Textdaten
<<< >>>
Autor: Gustav Rasch
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Das danisirte Irrenhaus
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 2, S. 247–27
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[24]

Vom verlassenen Bruderstamme.

Nr. 3.0 Das danisirte Irrenhaus.


Bei meinem Aufenthalt in Venedig vor einigen Jahren fuhr ich vom Molo nach San Servolo, dem Irrenhaus der Lagunenstadt. Ein hohes, in byzantinischem Styl gebautes Thor, dessen Marmorpfeiler von den Wellen der Lagunen bespült werden, führt in diese düstern und traurigen Räume; über dem obern Bogen des Thors liest man die goldenen Worte: „Fate bene fratelli!“ (Thut Gutes, Brüder!) Die Unterhaltung von San Servolo wird theils von der venezianischen Commun, theils von den Gaben reicher und wohlthätiger Signori, theils von den Mitteln des Ordens beschafft, dessen Wahlspruch in goldenen Lettern über dem Bogen des byzantinischen Thores steht. Im Sprachzimmer des Klosters empfing mich der Pater vom Orden der barmherzigen Brüder, der in San Servolo die Stelle des Arztes bekleidet. Er war ein Mann in der Mitte der Vierziger; sein Haar war schwarz und gelockt, seine Augen voll Intelligenz und Wohlwollen, seine Tournüre ganz die eines Weltmannes, ohne allen klösterlichen und mönchischen Anstrich, gewandt und zuvorkommend; über seinem sonst weltlichen Anzug trug er das lange, schwarze Ordenskleid der barmherzigen Brüder. Er führte mich in den langen und hohen Krankensälen, in denen an hundert Betten standen, in den obern Räumen des Klosters, in denen die Idioten und Wahnsinnigen wohnten, und in dem großen Garten, dessen Kiesgänge Pinien und Cypressen beschatteten, während mehrerer Stunden umher und erzählte mir von seinen Kranken, von seinen Heilmethoden und von seiner Apotheke, in der er die theuerste Arznei ohne jede Rücksicht auf die Dosis verschriebe, wenn die Arznei für die Kranken nothwendig sei. Die Krankensäle waren außerordentlich sauber gehalten, Betten, Kissen und Bettlaken waren von untadelhafter Reinheit; es herrschte überall eine musterhafte Ordnung; hohe Repositorien, welche vom Boden bis an die Decke reichten, enthielten die Krankheitsgeschichten und die bei sämmtlichen Kranken angewandten Heilmethoden.

Im Garten sah ich die Idioten. Sie standen auf den mannigfaltigsten Stufen der menschlichen oder, wenn man will, der thierischen Entwickelung. Ich sah sie, wie sie umherschlichen, die Füße nach auswärts gerichtet, mit schleppendem Gange und schlotternden Knieen, fast ohne Bewußtsein, dann, wie sie bereits reinlich und mäßig geworden waren, wie sie gelernt hatten, Gegenstände zu unterscheiden. „Sehen Sie dort in die Ecke,“ sagte der Arzt, „da kauert ein Wesen, das auf der niedrigsten Stufe der Menschheit steht, so habe ich während der letzten drei Jahre fast zweihundert hier gehabt; in diesem entsetzlichen Zustande sind von jenen zweihundert nur zwanzig geblieben.“

