Das Thierleben an der Eisenbahn

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Autor: unbekannt
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Titel: Das Thierleben an der Eisenbahn
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aus: Die Gartenlaube, Heft 3, S. 41–43
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Tierleben und Eisenbahn
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Das Thierleben an der Eisenbahn.


Eine der interessantesten Erscheinungen der Neuzeit erkennen wir in der Art und Weise, wie die freilebenden Thiere sich dem heutigen Culturleben gegenüber verhalten. Wir sehen viele derselben den stillen grünen Wald, die friedlichen Fluren, wo früher Nahrungstrieb und ererbte Gewohnheit sie sich heimisch fühlen ließen, jetzt mit dem Aufenthalt in der Nähe der geräuschvollen modernen Schöpfungen vertauschen; hier suchen sie in ganz neuer Umgebung ihren Unterhalt und lassen sich sogar unter oft recht erschwerenden Umständen häuslich nieder. Dies Alles bietet viel Anziehendes, besonders dem Thierfreunde, welchem die Thiere alle eben nur „jüngere Brüder“ sind, mit Geist und Verstand von der Mutter Natur begabt so gut wie das sternenmessende aufrechtgehende Geschöpf, der Mensch.

Als allenthalben der Eisenbahnbau begann, sah mancher eifrige Jäger und Grundbesitzer mit verbissenem Groll auf die sein Besitzthum durchwühlenden Erdarbeiten, welche dem Dampfwagen einen Weg bereiten sollten. Blutenden Herzens schaute er den durch die Arbeiter und ihr reges Treiben verscheuchten Hühnern und Hasen nach; vor seinem Geiste stand schon das schreckliche Bild des Augenblicks, wo durch den einem Sturmwind gleichenden Bahnzug alles thierische Leben aus der Gegend hinweggefegt sein würde. Im Anfange war auch das schnaubende, dampfende Ungeheuer mit dem markerschütternden Schrei und den windschnellen Füßen eine schreckliche und beängstigende Erscheinung, welche die freien Thiere rasch in ruhigere Gefilde trieb. Aber gar bald erkannten die eingeschüchterten Thierseelen in dem schwarzen Riesenpferde mit seiner polternden Wagenreihe eine friedlich vorüberziehende Colonne, die regelmäßig kommt und geht und Niemandem Leid zufügt. So wurde dem anfangs fast gespenstischen Zuge durch die Gewohnheit nach und nach das Schreckhafte genommen. Die Locomotive versetzt heute selbst den Hasen in keine Aufregung mehr; ruhig liegt er in der nahen Ackerfurche und läßt den Zug ohne das geringste Zeichen der Angst vorübertoben, dann und wann hebt er höchstens den einen Löffel etwas empor, um sich zu vergewissern, ob der Lärm auch der wohlbekannte ist. Sehr häufig hat er sein Lager in den mit Gebüsch bewachsenen trockenen Bahngräben, wobei es sich zuweilen ereignet, daß der Locomotivführer einen Hasen, welcher sich in einem solchen Lager aufgerichtet hat und noch erregt und gestreckt dasitzt, zweifelhaft, ob er bleiben oder fliehen soll, mit den an der Seite der Maschine befindlichen Probirhähnen voll Wasser spritzt und dadurch natürlich in die eiligste Flucht treibt. Dies mögen indessen noch Junge sein oder Halberwachsene, denn die Alten wissen, wie bekannt, die Gefahren gut abzuschätzen und bleiben gewöhnlich ruhig liegen, es mag vorgehen was will, sobald es nur nicht ihrer Sicherheit zu nahe tritt. Die Dampfpfeife ist jedoch den zartbesaiteten Ohren Lampe’s stets ein unausstehlicher Klang geblieben und er ergreift fast immer sein Panier, wenn er, im Winde liegend, ihren scharfen Ton vernimmt.

Zur Zeit der Liebe, welche in allen Hasenherzen hoch empor zu flammen pflegt, besonders im Frühjahr, müssen freilich manche der Entbrannten ihr Leben auf der eisernen Schiene lassen, wenn sie in hitziger Verfolgung irgend einer Schönen nach ihrer Gewohnheit toll darauf losrennen, dann bei ihren Kreuz- und Quersprüngen auch auf die Bahn und unter die Räder eines Zuges gerathen. Oft büßen sogar zwei oder drei der edlen Krautjunker zusammen auf diese leichtsinnige Weise ihr Leben ein.

