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Titel: Das Rom der Zukunft
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aus: Die Gartenlaube, Heft 49, S. 778-782
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Washington, D.C.
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Das Rom der Zukunft.
Die Lage von Washington. – Das Unfertige der Stadt. – Pennsylvania-Avenue. – Post- und Patentamt. – Das Finanzministerium. – Das weiße Haus. – Amerikanische Kunstleistungen. – Das Capitol und seine Umgestaltung. – Columbus als Kegelschieber. – Washington im Bade. – Die große Rotunde mit ihren Bänkelsängerbildern. – Der Sitzungssaal der Repräsentanten. – Scenen in den Sitzungen. – Die Manieren der Sclavenbarone. – Der Sprecher und die Abstimmung. – Die „Vorsaalmitglieder.“ – Der Senat.

Nach Westen geht der Strom der Weltgeschichte. Die Enkel der großen Emigration, welche in der Urzeit und dann wieder in den letzten Jahrhunderten Roms das alte Asien nach Europa ausgehen ließ, beherrschen jetzt Asien. Die Enkel der Auswanderer, die heutzutage in nicht abreißendem, durch nichts gehemmtem Zuge aus Europa nach Amerika ziehen, werden in der Zukunft in gleicher Weise Europa und mit ihm die Erde beherrschen.

Schon jetzt läßt der große, transatlantische Freistaat seine Existenz in dem politischen Leben der alten Welt empfinden. In fünfzig Jahren wird seine Bedeutung für dasselbe Aller Augen sichtbar sein, sein Herüberwirken auf unsere Zustände wie die Wärme der Sonne gefühlt werden. In hundert Jahren wird, wenn nicht Alles täuscht, der Schwerpunkt des politischen Lebens unter dem Mond in Nordamerika, das Centrum desselben in Washington liegen, und dessen Capitol wird für die Welt mehr bedeuten, als je das Capitol des alten Rom. Noch sieht freilich Vieles in dem Organismus des jungen Riesen, der mit dem großen Kriege in sein Jünglingsalter getreten ist, unfertig und unschön aus, und Washington ist der Spiegel dieser Unfertigkeit und Unschönheit. Die Kunst, um nur Einiges anzuführen, lebt noch vom Ideenimport aus Europa und die Manieren der zukünftigen Weltbeherrscher, ihr übergroßes Selbstgefühl, ihre Rücksichtslosigkeit in Verfolgung ihrer Zwecke, ihr mehr in die Breite als in die Tiefe gehendes Streben, ihre Hast und Unruhe sind für den gediegenen Europäer und namentlich für den zugleich gemüthlichen Deutschen eher abstoßend, als anziehend. Aber ein Zug von Größe ist in Allem.

Washington, das Rom der Zukunft, liegt in recht anmuthiger Gegend, und wenn die Tiber, an der einige seiner Häusergruppen sich hinziehen, nicht so groß ist, wie ihre italienische Namensschwester, so ist der Potomac, in dem die Stadt sich einst spiegeln wird, um so stattlicher.

Nicht das Gleiche läßt sich von der Stadt selbst sagen: sie ist fast so alt, wie die Republik, aber der großartige Plan, nach welchem sie angelegt, ist in seinen meisten Theilen bis heute Plan geblieben; denn der Handel ist’s, der in Amerika die Städte groß macht, und Washingtons Lage ist für diesen nicht günstig. Nach jenem Plan wäre das Capitol, auf einer Bodenanschwellung gelegen, der Mittelpunkt gewesen, von demselben wären nach allen Seiten strahlenförmig eine Anzahl Avenues oder Hauptstraßen ausgelaufen, welche wieder in regelmäßigen Zwischenräumen von Seitenstraßen durchschnitten worden wären. Dieser Gedanke ist nur zum kleinsten Theil verwirklicht worden. In der vornehmen Gegend um das Capitol erlangte der Grund und Boden gleich zu Anfang einen hohen Werth, in den entfernteren Regionen dagegen blieben die Bauplätze wohlfeil, und die nothwendige Folge war, daß sich hier zuerst Häuser und Gruppen von solchen erhoben, während das Eapitol mitten in leeren Feldern stehen blieb und, statt das Centrum von Washington zu sein, dessen äußerster Endpunkt wurde.

