in Verbindung mit den Doppelposten der seitwärts liegenden Dörfer eine Kette entlang der Grenze, die der Feind unbemerkt nicht durchbrechen konnte.

Die Schatten der Nacht senkten sich dichter, die Sterne zogen empor; ach, wie manches Menschenherz blickte in dieser Nacht bangend und hoffend zugleich zu ihnen hinauf! Das Gewehr im Arm, den Blick in die Ferne gerichtet und doch in Gedanken daheim bei Weib und Kind! Ob sie wohl auch jetzt an dich denken? Gewiß, und ihr frommes Gebet steigt für dich zum Höchsten empor!

„Und wenn du traurig bist und weinst,
Mich von Gefahr umrungen meinst,
Sei ruhig, bin in Gottes Hut,
Er liebt ein treu Soldatenblut!“

„Halt, wer da!“

„Gut Freund!“

„Steh’ – Parole!“

„Deserteure von den ungarischen Husaren.“

„Kehrt, legt die Waffen nieder. Marsch. Halt!“

Zwei österreichische Deserteure, die heimlich aus ihrem Lager entwichen waren und die Gefangenschaft dem Kriegsleben vorzogen. Sobald sie die Waffen niedergelegt und sich weit genug entfernt [455] hatten, wurde ihnen „Halt“ geboten, mit dem Rücken gegen uns gewendet, mußten sie geduldig warten, bis die von unserer Feldwache ausgesendete Visitation-Patrouille erschien, die sie mit zur Feldwache nehm. Die beiden Deserteure berichteten nichts Rühmliches über die Verpflegung der k. k. österreichischen Armee, der Hunger hatte sie im vollsten Sinne des Wortes zur Desertion bewogen. Wir schickten sie in’s Dorf, dort wurden sie gastfreundlich bewirthet. Gleich nach Tagesanbruch wurden wir abgelöst wir marschirten in’s Dorf zurück und fanden erst jetzt die längst ersehnte Ruhe.