Nach dem Hasen verdient das Rebhuhn erwähnt zu werden, weil es, das Unglück des Hasen theilend, wie dieser einer eifrigen Verfolgung unterliegt und dadurch höchst scheu und furchtsam geworden ist; aber gerade das Rebhuhn benimmt sich in der Nähe der Bahnen und bei dem Nahen eines Zuges mit einer wahrhaft staunenswerthen Unbefangenheit, ja beinahe Dreistigkeit und übertrifft darin wohl alle zahmen Thiere, den Hund etwa ausgenommen. Es sieht allerliebst aus, so ein Völkchen Hühner zu beobachten, welches unmittelbar drei bis vier Schritt vor den Rädern der nahenden Maschine geschäftig über die Schienen trippelt, in den Bahngraben hinabläuft, hier ruhig stehen bleibt und seitlich gebogenen Halses die Wagen anschaut, bis der letzte vorüber ist. Oefters bemühen sie sich aber gar nicht einmal in den Bahngraben hinab, sondern rennen ungestört auf dem Nebengeleise weiter, als sei gar nichts vorgefallen. Im Winter, wenn die Fluren hoch überschneit sind und die Bahnstrecke allein, mit großer Anstrengung freilich, von den hemmenden Schneemassen freigehalten wird, sind diese Vorfälle tägliche und häufige Erscheinungen. In dieser Jahreszeit bevorzugen sie auch die stufenartigen Bahndämme und die Böschungen der Einschnitte, auf deren schiefen Flächen die schrägen, matten Wintersonnenstrahlen den Schnee zuerst wegwärmen und dadurch den hungrigen Thieren freie Stellen bieten, auf denen sie zugleich das wenige karge Futter finden. In den Einschnitten sitzen sie dann auf der vor dem Winde geschützten Seite mit aufgeblasenem Gefieder zusammengehockt, oder sie rennen auf den Terrassen hin, um Nahrung zu suchen.

Die vor Wind und Wetter schützenden Bahneinschnitte sind überhaupt der beliebte und gesuchte Aufenthalt nicht blos der Hühner, sondern auch der Hasen. In dem hohen Einschnitte zwischen Werdau und Zwickau in Sachsen in der Nähe der hölzernen Ueberbrückung hatte ein Hase im Winter sein Lager aufgeschlagen und ließ sich aus demselben selbst dann noch nicht vertreiben, als man von einem vorüberfahrenden Zuge aus mit Steinkohlen nach ihm warf.

Auch für diese Bevorzugung der Eisenbahnstrecken haben freie Thiere ihren guten Grund. Bekanntlich dürfen die Bahnpfade nur gegen besondere Erlaubniß und Erlangung einer Karte begangen werden, das Betreten und Erklettern der Böschungen und Dämme selbst aber ist so streng verboten, daß jeder Bahnwärter und Bahnbeamte überhaupt den Zuwiderhandelnden festzunehmen hat. Deshalb herrscht in unmittelbarer Nähe der Eisenbahnen eine gewisse Ruhe und Sicherheit und diese ist’s, die von den Thieren ausgenutzt wird. Eben darum befindet sich der Wurf der Hasen und das zahlreiche Gelege der Rebhühner nicht selten in dem hart an der Bahn wachsenden Gestrüpp und Gesträuch, und die beflaumten Jungen der letzteren sieht man öfters in dem Bahngraben dahinlaufen, kleinen gelben Kugeln vergleichbar.

Eine große Anzahl dieser unschädlichen kleinen Hühner finden alljährlich ihren Tod an den an der Eisenbahn hinziehenden Telegraphendrähten, und zwar besonders bei Nacht, in der Dämmerung oder bei Schneegestöber und Nebel, denn am Tage wissen sie den gefährlichen Drähten recht geschickt auszuweichen. Oft findet man die Glieder eines zahlreichen Volkes todt oder schwerverwundet am Boden liegen, die, in der Nacht von irgend einer Wahrnehmung aufgescheucht, ihr gerader schwirrender Flug an die straffen Drähte führte.