Abends saßen wir auf dem Platze an der südlichen Seite des Klosters, wo die in den untern Sälen befindlichen Kranken sich zu ergehen pflegen und die Luft des Meeres einathmen. Der Platz war mit Marmorfließen gepflastert und mit Bänken von rothem Marmor eingefaßt. Weit streifte der Blick über die blauen Wellen der Lagunen, welche jetzt von den Strahlen der untergehenden Sonne in ihren farbenreichen, duftigen Mantel mit den purpurnen Falten und den goldenen Sternen gekleidet wurden; bunte Barken und schwarze Gondeln flogen vorüber; auf den weißen Lagunenpfählen funkelten rothe Sonnenlichter, und am Horizont stieg die Stadt der Marmorpaläste aus den Fluthen, wie ein verkörpertes Bild aus einem Zaubermärchen – die jetzt trauernde Königin der Adria. Ruhe und tiefe Stille lag auf den Wassern, wie ein süßes Geheimniß; dann schwebten vom Bord einer Gondel die weichen Töne einer Barcarole zu uns herüber. Es waren Stanzen aus Tasso’s befreitem Jerusalem, aber in den klangreichen, venetianischen Dialekt übertragen, der so süß an das Ohr tönt, wie die Saiten einer edlen Geige, wenn sie die Meisterhand einer Milanollo vibriren läßt. Dann wurde es drüben hell in der Stadt aus dem Zaubermärchen; erst flammten einzelne Funken und Lichter auf in den arabischen und gothischen Fensterbogen, dann blickte die ganze, lange Reihe von Palästen mit Feueraugen auf die Lagunen, und über ihnen legte sich ein weiter, goldener Reflex über den dunkeln Abendhimmel, wie der farbige Schein eines Nordlichts. Es war der Reflex der strahlenden Gasflammen, welche den prächtigsten Salon der Erde, den Marcusplatz, erleuchten. Von dem Thurme, der an jenem Platze schlank empor ragt, schlug die Stunde, wo sich dort Abends aus ganz Europa die Gesellschaft zu versammeln pflegt, welche sich vorzugsweise „le gens du monde“ nennt, Alles, was in England, Frankreich und Deutschland reich und vornehm ist, was Champagner trinkt und in allen Genüssen des Lebens schwelgt. Lange waren Tasso’s Stanzen verklungen; nun schwebten die Töne eines Walzers aus einer Verdi’schen Oper über den Wassern. Es war die Tanzmusik vom Marcusplatz!

„Nicht wahr, es ist schön hier, Signor Dottore?“ sagte der Arzt mit seiner weichen, klingenden Stimme, als ich lange hinausgeblickt hatte über die stille, ruhige Wasserebene; „ich führe auch immer die armen Geisteskranken hierher. Das ist ein Bild voll Bewegung und Freiheit; der Drang nach Freiheit ist ja ein Hauptgrundzug in dem Wesen aller Wahnsinnigen.“

„Wie viel Aerzte haben Sie denn zu Ihrer Unterstützung, Signor?“ fragte ich. „Wenn ich nicht irre, habe ich hier unten an hundert Kranke gezählt, und oben sind wenigstens dreißig Wahnsinnige, und im Garten waren gewiß fünfzig Idioten.“

„Es ist so; Sie haben sich nicht geirrt. Ich bin der einzige Arzt in San Servolo.“

„Allein?“ rief ich erstaunt. „Alles das thun Sie allein? Wie ist das möglich?“

„Drei Brüder unsers Ordens sind mir zur Hülfe gegeben; aber sie sind nicht Aerzte; sie thun nur die gewöhnlichen ärztlichen Handreichungen, woran ich sie gewöhnt habe.“

Mein Erstaunen wuchs. „Wie lange sind Sie denn schon hier, Signor?“

„Fünf Jahre; vielleicht werde ich immer hier bleiben. Ich bin nicht von unserm Orden hierher gesandt. Freiwillig habe ich meinen Platz gewählt. Sie haben ja den Spruch unsers Ordens über dem Thore gelesen; ich gehorche nur dem ersten und höchsten Gebot des Christenthums, wenn ich ihn erfülle.“

„Da können Sie das Haus ja selten oder gar nicht verlassen; ich sah Sie auch nie Abends auf dem Marcusplatz. Können Sie sich denn Ihr schweres Amt nicht erleichtern?“

Der Bruder vom Orden der barmherzigen Brüder lächelte.

„Nein,“ sagte er, „ich war schon lange, lange nicht auf dem Marcusplatz. Der Orden ist arm, auch San Servolo ist arm; einen zweiten Arzt kann der Orden nicht senden. Ich sagte Ihnen [25] ja, daß ich die theuerste Arznei ohne Rücksicht auf die Dosis verschreibe, das kostet viel Geld.“

„Wird hier bei Ihnen jeder Kranke, ohne Rücksicht auf die Religion, zu der er sich bekennt, aufgenommen, Signor Dottore? Auch die Ketzer?“

„Der Orden der barmherzigen Brüder und das Irrenhaus von San Servolo kennen keine Ketzer. Für ihn giebt es als einzige Richtschnur nur den Wahlspruch, den Sie gelesen haben.“

„Aber Sie sind ein Italiener, Signor, Sie lieben Italien; finden auch die Feinde Ihres Landes hier Aufnahme? Ein österreichischer Soldat?“

Ueber das schöne, kluge Antlitz des mir gegenübersitzenden Arztes flog wieder das milde, ruhige Lächeln.

