Das Schwarzwild und seine Jagd in alter und neuester Zeit II

Textdaten
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Autor: Ludwig Beckmann
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Titel: Das Schwarzwild und seine Jagd in alter und neuester Zeit II
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 37, S. 586-590
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[586]
II.
Das Schwarzwild und seine Jagd in alter und neuester Zeit.

Die Vervollkommnung des Feuergewehres und die Einführung der französischen Parforcejagd gaben dem deutschen Jagdwesen eine gegen früher ganz veränderte Richtung, die spätern Zeitereignisse und vor Allem die zunehmende Umwandlung des Waldbodens in Ackerland vollendeten das Uebrige, sodaß heutzutage die Jagd in den stärker bevölkerten Districten Deutschlands nur noch als „Schießvergnügen“ zu betrachten ist. Am meisten erinnern noch die „Saujagden“ an die alte gute Zeit der deutschen Waidmannslust. Da das Abschießen des Schwarzwildes auf dem Anstand an den Wechseln und Suhlen, auf dem Treibjagen, beim Einkreisen nach frischem Spürschnee (bei guter „Neue“) und beim Pürschgange, von dem bei andern Wildarten üblichen Verfahren so wenig abweicht, daß ein näheres Eingehen überflüssig sein dürfte, so beschränken wir uns auf die Streifhatze, die Parforcejagd, das eingestellte Jagen und das Einfangen.



1. Die Streifhatze.

 „Auf dem Schnee und auf dem Eber
 Wird mir mein Sach wäger!“
 (Alter Waidspruch.)

Dieses ist unstreitig eine der ältesten und interessantesten Jagdarten und besteht wesentlich darin, daß man einen Walddistrict mit mehreren Hatzen umlegt [1], welche die durch Treiber oder Hunde aufgejagten Sauen behetzen und fangen, sobald sie auf der Blöße angelangt sind.

In der Blüthezeit des Jagdwesens wurde auch diese Jagdart praktisch und ceremoniell vervollkommnet. – Sobald die Jäger, welche die schweren Fanghunde führten, ihre Plätze hinter den aus Tannenzweigen hergestellten „Hatzschirmen“ eingenommen hatten, zog der „Rüdemann“ mit mehreren guten „Findern“ [2] auch [587] wohl mit einer Anzahl Treiber zu Holz und eröffnete unter solennem Anblasen die Jagd. – Die flüchtigen Sauen wurden auf der Waldblöße von den gelöseten Fanghunden gepackt und „gedeckt“ (gehalten), worauf der Jäger hinzueilte, die gefangene Sau bei den Hinterläufen und mit Beihülfe des Hatzmanns „aushob“, d. h. mit dem Hintertheil vom Boden hob, wodurch ihre Kraft gebrochen und weitere Beschädigungen der Hunde vermieden wurden. – In dieser Stellung wurde die Sau so lange gehalten, bis auf das mit Hifthorn oder halbem Mond gegebene Signal (der „Fürstenruf“) der Jagdherr herankam, welcher die Sau dann mit dem Hirschfänger hinter dem rechten Blatte abfing. Die Jägerei lüftete während dieses Actes die Hirschfänger mit entblößter Rechten und stieß den dreimal wiederholten Ruf: „Wallo!“ (an einigen Orten „Hillo!“) aus. Nach dem Abfangen steckte der Jägermeister dem Jagdherrn, wie auch dem Jäger, dessen Hunde die Sau gefangen hatten, ein grünes Tannenreis („Bruch“) auf. Außer dem Rüdemann und den die Hatzen führenden Personen war die ganze Jägerei zu Pferde, um die oft weiten Distanzen rasch zurücklegen zu können. An einigen Höfen war es Sitte, die gefangene Sau zu knebeln und dem Fürsten entgegen zu tragen, welches Experiment allerdings seine Schwierigkeiten gehabt haben mag.