Und so verhält sich’s in der Hauptsache noch heute. Nur an einigen Stellen zusammenhängende Häusermassen. Sonst in einer Ausdehnung von nahezu einer deutschen Meile von Nordwest nach Südost und einer halben deutschen Meile von Nordost nach Südwest nur einzelne Gebäude oder Gebäudegruppen. Hier und da eine Straße mit nur einer Häuserzeile, da und dort eine Villa oder auch ein armseliges Hüttchen, dem Anschein nach vom Zufall hierher gestellt, und dazwischen hin und wieder ein großer, weißer Marmorbau, in dem wir nähertretend ein Regierungsgebäude erkennen, und die Thürme mehrerer Kirchen aus röthlich-grauem Sandstein. Das ist ungefähr Washington, und in der That, die langweilige Regelmäßigkeit Karlsruhes und Darmstadts ist, um Kleines mit Großem zu vergleichen, fast erfreulich neben dieser Regellosigkeit der Ausführung in der Regelmäßigkeit des Planes. Ein Theil der Stadt macht ein sehr anspruchsvolles, großstädtisches Gesicht, andere Theile gleichen den zerstreuten Dorfschaften unserer Marschen, die bei weitem größere Hälfte des Areals, welches der Plan umfaßt, ist unbewohnte, weg- und brückenlose Wildniß, in der man eher Schnepfen schießen, als Menschen begegnen kann, und in der bei nassem Wetter nicht fortzukommen ist. Die großen Avenuen sind, bis auf zwei oder drei, bloße Namen; die Squares und Blocks, die bei der Anlage projectirt wurden, wird man der Mehrzahl nach mit ebensoviel Erfolg im Monde, als hier suchen können. Vieles in den Staaten Amerikas ist unfertig und es giebt eine Masse unbesetzten Landes da, aber kein Stück Land möchte sich in öderem Zustande befinden, als drei Viertheile des Bodens, welcher das Stadtgebiet von Washington bildet. Wäre das Straßennetz ausgefüllt, so könnte die Stadt nicht unter einer Million Einwohner haben; wie die Dinge liegen, hat sie in der Saison, d. h. wenn der Congreß versammelt ist, etwa achtzigtausend, in der stillen Zeit nicht viel über sechszigtausend.

Der dichteste Theil des unvollendeten Gewebes, welches der Plan von Washington zeigt, liegt westlich von dem Hügel, den das Capitol krönt, und hat zur Basis die einzige fast ganz in’s Leben getretene von jenen projectirten Hauptstraßen, die Pennsylvania-Avenue, welche, einige hundert Schritt vom Capitol beginnend – wirklich beginnend, denn ihre Fortsetzung östlich vom Capitol ist Mythe – in der Nähe des Hauses endigt, wo der Präsident wohnt.

Pennsylvania-Avenue ist für Washington, was die Linden für Berlin sind. Eine Viertelmeile lang und etwa dreihundert Fuß breit, ist sie mit ihren meist hübschen, oft prächtigen Häusern und manchem eleganten Laden der Stolz der Einwohner. Der in der Mitte hinlaufende Fahrweg wird von Bäumen beschattet, auch giebt es hier nicht blos Trottoirs, sondern auch Straßenpflaster, eine Wohlthat, deren sich von den übrigen Straßen nur noch einige erfreuen.