„Der Orden der barmherzigen Brüder und das Irrenhaus von San Servolo kennen keine politische Feindschaft. Ich liebe Italien. Aber auch die Feinde Italiens finden hier dieselbe Aufnahme, wie die Ketzer, wie Sie sie nannten. Für mich giebt es nur das Gebot der Liebe und des Wohlthuns, der Wahlspruch meines Ordens.“

Mit einem Gefühle von Hochachtung, wie ich es selten vor einem Menschen empfunden habe, trennte ich mich spät Abends von dem Irrenarzte in San Servolo. Zum ersten Male hatte ich einen jener großen Apostel des Christenthums gesehen, von denen uns die Geschichte des Mittelalters erzählt, welche ein ganzes, langes Leben der Erfüllung der Pflichten ihrer religiösen Ueberzeugung opfern. Man hatte mir in Venedig gesagt, daß der Pater Arzt in San Servolo ein Mann von ausgezeichneten medicinischen Kenntnissen sei, dem es leicht werden würde, eine bedeutende und glänzende Stellung an dem großen Hospital in Mailand oder an jedem ersten Krankenhause in Italien zu bekleiden, wenn er es nur wolle. Und hier lebte er einsam, fast ohne jede geistige Unterhaltung, mitten zwischen armen Kranken und Blödsinnigen, ein Leben voll Anstrengungen und Entsagungen – weil er es so wollte, oder nein, weil er der Ueberzeugung war, das höchste Gebot seines Ordens so am besten zu erfüllen. Und so ohne Prunk in seinem Wesen, nicht einmal in der Erfüllung seiner Pflichten sich brüstend, so anspruchslos, so bescheiden, so ohne Sehnsucht nach den Genüssen und Freuden einer der prächtigsten Städte Italiens, deren Tanzmusik der Abendwind an den Strand seiner düstern Insel trug, deren Lichtschimmer den Horizont röthete! Als ich in die Gondel stieg, um nach Venedig zurückzukehren, konnte ich nicht umhin, die Gefühle von Hochachtung, welche mein Herz empfand, in lebhaften Worten auszusprechen. Da überflog noch einmal das milde, ruhige Lächeln seine schönen Züge; er drückte mir herzlich die Hand zum Abschiede, während er die Linke zu der goldenen Inschrift über dem Marmorbogen des byzantinischen Thores erhob, an dessen unterster Marmorstufe meine Gondel sich schaukelte.

Die Bilder des armen Irrenhauses von San Servolo und jenes Priesters der wahren Christusreligion traten mir wieder vor die Seele, als ich kürzlich auf meiner Reise durch die Herzogthümer das Irrenhaus in Schleswig besuchte. Ihre Contouren wurden schärfer; die klösterliche Ruhe, die stille Einfachheit, der religiöse Sinn, der in den Krankensälen jenes traurigen Hauses auf der kleinen, öden Insel des adriatischen Meeres waltete, welche wie ein grauer Streifen zwischen den glänzenden, blauen Fluthen und dem mit den warmen, farbigen Tinten des Südens geschmückten Himmel Italiens sich abhob, besonders aber die erhabene Gestalt des Pater Arztes vom Orden der barmherzigen Brüder mit seinen schönen, guten Augen und mit seinem milden Lächeln traten in diesem Bilde der Erinnerung um so lebendiger und charakteristischer hervor, je länger ich in den großen, mit allem Comfort versehenen Sälen und auf den langen, prächtigen Corridoren dieses deutschen Irrenhauses weilte. Dort, auf jener kleinen Insel im Meer, umschloß ein einziges, großes, graues Gebäude sämmtliche Räume, in denen zweihundert Kranke ihre Genesung oder den Tod als den Erlöser aus ihrem traurigen Dasein begrüßen sollten, und kaum hatte das kleine Eiland zu jenem Gärtchen und zu jenem mit Marmorfließen bedeckten Platze Raum, wo die Kranken die linde Abendluft einathmeten und auf die entfernten Klänge der Musik des Marcusplatzes lauschten. Hier, in Schleswig, standen palastartige Gebäude in einem parkähnlichen, mit schattigen Alleen, duftigen Rasenplätzen und in allen Farben schimmernden Blumenbeeten geschmückten Garten. Die hohen Korridore, die mit allem Comfort versehenen Wohnzimmer der Kranken und die mit luxuriösen Tapeten, Mobilien und Teppichen ausgestatteten Conversationssäle, die breiten Treppen, die geräumige Kirche zeugten von Ueberfluß an Allem, was zur Verwaltung und Ausstattung der Anstalt nothwendig war – es war ja die gemeinschaftliche Irrenanstalt der Herzogthümer Schleswig-Holstein, eines der reichsten und fruchtbarsten deutschen Länder –; über 600 Kranke bewohnten diese stattlichen Räume und spazierten in den Alleen und zwischen den Blumenbeeten dieses schönen, großen Gartens. Dort versah ein einziger Priester mit einigen Ordensbrüdern und wenigen Wärtern sämmtliche Kranke; hier waren eine Menge Aerzte, Kranke und Wärter angestellt, und kein Arzt brauchte mit ängstlicher Sorge zu berechnen, ob die starken Dosen der theuren Arznei auch finanziell in der Apotheke des Hauses herzustellen seien.