Das zutrauliche furchtlose Wesen der Hühner und der Hasen ist indeß nicht ohne Ausnahme; manche dieser Thiere gebehrden sich einem nahenden Zuge gegenüber so ängstlich und erschreckt, wie man es von ihnen kaum anders erwarten kann; diese Ausnahmen können jedoch nur von solchen Thieren herrühren, welche der Zufall das erste Mal mit der Bahn zusammenführte. So ereignet es sich wohl, daß ein Hase, der sich in dem mit saftigerem Grün bestandenen Bahngraben äßt, vor einem nahenden Zuge plötzlich schnell aufspringt und im Graben hin der brausenden Maschine zu entfliehen sucht. Natürlich wird er trotz aller seiner Anstrengungen eingeholt und springt nun, dadurch kopflos gemacht, gar über die Schienen und rennt auf der andern Seite im Graben weiter, freilich mit demselben Erfolge; endlich aber biegt er mit verzweifelten Sprüngen zur Seite aus, macht sich in langen Sätzen noch ein Stück davon, bleibt dann von Zeit zu Zeit sitzen, um zu äugen und auf den schnaubenden Verfolger zu lauschen, und drückt sich schließlich erschöpft in eine Vertiefung.

Vor Allem ist es aber ein Thier, welches sich nicht blos mit dem lärmenden Treiben auf den Eisenbahnen vollkommen ausgesöhnt, sondern auf ihnen sich wirklich eingebürgert hat, seine Wohnungen an und sogar unter dem Schienenweg anlegt, in den Bahnhöfen sein Wesen treibt und immer neue Colonien gründet. Es ist das wilde Kaninchen.

Auf mehreren Bahnhöfen Sachsens ist es recht häufig und hat hier gewöhnlich unter den aufgehäuften hölzernen Schienenunterlagen, den Schwellen, seinen Aufenthalt. Auch auf der Bahnstrecke selbst ist es zu Hause und hat sich daran und darin seine weitverzweigten Baue ausgegraben. Es bevorzugt die sandigen [42] Stellen und die Morgenseite und die Umgebung fruchtbarer Felder und Wiesen. An manchen Orten, wo diese Bedingungen zusammenkommen, wie in der Nähe von Altenburg bei dem Bahnwärterhause Nr. 33, hat es Ansiedlungen von ungewöhnlichem Umfange angelegt und wühlt hier schlimmer als der rotheste Umstürzler.

Im Gebirge sieht man es aber nicht mehr, wahrscheinlich erschwert ihm der felsige Boden, der harte Untergrund die Anlage seiner Wohnungen; vielleicht bevorzugt es auch aus Erhaltungstrieb die fruchtbare Ebene, denn in den flachen Gegenden von Leipzig bis Altenburg und bei Riesa an der Elbe bevölkert es die Bahnlinie am liebsten. Die verschiedenen Baue sind zwar nicht unmittelbar neben einander, sondern man trifft die nächsten Wohnungen erst in ziemlicher Entfernung wieder an, weil sich die Thiere bei Anlage derselben nach dem Boden und der leichteren Ernährung richten. Gleichwohl sind sie als ein fortlaufendes Ganze zu betrachten und als ein Product der Neuzeit, denn beim Baue der Eisenbahnen waren sie noch nicht da; sie haben sich indeß im Zeitraume von einigen zwanzig Jahren über meilenlange Strecken ausgebreitet und werden bei der Schwierigkeit der Jagd, der Klugheit des Thieres und bei seiner großen Fruchtbarkeit auch nicht so leicht eine Verminderung erfahren.

Da nun, wie schon gesagt, auf den von diesen Geschöpfen bewohnten Plätzen, an der Bahn selbst, eine gewisse Ruhe und Sicherheit herrscht, die längst gewohnten vorbeifahrenden Züge mit den herausschauenden Menschenaugen ihnen aber keine Unruhe verursachen, so zeigen sie sich auch hier ohne Scheu, besonders wenn sie viele Junge haben, obgleich sie bei aller Spielerei ihre Sicherheit nie aus den Augen lassen.

