Hauptmenü öffnen

Das Theater und sein Einfluß auf das Volk

Textdaten
<<< >>>
Autor: Roderich Benedix
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Das Theater und sein Einfluß auf das Volk
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 22, S. 340-343
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[340]

Das Theater und sein Einfluß aus das Volk.

Von Roderich Benedix.


Kunst und Wissenschaft werden sprichwörtlich immer zusammen genannt. Kunst und Wissenschaft sind es, welche die Völker aus dem Zustande der Barbarei in den der Civilisation überführen, sie sind das ehrendste Zeugniß für ein Culturvolk. Kunst und Wissenschaft befördert zu haben, ist das schönste Lob, das die Geschichte einem Fürsten ertheilt. Man sollte meinen, daß Kunst und Wissenschaft als die höchsten Güter der Menschheit im Volksbewußtsein anerkannt würden. Und doch ist das nicht so der Fall, wie es sein sollte.

Zunächst ist der äußere Erfolg, den Künstler und Gelehrte im Leben erringen, der möglichst geringfügige und außer allem Verhältniß mit der Bedeutung ihrer Leistungen. Die Fürsten streuen mit verschwenderischer Hand äußere Ehren, Orden und dergleichen auf Militär, Diplomatie und Adel – die Gelehrten werden damit karg, noch karger die Künstler bedacht. Für Militär und Diplomatie ist die Staatscasse ein immer offener, freigebiger Säckel, für Kunst und Wissenschaft ist sie eine geizige Stiefmutter. Der hochverdienteste Gelehrte erhält für seine Leistungen [341] ein Gehalt, das neben dem eines Generals geradezu lächerlich erscheint. Und läßt sich die Nothwendigkeit einer belohnenden Anerkennung gar nicht mehr umgehen, so wird der verdiente Gelehrte mit einem – Titel – abgefunden, während seine Einnahmen oft nicht soviel betragen, als die Rationen für die Pferde eines Generals.

Die Gartenlaube (1862) b 341.jpg

Fanny Janauschek als Medea.

Doch wenn die Fürsten wenig für Künstler und Gelehrte thun, so wird das Volk desto dankbarer sein? Man sollte es denken – und doch ist es nicht so. Zwar steht der Gelehrte hoch in äußerer Achtung, man gesteht ihm einen hohen Rang in der bürgerlichen Gesellschaft zu – aber mit dem äußeren Ertrag seiner Arbeiten sieht es darum nicht besser aus. Selbst der kleinste Bierwirth kann sich ein Vermögen erwerben und die Zukunft der Seinigen sichern, der Gelehrte vermag das selten. Noch trauriger sieht es in dieser Beziehung mit dem Künstler aus. Die Zeit liegt noch gar nicht weit hinter uns, wo die bürgerliche Ehrbarkeit die Kunst für etwas Ueberflüssiges, wenn nicht gar Schädliches hielt, wo der Künstler für ein unnützes Mitglied der menschlichen Gesellschaft gehalten wurde. Essen und trinken kann man die Kunst allerdings nicht, auch sich keinen Rock aus ihr machen lassen – und weiter gingen die Begriffe vom Nützlichen nicht. Je weniger entfernt diese Zeit von uns ist, desto mehr wirken diese alten Vorurtheile noch nach, und es giebt noch heute Menschen genug, die dieselben hegen. Kommen doch viele Leute nicht über die Begriffe von Dingen hinaus, die sich mit Händen greifen lassen. Den Nutzen eines Advocaten, eines Arztes begreifen sie, weil jener Processe führen, dieser das kalte Fieber heilen kann, allein den Nutzen der Naturwissenschaften vermögen sie nimmer einzusehen. Daß unsere [342] ganze Industrie, unser Ackerbau ohne die indirecte Beihülfe der Naturwissenschaften noch auf der untersten Stufe ständen, daß sie gar nicht im Stande wären, die jetzige Bevölkerung der Staaten zu ernähren, bleibt ihnen immer unfaßbar. Noch weniger ist ihnen der Nutzen der Kunst begreiflich. Daß der Mensch sich vorn Thiere auch dadurch unterscheidet, daß er auch andere als körperliche Bedürfnisse hat, daß er andere als sinnliche Freude erstrebt, und daß eben die Befriedigung der geistigen Bedürfnisse und das Gehobensein durch geistige Freuden den Menschen zum wahrhaft sittlichen Wesen macht, wird leider noch von viel zu Wenigen eingesehen. Wer also keinen Begriff von dem Werthe der Kunst hat, wird ganz richtig den Künstler für einen unnützen Menschen halten. Will man sich keiner Täuschung hingeben, so muß man zugestehen, daß so noch jetzt von einer großen, großen Zahl von Leuten geurtheilt wird.

