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Autor: Hans Arnold
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Titel: Das Tagebuch
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 14, 15, S. 228–234, 256–259
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[228]
Das Tagebuch.
Eine Backfischgeschichte von Hans Arnold.

Wie für den Jüngling im Alter zwischen dreizehn und fünfzehn Jahren die Cigarre ein mit allen gesetzlichen und ungesetzlichen Mitteln erstrebter Besitz ist, so sehnt sich der richtige Backfisch dieses Alters nach längeren Kleidern, nach der Anrede „Sie“ und – nach einem Tagebuch!

Er – der Backfisch! – pflegt dann plötzlich nicht mehr drei Tage ohne diesen Gegenstand leben zu können, zerschlägt alle alten Sparbüchsen, in denen aber erfahrungsgemäß nur einige „Heckpfennige“ ein beschauliches Dasein fristen, dreht die Taschen sämtlicher entwachsenen Sommer- und Winterkleider um, in der kühnen und vergeblichen Hoffnung, darin ungeahnte Reichtümer „vergessen“ zu haben, und schreitet schließlich zu Zwangsanleihen bei der Mutter, die mit der glaubhaften Versicherung: „Wenn du mir zehn Pfennig schenkst, lasse ich nie mehr etwas in meiner Stube herumliegen und wische täglich zweimal den Staub ab,“ betrügerisch verzinst werden.

Diesem Kapital entsprechend, beginnt der Tagebuch-Raptus gewöhnlich in allerbescheidenster Form. Er nimmt die Gestalt eines Notizbüchelchens in schwarzem Wachstaffet mit kariertem Papier von zweifelhafter oder unzweifelhafter Qualität an. Dieses erste Tagebuch wird, seiner Größe entsprechend, in der Tasche getragen, in der es mit der eiligst „in der Litteratur“ (das heißt: Litteraturstunde) hineingequetschten Buttersemmel und einem halben, rohen Kohlrabikopf verträglich und fettig bis nach Schulschluß haust und sich demzufolge nicht gerade verschönert.

Es wird auch gewöhnlich nicht voll geschrieben, sondern [230] nach kurzer Frist, durch „Aussetzen“ bis zur äußersten Dünnleibigkeit abgemagert, dem Küchenofen als willkommene Beute überliefert. Sein Nachfolger im Reiche pflegt das schon prunkend und anspruchsvoller auftretende „Album aus dem Fünfzigpfennigbazar“ zu sein, welches die großartig klingende Aufschrift „Poesie“ in herrlicher Goldfarbe und mit einem kühnen Riesenschwung auf dem Deckel trägt, sich aber ungeachtet dieses vielverheißenden Signalements auch geduldig mit Prosa und Tintenklexen vollschmieren läßt. Schließlich gipfelt der Tagebuch-Raptus in einem wunderbar schönen, ledergebundenen Folianten „mit Schloß“ eine unerläßliche Bedingung, die zugleich ein wichtiges Symptom für den Seelenkenner des weiblichen Geschlechts bedeutet und anzeigt, daß der Backfisch für jemand „schwärmt“, der aber durchaus kein junger Herr zu sein braucht. Es kann vielmehr ebensogut ein anderer Backfisch, eine erwachsene, junge Dame – in schweren Fällen eine Schauspielerin – in den ungefährlichsten ein längst verstorbener Dichter sein. Das Schwärmen, das bewußtlose, ziellose „Verhimmeln“ ist Selbstzweck – auf den Gegenstand kommt es in den meisten Fällen weniger an.

Lotte, unser Backfisch, war seit vorigen Weihnachten auch in das obenerwähnte Stadium getreten und befand sich im Besitz eines Tagebuches, das ein gütiger Onkel ihr in liebenswürdigster Weise verehrt hatte.

Das Tagebuch, in der Backfisch-Phraseologie mit dem Beiwort „göttlich“ bezeichnet, hatte auch richtig ein Schloß – ein bezauberndes, süßes Vorlegeschloß mit einem „wonnigen“ Goldschlüsselchen das sofort an eine abgedankte Kneiferschnur des Vaters befestigt und von der Besitzerin um den Hals getragen wurde.

Dieser Schlüssel ging bereits am Weihnachtsabend das erste Mal verloren und bekundete dadurch die boshafte und entschiedene Absicht, dieser üblen Angewohnheit des öfteren zu frönen. Wie oft und wo überall Lotte ihren Tagebuchschlüssel suchte und verlor, das spottet jeder Beschreibung.

Es gab bald kein Sofa und keinen Schrank mehr in der Wohnung, unter dem sie nicht mit dem halben Leibe gesteckt hätte – sie fuhr bis an die Ellbogen in die Polsterung der Lehnsessel und grub darin wie ein Schatzgräber – sie durchwühlte die Regentonne im Hofe bis auf den Grund. Sie fand den Schlüssel schließlich mit Jubelgeschrei, um ihn am Abend desselben Tages wieder zu verlieren.

Im Sommer, wo der Sport des Schwimmens eifrig betrieben wurde, geschah es durchschnittlich – ohne Uebertreibung! zwei- bis dreimal die Woche, daß Lotte bei der Mahlzeit mit dem Schreckens- und Weheruf in die Höhe fuhr. „Ich habe meinen Tagebuchschlüssel in der Schwimmanstalt vergessen!“ Sie stellte bei diesen Anlässen sogar das flehentliche, jeder Haus- und Tischordnung freventlich ins Antlitz schlagende Verlangen, sofort von Tisch aufstehen und dem Verlorenen nachjagen zu dürfen.

Die Geschwister fanden, versteckten und stahlen nebenbei den Schlüssel und das Buch noch unaufhörlich und ließen sich „gemeinerweise“ jedesmal Lösegeld geben, ehe sie beides wieder herausrückten. Lotte sah sich infolge dieser Zwischenfälle schon in den zerrüttetsten Vermögensverhältnissen und trug das bedrückende Bewußtsein mit sich umher, einer Freundin zehn Pfennig für einen „Faber Nr. 2“ zu schulden.