An schönen windstillen Sommermorgen, wenn die Strahlen der hochstehenden Sonne anfangen die Halmspitzen und Blumenkelche abzutrocknen und der frische grüne Rasen einladend jeder Creatur entgegenschwillt, sitzen sie mit steifen Ohren, hie und da von einer Schaar neugieriger Jungen umringt, vor ihren Eingangsröhren und lassen sich von der Morgensonne bescheinen, während es in den nächsten Sträuchern herumhüpft und von Kräutern und Aestchen nascht oder an ihnen herum schnüffelt. Endlich fangen sie an zu spielen und sich mit der ihnen eigenen Behendigkeit herumzujagen, während die ängstliche Frau Mama ruhig sitzen bleibt, äugt, lauscht und für die Sicherheit der munteren Schaar wacht. Plötzlich klopft sie rasch mehrere Male hintereinander mit den Hinterläufen auf den Boden und verschwindet, von einem verdächtigen Geräusch verscheucht, in der nahen kleinen Erdhöhle. Ihr folgen kopfüber die nahen Kleinsten und gleich darauf die ganze Schaar.

Aber bald schaut da und dort ein Kopf mit hellen Augen aus dem Erdboden und nicht lange darauf kommt Eins nach dem Andern zögernd hervorgekrochen, um das lustige Leben noch eine Weile fortzutreiben. Züge kommen und gehen und stören sie nicht, Rauchwolken hüllen sie ein, es beirrt sie nicht, höchstens flieht ein Junges, die Uebrigen setzen sich, wie man es an den zahmen Kaninchen häufig sieht, auf die Hinterbeine, nehmen den Kopf zwischen die Vorderpfoten und fangen an sich wieder abzuputzen und zu waschen. Dagegen werden sie vor einer menschlichen Gestalt, vor dem plötzlichen Pfiff der Locomotive und vor jedem ungewohnten Geräusch am vorbeifahrenden Zuge augenblicklich verschwinden. An manchen Orten führen die Baue unter der Bahn selbst hin; die Erschütterung, welche die kleinen Geschöpfe und ihre Wohnungen demnach auszuhalten haben, muß eine ganz gewaltige, nur mit einem Erdbeben zu vergleichen sein, hauptsächlich wenn ein langer Güterzug darüber fährt. Von diesen langsam gehenden Zügen lassen sich derartige Beobachtungen überhaupt viel häufiger und leichter machen, als von den mit weit größerer Schnelligkeit fahrenden Personenzügen. Der bedeutende Luftzug der letzteren verscheucht Alles und wirkt höchst störend. Wie gewaltig er oft ist, kann man am besten daraus sehen, daß Vögel, welche quer über den Zug hinwegfliegen wollten und in seinen Bereich kamen, auf die Wagen herabgerissen wurden; eine Bachstelze legte auf diese Weise einmal eine unfreiwillige Fahrt von zehn Minuten zurück, ehe es ihr glückte wieder davon zu fliegen. Die schwerfälligen Krähen meiden daher auch sorgfältig diesen Luftstrom; nur die fluggewandte Taube scheut ihn nicht.

Den Vögeln und den andern freilebenden Thieren geben auch die als Schneeschutz angepflanzten dichten Fichtenzäune in der rauhen Jahreszeit eine bequeme oft benutzte Herberge und sind überhaupt im Winter, namentlich im Gebirge, die bevorzugten Schlafplätze des Rothhänflings, des Birkenzeisigs (des sogenannten Tschätschers) und anderer nordischen Wintergäste, sowie die fortwährende Zufluchtsstätte des Feldsperlings, des Ammer u. a. m., im Sommer und Frühling aber die Brutplätze aller dichtes Gestrüpp liebender Vögel. Der dreiste Ammer sitzt oft unbeirrt um das Wagengerassel auf den Telegraphendrähten und läßt sich weder durch den Luftzug noch durch den Rauch im Vortrage seines einförmigen Liedchens stören.