In dieser Nichtachtung stehen sich übrigens nicht alle Künste gleich. Etwas höher geschätzt werden die plastischen Künste. Der Baumeister schafft allerdings Werke, die neben der Schönheit handgreiflichen Nutzen haben, der Bildhauer und Maler schafft Werke, mit denen man seine Häuser schmücken, seiner Eitelkeit Befriedigung gewähren kann, und die – zuweilen – theuer bezahlt werden – vor dem Erwerb aber hat der Philister ungemeine Achtung. Allein die andern Künste? Das Thema über die schlechte Stellung eines Dichters ist so unendlich oft besprochen worden – es mag hier unerörtert bleiben. Etwas besser steht ein Theil der Musiker. Doch nur ein Theil. Während die Orchestermusiker schlechter als die Hausknechte bezahlt werden und ihr Leben lang mit den Sorgen des Lebens kämpfen müssen, werden Componisten und Virtuosen von der sogenannten guten Gesellschaft gehätschelt, und man reißt sich um sie. Ob das wahre Kunstliebe ist, oder ob man diese Musiker liebt, weil ihre Talente sich leicht zum geselligen Vergnügen ausbeuten lassen, soll nicht weiter untersucht werden.

Am schlechtesten in der Meinung des Volks stehen aber immer noch die Schauspieler. Sonderbar! Das Theater ist für jede größere Stadt zum Bedürfniß geworden, über nichts wird so viel gesprochen, wie über das Theater, über nichts wird so viel geschrieben, – und doch ist das Vorurtheil gegen das Theater das stärkste von allen. Es ist freilich uralt, es stammt noch von den Römern her (die übrigens in Bezug auf andere Künste, die sie von griechischen Sclaven treiben ließen, nicht besser dachten), und es wird von Seiten der frommen Richtungen fort und fort genährt, die das Theater für ein Werk des Teufels halten, weil sie im Bewußtsein ihrer eigenen Sündhaftigkeit fortwährend von der Furcht vor dem Teufel geplagt werden. Man sollte nun meinen, bei der allgemeinen Theilnahme, die das Theater einflößt, müßte dieses Vorurtheil schwinden. Allein das ist nicht der Fall. Der Nutzen der Schauspielkunst, des Theaters wird nicht anerkannt. Man betrachtet es wie ein Vergnügen jeder andern Art, wie einen Ball, ein Vogelschießen. Seitens des Gesetzes steht es mit diesen Dingen auf gleicher Stufe, vielleicht noch tiefer, denn die Vertragsverhältnisse der Schauspieler werden gesetzlich nach den Normen der Dienstboten beurtheilt, seitens vieler Behörden werden die Verhältnisse des Theaters nach denselben Grundsätzen behandelt, wie die der Seiltänzer, Bärenführer, Kunstreiter, Affenkomödien u. s. w. Es ist eine alte Klage der wohlmeinendsten und tüchtigsten Männer, daß dem Theater von Seiten des Staats keine bessere Beachtung geschenkt wird. Man macht dabei immer den sittlichen Einfluß geltend, den das Theater auf das Volk ausübe. Vielleicht schlägt man dabei den directen sittlichen Einfluß zu hoch an, der indirecte aber ist jedenfalls ein sehr großer. Wenn man sich die Thatsache nicht verhehlt, daß in den letzten Jahrzehnten, wo fast jährlich neue Schauspielhäuser gebaut werden, das Theater zu einem Bedürfniß für die bloße Belustigung geworden ist (wenigstens steht es für die Mehrzahl des Publicums nicht höher), so muß man auch anerkennen, daß das Theater das schönste und reinste Vergnügen gewährt, und daß die Tausende, die jeden Abend das Schauspiel besuchen, ohne dasselbe zu Zerstreuungen ihre Zuflucht nehmen würden, die nachtheilig wirken müßten. Doch mag der sittliche Einfluß des Theaters, der schon so vielfach besprochen worden ist, dahin gestellt bleiben; es giebt noch einen andern Nutzen, den das Theater bringt, einen andern Werth, den die Schauspielkunst hat, der bisher noch wenig oder gar nicht gewürdigt worden und der von der höchsten Bedeutung ist.