Die Freundin war noch dazu so „schäbig“, mehrmals an diese peinliche Thatsache zu erinnern, was eigentlich nicht für ihr Zartgefühl sprach! Zur Entschuldigung diene ihr übrigens, daß das Taschengeld bei sämtlichen Schülerinnen der ersten Klasse augenblicklich sehr knapp war. Infolge eines neuerwachten entzückenden Sports wurde nämlich jeder Pfennig zu der unentbehrlichen und nutzbringenden Anschaffung der „Knietsche“ verwendet.

Ein Knietsch, dies zur Aufklärung für diejenigen meiner Leser, die unglücklich genug sein sollten, diese Segnung der neuesten Kultur nicht persönlich zu kennen – ein Knietsch also ist ein Stück grauen Knetgummis, aus dem sich die herrlichsten Gegenstände formen und quetschen lassen, und durch dessen Massenanschaffung die Papierlieferanten für höhere Töchterschulen auf dem besten Wege sind, Millionäre zu werden.

Daß Lehrer und Lehrerinnen mit irgend welchen Eigentümlichkeiten der Gesichtsbildung in Knietschen dargestellt wurden, ist so selbstverständlich, daß es eigentlich kaum der Erwähnung bedarf, daß aber sogar die Gestalten der klassischen Dichtkunst in der französischen Stunde in Knietschgummi nachgebildet und mit Puppenflicken buntfarbig kostümiert wurden, dürfte doch als neu und empfehlenswert der Oeffentlichkeit nicht vorenthalten werden.

Lotte, die sich neben anderen Vorzügen eines besonders krausen und wirbligen Haarwuchses erfreute, der zu ihrer ganzen Persönlichkeit sehr gut stimmte, hatte noch die geniale Idee gehabt, „Verbrecher“ aus Knietschen zu bilden und sie während des Unterrichts an den einzelnen Haarsträhnen – von ihr „Galgen“ genannt – zu befestigen. Dieses sinnige Spiel vermochte aber den Beifall des Lehrers leider so wenig zu erringen, daß es Lotte fast die Vier im Betragen eingebracht hätte.

Diese Knietsche also, die, wie man sieht, zu den vielseitigsten Erzeugnissen des Weltmarktes gehören, dienten nun als Lösegeld für den Schlüssel zum Tagebuch und Lotte sah sich in dem Augenblick, von dem wir berichten wollen, auf einen einzigen und letzten Knietsch angewiesen – ein Zustand der Verarmung, der bitter zu tragen war!

Der Kummer über diese Thatsache wurde natürlich, wie jede tiefere Seelenregung, auch dem Tagebuch anvertraut, und aus der Gefährlichkeit dieses Bekenntnisses kann man ungefähr auf die des ganzen Inhalts schließen ohne sehr fehl zu gehen. Nichtsdestoweniger hütete Lotte ihr Album mit Argusaugen, legte es jede Nacht unter ihr Kopfkissen, verteidigte es kreischend und, wie ein nicht unverbürgtes Gerücht behauptet, sogar beißend gegen die Geschwister, die das Wertstück mit List und Gewalt an sich zu bringen versuchten.

Niemand – selbst die beste unter den acht besten Freundinnen nicht – durfte jemals einen Blick in die geheiligten Blätter zu thun hoffen. Da sich die menschliche Natur aber immer mehr oder weniger nach einem Vertrauten sehnt, so wurde der sehr geliebte Teckel Ami bisweilen nachmittags zu einem Lesestündchen eingeladen und es wurden ihm effektvolle Abschnitte des Tagebuchs bei verschlossenen und verriegelten Thüren mit gedämpfter Stimme vorgetragen. Dieser Vertrauensbeweis war freilich nicht so übermäßig hoch anzuschlagen, da Ami ja von der Mutter Natur zur absolutesten Verschwiegenheit beanlagt war.

Ami zeigte sich übrigens bei diesen Anlässen leider oft ungalant. Er hielt das Tagebuch zunächst seines roten Einbands wegen anscheinend für eine Cervelatwurst und bat flehentlich mit winkenden Pfötchen darum. Als ihm sein verderblicher Irrtum durch einen sanften Klaps auf die Nase und die Versicherung. „Ami, du bist ein himmlischer Kerl, aber du bist ein Schafskopf!“ genügend klar gemacht war, legte sich der Teckel zwar resigniert zum Zuhören zurecht, langweilte sich aber so sichtlich bei der Vorlesung, daß er schamlos und schreiend gähnte und mitten in einem gefühlvollen Passus aufsprang, um sich der völlig aussichtslosen Jagd auf eine große Brummfliege hinzugeben.

Die gänzliche Teilnahmlosigkeit, die in diesem Betragen lag, beleidigte die Besitzerin natürlich aufs tiefste und kühlte sie sogar auf einige Zeit gegen Ami ab, der sonst von ihr als „Heldengestalt“ mit entzückenden schwarzen Ellbogen in einer jedem denkenden Menschen rätselhaften Weise gefeiert wurde. Zu der Zeit, als alles dieses sich begab, war inzwischen das Tagebuch beinahe voll geworden, und die Zahl der leeren Seiten schmolz bedenklich hin. Lotte lieh dieser Thatsache im Familienkreise Worte und fügte den kaum mißzuverstehenden Wink hinzu. „Ich habe keine Ahnung, wo ich ein neues Tagebuch herbekommen werde!“

Der Vater schenkte sich ein frisches Glas Wein ein – man war bei Tisch –, „ich auch nicht!“ meinte er mit unheilverkündender Gleichgültigkeit.

„Soll ich dir eins schenken, Cousinchen?“ frug der eben anwesende Vetter Ludwig, ein lustiger, neugebackener Referendar, der sich in zehn Semestern fast bis zu zwei Centnern Schwere emporgekneipt hatte. Infolge dieser wohlhabenden Körperbeschaffenheit wurde der von den Eltern sehr wohlgelittene und wirklich nette junge Mann von Lotte schlecht behandelt und nur der „ekliche Dickus“ genannt.