Aber auch sonst war es hier ganz anders. Die christliche Liebe, die zarte, ärztliche Sorgfalt, welche in San Servolo waltete – sie fehlte hier; der Pater Arzt vom Orden der barmherzigen Brüder, der innerhalb der Mauern seines Klosters weder Ketzer noch Feinde Italiens kannte, der nur dem Gebote seines Ordens gehorchte, welches die höchsten Lehren des Christenthums umschloß, die Lehren von der Liebe, von der Barmherzigkeit und von der Brüderlichkeit, dieser Mann war nicht da. Statt seiner waren Aerzte da, von denen Einer den Andern haßte, unter denen Einer den Andern ausspionirte, unter denen Einer mit dem Andern in einer Sprache sprach, die der Andere nicht verstand, obschon er die eigene Sprache seines Collegen wohl zu sprechen wußte, von denen Einer den Andern verleumdete und aus seinem Amte zu bringen suchte. Man horchte. Man sprach leise. Aengstlich schaute man sich um, wenn man sprach; denn das Ohr des Spions lauschte an der Wand. Hier haßten die Kranken in ihren lichten Momenten ihre Aerzte; denn die Aerzte brachten den politischen Haß mit in die Krankensäle, und das Vertrauen der Kranken zu ihrem Arzte, die erste Bedingung in der Heilmethode des Irren, war ganz und gar verschwunden. Zuweilen verstand der Arzt auch gar nicht die Sprache des Kranken; denn der deutsche Kranke sprach nur plattdeutsch, und der dänische Arzt sprach das Hochdeutsche nur nothdürftig, das Plattdeutsche gar nicht. Die Heilung der unglücklichen Irrsinnigen war hier Nebensache geworden, die politische Parteinahme war Hauptsache. Aber auch auf die Sprache des Herzens lauschte hier der Spion, selbst wenn der Mund diese Sprache vorsichtig verschloß. Man durfte hier nicht einmal deutsch denken. Die Krankenjournale wurden in zwei Sprachen wild durcheinander geschrieben, dänisch und deutsch. Der Kranke, dessen Krankheitsgeschichte und Heilmethode fünf Jahre lang in deutscher Sprache geschrieben war, erhielt plötzlich einen dänischen Arzt, und dann schrieb dieser die Fortsetzung seiner Krankheitsgeschichte in Dänisch, und der deutsche Arzt wurde gezwungen, auf Grund dieser Krankenberichte, welche er nicht lesen konnte, ärztliche Gutachten zu geben. Aengstlich schaute sich der Mann, der mich umherführte, überall um, ob auch Jemand sähe, daß er mich umherführe. Er sprach leise, oder er sprach in halben Worten, oder er zuckte die Achseln, ohne mir eine Antwort zu geben, oder er horchte, ob auch der Tritt eines Spions auf dem Gange schleiche. Und er wußte gar nicht einmal, zu welchem Zwecke ich die Anstalt besuchte. Ich hatte einen Empfehlungsbrief einer dem diplomatischen Corps in Kopenhagen angehörenden Person in der Hand, und aus diesem Briefe ging nur das Interesse eines Neugierigen hervor. Aber der Mann hatte das Gefühl der allgemeinen Unsicherheit, welches ein Gefangener in der Untersuchungshaft hat, „wo die Wände Ohren haben“, deshalb horchte er, und deshalb sprach er leise oder gar nicht mit mir.

Und was war denn eigentlich mit der Irrenanstalt in Schleswig geschehen? Warum horchte man dort, weshalb spionirte man, warum sprach der Arzt zu dem Kranken in einer Sprache, welche der Kranke nicht verstand?

Die deutsche Irrenanstalt in Schleswig wurde seit zwei Jahren danisirt.