Das ist der Einfluß auf die Sprache. Es sind zwei Punkte, welche in dieser Beziehung berücksichtigt werden müssen.

Nur die gesprochene Sprache ist die wirkliche Sprache, die geschriebene oder gedruckte ist nur ein Abbild derselben. Seit der ungemeinen Entwickelung des Buchdruckes, seit der, wenigstens in Deutschland, fast allgemein verbreiteten Kenntniß des Lesens und Schreibens, ist uns dieser Umstand fast aus dem Bewußtsein geschwunden. Der größte Theil alles staatlichen, gerichtlichen, gewerblichen Verkehrs wird jetzt schriftlich abgemacht, wir lernen und bilden uns mehr durch Lesen, als durch das lebendige Wort des Lehrers. So großen Vortheil auf der einen Seite die Buchdruckerkunst gebracht, so ist es doch eine Schattenseite derselben, daß sie die gesprochene Sprache, das lebendige Wort in vielen Fällen überflüssig gemacht hat. Ja, die allgemeine Fertigkeit des Lesens und Schreibens hat die lebendige Rede oft da verdrängt, wo sie unersetzlich ist, z. B. in gerichtlichen Verhandlungen. Das lebendige Wort aber, namentlich die öffentliche Rede, hat eine Bedeutung, eine Wirkung, eine Macht, die man nicht genug würdigen kann. In den letzten Jahren, wo das Volk zur lebhafteren Theilnahme an den öffentlichen Angelegenheiten gelangt ist, hat sich die Macht der öffentlichen Rede auf das Glänzendste bewiesen. Diese Beziehung mag hier nicht weiter entwickelt, allein darauf muß aufmerksam gemacht werden, daß die Werke der Dichter eigentlich nicht zum Lesen, sondern zum Vortrag gemacht sind, daß sie wenigstens erst durch diesen ihre volle Wirkung erhalten. Ein gesprochenes Gedicht, ein vorgetragenes Drama hat eine hundertfach stärkere Wirkung, als ein gelesenes. Große Dichter gab es lange vor der Zeit, wo man allgemein lesen konnte, lange vor Erfindung der Buchdruckerkunst. Alle diese Dichter übten die große Wirkung auf das Volk durch ihre Werke, indem sie dieselben öffentlich vortrugen. Man erinnere sich an die griechischen Rhapsoden, an die Barden, die Troubadours, die Minnesänger. Während unsere Dichter den Namen Sänger nur bildlich führen, waren die Dichter der Vorzeit wirklich Sänger, indem sie ihre Werke selbst vortrugen. Die Zeit hat die Sitten und Lebensweise der Völker wesentlich geändert, der Dichter kann heute nicht zugleich Sänger in obigem Sinne sein. Die einzige Möglichkeit in unserer Zeit, die Werke der Dichter dem Volke durch das lebendige Wort zu vermitteln, ist das Theater. Während früher Sänger und Dichter eine Person war, hat sich das geändert, der Dichter bedarf des Vortragenden, um seine Worte durch das lebendige Wort in das Volk bringen zu können. Dadurch hat sich die Schauspielkunst, abgesehen von ihrer eigenen Bedeutung, als Vermittlerin zwischen dem Volke und dem Dichter herausgebildet. Wenn nun das Theater die einzige nennenswerte Gelegenheit giebt, wo man des Dichters Werke nicht blos lesen, sondern auch hören kann, so ist das Theater wiederum die einzige Anstalt, wo die öffentliche Rede als Kunst gepflegt wird, ja sie ist die einzige Schule des öffentlichen Vortrags, der lebendigen Sprache. Denn die Leistungen unserer staatlichen und gerichtlichen Oeffentlichkeit, so anerkennenswerth sie auch sein mögen, sind doch nur noch Anfänge, und der öffentliche Vortrag auf der Kanzel ist in den überwiegend meisten Fällen mehr ein Beispiel des schlechten Vortrags, als eines nachahmenswerthen. So wenig sich nun auch behaupten läßt, daß unser Theater auf der höchsten Stufe der Ausbildung stehe, so wenig die Mehrzahl der Schauspieler als Meister in der Kunst des Sprechens gelten können, so sind sie doch bis jetzt noch die einzigen, welche diese Kunst überhaupt ausüben. Muß man aber zugeben, daß die Dichtung erst durch den Vortrag zur vollen Geltung kommt, so kann man auch nicht leugnen, daß die Kunst des Vortrags von der höchsten Bedeutung für uns ist – und daß demnach schon in dieser Beziehung das Theater eine ganz andere Beachtung seitens des Staats und des Volks in Anspruch nehmen kann, als ihm bisher gewährt worden ist.