Es muß hier zugestanden werden, daß der ekliche Dickus kein größeres Vergnügen zu kennen schien, als unseren Backfisch bis zur Verzweiflung zu necken, der, wie es seiner Gemütsart und seinem Alter zukam, dann wie eine kleine zornige Hornisse auf den Vetter losfuhr. Aber auch hinter dem harmlosesten Wort, das er sprach, witterte Lotte eine Heimtücke.

[231] So auch jetzt. Als der Referendar den ganz ernst gemeinten, freundlichen Vorschlag machte „Soll ich dir ein neues Tagebuch schenken?“ erwiderte Lotte nur rasch und ungezogen. „Wohl von deinen Schulden?“

„Lotte!“ ermahnte die Mutter strafend.

„Nein – ernstlich!“ sagte der Vetter milde. „unter einer Bedingung schenke ich dir ein unsagbar schönes, neues Tagebuch –“

„Und die wäre?“ frug Lotte rasch und lebhaft.

„Daß du mich das alte lesen läßt!“ erwiderte der Dickus so obenhin, als wenn er die schaurige, unermeßliche Größe seines Verlangens nicht ’mal ahnte!

Lotte saß einen Augenblick sprachlos. Dann maß sie den Kühnen mit einem Blick voll wahrhaft erhabener Verachtung.

Dich??“ frug sie endlich niederschmetternd und in der Haltung einer Tragödin, „dir ist wohl nicht ganz richtig im Oberstübchen!“

Der Vetter lächelte kühl. „Wenn du nicht willst, dann läßt du’s natürlich bleiben, sagte er, „ich will nur sagen, daß ich ein prachtvolles Tagebuch gesehen habe – dunkelblaues Leder, weich, wie Butter – extra verschnitztes Schloß, Goldschnitt, Papier so dick wie dein kleiner Finger – kurz – einfach großartig!“

Lotte sah ihn flehend an – sie litt sichtlich alle Qualen des hochseligen Tantalus. „Aber für nichts wird nichts gereicht!“ schloß der Dickus und erhob sich gleichzeitig mit den Eltern von der Mittagstafel, „Buch gegen Buch – Verschwiegenheit Ehrensache – na? wie ist’s, Lotte?“

„Ich werde dir was –“ erwiderte der Backfisch mit zornig blitzenden Augen und ließ den freundlichen Anerbieter mit dieser geheimnisvollen Drohung stehen.

An diesem Abend schrieb sie in ihr Tagebuch. „Der Dickus wollte dich lesen, geliebtes Tagebuch, – eher werfe ich dich doch ins Meer, wo es am tiefsten ist!“ ein Unternehmen, welches sich, nebenbei gesagt, etwas mühselig hätte ins Werk setzen lassen, da Lottes Wohnort etwa zweihundert Meilen weit von jeglichem Meere entfernt lag.

Der Dickus eröffnete übrigens mit diesem Tage einen systematischen Feldzug gegen das Tagebuch.

Er schlich sich hinter die Besitzerin, wenn sie darin schrieb, und las ihr ein Wort laut und mit gemacht empfindsamer Betonung über die Schulter vor, wobei es ihm königliches Vergnügen zu bereiten schien, wenn die sittsame Jungfrau wie eine Wildkatze gegen ihn ansprang und ihm beinahe die Augen auskratzte.

Er fand das Tagebuch einmal – allerdings verschlossen – im Wohnzimmer und war so gemein, sich darauf zu setzen, so daß Lotte, weinend vor ohnmächtigem Zorn, nichts übrig blieb, als den Bruder mit einer Tafel Chokolade zu bestechen und mit ihm in Gemeinschaft den Dickus vierhändig mit dem Stuhl umzukippen, wobei dieser – das heißt der Stuhl – eines Beines und die beiden Verbrecher für den Rest des Tages jedes väterlichen Wohlwollens verlustig gingen – ein Umstand, der sich recht betrübend und fühlbar äußerte.

Inzwischen schien niemand der armen kleinen Memoirenschreiberin zu einem zweiten Bande verhelfen zu wollen. Sie sann Tag und Nacht auf Möglichkeiten und Erwerbsquellen, sie versuchte sich sogar anderweitig als im Tagebuch schriftstellerisch und produzierte eine „Novelle“ unter dem Titel „Erstorbenes Glück“. In diesem Meisterwerk starben alle Mitwirkenden wie die Fliegen – der eine wurde sogar als „knieende Leiche“ nach einem vermutlich zu strapaziösen Fußfalle vorgeführt, hätte demgemäß schon als naturhistorisches Phänomen auf das Interesse der Lesewelt die gerechtesten Ansprüche gehabt. Sie that denn auch in aller Stille die nötigen Schritte, um es der Oeffentlichkeit zu übermitteln. Aber das wertvolle Dichterwerk kam zweimal zurück – ohne jegliches Begleitschreiben, was darauf zu deuten schien, daß der betreffende Redakteur wortlos vor Empörung über die ihm gestellte Zumutung gewesen war – und es ein drittes Mal sich auf den Wogen der Oeffentlichkeit schaukeln zu lassen, dazu fehlte es der geschätzten Verfasserin an dem nötigsten Erfordernis, nämlich an zwei Briefmarken.

So blieb ihr auch dieser sonst so einfache Weg, zu Gelde zu gelangen, versagt, und sie mußte auf anderes denken.

Der Vetter blieb bei seiner Bedingung, war also ausgeschlossen – der Vater erklärte mit verletzender Derbheit die ganze Tagebuchschreiberei für hellen Blödsinn, und die Mutter erbot sich als höchsten Beweis des Mitgefühls, ein Diarium mit festem Deckel zu stiften. Dieser entweihende Vorschlag konnte auch nicht angenommen werden, wie jeder Verständige einsehen wird – kurz, die Sachlage wurde immer schwieriger.