Von den öffentlichen Gebäuden sind fast nur die, welche der Regierung gehören, unserer Beachtung werth. Die Kirchen sind weder groß, noch schön, oft Muster von Geschmacklosigkeit, und was von Theatern, Hotels und Privathäusern Anspruch macht, besehen zu werden, will nicht viel bedeuten. Dagegen bleiben wir vor dem Postamt und dem Patentamt einen Augenblick stehen, die sich in weniger Entfernung von Pennsylvania-Avenne in der F-Street und zwar einander vis-à-vis befinden. Das Generalpostamt, aus weißem, marmorartigem Kalkstein in griechischem Stil erbaut, ist ein ziemlich großes Viereck ohne bestimmte Front mit korinthischen Säulen geschmückt und von gefälligen Proportionen, dessen Wirkung aber seiner ungünstigen Lage wegen verloren geht. Da die Briefe nicht ausgetragen werden, sondern abgeholt werden müssen, so konnte man hier während des Krieges Massen von Nachfragenden vor dem Eingang zur Briefausgabe Queue bilden sehen, wie bei Hungersnoth die Brodholenden vor dem Bäckerladen. Auch das Patentamt ist ein großer Bau. Freitreppen führen auf drei seiner Seiten zu einem Porticus mit dorischen Säulen hinauf, und das Ganze würde imposant sein, wenn die Straßen umher fertig wären. Der Schönheit des Gebäudes thut Eintrag, daß man ihm Fenster und zwar auch unter dem Porticus gegeben hat, was gewiß recht nützlich, aber nur nach den Begriffen amerikanischer Architekten zugleich geschmackvoll ist.

Ein Stück weiter endlich liegt die Treasury oder das Finanzministerium, ein noch nicht ganz vollendetes Gebäude von mächtigen Dimensionen, dessen östliche Front mit ihren zweiundvierzig ionischen Säulen eine der längsten Colonnaden der Welt zeigt. Die Granitmassen, die man dazu verwendet hat, sind aus dem Staate Maine hierher gebracht und geben dem Bau ein massives Aussehen, welches vortrefflich für dessen Bestimmung paßt, den Staatsschatz aufzunehmen.

Nicht fern von hier, weiter nach dem Potomac hin, erhebt sich auf einem Hügel, umgeben von schönen, alten Bäumen, „the white house“, das „weiße Haus“, die Wohnung des Präsidenten. Es ist von demselben Gestein wie das Postamt erbaut, zweistöckig, nicht besonders groß, aber recht nett und geschmackvoll gebaut. Die Façade kehrt es dem Lafayette-Platz, einem öffentlichen Garten mit hübschen Büschen und Rasenplätzen, zu, der zu dem Anziehendsten [779] in Washington gehört, aber durch eine unmittelbar vor den Fenstern des Präsidenten stehende Statue Andrew Jackson’s verunstaltet wird. Die Amerikaner haben in der Kunst überhaupt kein Glück, besonders wenig in der Plastik, und dieses Reiterstandbild ist wohl das abgeschmackteste, welches je die Phantasie eines Bildhauers zu Stande gebracht hat. Ein Gaul, wie dieser, hat in Wirklichkeit nie Hafer gefressen, und der darauf sitzt, hat ohne allen Zweifel zu tief in’s Whiskeyglas gesehen. Nur wenig mehr Werth hat die bronzene Reiterstatue Washingtons, die nicht weit von hier bewundert sein will. Sie ist von Clark Mills ausgeführt, aber nicht erdacht, sondern, wie man auf den ersten Blick sieht, nichts als eine schlechte Copie von Rauch’s Friedrich dem Großen auf den Berliner Linden mit einigen durch den Gegenstand gebotenen Abänderungen und Zuthaten.

Im Viereck um die Präsidentenwohnung herum liegen in einiger Entfernung die vier Staatsgebäude, welche die Ministerien enthalten: das schon geschilderte Finanzministerium, das auswärtige Amt, das Departement des Krieges und das der Marine, letztere drei einfache Backsteingebäude, die bläulich angestrichen sind.

Von andern öffentlichen Bauten erwähnen wir zunächst noch die Smithsonian-Institution. Dieselbe ist aus röthlichem Sandstein erbaut und an sich nicht häßlich, aber mit ihrem Stil, der dem zwölften Jahrhundert abgeborgt ist, ein recht sprechendes Muster und Beispiel für den amerikanischen Kunstgeschmack. Zunächst gehört ein romanischer Bau überhaupt nicht in das ganz moderne Washington, wie überhaupt nicht nach Amerika. Dann entspricht dieser Stil nicht der Bestimmung der Stiftung, welcher er dienen soll und welche „zur Vermehrung und Verbreitung des Wissens unter den Menschen“ gegründet ist. Nur ein lichtvoller Renaissance-Bau war hier am Orte, nicht ein Conglomerat von Thüren und Thürmchen mit kleinen Fenstern und Stübchen, engen Treppen und allerlei architektonischen Schnurrpfeifereien der Byzantinerzeit. Aber Washington sollte nun einmal ein mittelalterliches Schaustück haben, und so schuf man dieses Gebäude, bei dem Jedermann eher an eine Zwingburg, als an eine Stätte der Wissenschaft denken wird. Bekanntlich suchte es im Januar d. J. eine Feuersbrunst heim.

