Das Lied von den lieben, süssen Mädeln

Textdaten
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Autor: Ernst von Wolzogen
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Titel: Das Lied von den lieben, süssen Mädeln
Untertitel:
aus: Die zehnte Muse. Dichtungen vom Brettl und fürs Brettl. S. 78–79
Herausgeber: Maximilian Bern
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1904
Verlag: Otto Eisner
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Erscheinungsort: Berlin
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Quelle: Commons = Google-USA*
Kurzbeschreibung:
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[78]

Das Lied von den lieben, süssen Mädeln.

Nun höret, was der Weise spricht
Zu euren dicken Schädeln:
Verachtet mir die Mädeln nicht,
Die lieben, süssen Mädeln!

5
Ein bisschen Liebe braucht der Mensch

In seiner schwierigen Lage,
Ob sie nun treu, ob wetterwend’sch,
Kommt dabei nicht in Frage.
Der Herrgott ist kein Staatsanwalt,

10
Noch weniger ein Philister.

Wenn einer Durst hat, trinkt er halt,
Und wenn ihn hungert, isst er.
Die Wirtschaft wär’ doch auch zu toll,
Wenn’s etwa so sein müsste:

15
Die Welt von süssen Mädeln voll,

Und keiner, der sie küsste!
Die Nacht, die hält den Atem an,
Löscht leis all ihre Kerzen,
Nimmt irgendwo ein seliger Mann

20
Sein Mädel sich zu Herzen.
[79]

Und wenn die süsse reine Maid
Dem stürmischen Verlangen
Die ganze junge Herrlichkeit
Hingiebt in wehem Bangen,

25
Dann tropft von Gottes Auge sacht

Ein goldnes Sternschnuppflämmchen,
Indes in seinen Bart er lacht:
»Gesegne’s dir, mein Lämmchen!«
Der Herrgott findet seine Freud’

30
Am Kosen und am Küssen.

Der Herrgott und die Dichtersleut’,
Die doch auch leben müssen!
Ein Dichter, der nicht küssen kann,
Weil ihm die Mädeln fehlen,

35
Was muss solch arm bresthafter Mann

Sich mit dem Dichten quälen!!
Die Liebe leiht der Leier Schwung.
Beschwinge dich, Gelichter!
So lang das Herz noch jung, jung, jung,

40
So lange bleibt ihr Dichter!

Und ob die Liebe sieben Tag’,
Ob sieben Jahr’ sie währe,
Heisst sie, so oft sie kommen mag,
Willkommen, froh der Ehre.

45
Ergreift das Glück, wo es sich schenkt

In lieblichem Umdrängen,
Und wer ein liebes Mädel kränkt,
Den sollte man gleich hängen!
Drum höret, was der Weise spricht

50
Zu euren dicken Schädeln:

Verachtet nur die Mädeln nicht,
Die lieben, süssen Mädeln.

Ernst von Wolzogen.