Man wird erwidern: das ist unsinnig! Wie kann man eine Irrenanstalt danisiren? Die Heilung der Kranken ist doch der einzige Zweck in einer Irrenanstalt, und es ist doch wohl ganz gleichgültig, ob in dieser Irrenanstalt deutsch oder dänisch gesprochen wird, ob deutsche oder dänische Krankenberichte geschrieben, ob in derselben dänisch oder deutsch gepredigt wird. Vernünftigerweise ist es freilich so; aber die Danisirungswuth der dänischen Regierung in Schleswig geht auch über die Grenzen aller Vernunft [26] hinaus. Warum soll sie nicht eine Irrenanstalt danisiren, warum nicht ein Taubstummeninstitut, wenn auch die Irren und die Taubstummen nichts vom Eiderdanismus begreifen? Sie danisirt ja die christliche Religion; sie danisirt ja die Schule, Alles in gloriam Eiderdanismi! Nur das deutsche Herz in Schleswig vermag sie nicht zu danisiren. Daran scheitern alle Mittel, daran scheitern die Brüche, die Präcetto’s, die Gefängnißstrafen, die Eigenthumsberaubungen, das Wegjagen aus dem Amte, daran scheitert selbst der Hunger! Die preußische ministerielle Denkschrift sagt über die Danisirung der Irrenanstalt: „Der dänischen Sprachpropaganda mag es gleich sein, ob sie, die eine göttliche Heilsanstalt, die Kirche, mißbraucht, auch eine Irrenanstalt zu ihren Zwecken benutzen muß. Für das rein menschliche Gefühl ist das Eine ebenso verletzend, wie das Andere.“

Acht Tage nach meinem Besuche in der Irrenanstalt in Schleswig brachte ich den Abend in Holstein im Hause eines Mannes zu, der von den Verhältnissen derselben genau unterrichtet war. Er bekleidete in der Verwaltung des Irrenhauses eine der ersten Stellen und war selbst seines Amtes entsetzt worden, da er, wie die preußische Denkschrift sagt, erklärt hatte, „daß er die Danisirung der Anstalt mit Rücksicht auf das Interesse der unglücklichen Kranken selbst vor seinem Gewissen nicht verantworten könne.“ Ich hatte mit ihm von dem Arzt vom Orden der barmherzigen Brüder im Irrenhause von San Servolo gesprochen, der in seinen Krankensälen weder Ketzer noch politische Feinde kannte, dessen Richtschnur einzig und allein das Gebot der Liebe und der Barmherzigkeit war, welches mit goldenen Buchstaben über der Pforte des Klosters geschrieben stand.

„Als Gegenstück zu dem schönes Bilde eines wahrhaft christlichen Krankenhauses, welches Sie so eben vor mir entrollt haben,“ sagte er, „will ich Ihnen nun die Danisirung des Irrenhauses in Schleswig beschreiben. Hören Sie, und erzählen Sie in Deutschland, was hier vorgeht.

Daß die Irrenanstalt lediglich durch die Mittel der beiden Herzogthümer gegründet und aus ihren Mitteln erbaut ist, daß sie also Eigenthum der Herzogthümer und nicht Dänemarks und auch stets als solches bezeichnet ist, daß ferner in der Bekanntmachung der dänischen Regierung von 1852 die Irrenanstalt neben der Universität in Kiel und der Ritterschaft ausdrücklich unter den, beiden Herzogthümern gemeinschaftlichen, Einrichtungen und Anstalten aufgeführt und die weitere Verwaltung in der frühern Weise garantirt wurde, daß die Verwaltungs- und Geschäftssprache von jeher deutsch war, dessen will ich, obschon von diesen Gesichtspunkten aus die Sache politisch und rechtlich zu beurtheilen ist, kaum erwähnen. Vor der Incorporations- und Danisirungswuth der in Kopenhagen regierenden eiderdänischen Partei existiren weder Recht, noch Eigenthum, noch politische Verträge. Das wissen Sie ja!