Aber kehren wir von Westen wieder nach Osten zurück, um dem Hauptbauwerk der Stadt, dem Capitol, welches noch in diesem Jahrhundert dem ganzen westlichen Continent seine Gesetze vorschreiben wird und welches schon jetzt die Gesetzgeber einer mächtigeren Republik, als je die Welt eine erlebte, in seinen Mauern tagen sieht, einen Besuch abzustatten. Diese Bedeutung drückt schon seine Anlage aus. Es ist eines der imposantesten Gebäude der neueren Zeit und wird sich, wenn der jetzt dem Abschluß nahe Umbau vollendet ist, besonders von fern gesehen, mit seinen weißen Quadermauern, seinen Freitreppen, Kuppeln und Balustraden nicht blos stattlich, sondern auch schön ausnehmen. Es liegt neunzig Fuß über dem Meeresspiegel und, wie bereits bemerkt, auf einer kleinen Anhöhe, die nach Osten hin mehr abfällt, als nach Westen. Seine Länge beträgt siebenhundert einundfünfzig und einen halben Fuß (einunddreißig mehr, als die der Peterskirche in Rom und einhundert fünfundsiebenzig mehr, als die der Paulskirche in London), seine Höhe neunundsechszig und einen halben Fuß, die der großen Kuppel vom Grunde auf der Ostseite aus gerechnet zweihundert siebenundachtzig und einen halben Fuß. Die letztere soll mit einer Freiheitsstatue in Bronze gekrönt werden, welche eine Höhe von neunzehn Fuß haben wird und zu der Crawford das Modell geliefert hat. Den Grundstein zu dem Gebäude legte Washington am 18. September 1795. Im letzten Kriege mit England wurde es nach dem unglücklichen Treffen bei Bladensburg von dem niederträchtigen Vandalismus der Rothröcke des Generals Roß zerstört, bald aber schöner wieder aufgebaut. Im Jahre 1851 genügte es dem Bedürfniß nicht mehr, und man schritt zu einer Vergrößerung und Umgestaltung. Die dabei beschäftigten Architekten waren nacheinander W. Thornton, B. U. Latrobe, Bulfinch und T. U. Walter, für welchen Letzteren ein Deutscher, A. v. Schönborn, seit ohngefähr vierzehn Jahren die Zeichnungen und architektonischen Arbeiten besorgt, so daß man sagen kann, daß auf den Schultern eines unserer Landsleute die Hauptarbeit von dem großen amerikanischen Bundespalast liegt.