Diese Jagdart erfordert natürlich ein reichlich mit Sauen besetztes Revier und kann daher heutzutage nur noch im Park Anwendung finden, wodurch der eigentliche Charakter der freien Hatze verloren geht. Man hat daher im nördlichen Deutschland schon seit langer Zeit die Streifjagd in einer Weise abgeändert, welche nicht allein im Park, sondern auch bei den unergiebigern Jagden im Freien sich vortheilhaft bewährt hat. Es werden hier nämlich gar keine Hatzen außerhalb des abzujagenden Districtes postirt, sondern man stellt statt deren eine Schützenlinie auf. Der Rüdemann, nur mit Horn, Peitsche und dem kurzen „Couteau“ ausgerüstet, zieht von der entgegengesetzten Seite zu Holz. Ihm folgen unter Aufsicht eines Gehülfsjägers etwa 12–15 Hatzleute, deren jeder 2 rasche, scharfe Hunde, die Saufänger, am Hatzriemen führt. Sobald die Finder laut werden, löset man die Saufänger nach und nach, welche die Sau entweder einholen und decken, oder bis an die Schützenlinie treiben. Im erstern Fall wird die Sau sofort vom Rüdemann abgefangen, andererseits wird sie beim Passiren der Schützenlinie todt oder fehlgeschossen, wo der betreffende Schütze dann suchen muß, die nachjagenden Hunde mit Hülfe der Peitsche zu „stoppen“ oder anzuhalten.

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1. und 2. Hirschfänger aus dem 16. und 17. Jahrhundert.     3. Der moderne
Hirschfänger oder das „Couteau“.     4. Fangeisen oder die „Saufeder“.
5. Dasselbe von der Schneidseite.     6. Lederscheide für das Fangeisen.
7. und 8. Hifthorn und Zinken aus dem 16. Jahrhundert.
9. Der „halbe Mond“.     10. Das Signal- oder C-Horn.

Für einen rüstigen Jagdfreund in jüngern Jahren ist es gewiß interessant, zur Abwechslung einmal den Schützenstand zu verlassen und den Rüdemann auf seinem Zuge zu begleiten. Während man an der Schützenlinie oft auf einem verlornen Posten stundenlang vergebens ausharren muß, ohne etwas von der Jagd zu hören oder zu sehen, bleibt man hier in fortwährender Spannung und Bewegung. Ernste und komische Scenen wechseln oft ebenso rasch, wie die Scenerie der Landschaft, denn ist die Jagd einmal im Gange, so geht’s unaufhaltsam, oft in raschester Gangart, vorwärts.

Da stehen wir am frühen Wintermorgen mitten im weiten, stillen Bergwald, am Rande einer eingeschneiten, unabsehbaren Kieferndickung und harren mit Ungeduld der Minute, in welcher, der Verabredung gemäß, die Suche beginnen soll. In einiger Entfernung vom Rüdemann hält der bunte Haufen der Hatzleute, meist Bauernbursche aus der Umgegend, im drolligsten Costüm. In langen blauen oder weißen Leinwandröcken mit einer oben im Nacken beginnenden Taille, hohen Stiefeln, mit Zipfelmützen, Filzhüten und Capuzen angethan, stehen sie da und trampeln mit den Füßen im hohen Schnee oder schlagen zur Erwärmung die in ein Paar riesige Fausthandschuhe auslaufenden Arme um die Rippen. Jeder trägt über der linken Schulter den vollgestopften, weißleinenen Proviantbeutel, über der Rechten den breiten Hatzriemen und die kurze Peitsche. Eine wahre Aesopsfignr ist in der Regel der „Brodträger“, welcher an jeder Seite einen Pack Hausbackenbrode als Hundefutter für den heutigen Tag aufgeschnallt hat. Fünfundzwanzig bis dreißig Hatzhunde mit wahren Galgenphysiognomien und in allen möglichen Farbennüancen vollenden das Pittoreske dieser Gruppe. Sie stehen zitternd vor Kälte und Ungeduld mit eingeklemmter Ruthe und gekrümmtem Rücken und nagen sich die Schneeballen aus den zottigen Pfoten.