Allein nicht blos für die Geltendmachung der Dichtung hat das Theater großen Werth, sondern für die Sprache selbst.

Die Sprache ist die edelste Blüthe des Volksgeistes. Nichts charakterisirt die Verschiedenheit der Völker so stark, nichts bringt die Vorzüge und Mangel der Völker so zur klaren Anschauung, als die Sprache.

Eine Sprache ist nie ein fertiges Ganzes. Sie entwickelt sich fortwährend um Laufe der Zeiten, wird immer eine andere. In jeder Sprache machen sich bei der Entwickelung zwei Elemente geltend: das logische, welches immer mehr nach Richtigkeit und klarem [343] Ausdruck, das phonetische oder euphonische, welches nach Wohlklang strebt. In der Entwickelung der Sprachen erhält meistentheils das erste Element das Uebergewicht. Die Sprache gewinnt an Formgewandtheit und Wortreichthum, verliert dagegen an Wohlklang. sie schleift sich immer mehr ab. In unserer Sprache kann man diesen Entwickelungsgang nicht klar erkennen, wenn man nicht die neue Sprache mit der alten geradezu vergleicht, weil unsere Orthographie den eintretenden Veränderungen folgt. In Sprachen, wo das nicht der Fall ist, kann man dagegen dieses Abschleifen der Sprachen recht klar sehen. Man nehme die französische oder englische. Welch eine Menge von Buchstaben brauchen diese Sprachen zum Schreiben, die in der Rede nicht ausgesprochen werden, in der Rede, im lebendigen Worte, also in der eigentlichen, wirklichen Sprache gar nicht vorhanden sind. Diese Buchstaben sind vordem allerdings alle mehr oder weniger wirklich ausgesprochen worden. Im Laufe der Zeiten hat aber die sich stets verändernde Aussprache sie weggelassen, während die Orthographie sie beibehalten hat. Die Sprachen schleifen sich also fortwährend ab, wobei sie natürlich an Wohlklang immer mehr verlieren, wovon namentlich die englische ein schlagendes Beispiel giebt.

Auch unsere Muttersprache ist diesen Wandlungen unterlegen. Auch sie hat sich abgeschliffen und an Wohlklang verloren. Beobachtet man die große Masse der schlechtbetonten Endungen unserer Wörter auf e, en, er, el u. s. w., so wird man das leicht erkennen. Allein jede Sprache erreicht einmal einen Höhepunkt der Ausbildung, gewissermaßen eine Blüthe. Das ist die Zeit der classischen Dichtung jedes Volkes. Vergleicht man das Deutsch, wie es vor 150 Jahren geschrieben wurde, mit dem Deutsch eines Lessing, Schiller, Goethe, so wird man den gewaltigen Unterschied sehen, man wird erkennen, zu welcher Höhe der Bildung diese Männer und andere neben ihnen unsere herrliche Muttersprache gebracht haben. Sie auf dieser Höhe möglichst zu erhalten, ist gewiß eine Aufgabe, welche das ganze Volk auf das Wesentlichste angeht. Allein wie wird diese Aufgabe gelöst? Vor der Hand nur durch das Theater. Die Nachlässigkeit der Umgangssprache ist es, die das Abschleifen, das immer Tonloserwerden der Sprache an sich herbeiführt. Dieser Nachlässigkeit kann nur durch einen mit Bewußtsein geübten, durch einen künstlerisch geschulten Vortrag ein Halt geboten, ein Damm entgegen gesetzt werden. Diesen künstlerischen Vortrag, die Berücksichtigung der Schönheit der Sprache, finden wir aber bis jetzt nur im Theater, in der Schauspielkunst. Sie also ist es, welche das fortschreitende Verderben der Sprache, wenn nicht ganz verhindert, doch wenigstens aufhält, verzögert. So lange Schiller, Lessing, Goethe noch auf unseren Bühnen Platz finden, muß auch die Sprache in der Ausbildung gesprochen werden, die sie ihr verliehen haben.