Wir sagten soeben, daß sich das Capitol vorzüglich von Weitem recht gut ausnehme. Von nahe betrachtet, gefällt es in den Einzelnheiten weniger. Der Stein ist vortrefflich, glänzend, fast wie Marmor. Die Hauptfront, nach Osten gekehrt, so daß seltsamerweise das Gebäude der Stadt, wie sie jetzt ist, den Rücken zeigt, ist großartig und geschmackvoll gedacht, nur will die Verbindung der mächtigen Flügel, welche der Umbau dem ursprünglichen Körper des Palastes angesetzt hat, eine Verbindung, die so schmal ist, daß man vom äußeren Gesichtspunkte aus das Licht durch dieselben hindurchsieht, nicht recht gefallen, da dieser Umstand dem Ganzen die Einheit nimmt. Zu der Hauptfront, die eine schöne korinthische Säulenhalle hat, über der sich die große Kuppel mit ihrer Doppeltrommel wölbt, führt eine breite, doppelte Marmortreppe hinauf, die mit Statuengruppen geschmückt oder, um die Wahrheit zu sagen, theilweise verunziert ist. Der deutsche Architekt kann aber nichts dafür: es sind Proben amerikanischen Kunstfleißes. Besonders komisch ist ein Columbus, der mit seinem Globus Kegel schieben zu wollen scheint. Auch die übrigen Statuen an der Vorderseite des Capitols sind meist untergeordneten Werthes, imposant der Größe nach, fast anmaßlich der gewählten Stellung nach, der Idee nach platt und nüchtern, obwohl sie großentheils von Greenough sind, in dem der Amerikaner ein Talent verehrt, welches mindestens dem Genius Thorwaldsen’s und Canova’s gleichkommt, wenn es sich überhaupt mit Etwas in der alten Welt vergleichen läßt. Wir denken anders und sehr anders auch über den marmornen Washington dieses Künstlers, der sich auf dem Rasenplatze vor dem Capitol niedergelassen hat. Der Yankee staunt diese Statue an, weil sie kolossal und weil sie von Greenough ist. Wir finden sie steif und ungeschickt, staunen aber auch, weil der „Vater des Vaterlandes“, der doch ein gesetzter, alter Herr und durchaus von propren Manieren war, sich hier – er ist mit nacktem Oberkörper dargestellt – vor allen Leuten in’s Bad gesetzt zu haben scheint. Möglich? Nein, unmöglich. Es ist wieder eine Copie, wieder ein importirter Gedanke. Es ist der Zeus des Phidias, der Zeus von Olympia in’s Amerikanische verballhornisirt. Was er damit meint, daß er die Hand nach der Stadt hinstreckt, wäre eine passende Aufgabe für einen Oedipus, uns blieb es ein Räthsel.

Können diese Leistungen gepriesener Stümper den Beschauer aus Europa nur verdrießlich stimmen, so macht dagegen die große Rotunde, in die man von der Treppe aus gelangt und welche, von der Kuppel überwölbt und beleuchtet, sich über die ganze Breite des Mittelkörpers des Capitols erstreckt, einen bedeutenden Eindruck, nur muß man sich an sie als architektonisches Kunstwerk wenden und ja nicht auf die Bilder blicken, mit denen ein unseliger Sohn Uncle Sam’s die perpendiculären Wände der Halle verziert hat. Es sind acht Stück historische Gemälde, welche Hauptereignisse der amerikanischen Geschichte darstellen: die Landung des Entdeckers Columbus, die Ankunft Soto’s am Mississippi, der Auszug der ersten holländischen Colonisten, Franklin vor Ludwig dem Sechszehnten, Washington, wie er seine Bestallung erhält und wie er sie wieder niederlegt, und zwei Tableaux, welche die Capitulation der englischen Armee vor den amerikanischen Milizen bedeuten sollen. Sämmtliche Bilder sind – wir finden kein milderes Wort – geradezu schauderhaft und wir glauben auf der bemalten Leinwand, mit der unsere Meßschaubuden ihre Raritäten empfehlen, schon Besseres gesehen zu haben.

Im Capitol herrscht gegenwärtig eine beträchtliche Raumverschwendung, weil man dem ursprünglichen Gebäude für die eigentlichen Zwecke des Bundespalastes zu viel hinzugefügt hat. Die beiden Häuser, der Senat und das Repräsentantenhaus, befinden sich in den neuen Flügeln und zwar in dem mittleren Stockwerk derselben, der Senat rechts, wenn man in die Rotunde oder Kuppelhalle eintritt, das Repräsentantenhaus zur Linken. Ueber den Sitzungssälen beider Körperschaften wölben sich andere, selbstverständlich kleinere Kuppeln.