Lotte, die sich somit vor die schreckliche Möglichkeit gestellt sah, ihre Gefühle und Gedanken unbestimmte Zeiträume hindurch für sich behalten zu müssen, griff zu einem letztem verzweifelten Mittel. Sie schrieb dem erwähnten Onkel, dem großmütigen Spender des ersten Bandes, einen scheinbar ganz unbefangenen Brief. Dies geschah sonst nur zu Neujahr und Geburtstagen, meist als Quittung für dankend erhaltene Gaben, und noch dazu öfter unter Aechzen und Murren, da der Onkel gerade Zeilen und anständige Schrift zu verlangen so anspruchsvoll war.

Heute nun wurde dies gern befolgt – die Korrespondentin teilte dem geschätzten Anverwandten zunächst allerlei interessante Ereignisse aus ihrem Leben mit – daß sie vor vierzehn Tagen einen toten Maulwurf gefunden habe – und daß sie jetzt unter Wasser schwimmen könnte – daher ganz geeignet schiene, eine tüchtige Stütze im Haushalt zu werden! Diesen so ganz selbstlosen Brief schloß unser Lottchen mit der leicht und geschickt hingeworfenen Mitteilung. „Mein Tagebuch ist übrigens bald voll – ein so schönes werde ich wohl nie wieder bekommen!“

Als das Schreiben, natürlich eigenhändig besorgt, in dem breiten, blauen Maul des Briefkastens verschwunden war, überkam die Verfasserin allerdings leichte Gewissensunruhe, ob ihres Zaunspfahlverfahrens und sie verkündete ihre Unthat bei Tisch mit einigem Erröten. Dazu geschah diese Veröffentlichung noch in Gegenwart des Dickus, der heute seinen bösesten Necktag und schon beim Eintreten in die Stube die Frechheit gehabt hatte, sich nach Lotte mit der eleganten Wendung zu erkundigen: „Nun, wo ist denn das corpus delicti?“, was seine Gegnerin beim Hinzukommen gerade noch hörte.

Der Dickus konnte sich also auch natürlich nicht einige höhnische Bemerkungen versagen und versicherte aus vollstem Herzen, der Onkel werde sich, seiner Ueberzeugung nach, hüten, auf eine so unbescheidene Anzapfung irgendwie zu reagieren – ein plumper Angriff, gegen den Lotte die seine Verteidigung zu finden wußte: „Jeder ist nicht so ein Ruppsack wie du!“

Anscheinend hatte der Backfisch aber größere Menschenkenntnis als der Dickus, trotz juristischer Studien und glänzender Examina. Denn acht Tage waren noch nicht nach Absendung des Briefes vergangen, als die Post eines Morgens der bis zu Thränen beseligten Lotte ein Paketchen brachte.

Der Absender war ungenannt, das Päckchen aber aus dem Wohnort des Onkels abgestempelt. Es enthielt das schönste Tagebuch, welches jemals eine Schülerin der ersten Klasse in ihren beglückten Händen gehalten.

Lotte durchwanderte das ganze Haus vom Keller bis zum Boden, um ihr neues Kleinod zu zeigen, verwahrte sich mit Entsetzen gegen den wohlgemeinten Vorschlag der Mutter: „Das werde ich dir bis nach deiner Einsegnung aufheben, das ist viel zu schön zum Vollschmieren’ – und trug das Buch den ganzen Tag mit sich herum. Ja, sie war infolge des frohen Ereignisses so menschenlieb gestimmt, daß sie dem Dickus, der zu Tisch kam, bis in den Vorsaal entgegenlief, um auch ihm ihren Schatz zu zeigen.

Ackerdings konnte sie sich seiner laut und lebhaft geäußerten Ueberraschung und Bewunderung gegenüber den triumphierenden Zusatz nicht versagen. „Siehst du! und der hat nichts dafür von mir verlangt – nimm dir für ein andermal ein Beispiel daran!“

„Was kommt denn auf die erste Seite?“ frug der Dickus mit Interesse, während er seinen Ueberzieher ablegte.

„Das kann dir ganz Wurst sein!“ erwiderte Lotte formvoll, „du brauchst dich überhaupt nicht um mein Tagebuch zu kümmern! Schreibe selber eins, wenn du es so gern lesen willst!“

Der Dickus nahm die Sprecherin bei beiden Händen und hielt sie, wie im Schraubstock, fest. „Lotte, ich warne dich!“ sagte er und sah auf einmal ganz ernsthaft aus seinen fidelen Augen, „wenn du mich noch lange so schlecht behandelst, räche ich mich ’mal furchtbar! Ich kann nämlich sehr unangenehm werden – das ist so ein kleines geselliges Talent von mir! Versuche es doch abwechslungshalber ’mal, liebenswürdiger gegen mich zu sein – wer weiß, wie ich dann bin!“

[234] Lotte betrachtete ihn einen Augenblick nachdenklich.

„Nein!“ entschied sie dann mit dem Brustton der Ueberzeugung, „es geht nicht! du bist zu eklich! Immer mußt du mich necken – du läßt es doch nicht – ich kenne dich!“

Der Dickus zuckte die Achseln und folgte ihr ins Wohnzimmer.

„Also von heut’ ab erklärter Krieg!“ sagte er mit Nachdruck, „und du weißt, im Kriege ist alles erlaubt!“

Unmittelbar nach dem Essen holte sich Lotte ein Tischchen ins Wohnzimmer, nahm triumphierend daran Platz und legte die beiden Tagebücher vor sich hin – das alte rechts, das neue links – wog – verglich – und spielte so glückselig mit ihren beiden Büchern, wie noch manchmal mit ihrer Puppe, der sogenannten „Präsidentin“. Aber bitte, daß das nicht weiter erzählt wird – es könnten große Unannehmlichkeiten daraus entstehen, wenn es die erste Klasse erführe!

Dann suchte sich unsere kleine Heldin den schönsten Briefbogen aus ihrer Mappe und schrieb aus der Fülle ihres dankbaren Herzens an den Onkel – sogar in Versen, die allerdings mit dem Wagen ihrer Gefühle über einen bedenklichen Knüppeldamm rasselten. Sie flehte darin des Himmels reichsten Segen auf den Spender des herrlichsten Tagebuchs herab und gelobte ihm, sich dieses unvergleichlichen Besitzes durch tadellose Schrift und sonstiges Wohlverhalten jederzeit würdig zu erweisen.