Daß auf die 600 Kranken, welche durchschnittlich in der Anstalt sind, höchstens 50 kommen, welche dänisch sprechen oder von den dänischen Inseln gebürtig sind, daß also auch nicht das geringste Bedürfniß vorhanden ist, die Anstalt zu danisiren, davon will ich auch nicht sprechen. In den sogenannten gemischten Districten, wo dänisch gepredigt, dänisch confirmirt, in dänischer Sprache das Abendmahl gereicht wird, wo man in den Schulen die Kinder in dänischer Sprache unterrichtet, welche die Kinder nicht verstehen, ist ja noch weit weniger ein Bedürfniß zur Einführung der dänischen Sprache da. Sie haben ja diese Districte selbst bereist und selbst gefunden, daß in einem sogenannten gemischten Districte höchstens vier oder fünf alte Leute leben, welche vor fünfzig Jahren auf der Flotte oder in der Armee dienten, welche das Dänische verstehen. Genug, bald nach jener Bekanntmachung, wodurch die nationale Selbständigkeit und die nationalen Rechte Schleswig-Holsteins garantirt wurden, wurde eine eigene Medicinalbehörde für Schleswig errichtet und an die Spitze derselben ein Medicinaldirector Schleißner gestellt, einer der fanatischsten und rücksichtslosesten Eiderdänen, der selbstverständlich sofort der Sprachpropaganda die eingehendste Aufmerksamkeit und Thätigkeit zuwandte, mit großer Rücksichtslosigkeit das Recht der Communen vernichtete, Armenärzte anzustellen, und sowohl diese Stellen wie diejenigen der Kreisphysici mit ihm und der danisirenden Tendenz huldigenden Subjecten besetzte.“[1]

„Ist das derselbe Schleißner, der den unglücklichen Karberg ruinirte?“

„Derselbe.“

„Derselbe, der auf ganz ähnliche Weise den Apothekern in Husum und Quere ihre Apotheken nahm?“

„Immer derselbe. In der richtigen Consequenz eines solchen Verfahrens kam es auch zu der Danisirung der Irrenanstalt. Weil das Personal dieser Anstalt aus geborenen Holsteinern und Schleswigern bestand, wie es freilich die Natur der Sache mit sich brachte, und weil von diesem Personal die Benutzung der Anstalt zu den Zwecken der dänischen Sprachpropaganda nicht zu erwarten stand, so mußte eine der beliebten „Consequenzen des Sprachrescripts“ in Bewegung gesetzt werden. Weil sich unter 569 Kranken damals gerade 31, also etwas weniger als der achtzehnte Theil, aus dem willkürlich geschaffenen gemischten Districte befanden, betrachtete man das den Herzogthümern Schleswig und Holstein gemeinsame, in einem rein deutschen Districte gelegene Institut als, den Regeln für die gemischten Districte unterworfen und führte in demselben „die Gleichberechtigung der Sprachen“ in dem bekannten Sinne durch.

Die deutsche Direction wurde nun durch eine dänische ersetzt. An die Spitze derselben trat der durch seinen Eifer für die dänische Sprachpropaganda berühmt gewordene Renegat, Amtmann Holstein, der zu dem Propst Thieß auf die Vorhaltung, daß er doch die Rechte seiner Muttersprache bedenken sollte, erwiderte: „Gerade herausgesagt, ich schäme mich meiner Nationalität!“[2] und an die Stelle des seit Jahren in der Anstalt wirkenden Physikus Klinck ein Unterarzt aus der dänischen Armee, ein fanatischer Däne, Namens Hauschultz. Beide räumten nun in der Anstalt auf. Die Stellen des dritten und vierten Arztes wurden ohne Weiteres als vacant angezeigt. Die Stelle des dritten Arztes hatte Dr. Sager aus Schleswig inne, welcher bereits sieben Jahre zur besonderen Zufriedenheit seiner Vorgesetzten an der Anstalt gewirkt hatte. Dem Dr. Sager wurden Seitens der Direction die Fragen vorgelegt, ob er während des Aufstandes gegen Se. Majestät die Waffen getragen, ob er Adressen an die schleswigsche Ständeversammlung unterschrieben, ob er als Arzt in der Insurgenten-Armee gedient habe? Dann wurde ihm, weil er als Arzt in der Insurgenten-Armee gedient habe, am 17. Mai 1859 angezeigt, daß er am 31. Mai gehen könne, daß er seiner Stelle verlustig sei.“

Das war doch selbst für mich, der ich täglich derartige Dinge hörte, etwas zu stark. „Was?“ rief ich, „in dieser Weise hat der ehemalige Unterarzt der dänischen Armee einen der gelehrtesten und verdienstvollsten Irrenärzte im ganzen Lande behandelt? So jagt man ja keine Dienstboten fort …“