Gehen wir durch die vordere Thür links in der großen Rotunde, so gelangen wir zunächst in den alten Sitzungssaal der Repräsentanten, der jetzt leer steht und eigentlich nur der Vorsaal zu dem Gange ist, welcher, rechts und links mit Fenstern versehen, die oben erwähnte durchsichtige Verbindung des rechten Flügels mit dem Mittelgebäude bildet und nach dem neuen Sitzungssaal führt. Dieser letztere ist schön, geräumig und in jeder Beziehung zweckentsprechend, was sich von dem alten insofern nicht rühmen ließ, als ihn die Stimme der Redner nicht recht ausfüllte. Er erhält das Licht von oben. Zwar sieht er etwas gedrückt aus, aber seine verhältnißmäßige Niedrigkeit bewirkt eben, daß man die Sprechenden in ihm gut hört. Der Speaker oder Präsident sitzt dem Haupteingang gegenüber an einem Marmortisch, jeder der Secretäre [780] unter ihm hat gleichfalls einen solchen Tisch vor sich. Die Herren Repräsentanten, wenn das Haus vollzählig ist, etwa dritthalbhundert an der Zahl, sitzen in Polsterarmstühlen an Pulten ihm gegenüber, und zwar bilden ihre Pulte einen Halbkreis von der Gestalt eines gestreckten Hufeisens.

Begeben wir uns auf die Galerie, um auf eine halbe Stunde den Debatten beizuwohnen. Wären wir mit einem „Member“ bekannt, das uns einführte, so würden wir den Sitzungssaal selbst betreten dürfen. Auf der Galerie bedarf es nicht wie anderwärts einer Eintrittskarte. Blicken wir hinab auf die Versammlung, so fällt uns zunächst die große Ungenirtheit der Herren Gesetzgeber auf. Nur wenige im Frack, viele in Alltagsröcken und den Hut auf dem Kopfe. Nur einige sind auf ihren Stühlen, die andern stehen in lebhafter Unterhaltung in Gruppen beieinander und scheinen sich um die Collegen, welche sich als Redner vernehmen lassen, genau so viel oder so wenig zu kümmern, wie um uns. Wenn man nicht wüßte, wo man wäre, könnte man sich beinahe auf die Börse versetzt glauben oder sich wundern, daß sich nicht schon einer der Gentlemen eine Cigarre angesteckt hat. Daß einige ihr Primchen zwischen den Backenzähnen haben, leidet keinen Zweifel. Zwei oder Drei studiren die Zeitung, einer siegelt einen Brief. Daß einer dem Nationalvergnügen der Yankees, dem „Whittling“ obliege, welches darin besteht, daß man mit dem Federmesser die Stuhllehne oder Pultkante beschnitzelt, bemerken wir nicht, wohl aber, daß einer sich bestrebt, mit demselben seinen Fingernägeln die nothwendig gewordene Verschönerung angedeihen zu lassen.

Die Gartenlaube (1865) b 780.jpg

Das Capitol in Washington.

Ländlich, sittlich, denken wir und stoßen uns auch an der Beobachtung nicht, daß einige stark geröthete Gesichter sich offenbar etwas länger, als bei Tage erlaubt ist, bei dem schottischen Whiskey des Erfrischungszimmers aufgehalten haben. Ein Repräsentant hat unter der Last der Verantwortlichkeit vor seinen Wählern und unter der Masse von Anliegen und Aufträgen aus der Heimath ein saures Dasein, und so wird er wohl eher einer Stärkung seines innern Menschen bedürfen, als andere nicht so schwertragence Sterbliche. Nur möchten wir nicht wünschen, daß ein Redner in unserm Beisein etwas vorbrächte, was einem der rothen Gesichter stark mißfiele. Wir sind keine Liebhaber von Scenen, und wir erinnern uns, daß hier nicht blos das glorreiche Schauspiel der Emancipation des farbigen Volkes aufgeführt worden ist, sondern daß die Wände des Saales auch Dinge von mehr problematischer Glorie, ja recht fatale Dinge, z. B. geschwungene und auf den Rücken von Collegen niederfallende Spazierscepter von Legislatoren, collegialische Ohrfeigen und wohlgemeinte, wenn auch glücklicherweise schlechtgezielte Revolverschüsse zu sehen bekommen haben. Jedes Thierchen hat sein Manierchen, so auch die Junker aus dem Süden, welche dergleichen Liebkosungen auszutheilen pflegten; [781] aber wir halten’s doch lieber mit unsern Manierchen, und so haben wir doppelte Ursache uns zu freuen, daß die Kühle des Nordens jetzt den Sieg über die Hitze des Südens davongetragen hat. Die handgreiflichen Widerlegungsversuche werden damit wohl aus der Rhetorik, nach der hier verfahren wird, entfernt sein. Ueber ein paar Hinterwäldlerflüche, mit denen ein Volksvertreter gelegentlich seine Polemik würzen mag, und ähnliches Gepfeffertes kommt ein guter Magen schon eher hinweg.