Der Einwurf der Eltern und des Dickus, daß man auf anonyme Geschenke eigentlich nicht antworten dürfe, wurde ignoriert – „ich muß mich bedanken! es war zu reizend von Onkel!“ versicherte Lotte mit Begeisterung und rannte wiederum selbst mit glühenden Wangen und fliegendem Zopf zum Briefkasten, um auch diese zweite Epistel an den Onkel fortzuexpedieren.

Mit wendender Post kam eine Antwort, die aber unseren Backfisch in einen wahren Abgrund von Blamage stürzte. Der Onkel schrieb kurz und freundlich, er hätte sich über Brief und Gedicht sehr gefreut, aber er wüßte von keinem Tagebuch und hätte keines geschickt.

Lotte wollte natürlich in die Erde sinken, denn ihre Dichtung erschien ihr nun als die Höhe der Unbescheidenheit – sie ging ein paar Tage lang still. und in sich gekehrt im Hause herum und schämte sich – mitunter ein ganz heilsamer Zustand, wenn auch kein angenehmer.

Der Dickus, vor dessen ironisch ausgestrecktem Zeigefinger und beständigem: „Siehst du ’s!“ Lotte die größte Sorge hatte, fuhr zum Glück gerade um diese Zeit auf zwei Tage zur Jagd. Er verabschiedete sich eines Abends in der Dämmerstunde mit der gefühlvollen Wendung: „Na, Lotte, nun mußt du bis Dienstag ohne mich fertig werden!“, was der Backfisch in seiner gedemütigten Verfassung nur mit einem leise gemurmelten „Der reine Segen“ erwiderte.

Daß der Dickus durch die fortgesetzte schlechte Behandlung aufs äußerste gereizt war, wird ihm niemand verdenken können, und ich führe es als Milderungsgrund für seine im Laufe unserer Geschichte allerdings scheußlich werdende Handlungsweise ausdrücklich an.

[256] Den Tag der Abreise des bösen Dickus zu seinen Jagdfreunden hatte Lotte für den Abschluß des alten und die Eröffnungsfeierlichkeit des neuen Tagebuchs bestimmt. Sie traf dazu besonders festliche und umfassende Vorbereitungen, umstellte den Tisch mit ihren sämtlichen vierzehn Geburtstagslichtern vom neusten Wiegenfeste, setzte einen Blumenstrauß in die Mitte und wollte nun dem alten Tagebuch mit Schwung und Empfindung Lebewohl sagen und das neue anfangen.

Aber o Entsetzen! nur das neue – glänzend, leer und inhaltlos wie eine kalte Schönheit – lag da, das alte war fort!

Bei Lottes angeborenem Ordnungssinn regte sich zunächst noch eine leise Hoffnung, es könnte „irgendwo“ sein, sie riß alle Bücherschränke im Hause auf, verstreute deren Inhalt mit zitternden Händen über die ganze Stube, durchwühlte die Kommodenschübe und verirrte sich sogar in die Speisekammer, wo sie aber von der entrüsteten Köchin mit Energie hinausgewiesen und verdächtigt wurde, nicht Tagebücher, sondern Sultanrosinen zu suchen – was also allem Anschein nach auch schon vorgekommen war.

Das Tagebuch war fort – spurlos! – „verschwunden wie ein Benzinfleck“, wie jemand von schönen vergangenen Tagen gesagt hat – und die Eigentümerin, fast bewußtlos vor Verzweiflung, konnte am Abend nur mit Gewalt zum Schlafengehen gebrachtwerden.

„Suche nur morgen in Ruhe, vielleicht findet es sich!“ tröstete die Mutter und fügte allerdings bei: „Siehst du, das kommt von der Unordnung – warum läßt du immer alles herumliegen!“

Diese Schlußwendung, die von den Kindern etwas pietätlos mit dem Ausdruck gekennzeichnet wurde: „Muttchen knüpft eine Moral an!“ fiel als beißendes Pfefferkorn in den Honig des Trostbechers, und Lotte schluchzte sich mit Energie in den Schlaf, währenddessen sie noch ein paarmal unter das Kopfkissen griff, als erwartete sie, daß ein guter Geist ihr das verschwundene Tagebuch zur Ueberraschung darunterschieben würde.

Mit einem flüchtigen Hoffnungsschimmer wanderte Lotte am nächsten Morgen zur Schule – beim Aufräumen des Zimmers fand sich wohl schließlich das Tagebuch wieder! Sie beschwor noch in Hut und Mantel die Zofen des Hauses, „tüchtig zu suchen“, und war in der Schule so still, blaß und gesetzt, daß der Lehrer teilnehmend frug: „Lottchen, Sie befinden sich wohl nicht gut?“ was der Backfisch wahrheitsgetreu durch ein schwermütiges Kopfnicken zu bejahen in der Lage war.

Sie wurde demzufolge auch von der Singstunde befreit, da sie mit ihrer heiser gewordenen Stimme dem gerade geübten und nach einer munteren Polkamelodie gesungenen Liede von der „Wanderlust“ doch schwerlich hätte einewirksame Stütze sein können.

Dem Verfasser des Schulgesetzes, demzufolge die jungen Damen aus der ersten Klasse zu sittigem Nachhausewandeln verpflichtet sind, hätten sich heute aber die Haare einzeln zu Berge gesträubt, wenn er unsere Lotte hätte auf dem Heimwege beobachten können. Etwas dem „Wandeln“ Unähnlicheres wie die rasenden Hechtsätze, mit denen sie durch wie Straßen jagte, kann man sich allerdings kaum vorstellen.