„Es ist wörtlich so, wie ich Ihnen erzähle. Wenn Sie wieder nach Schleswig kommen, fragen Sie Dr. Sager selbst, ob es nicht so war.[3] Aber hören Sie weiter. „Der Mensch hat ja deutsche Gefühle!“ rief der ehemalige Unterarzt der dänischen Armee, der seiner medicinischen Kenntniß und Befähigung nach höchstens eine Stelle als Heilgehülfe beim Dr. Sager einnehmen könnte, als ihm im Interesse der Anstalt die dringendsten Vorstellungen gemacht wurden, den verdienstvollen Arzt nicht zu entlassen. An seine Stelle trat ein Candidat der Medicin aus Kopenhagen, Namens Sternberg. Der Reservearzt Dr. Kroll wurde, obschon er der dänischen Sprache vollkommen mächtig war, ohne Weiteres fortgejagt. Er hatte in Kiel studirt und war ein geborner Schleswiger, darin lag ja Vorwurf genug. Auch an seine Stelle trat ein geborner Däne. Sie können sich denken, was das jetzt für eine Wirthschaft in wissenschaftlich-medicinischer Beziehung an der Irrenanstalt sein muß. Man wird doch wahrhaftig nicht so über Nacht aus einem ganz gewöhnlichen Candidaten der Medicin oder aus einem Unterarzt der Armee ein guter Irrenarzt. Noch mehr! Auch der an der Anstalt seit einer Reihe von Jahren fungirende deutsche Prediger wurde fortgejagt – denn anders kann man eine Entlassung, wie die des Dr. Sager, doch nicht nennen – und durch den dänischen Garnisonsprediger in Schleswig ersetzt. Der weggejagte deutsche Prediger verstand und sprach das Dänische vollkommen. Aber darauf kam es ja nicht an. Der neue dänische Prediger ist eines der fanatischsten Werkzeuge der dänischen Sprachpropaganda in dem unglücklichen Lande.“[4]

[27] „Nun war das Personal vorhanden,“ fuhr er in seiner Schilderung fort, „die gefügigen Werkzeuge waren da, die Danisirung begann. Die Direction decretirte, daß die Correspondenz der Aerzte über Kranke aus dem dänischen Theil des Herzogthums ausschließlich dänisch, über solche aus den gemischten Districten, wenn die Vorfragen in dänischer Sprache geschehen seien, ebenfalls in dänischer Sprache stattfinden solle. Bis dahin war die ganze Correspondenz natürlicherweise deutsch geführt worden. Die beiden deutschen Aerzte, welche nach der von Hauschultz vorgenommenen Purificirung noch übrig geblieben waren, besaßen gar nicht die Fertigkeit, dänische Episteln oder gar wissenschaftliche Gutachten in dänischer Sprache zu schreiben. Ueber Nacht konnten sie das auch nicht lernen – und sie wollten es auch gar nicht lernen. Aber der dänische Director einer Anstalt, welche danisirt werden soll, weiß sich zu helfen. Er beauftragte den dritten, neu angestellten dänischen Arzt, die Berichte des ersten und zweiten Arztes zu übersetzen, oder auch, wenn er damit nicht fertig werden könne, dieselben in deren Namen selbstständig nach einem mündlichen Referat abzufassen.“

„Erlauben Sie,“ unterbrach ich unwillkürlich wieder den Erzähler, „das ist widersinnig! Von einer Glaubwürdigkeit eines wissenschaftlichen und gerichtsärztlichen Gutachtens kann doch da gar keine Rede sein. Auch kann ja ein Arzt unmöglich die Verantwortung für eine von einem Dritten verfertigte Uebersetzung in einer Sprache, welche er selbst gar nicht versteht, übernehmen.“

„Darauf kommt es ja auch gar nicht an,“ erwiderte er. „Die beiden an der Anstalt noch übrig gebliebenen deutschen Aerzte sind aber durch diese Maßregel in ein höchst drückendes Abhängigkeitsverhältniß zu dem dritten dänischen Arzt gebracht; darauf kommt es an. Das dänische Element soll im Irrenhause gehoben und das deutsche Element soll unterdrückt werden. Genug, seit zwei Jahren ist die Verwirrung im Irrenhause maßlos. In die Krankenjournale schreiben die dänischen Aerzte dänisch, die deutschen deutsch, und wenn der ehemalige Unterarzt der Armee, jetziger Director des Irrenhauses, die beiden deutschen Aerzte amtlich anredet, so geschieht dies immer in dänischer Sprache.“

„Aber Dr. Rüppell und Dr. Gaye verstehen doch kein Dänisch?“

„Das thut ja nichts, sie antworten in deutscher Sprache, natürlich falls sie die Frage überhaupt verstanden haben. Aber ihres Bleibens ist nicht mehr lange. Dr. Rüppell hat schon seit 30 Jahren mit großer Auszeichnung in der Anstalt gewirkt und ist ein vortrefflicher Irrenarzt. Das thut zur Sache nichts. Der dänische Medicinal-Director in Flensburg hat ihm bereits seine Erwartung ausgesprochen, daß er binnen zwei Jahren fertig dänisch sprechen und schreiben müsse, widrigenfalls er gehen könne.“

„Und nun studiren Dr. Gaye und Dr. Rüppell wahrscheinlich fleißig dänisch, überhören sich die Declinationen und lesen zusammen in dem famosen Buch für höhere Schulen von Lorenzen?“ fragte ich lachend.