Endlich zieht der Rüdemann seine große Taschenuhr und steckt sie langsam wieder ein. Doch nein, es geht wirklich los, denn er hantiert bereits mit dem kupfernen Signalhorn und gibt seinem Gehülfen einen Wink, die beiden Finder zu lösen. Eilfertig rennen die kleinen struppigen Köter dahin und verschwinden lautlos in der Dickung. Nun schmettert und jubelt das Horn die lustige Anjagdfanfare durch den schweigenden Wald; weithin erschallen die vollen, runden Klänge, und dem letzten wirbelnden Triller folgt, in höchster Tonart ausgestoßen, der altwaidmännische Jagdruf: „Ho, Ridoh! Juch Suh!“ – Die Jagd ist eröffnet.

Langsam folgen wir den Findern in’s Dickicht, vorauf der Rüdemann, hinter uns in langer Reihe die Hatzleute mit den Hunden, einer hinter dem andern, wie die Enten. – Der Zugführer steht und horcht, und Alles steht unbeweglich, nur die Hunde winseln vor Ungeduld und Erwartung. Da hört man weit in der Ferne den Laut des Finders, und um ihn zu ermuthigen, läßt der Rüdemann sein: „Wallo! mein Hund, Juch Suh!“ erschallen. Da wird auch der andere Finder laut, und wir setzen uns in Trab, um näher zu kommen.

Es ist wieder still, die Hunde haben augenscheinlich die Fährte verloren, und wir machen einen Augenblick Halt auf einer kleinen Blöße, wo zahlreiche Saufährten den blendend weißen Schnee durchkreuzen. Weiterhin hat eine Sau über Nacht „gebrochen“, jedenfalls ein starker Keiler, denn die Fährte ist breit, und in dem [588] aufgewühlten schwarzen Erdreich hängen große Flocken gefrornen Schaums. „Na,“ meint der Rüdemann, „gebt mal Acht, der ist kurrig!

In diesem Augenblick werden die Finder in der Ferne wieder laut, und unser Zug setzt sich wieder in Trab. – Der Laut wird stärker und bleibt fortwährend an einer Stelle (Standlaut). „Die rothe Koppel los! Die Stumpfschwänze los!“[3] ruft der Rüdemann, und während wir vorwärts eilen, gleiten die raschen Saufänger in weiten Sätzen uns links und rechts vorbei. – Bei ihrer Ankunft wird’s unten im Thalgrunde lebendig, allein der Lärm bleibt an demselben Platz, und wir hören sogar bald darauf einen Hund „klagen“. Es ist also ohne Zweifel eine wehrhafte Sau, welche sich den Hunden widersetzt. „Los! alle Hunde los!“ heißt es jetzt, alle Hände schnallen und zerren an den Halsungen der vor Kampfbegier laut aufheulenden Hunde, und im nächsten Moment schnaubt die entfesselte Rotte den steilen Berghang hinab, den weichen Schnee hoch hinter sich aufstäubend.

Wir hinterdrein, die Hatzjungen rutschen und purzeln Hals über Kopf den Berg hinunter, um sich die Sache in der Nähe anzusehen, allein sie werden unten von einem erfahrenern Alten mit derben Püffen in Empfang genommen und mit den Worten zurückgewiesen: „Wer kein Geschirre hat, dei bliewe hier wege!“ (Wer keine Waffen hat, bleibe hier fort.)

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Das Abfangen einer wehrhaften Sau unter den Hunden.

In einem alten eingefrorenen Wasserlauf zwischen hohen Felsblöcken und weit überhangenden Tannenzweigen hat sich der wüthendste Kampf bereits entsponnen. Ein wirrer Knäuel wälzt sich im rasendsten Durcheinander, es ist unmöglich, die Kämpfenden zu unterscheiden, die in eine Wolke aufstäubenden Schnees gehüllt sind. Ganze Stücken Lehm und gefrornes Erdreich spritzen und fliegen nach allen Seiten umher, und durch den betäubenden Lärm der Hunde hindurch hört man nur das schrille Jucken und Hetzen des Rüdemanns und das dumpfe Brummen des tobenden Keilers.

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Untersuchung eines von der Sau geschlagenen Hundes.