Zu Hause angelangt, riß sie an der Klingel, als wenn es brennte, und stieß mit dem letzten Rest ihres Atems eben noch hervor: „Ist es da?“ Auf das betrübte Kopfschütteln der Mutter aber brach sie in ein erneutes stümisches Weinen aus, ein Geschäft, das sie mit ungeschwächten Kräften bis zum Mittagsessen fortsetzte. Zu dieser Feierlichkeit mußte sie erst mit Brausepulver und Baldriantropfen gekräftigt werden – ein noch nie dagewesenes Ereignis, das von den jüngeren Geschwistern mit namenlosem Interesse beobachtet wurde. Sie verschmähte bei Tisch sogar mit stummem Kopfschütteln eine äußerst wohlgeratene Mehlspeise, was als ernstes Symptom schwerer Seelenleiden angesehen und beurteilt wurde.

Der Vater, dem sein schlanker Backfisch mit dem sonst stets von Munterkeit und Frohsinn funkelnden Gesichtchen besonders ans Herz gewachsen war, hatte Lotte neben sich genommen und redete ihr tröstend zu, sich zu fassen und zu essen.

„Na, Lotte, Kopf hoch!“ sagte er und strich ihr die Haare aus der Stirn, „wer wird sich so zum Scheusal weinen! Du sollst sehen, dein Tagebuch kommt bald wieder – ich habe so meine leisen Ahnungen!“ Lotte sah ihn zweifelnd an – plötzlich schien ihr ein Gedanke zu kommen.

„Papa!“ rief sie überlaut und sprang auf, daß der Stuhl ein ganzes Stück zurückflog, „ich sehe dir’s an – du weißt, wo es ist – und jetzt weiß ich’s auch! Der Dickus hat es mir gestohlen – nein, diese Gemeinheit!“ Und die Thränenflut stürzte aufs neue mit der Gewalt eines Platzregens hervor. Der Vater lächelte mitleidig.

„Ruhig Blut!“, sagte er dann, „ich weiß, es ja nicht – und man muß die Menschen nicht leichtsinnig verdächtigen – besonders, wo es sich um solche schwarze Unthaten handelt. Aber der Ludwig sah mir gestern abend so heillos fidel aus und drückte sich mit so unheimlicher Geschwindigkeit. Da ist mir der Gedanke gekommen, daß er sich am Ende mal an dir rächen will, weil du ihm immer mit so auserlesener Ungezogenheit begegnest!“

„Und das wäre dir in mancher Weise ganz dienlich!“ knüpfte die Mutter an, „wenn ich es auch von Ludwig stark finde – das muß ich sagen – stark!“

„Er hat wohl nicht gedacht, daß sie es sich so bitterlich zu Herzen nehmen würde,“ begütigte der Vater, der mehr Verständnis für den Humor eines derartigen Diebstahls zu haben schien, „aber das Unglück ist doch in keinem Fall so groß, mein Mädel. Er kann es nicht lesen! Du hast ja doch den Schlüssel um den Hals, nicht wahr?“ Lotte nickte etwas getröstet.

„Wenn der gemeine Peter nur nicht etwa Nachschlüssel hat!“ meinte sie bedrückt und wehmütig und nahm die allgemeine Heiterkeit, die ihr Bedenken verursachte, sehr ungnädig auf.

Der Gedanke, der Dickus könnte seinen Jagdurlaub benutzen, einen Schlosser holen zu lassen, um das Tagebuch wie eine Thür zu erbrechen, verfolgte den Backfisch noch den ganzen Tag.

Wenn er es las! Wenn er alle die Gedanken, Reueergüsse, Bekenntnisse und Gedichte – die guten Vorsätze und gar den „Schwarm“ las! Lotten wurde es bei dem Gedanken siedendheiß. Ihr blieb dann nichts übrig, als bei der nächsten passenden Gelegenheit nach Afrika auszuwandern – auf dem Boden europäischer Kultur fühlte sie sich unmöglich geworden, seitdem da ein Referendar herumwandelte, der ihr Tagebuch gelesen hatte!

Daß der Vetter dabei ungezählte Kosenamen für sich selbst mit hinunterzuschlucken gezwungen war, unter denen „widerlicher Gummiball“ noch der mildeste war, das wäre ja ein kleiner Trost gewesen – aber ein sehr kleiner! Das sichere Gefühl: „Das Tagebuch ist da!“ trug schon mehr zur Fassung bei – und im Grunde glaubte sie nicht, daß der Dickus die Schändlichkeit so weit treiben könnte, es zu lesen – ein Rest menschlichen Anstands- und Rechtsgefühles lebte am Ende noch in seiner entartetere Seele!

Auf Eins aber freute sich der Backfisch – ein Umstand leuchtete als Stern durch die Nacht der Trostlosigkeit: wenn der Dickus wiederkehrte, müßte er sich doch vor seiner Cousine schämen, bis zur Bewußtlosigkeit bis zur vernichtendsten Vernichtung! Er, der sonst so überlegen zu lächelen, so von eben herab sie zu „uzen“ pflegte, mußte als ertappter Verbrecher klein – ach, so klein dastehen und konnte nie wieder auf seinen alten Standpunkt emporklimmen!

[258] In dieser frohen Voraussicht und zugleich in der Hoffnung auf Wiedererlangung des Tagebuches konnte Lotte die Stunde kaum erwarten, wo der Vetter Ludwig wiederkam. Sie hatte sich schon geistig Und moralisch in Positur gesetzt, um seine flehentlichen Bitten um Verzeihung mit möglichst majestätischer Manier zunächst gänzlich von der Hand zu weisen und erst viel später unter von ihr gestellten Bedingungen vielleicht zu gewähren.

Der wohlbekannte Schritt des Dickus ließ sich denn auch zur programmmäßigen Zeit vernehmen, fröhlich und unbefangen wie ein Mensch mit einem Gewissen erster Qualität, kam er ins Zimmer.

Er hatte sogar noch die Unbescheidenheit, Lotte am Zopf zu ziehen und sich bei ihr zu erkundigen, wie sie denn die Trennung von ihm überlebt hätte.

Lotte riß ihm mit Ungestüm ihren Zopf aus der Hand und würdigte die Frage keiner Antwort.