Der dumpfe Lärm, der im Saale herrscht, ist sehr unbequem für den, welcher die Redner zu hören begehrt. Er wird nicht unerheblich verstärkt durch das Hin- und Herlaufen von etwa einem Dutzend kleiner Burschen, welche den „Members“ als Lakaien und Postillone aufwarten, die Wünsche der Redner nach einem Glase Wasser ausrichten, Aufträge in die Stadt besorgen, Botschaften aus derselben bringen, Briefe wegtragen und im Saale abgeben. Man ruft sie durch Händeklatschen herbei, wie im Orient die Haussclaven, und es sind – mit Verlaub zu sagen, denn wir haben in ihnen freie Jünglinge der „freiesten und erleuchtetsten Nation“ vor uns – recht flinke Sclaven.

Der Sprecher des Hauses beweist in glänzender Weise, daß Uebung den Meister macht. Es muß außerordentlich schwer sein, unter den erwähnten Umständen der Debatte zu folgen. Oft wird dieselbe durch Fragen und Einwürfe unterbrochen, daneben summt es im Hause wie in einem Bienenstock, und häufig sind die Redner für uns ganz unverständlich. Der Sprecher aber thut seine Pflicht so sorgfältig, als ob alle diese Hindernisse nicht existirten. Freilich nicht mit der Wurde, die wir an unsern Herren Präsidenten hoher zweiter Kammer gewöhnt sind. Aber man muß billig sein, und zur Würde hat man hier keine Zeit. Scharf und kurz angebunden, wie der Ruf des Croupiers am grünen Tische, wenn die Glückskugel zu rollen beginnt, klingt des Sprechers Stimme, wenn ein Redner an der Reihe ist; scharf und kurz, wenn ein Vortrag unterbrochen wird, und der Betreffende zu fragen ist, ob er sich die Unterbrechung gefallen lassen will. „Der Gentleman aus Illinois hat das Wort.“ (Die Repräsentanten werden nicht bei ihren Namen, sondern als Herren aus dem oder jenem Staate aufgerufen). „Der Gentleman aus Indiana wünscht den Gentleman aus Kentucky etwas zu fragen.“ – „Der Gentleman aus Kentucky giebt ihm Erlaubniß.“ – „Der Gentleman aus Indiana.“ So geht es unaufhörlich fort, bis das Haus abstimmt, wo der Sprecher divinatorische Gaben zu entwickeln und in den Herzen und Nieren der Gesetzgeber zu lesen scheint. „Die Gentlemen, welche für den Antrag sind, werden Ja (Aye, nicht yes) sagen,“ ruft der Lenker der Legislationsmaschine. Nicht ein Laut ist zu hören. „Die Gentlemen, die gegen den Antrag sind, werden Nein sagen.“ Wiederum vernimmt man nicht ein Wort. Der Sprecher aber [782] weiß, woran er ist. „Die Ja haben die Mehrheit“ oder: „die Nein haben die Mehrheit,“ verkündigt er von seinem Marmortisch, und die Maschine arbeitet weiter. Wie in einer Druckerei die Bogen, werden hier die Amendements erledigt. Alles geschieht mit äußerster Raschheit, wenn nicht eine Hauptdebatte ist, und alles wird mit derselben tonlosen, seelenlosen, theilnahmlosen Automatenstimme dirigirt. Wir Profanen finden das langweilig und unschön, die Eingeweihten aber werden es wohl besser wissen, und jedenfalls wird es praktisch sein.