Endlich haben die Hunde die Sau „gedeckt“, und im nächsten Moment sitzt der Rüdemann rittlings drauf, packt sie mit der Linken in dem borstigen Nacken und treibt ihr die breite Stahlklinge hinter dem Blatte in die Herzkammer. – Der Keiler klappt noch einmal in ohnmächtiger Wuth das schäumende Gebräch zusammen und sinkt dann langsam, verendet zu Boden. Die Hunde zerren noch an dem Todten, um ihre Wuth zu kühlen, und werden nach und nach mit Hülfe der Peitsche zurückgezogen und aufgekoppelt. – Diejenigen, welche Blessuren erhalten haben, werden sofort genau untersucht, zu welchem Zwecke der Rüdemann oder sein Begleiter jederzeit eine Verbandtasche bei sich führt. Bei den Verwundungen unterscheidet man offene „Schläge“, welche, wenn sie eben keine Arterien durchschnitten haben, meist ungefährlich sind – und die bösartigern „Stiche“ mit kleiner, dreieckiger Oeffnung, welche fast gar nicht schweißen, obwohl sie mitunter tief hinein gehen. – Bei rauhhaarigen Hunden entdeckt man Stiche in der Regel erst dann, wenn sich hier eine dicke Balggeschwulst bildet, welche sofort aufgeschnitten und fortwährend mit Schnee gekühlt werden muß. Auch Quetschungen der Zehen kommen häufig vor. Ist ein Hund unglücklicherweise so verletzt, daß er nicht mehr Theil am Jagen nehmen kann, so wird er durch den Hatzjungen in’s Quartier geschafft, wo er bei guter Pflege und durch das beständige Lecken mit der Zunge sich rasch erholt und curirt. In der Regel sind die Hunde, welche nach einer solchen Attaque am meisten mit Schweiß bedeckt sind, am wenigsten oder gar nicht beschädigt. Wahrhaft komisch aber sieht oft ein weißer Hund aus, wenn er während des Abfangens unter dem Couteau gestanden hat; er ist oft ganz mit dem Schweiße der Sau übergossen, und da dieser in der Kälte sofort gefriert und dann eine merkwürdig intensive Färbung erhält, so erscheint der Hund oft zur Hälfte weiß, zur Hälfte im brennendsten Scharlachroth.

Die todte Sau wird in einer originellen Weise transportirt. Man knüpft ihr einen Strick dicht hinter den obern Gewehren um das Gebräch, das vordere Ende des Strickes wird um zwei „Saufedern“ geschlungen[4], und vier Mann schleifen nun den mächtigen Keiler mühsam bergan. Der Rüdemann ist längst wieder auf und davon, den übrigen Hunden nach. Ein gellendes Quieken verkündet bald darauf, daß eine Bache gefangen ist (der Keiler schreit nicht), und sie verendet eben so rasch unter dem Couteau. Inzwischen belehrt uns das wiederholte Krachen der Büchsen, daß die übrigen Sauen, wahrscheinlich ein ganzes Rudel, die Schützenlinie passirt haben, und es ertönt daher der Ruf zum „Koppeln“ und das Signal: „Hunde zurück!“ Langsam [589] kommen die Hunde anö allen Himmelsgegenden zurück, sie werden gezählt, ausgekoppelt, und der Rüdemann zieht weiter, die zweite Suche zu beginnen.

Die Schützen haben ihre Stände bereits verlassen, allein die todten Sauen, welche am Rande des breiten Fahrweges „gestreckt“ sind, beweisen, wie thätig man hier gewesen. Jetzt wird auch unser Keiler herangeschleppt, und wir bemerken mit Vergnügen, daß er nicht zu den Geringern unter der borstigen Gesellschaft zählt. – Der leicht herunterprickelnde Schnee hat die schwarzbraunen Ungethüme bereits weiß eingepudert – ein reizendes Farbenspiel! Unten im Hohlweg erscheint der „Wildschlitten“, die dampfenden Gäule kommen näher und spitzen schnaubend die Ohren beim Anblick der todten Sauen, welche jetzt von den Knechten herbeigeschleppt und aufgeladen werden. Zum großen Ergötzen der Mannschaft findet sich unter dem todten Schwarzwild auch ein Langschwanz: Meister Reinecke! – welchem nun oben auf dem beladenen Schlitten ein Ehrenplatz reservirt wird.