„Thu nur nicht so!“ sagte sie mit unverhohlenem Abscheu, „die Eltern wissen alles – und ich auch: du hast es!“

Der Dickus sah aus wie die Unschuld in Person, wenn man sich diese 200 Pfund schwer vorstellen kann.

„Ich habe es?“ frug er mit hochgezogenen Augenbrauen, „Was hab’ ich denn? Dein Wohlwollen? Daran habe ich zu meinem Glück noch nie einen Augenblick gezweifelt!“ Lotte stampfte mit dem Fuß.

„Papa, sag’ du ihm, daß er mir’s wiedergiebt!“ rief sie ungeduldig, „vor mir hat er doch keine Angst!“

Der Vater, der sich schon zum Ausgehen gerüstet hatte, lachte.

„Na ja, Ludwig,“ sagte er dann, „der Scherz hat lange genug gedauert; gieb ihr’ jetzt ihr Tagebuch wieder – sie hat eine Heidenangst darum ausgestanden!“

„Ihr Tagebuch?“ wiederholte der Dickus, noch immer ganz Erstaunen und Seelenreinheit, „aber, lieber Onkel, ich habe doch das Tagebuch nicht!“

Er machte ein so ehrliches, treuherziges Gesicht zu dieser Versicherung, daß der Vater und Lotte eine Weile ganz betroffen waren und nicht recht wußten, was sie davon zu halten hatten. Lottes Antlitz verzog sich schon wieder aufs schmerzlichste.

„Wenn er’s auch nicht hat!“ sagte sie dann mit brechender Stimme, „wo ist es denn dann aber?“

„Wißt ihr was?“ sagte der Vater, dem der Dickus inzwischen mit diabolischer Fröhlichkeit zugezwinkert hatte, „macht die Sache unter euch ab! Ich muß aufs Amt. – Hoffentlich geht’s ohne Mord und Totschlag ab, Ludwig – ich gestehe dir offen, daß ich jetzt nicht in deiner Haut stecken möchte!“

Und er verließ lachend das Zimmer.

Der Dickus schlug die Augen zur Zimmerdecke empor.

„Ich Lamm!“ sagte er, „ich soll Tagebücher haben!“

Lotte war inzwischen auf einen Stuhl am Fenster gesunken und trocknete sich die Thrätten – heimlich – denn den Triumph wollte sie ihm nicht gönnen.

Der Dickus betrachtete sie eine Minute lang mit Schadenfreude.

„Na“, sagte er dann phlegmatisch, „wenn du die Schleusen ziehst, da will ich nur nicht so sein! Also – haben habe ich’s nicht – aber ich weiß, wo es ist, und wenn du sehr schön bittest – so mit Pfotchen, wie der Ami“ –

Lotte ließ ihn nicht ausreden – sie sprang mitten im Satz auf ihn zu, als wenn sie ihn schütteln wollte.

„Du sagst es!“ rief sie leidenschaftlich, „sofort sagst du es, oder ich reiße dich am Schnurrbart! Papa hat gesagt, das thäte maßlos weh! Also nun weißt du, was ich thue! Wo hast du mein Tagebuch?“

„Suche!“ erwiderte der Dickus, setzte sich aus Fenster und nahm eine Zeitung zur Hand.

Lotte stürzte auf ihn zu, riß ihm das Zeitungsblatt aus der Hand und warf es zerknüllt in die Ecke.

„Nicht einen Buchstaben liest du, ehe ich’s wiederhabe,“ rief sie mit vor Zorn erstickter Stimme, „ich habe schon überall gesucht – hörst du’s? Zwei Tage habe ich mir wegen dir verdorben – jetzt ist’s genug!“

„Potztausend!“ sagte der Vetter ganz wohlwollend, „du bist ja ein sanftes Engelchen! Aber siehst du, so geht’s manchmal! Ich habe dir neulich in der freundlichsten Weise Friedensvorschläge gemacht – du hast sie mit kühler Ueberlegenheit abgewiesen – ich habe dir in aller Form Rechtens den Krieg erklärt und jetzt das erste Treffen gewonnen. Du bist jetzt die Besiegte und mußt um Gnade bitten! Denke, was ich hätte thun können!“ fuhr der Dickus fort, als Lotte trotzig zur Erde sah und sich auf die Lippe biß, „ich hätte das Tagebuch lesen können – mitnehmen – ganze Seiten daraus abschreiben – ich hätte es deiner Schulmadame schicken können – ich habe nichts dergleichen gethan. Ich habe jeder Versuchung mit wahrhaft übermenschlicher Selbstbeherrschung widerstanden und es an eine Stelle gelegt, die du meiner Berechnung nach, jeden Tag sehen mußtest! Leichter konnte ich dir’s nicht machen!“

Lotte sah ihn hilflos an.

„Dickus!“ begann sie dann in sanfterem Ton.

„So ist’s schon besser!“ sagte der Vetter behaglich.

„Sag’ mir’s!“ flehte Lotte.

„Erst hole mir einen Aschenbecher!“ sagte der Dickus roh. Lotte kämpfte einen schweren Kampf.

„Na?“ frug der Dickus, „sei froh, daß du ihn bloß holen sollst, ich könnte ja auch verlangen, daß du damit vor mir auf die Kniee fällst – ich mache es noch billig genug!“

Der Backfisch ging schweigend nach dem nächsten Zimmer und kam mit einem Aschenbecher zurück, den sie mit sichtlichem Abscheu vor den Vetter hinstellte.

„Siehst du,“ sagte der Dickus, „als ich dich neulich ’mal um einen Aschenbecher bat, sagtest du: ,Fällt mir gar nicht ein, ich muß jetzt üben!’ Weißt du es noch?“

„Und ich mußte auch üben!“ gab Lotte scharf zurück, „denkst du, jeder kann so faulenzen wie ein Referendar?“

„Ein kühnes Wort!“ meinte der Dickus, „aber bleiben wir einmal bei der Sache! Uebst du wirklich jeden Tag? Jeden Tag?“ wiederholt er mit großem Nachdruck.

„Jeden!“ versicherte der Backfisch mit eherner Stirn.