Der klugen Saatkrähe darf hier auch nicht vergessen werden, denn sie fühlt sich zu manchen Zeiten fast unwillkürlich zur Bahn gezogen, und ihrer Neugierde ist es gelungen, den jetzigen Verkehrsanstalten einen ganz neuen Erwerbszweig abzugewinnen und eine Nahrungsquelle zu entdecken, die sogar den meisten Naturforschern noch unbekannt sein dürfte. Im Winter, wenn Schnee und Eis den sonst stets offenen Tisch der Natur selbst diesen pfiffigen Vögeln und Allesfressern unzugänglich gemacht haben und sie der Hunger in Städte und Dörfer treibt, sitzen die Saatkrähen an der Bahn auf den nächststehenden Bäumen, oder gehen mit wichtiger Miene, trotz nagendem Hungers, auf den benachbarten Feldern umher, den nahenden Zug mit größter Aufmerksamkeit betrachtend, wobei sie den Kopf in drollig neugieriger Weise zur Seite biegen und schelmische Blicke auf den kommenden werfen. Kaum ist aber der letzte Wagen an ihnen vorüber, so erhebt sich krächzend die schwarze Schaar und eilt mit hastigem Flügelschlag auf die wieder einsam gewordene Bahnfläche. Hurtig suchend hüpft sie auf den Schienen herum, oder geht, emsig spähend und mit dem Schnabel Alles ernsthaft untersuchend, an den Schienen hin und her, zuweilen einen Gegenstand aufhebend und verschlingend. Das Schütteln und Rütteln des Zuges mag hin und wieder ein Körnchen aus den Wagen fallen lassen oder durch einen kleinen Spalt gedrängt haben. Aber auch aus den Achsbüchsen wird zuweilen das darin befindliche Rüböl mit Schmutz vermischt herausgespritzt und geschleudert; die Kälte macht aus diesen Tropfen kleine zähe Kugeln, die das scharfe Auge der Krähe auf dem weißen Schnee entdeckt. Doch nur im Winter, wenn es nichts Besseres mehr giebt, verschlingt sie diese ölige Speise.

Die Schwester der Saatkrähe, die sogenannte Dohle oder Thurmkrähe, hat sich in den Viaducten und Brücken häuslich eingerichtet; die verschiedenen zur Lüftung und zum Wasserabfluß dienenden Maueröffnungen und Löcher sind ihre luftigen, schwer zugänglichen Wohnungen. So hatte sie unter Anderem in der Zschopaubrücke zwischen Waldheim und Döbeln in Sachsen und in der von den Preußen im letzten Kriege zerstörten Brücke bei Ostrau besonders zahlreiche Nester. Die Dohle umkreist jetzt nicht mehr allein die alten Kirchthürme und die zackigen Gipfel unserer ehrwürdigen Dome, auch um die schlanken Pfeilerbauten der kühngeschlagenen Eisenbahnbrücken schwingt sie sich leichten Fluges in anmuthigen Wendungen. Der Thurmfalk beginnt ebenso, in diesen von der ungeheuren darüber hinziehenden Last durchzitterten Bauten seinen Horst aufzuschlagen; die kühnen Segler der Lüfte sind herab in’s Thal gestiegen. Selbst die licht- und menschenscheue Eule hat die poesiereichen Burgreste und einsamen dunklen Schluchten verlassen, um in der vom geschäftigen Gewühl und Geräusch durchbebten und Abends hell erleuchteten Bahnhofshalle ein neues Leben zu führen.

Das gewiß auffällige Ereigniß einer solchen Eulen-Umsiedelung hat sich in Leipzig selbst zugetragen, und zwar auf dem bairischen Bahnhofe. Dort hatten sich die Sperlinge und auch die Tauben in dem Balken- und Fachwerke des Daches der großen Bahnhofshalle so zahlreich angesiedelt, daß sie den Passagieren durch ihren herabfallenden Unrath und den beständigen Lärm beschwerlich wurden und kein gegen die lustige Gesellschaft ergriffenes Mittel recht anschlagen wollte. Da erschien eines schönen Tages oder vielmehr eines Abends eine Schleiereule, siedelte sich fest an, bald war ein Paar zusammen und diese nächtlichen Häscher übten dann zusammen das Amt der heiligen Hermandad so nachdrücklich unter dem scandalsüchtigen Spatzenvolke aus, daß Ruhe und Friede wurde. Auch die Tauben, durch die gegen sie allnächtlich geführten blutigen Angriffe geängstet, zogen aus, und was von Sperlingen da blieb, retirirte in die unzugänglichsten Ritzen und Löcher. Der Horst dieser Raubvögel ist in dem südöstlichen Winkel der Halle, wo sie unter dem speciellen Schutze des thierkundigen Inspectors stehen. Dadurch ist es der Frau Eule auch möglich geworden, [43] zweimal jährlich zu brüten. Wenn sie Junge haben, kann man sich erst einen Begriff von der Thätigkeit dieser Thiere machen; fortwährend wird Beute zugetragen, was man beim Scheine der Gasflammen deutlich sehen kann; wenigstens ein halbes Schock Wirbelthiere, Mäuse, Spatzen, werden alle Abende herbeigeschleppt, und jeden Morgen liegt dann das Gewöll, d. h. die von den Raubvögeln durch den Schlund wieder herausgegebenen Feder-, Haar- und Knochenballen, in ziemlicher Menge auf dem Boden.