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Transport der todten Sau.

Die übrig gebliebenen, noch lebenden Sauen des Rudels streichen in der Regel weit fort, bleiben den ganzen Tag rege und werden beim geringsten Geräusch „schallflüchtig“. Ist der Jäger daher allein auf diese angewiesen, so erfordert es oft ungewöhnliche Anstrengungen, ihnen wieder beizukommen. – Man weiß allerdings immer ziemlich genau, nach welcher Richtung die flüchtigen Sauen „wechseln“, und in welcher Dickung sie sich möglicherweise „stecken“ werden, allein bis dahin sind oft stundenweite Wege bergauf und ab zurückzulegen. Sind die Sauen endlich eingekreist, so muß die Suche oder das Treiben, um sie nicht zu beunruhigen, so weitläufig genommen werden, daß die vorhandene Zahl der Schützen selten ausreicht, das gegebene Terrain gehörig zu besetzen. Da ereignet es sich denn gar oft, daß die listigen und argwöhnischen Sauen, noch ehe die Suche beginnt, sich zwischen den weitläufig gestellten Schützen unbemerkt hindurchstehlen, oder seitwärts ausbrechen. – Sehr störend ist es auch, wenn eine Sau, an welcher die Hunde jagen, fehlgeschossen wird, und der betreffende Schütze muß in diesem Falle die Hunde mit Hülfe der Peitsche „stoppen“ und anzuhalten oder zurückzuschicken suchen.

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Der Wildschlitten.

Werden derartige Streifjagden in größern Parks oder geschlossenen Gehegen abgehalten, so pflegt man wohl, um die Resultate noch glänzender zu machen, sich zugleich des Jagdzeuges oder der Saunetze zu bedienen, welche das Ausbrechen der Sauen an den Seiten des abzujagenden Districtes verhindern. Der eigentliche Charakter der „freien Hatze“ geht hierdurch allerdings verloren, allein der Erfolg ist ein ganz anderer, als bei den heutigen Streifjagden im Freien. – In manchem Park werden noch jetzt bei einer solchen Jagd, welche in der Regel drei Tage währt und nur einmal jährlich stattfindet, an 100 bis 150 Sauen geschossen und abgefangen.

Der Posten des Rüdemanns ist bei der Streifjagd eben nicht der bequemste und erfordert den „ganzen Mann mit allen seinen Kräften“. Eine dauerhafte Constitution, Ausdauer und Schnelligkeit, scharfes Gehör und Gesicht, ein helles, weithin schallendes Organ, sind durchaus erforderlich. Er muß ferner befähigt sein, die jedesmalige Lage der Verhältnisse rasch und richtig beurtheilen zu können, und in kritischen Momenten ebenso vorsichtig, wie herzhaft und kurz entschlossen sein.

Die zur Streifjagd nöthigen Hunde bestehen in 2–3 Saufindern, 20–30 Hatzhunden und einem oder zwei Schweißhunden. – In Betreff der eigentlichen Hatzhunde oder Saufänger ist man in den meisten Gegenden, wo noch Schwarzwild vorhanden, längst davon zurückgekommen, eine eigene, constante Race für diesen Zweck zu züchten. Das Sprüchwort sagt: „Wer Schweinsköpfe haben will muß Hundsköpfe spendiren,“ und die Beschädigung oder gar der Verlust eines mit Sorgfalt und verhältnißmäßigen Kosten erzogenen Hundes bleibt immer eine verdrießliche Sache. – Die ganze Thätigkeit der Hatzhunde auf der Streifjagd ist überdem so auf den angebornen Naturtrieb des Hundes basirt, daß jeder rasche, scharfe Hund, welcher die Sauen von Natur haßt, dazu brauchbar ist. Aus diesem Grunde wählt man jetzt am liebsten Hunde, welche von Wildhirten, Metzgern, Schäfern etc. aufgezogen und für ihre frühere Bestimmung sich zu scharf oder unbändig erweisen. Das einmalige „Einhetzen“ eines Neulings mit dem ältern Stamm der Hatze genügt in der Regel, um ihn vollkommen brauchbar zu machen. – Mit den kleinen Findern oder Saubellern ist es schon difficiler, da diese den Ton angeben müssen. Die Hatzhunde laufen nur nach dem Laut des Finders, gebrauchen die Nase selten und haben die Sau leicht verloren, sobald sie ihnen aus dem Gesicht kommt. Daher muß der Finder durchaus zuverlässig sein und vor allen Dingen nicht vor Rothwild oder auf dessen Fährte laut werden. Man hielt daher in frühern Zeiten sehr viel auf eine gute [590] Saufinderrace; – doch findet man unter den Bastarden vom Bauernspitz mitunter Exemplare, die eine besondere Malice auf zahme Schweine haben, und derartige Hunde übertreffen bei guter Anführung oft die Saufinder reiner Race.