„Hübsch von dir!“ meinte der Vetter anerkennend. „Und nun will ich dir ’mal was sagen! Die erste Bedingung hast du erfüllt – wenn auch nicht freudig –– die zweite ist: gieb mir einen Kuß – und du kriegst dein Tagebuch wieder!“

Lotte sprang einen Fuß weit zurück „Dir einen Kuß?“ rief sie überlaut, „du Greuel! Lieber esse ich mein neues Tagebuch samt dem Deckel auf!“

„Schön!“ sagte der Dickus mit männlicher Fassung, „ich werde auch das überleben. Also diese Bedingung ist bedingungslos abgeschlagen? Dann mußt du eine andere erfüllen.“

„Und die wäre?“ frug Lotte mißtrauisch.

„Du schreibst, was ich dir vorsage – hier – in mein Notizbuch – drei orthographische Fehler sind in fünf Zeilen gestattet.“

Lotte überhörte diese neue Niedertracht und nahm zögernd den Bleistift zur Hand.

„Also!“ begann der Dickus, „schreibe: ‚Lieber guter, reizender Vetter Ludwig‘ –“

„Nein!“ rief Lotte und warf den Stift weg, „solchen Unsinn schreibe ich nicht!“

„Dann werde ich schreiben!“ sagte der Dickus kaltblütig, „und du unterzeichnest, zum Beweis des vollen Einverständnisses. Sowie ich deine Unterschrift habe, führe ich dich dahin, wo dein Tagebuch liegt, – sonst nehme ich es heute abend mit, schneide es auf und lese es von Anfang bis zu Ende! Na – wie ist’s?“

Da keine Antwort kam, schrieb er einige Zeilen in sein Taschenbuch, während Lotte vor Grimm, Ungeduld und Neugier von einem Fuß auf den andern trappelte.

„Hier!“ sagte der Vetter und schob den Stift an seine Stelle, „jetzt werde ich dir vorlesen. Also: ‚Lieber, guter, reizender Vetter Ludwig! Ich verpflichte mich, Dich von heute an wie den liebenswürdigsten, nettesten und schlanksten Vetter zu behandeln, Dich nie mehr – auch nicht ’mal in Gedanken – Dickus zu nennen, nie mehr naseweis zu sein. Dafür bist Du so überaus liebenswürdig, mir mein Tagebuch wiederzugeben und es mir erst dann wieder wegzunehmen, wenn ich Dir selbst die Erlaubnis gebe, es zu lesen.“

„Da kannst du lange warten!“ warf Lotte ein.

Der Vetter schlug die Arme übereinander und sah sie mit eisig festem Ausdruck an.

„Unterschreibe!“ sagte er dann, „du kennst mich jetzt!“

Lotte schwankte zwischen Zorn und Lachen.

[259] „Her mit dem Blech!“ sagte sie dann endlich trotzig und warf ihren Namenszug möglichst unleserlich unter das Dokumente.

„Und nun komm!“ sagte der Dickus, „darf ich dir meinen Arm anbieten?“

„Auch noch!“ erwiderte sie unwillig.

„Nun, dann geh’ so hinter mir her!“ erwiderte der Vetter unbeirrt, „wir haben keinen weiten Weg!“

Und er führte den erstaunten Backfisch zum Klavier. „Hier – klapp’ ’mal auf!“ sagte er trocken.

Und da lag das Tagebuch – unversehrt – unentweiht auf dem Notenpult.

„Siehst du,“ bemerkte der Dickus und weidete sich an dem tödlich verlegenen Gesicht seiner kleinen Feindin, „wenn man jeden Tag übt, da findet man solche verlorene Schätze sehr rasch wieder!“

Lotte hatte inzwischen ihr Tagebuch ergriffen und fest – fest an sich gedrückt.

„Schön!“ sagte sie mit zuckenden Lippen, „du hast mich diesmal besiegt! Aber eins sage ich dir – leiden kann ich dich doch, nicht – jetzt nicht und niemals, und wenn ich achtzig Jahre alt werde! Ich finde dich gräßlich, daß du ’s weißt!“

„Na,“ sagte der Vetter und schmunzelte, „da gieb mir nur das neue Tagebuch wieder! Das habe ich dir nämlich geschenkt und von einem so schändlichen Menschen wirst du ja doch nichts annehmen wollen.“

Lotte stand einen Augenblick starr.

„Das hast du mir geschenkt?“ brachte, sie dann mühsam hervor, „das himmlische Tagebuch? Und das hast du gar nicht gesagt? Dickus, du bist entzückend – und ich danke dir tausendmal! Jetzt bin ich dir aber wirklich riesig gut, denn das war famos anständig von dir!“

„So?“ erwiderte der Dickus, „nun, das ist mir ja eine wahre Beruhigung, daß du mit dem Gutsein nicht warten willst, bis du achtzig Jahre alt bist. Da kriege ich am Ende auch das Tagebuch noch ’mal zu lesen – man muß nichts verreden.“

Und als Lotte lachend und kopfschüttelnd mit ihrem Kleinod aus dem Zimmer gesprungen war, sah ihr der Dickus mit unverkennbarem Wohlgefallen nach. „Ein niedliches Ding!“ murmelte er vor sich hin, und wenn diese Kritik nicht salonfähig war, so kam sie wenigstens von Herzen, und das ist auch was wert.

Lotte schrieb an diesem Abend zum erstenmal in ihr neues Tagebuch: „Mein Götterbuch, ich habe dich vom Dickus! wer hätte das gedacht! Der Dickus kann, am Ende noch ’mal ganz menschlich werden – heut’ war er wirklich nett!“

Wir wollen dem Leser aber nicht zu viel aus dem Tagebuch verraten – der Dickus kam mit der Zeit immer öfter darin vor. Und was noch mehr sagen will, er hat es später selber zu lesen bekommen – allerdings erst, als er mit Lotte verlobt war – da durfte sie doch keine Geheimnisse mehr vor ihm haben! Ja, wie das manchmal so anders kommt – es ist merkwürdig!