Wer möchte leugnen, daß in dieser Beziehung das Theater vorn höchsten Werthe für das ganze Volk ist?

Für unsere Verhältnisse kommt noch ein anderer Umstand dazu. Jede Sprache zerfällt in verschiedene Mundarten, unsere in unzählige. Bei allen Völkern hat sich eine der verschiedenen Mundarten besonders ausgebildet und ist dadurch zur Schriftsprache geworden. So die atheniensische bei den Griechen, die toscanische bei den Italienern, so die Mundarten von Paris und London für die Franzosen und Engländer.

Anders bei uns. Unser Hochdeutsch ist keine Mundart, die von irgend einem Volksstamme wirklich gesprochen wird. Obwohl in der meißnischen Mundart wurzelnd, hat es sich von der Zeit an, als diese zur allgemeinen Schriftsprache erhoben wurde, weit mehr durch Schreiben als durch Sprechen, weit mehr durch die Feder der Schriftsteller, als durch den Mund des Volkes ausgebildet.

Ob dies ein Vorzug oder ein Nachtheil ist, mag dahingestellt sein, Thatsache ist es, daß unsere Schriftsprache, wie sie uns gedruckt vorliegt, von keinem Volksstamme gesprochen wird. Allerdings sprechen die sogenannten Gebildeten in den meisten Gegenden hochdeutsch. Allein abgesehen davon, daß die Gebildeten nicht das Volk sind, so finden sich auch bei ihnen überall mundartische Anklänge. Eine Sprache aber, die nicht gesprochen wird, ist eine todte. Sollen wir das von unserer Sprache sagen, in der noch immer das volle Leben der Entwickelung und Bildung pulsirt? Nein, sie ist noch lebendig, aber – nur auf dem Theater. Das Theater ist der einzige Ort, wo Hochdeutsch überall, von den Alpen bis zur Nord- und Ostsee, vom Rheine bis zur Oder, gesprochen wird. Und so ist das Theater die Bewahrerin des Lebens unserer Schriftsprache und – die einzige Schule für die Aussprache derselben. – –

Wie weit das heutige Theater diese würdigen Ausgaben alle wirklich löst, mag hier unerörtert bleiben. Diejenigen aber, die ein Recht zu haben meinen, darüber zu grollen, daß das Theater seinen Aufgaben nicht gewachsen sei, mögen dazu beitragen, daß die Gesichtspunkte sich ändern, daß seitens des Staates und des Volkes das Theater nicht als eine bloße Vergnügungsanstalt betrachtet, sondern daß seine Bedeutung und der Werth, den es theils hat, theils haben könnte, immer mehr anerkannt und gewürdigt werde.

So fern es der Gartenlaube auch liegt, sogenannte Theaterberichte zu bringen, so wird sie doch die Schauspielkunst in den Beziehungen, die sie wirklich zum Entwickelungsgange des deutschen Lebens theils hat, theils haben sollte, nicht von den Gegenständen ausschließen, die in ihren Spalten einen Platz finden. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, verdienen auch die hervorragenden Künstler in dem besprochenen Fache die Aufmerksamkeit derselben, und so bringt sie das Bild einer bewährten Künstlerin. Fanny Janauschek, im Anfang der dreißiger Jahre in Prag geboren, ist in ihrem Fache eine der bedeutendsten Künstlerinnen. Namentlich versteht sie es, die tragischen, hochpoetischen Gestalten unserer Dichter zur kräftigsten, lebensvollsten Anschauung zu bringen. Sie hat ihre volle Ausbildung an dem Theater zu Frankfurt a. M. vollendet, gehört jetzt dem Hoftheater zu Dresden als Mitglied an und hat sich in den letzten Jahren durch zahlreiche Gastspielreisen einen wohlverdienten Ruhm erworben. In Rollen wie Maria Stuart, Orsina, Eboli, Milford, Elisabeth, Phädra, Medea u. a. m. mag sie gegenwärtig wohl den ersten Rang unter den deutschen Künstlerinnen einnehmen.