Der Schweißhund findet erst dann Anwendung, wenn eine Sau durch Anschuß verwundet und fortgestrichen ist. In diesem Fall wird der Schweißhund am Riemen zur Fährte geführt und „arbeitet“ nun mit der Nase am Boden fortwährend der Fährte der „kranken“ Sau nach, unbekümmert um die oft zahlreich darüber kreuzenden Fährten anderer Sauen. – Schweißt die angeschossene Sau stark, so ist der „weiße Schweißhund“ – der Schnee – ausreichend, ihren Aufenthalt zu ermitteln, wo sie dann entweder auf’s Blatt geschossen oder, wenn sie nochmals fortstreicht, von einigen Hunden behetzt und gestellt wird.

Die erlegten Sauen werden noch an demselben Abend „aufgebrochen“, d. i. geöffnet und vom Eingeweide (Gescheide) befreit. Am Schluß der Jagden wird das sämmtliche Schwarzwildpret nach den betreffenden Jägerhöfen oder „Zerwirkhäusern“ geschafft, wo die geringern Sauen „mit Haut und Haar“ im Ganzen verkauft – die stärkern aber „zerwirkt“ und „zerlegt“ werden. In letzterm Falle wird zunächst der Kopf (an welchem die Schwarte bleibt) dicht vor den Schultern abgeschlagen. Dann folgt das Abstreifen der Schwarte vom Rumpf, welches vorsichtig Schnitt für Schnitt geschehen muß, besonders in der Feistzeit, wo die Sauen viel Feist oder „Weißes“ haben. Nun wird die Sau aus der unterliegenden Schwarte zerlegt, indem man zunächst den rechten und linken Vorderlauf nebst ihrem „Blatt“ (Schulter) ablöst. Die Rippenstücke oder „Federn“ werden mit Hülfe eines untergehaltenen Holzstückes mit Beil oder Zerwirkmesser so abgeschlagen, daß eine Hand breit davon am Rückstrang bleibt. Nun werden die Keulen im obern Hüftgelenke ausgelöst oder unter demselben abgeschlagen. Das übrig bleibende Rückenstück heißt, wie bei allem Hochwild, der „Ziemer“ und wird bei gröbern Sauen in Blatt- und Pürzelziemer abgetheilt.





  1. d. h. am Rande des Waldes in gewissen Entfernungen Jäger oder „Hatzleute“ mit mehreren großen Fanghunden postiren.
  2. Finder oder Saubeller: kleine, rauhhaarige Hunde, welche nur an Sauen suchen, jagen und „verbellen“.
  3. Je zwei Hunde bilden eine Koppel. Man koppelt gern möglichst gleiche Hunde zusammen und benennt sie dann nach der Farbe, Größe oder sonstigen Kennzeichen. – Der mit einem eisernen Wirbel versehene Riemen, welcher die Halsungen oder Halsbänder der beiden Hunde vereinigt, wird ebenfalls „die Koppel“ genannt.
  4. Saufeder, eine Art Jagdspieß, welcher früher allgemein, jetzt nur noch für etwaige Nothfälle bei den Saujagden geführt wurde.