„Nein, das thun sie nicht. Beide sind Männer von Ehre und Charakter. Sie haben dem ehemaligen Unterarzt in der dänischen Armee bereits erklärt, daß sie die Danisirung der Anstalt mit Rücksicht auf das Interesse der unglücklichen Kranken vor ihrem Gewissen nicht mehr verantworten können und, falls nicht bald eine Aenderung eintrete, selbst ihre Entlassung fordern würden.“[5]

„Aber kann denn dieser Medicinal-Director in Flensburg mit dem Medicinalarzte umspringen, wie er will? Das ist doch unerhört. Giebt es denn in Schleswig kein Sanitätscollegium?“

„Er macht mit dem ganzen Medicinalwesen, was er will. Sie wissen ja, wie den deutschen Apothekern in Husum, Quere und Apenrade ihre Apotheken weggenommen wurden. Das war sein Werk. Daß die Aerzte, welche als Physici im Herzogthum angestellt sind, ganz nach seiner Pfeife tanzen müssen, versteht sich von selbst; sonst werden sie fortgejagt. Ein Einwohner in Schleswig, der mehrere unheilbare Schwachsinnige verpflegt und einen deutschen Arzt als Hausarzt angenommen hatte, wurde vor den Physikus citirt und ihm bedeutet, statt seiner einen dänischen Arzt aus der Garnison zu engagiren. Der Mann mußte seiner Existenz wegen natürlich gehorchen. Das Sanitäts-Collegium sagt zu dem Allen nichts; es ist dem dänischen Medicinal-Director untergeordnet und ist künstlich aus dänischen Elementen zusammengesetzt. Um die deutschen Aerzte in ihrem Erwerb zu beeinträchtigen, darf eine Commune nicht einmal einen Armenarzt engagiren, den er nicht bestätigt hat. Natürlicherweise bestätigt er niemals deutsche, sondern nur dänische Aerzte. Neulich wollte er einen deutschen Arzt in Schleswig nur deshalb nicht als Armenarzt bestellen, weil er eine Adresse an die Ständeversammlung unterzeichnet habe.“

„Aber unter solchen Umständen darf man ja in Schleswig gar nicht mehr krank werden!“

„Gewiß nicht, wenigstens nicht, wenn man sich nicht der Gefahr aussetzen will, von einem unwissenden dänischen Arzte behandelt zu werden; denn die ehrenwerthen und wirklich wissenschaftlich gebildeten dänischen Aerzte gehen nicht nach Schleswig. Aber wundert Sie das? Man kann in Schleswig ja auch nicht mehr die Kirche besuchen. Es wird ja dänisch gepredigt. Wir können unsere Kinder ja auch nicht mehr in die Schule schicken. Sie werden ja dänisch unterrichtet. Warum sollen wir denn nicht an dänischen Aerzten sterben?“

Es war zehn Uhr geworden. Ich ging durch die stillen Straßen nach Hause und dachte auf dem Rückwege wieder an den Arzt in San Servolo, der keine Ketzer und keine politischen Feinde kannte – und an Deutschland, wo man über das Schicksal der Madiai’s und des Judenknaben Mortara weinte, wo der fingirte Schmerz einer Negermutter Tausenden von schönen Augen Thränen entlockte, und wo man für das Dulden des verlassenen Bruderstammes kaum noch eine Minute der Erinnerung übrig hat! Gustav Rasch.     


  1. So charakterisirt den Medicinaldirector Schleißner wörtlich die Preußische Denkschrift.
  2. So wörtlich die preußische Denkschrift.
  3. Herr Dr. Sager bestätigte mir bei meiner Anwesenheit in Schleswig wörtlich dasselbe. G. R.     
  4. So wörtlich die Preußische ministerielle Denkschrift.
  5. So wörtlich in der preußischen ministeriellen Denkschrift.