Wie sich die zahmen Thiere, die Hausthiere etc. in der Nähe der Eisenbahnen und der Züge oder während des Transportes benehmen, darüber läßt sich weniger sagen, weil die Bewegungen derselben meistens unfreiwillige sind und von dem Willen des Menschen abhängen, wie u. a. bei den Thiertransporten. Alle transportirten Thiere, als Rinder, Pferde, Schweine, Vögel etc. unterliegen dem ihnen fremden, aber erschlaffenden Eindrucke des Transportes regelmäßig und verbleiben meist in einer Ruhe, die aus Einschüchterung und Abspannung entspringt. Ausgenommen sind alle diejenigen, welche öfters befördert werden, so Reit- und Kutschpferde, Menageriethiere etc. Eine besondere Aufmerksamkeit verdienen die verständigen Hunde. Sie allein geben kein Befremden kund, sie begleiten ihren Herrn bis an den Bahnhof, an den Wagen und gehen dann wieder ruhig nach Hause. Mancher treue Hund will sich indessen damit nicht begnügen und glaubt, er könne wie bei einer Kutsche hinterdrein laufen, muß aber natürlich bald von diesem Vorhaben abstehen, obgleich auch Fälle vorgekommen sind, daß Hunde dem Zuge von einer Station zur anderen nachrannten und dann auf demselben Wege wieder heimkehrten.

Andere, wie die Hunde verschiedener Jäger, Jagdpächter und Fleischer, welche die Bahn oft benutzen, oder mancher Hundeliebhaber, die sich von ihrem treuen Thiere durchaus nicht trennen können und dasselbe stets auf der Reise bei sich haben, zeigen die ganze Sicherheit ihrer Herren, laufen selbst an den zu ihrem Aufenthalt bestimmten Hundekasten, warten dort, bis der Schaffner kommt und ihnen öffnet, springen hinein und fangen zu lärmen an, wenn ihnen an dem wohlbekannten Reiseziel nicht sogleich geöffnet wird.

Die Thiere, welche mit ihren Herren ihren Aufenthalt in der Nähe der Bahnen haben oder, wie Pferde und Ochsen, in ihrer Nähe arbeiten müssen, verlieren auch bald die anfängliche Scheu, so daß sie darin den wilden, freilebenden Thieren vollständig gleichen; ruhig sitzt die Katze vor dem Mäuseloche, dasselbe halb zugekniffenen Auges betrachtend, und der vorbeibrausende Zug stört ihre Aufmerksamkeit ebensowenig, wie sich die Kuh auf dem nächsten Felde nur im Geringsten im Fressen und Wiederkäuen stören läßt.

Der Fortschritt ist also auch unter den Thieren bemerkbar. Wie der Mensch gehen sie gleichgültig an den gewaltigsten Erfindungen der Neuzeit vorüber, wie der Mensch sind sie vertraut geworden mit dem schnaubenden Zeitgeist unserer Tage; es dürfte daher auch der Einfall eines Thierfreundes, wenigstens für die Hunde bei den Zügen verschiedene Classen einzuführen, damit der Neufundländer des ehrenwerthen Lords und der zarte Seidenhund der Cameliendame nicht mehr mit dem ordinären Spitz und dem rohen Zughunde zusammenfahren müssen, weil dieses denselben Mißklang gäbe, als wenn eine feine junge Dame in ein Coupé voll betrunkener, fluchender Matrosen geriethe, den ungetheilten Beifall aller Gerechten haben.