Die Sitzungen des Hauses beginnen um die Mittagsstunde und dauern gewöhnlich bis gegen Abend, sehr selten bis acht Uhr, niemals wie in London die Nacht hindurch. Die Zahl der Mitglieder, die bekanntlich vom Volke gewählt werden, während der Senat oder die erste Kammer aus Wahlen der Legislaturen in den einzelnen Staaten hervorgeht, beträgt jetzt 236, von denen während des Krieges gegen sechszig, statt auf ihrem Platze, im südlichen Lager waren. Die meisten Repräsentanten, dreiunddreißig, sendet New-York, der „Empire State“, in den Congreß, dann folgt Pennsylvanien mit fünfundzwanzig, dann Ohio, der zu einem Drittel deutsche Staat der Buckeyes, mit fünfundzwanzig Repräsentanten. Und so geht es herab bis zu Delaware, Florida und Kansas, die nur mit je einer Stimme vertreten sind.

Gehen wir durch den Vorsaal zurück nach der Rotunde, so begegnen wir einer Menge von pfiffig aussehenden, geschäftigen Gesellen, die mit einzelnen Mitgliedern angelegentlich discutiren, Briefe und Bittschriften übergeben und allerlei geheime Anliegen befürworten. Es sind „Lobby-Members“, Vorsaalsmitglieder, Wirepullers und Pipelayers, Parteiagenten, politische Intriganten und Industrieritter, die man auch in den Bureaus der Ministerien zahlreich antichambriren und das „Weiße Haus“ umschwärmen sehen kann. Ueberall darauf bedacht, im Trüben zu fischen, sind sie eines der unsaubersten und gefährlichsten Elemente im amerikanischen Staatsleben. Doch thun wir wohl, uns nicht zu gratuliren, daß unter uns diese Sorte von Politikern fehle. Wir haben sie auch, sie schmarotzen an den Höfen und sie schmarotzen am Volke, nur treten sie nicht so keck und dreist in die Öffentlichkeit wie jenseits des großen Wassers.

Der Sitzungssaal des Senats liegt in dem rechten Flügel des Capitols und ist ähnlich wie der des Repräsentantenhauses eingerichtet, nur etwas kleiner, da gegenwärtig nur vierunddreißig Staaten existiren, und, indem jeder demselben zwei Senatoren stellt, nur achtundsechszig Sessel und Pulte nöthig sind. In einiger Zeit wird es anders aussehen. Es ist noch genug Raum für Senatoren von Canada, Neu-Braunschweig etc., und dieser Raum wird ausgefüllt werden, darauf kann sich John Bull, wie sehr es seinen Stolz auch verdrießen mag, mit aller Bestimmtheit verlassen, Im Senat ist das Dirigiren der Debatte, welches hier nach der Constitution dem Vicepräsidenten der Union obliegt, nicht so schwierig, wie im andern Hause, und zwar nicht blos, weil die Mitgliederzahl geringer ist, sondern ebenso, weil hier ältere Herren von gesetzterem und manierlicherem Wesen die Versammlung bilden. Doch sind auch hier bisweilen starke Reden gefallen, die nichts mit dem Complimentirbuch gemein hatten; ja eine der fatalsten Kundgebungen südlichen Anstandsgefühls – die förmliche Durchprügelung Charles Sumner’s, „Gentlemans“ von Massachusetts, durch Brookes, „Gentleman“ von Südcarolina – ereignete sich gerade in diesem hohen und in der öffentlichen Meinung der Amerikaner höher als die zweite Kammer des Congresses geachteten Hause.

Man sieht, die Zukunft hat noch Manches zu bessern in Washington wie in Amerika überhaupt, aber sie wird es auch bessern. Ob sie die Lücken im Plane der Stadt ausfüllen, ob sie derselben Statuen, welche das Auge des Kunstfreundes nicht beleidigen, ob sie der großen Rotunde des Capitols einmal einen Raphael geben wird, der sie würdig schmückt, wird abgewartet werden können. Mehr Gefahr im Verzuge findet der Freund der Union in Betreff der Würde des legislatorischen Verfahrens und in Bezug auf jenen Schweif von politischen Industrierittern, die sich um die Gesetzgeber wie um die Offices der Regierung beutesuchend herumschlängeln. Dieser Schweif sollte zuerst abgehauen werden. Der Krieg aber, der sonst Manches bei Seite gethan, hatte ihn eher verlängert als gekürzt.