Das Glück und die Liebe (Gellert)

Textdaten
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Autor: Christian Fürchtegott Gellert
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Titel: Das Glück und die Liebe
Untertitel:
aus: Sämmtliche Schriften. 1. Theil: Fabeln und Erzählungen, Drittes Buch. S. 277–280
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1769
Verlag: M. G. Weidmanns Erben und Reich und Caspar Fritsch
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
Erstdruck 1746/48
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[277]
Das Glück und die Liebe.


Einst wollten Lieb und Glück sich sichtbar überführen,
Wer stärker sey, des Menschen Herz zu rühren;
Und Semnon, wie die Sag erzählt,
Ein Mann, der oft das Glück um seine Gunst gequält,

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Ein Mann in seinen besten Jahren,

Ward, um an ihm es zu erfahren,
Vom Glück und von der Lieb erwählt.

     Das Glück bot alles auf, was je der Mensch geschätzt.
Was seine Sinne rührt, was je sein Herz ergetzt,

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Wodurch der Stolz sich hebt und zur Bewundrung eilet,

Ward von der Hand des Glücks dem Semnon itzt ertheilet.
Er sah sich reich, und Marmor schloß ihn ein.
Sein Zimmer schien der Freuden Thron zu seyn;
Und täglich wuchs die Pracht der schon geschmückten Wände

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Noch durch der Künstler kluge Hände;

Und täglich wuchs im Speisesaal
Der Schüsseln und der Diener Zahl,
Mit ihnen der Bewundrer Menge,
Und der Clienten Lobgesänge;

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Bald fiel ein reiches Erb an ihn,

An das er nicht gedacht; kaum war ihm dieß verliehn:

[278]
So zog das Glück durch seine Künste

Schon in den reichsten Lotterien
Für seinen Freund die Hauptgewinnste.

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So ward ein neuer Schatz ihm täglich kund gemacht,

Bald was sein Kux, bald was sein Schiff gebracht;
Und so viel Gunst aus seines Glückes Händen
Blieb alle Pracht zu wenig zu verschwenden.
Er schlief, berauscht von Freuden, ein,

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Stund auf, den Freuden sich zu weihn.

Sein Wink war der Verehrer Wille,
Und jeder Tag ein Fest des Glückes und der Fülle.

     Wer zweifelt, sprach das Glück, daß mir der Ruhm gebührt?
Ist Semnon nicht unendlich sehr gerührt?

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     Vielleicht, versetzt darauf die Liebe,

Rühr ich sein Herz durch stärkre Triebe;
Er soll Serinen sehn. Ihr unschuldvoller Blick
Besiegt vielleicht dich, mächtigs Glück!
Er sah nunmehr die göttliche Serine.

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Ihn rührt der Reiz der edlen Miene;

Doch mehr, als ihr beredt Gesicht,
Das Herz, das aus Serinen spricht.
Schon scheint der Glanz von seinen Schätzen,
Schon sein Pallast, schon Freund und Wein,

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Schon die Musik ihn minder zu ergetzen.

„Wie glücklich, wär ihr Herz erst mein,
„Wie glücklich würd ich dann nicht seyn!

[279]
„O Liebe! lehre mich, dieß Herz mir zu verdienen,

„Und sprich: wodurch besieg ich einst Serinen?“

50
Sey, spricht sie, kein Verschwender mehr,

Gieb Schmeichlern weiter kein Gehör.
Schon ist er kein Verschwender mehr,
Schon giebt er Schmeichlern kein Gehör.
Such deine Lust in stillern Freuden;

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Sey gütig, liebreich und bescheiden;

Und liebe nicht dein Glück zu sehr.
Schon suchte Semnon stillre Freuden;
Schon ward er liebreich und bescheiden;
Serine floh ihn schon nicht mehr,

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Serine gab ihm schon Gehör,

Und ward die Seele seiner Freuden.

     Die Liebe, sprach das Glück, scheint Semnon vorzuziehn?
Allein mehr als zu bald soll er Serinen fliehn.
So viel ich ihm geschenkt, so viel sey ihm entrissen!

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Wird ihm die Liebe wohl der Armuth Quaal versüssen?

Das Glück verließ ihn drauf, und Semnons Gut verschwand.
Kein Bergwerk half ihm mehr, kein Schiff kam mehr ans Land;
Sein Reichthum ward der List und der Gewalt zur Beute,
Und nichts blieb ihm von dem, was sonst sein Herz erfreute,

[280]
70
Nichts, als sein treues Weib; im widrigsten Geschick

Sein Beystand und auf stets sein Glück.
Durch Fleiß entrissen sie sich der Gefahr zu darben;
Und froh genossen sie, was sie durch Fleiß erwarben.
Umsonst versprach das Glück, ihn doppelt zu erfreun,

75
Wenn er der Lieb entsagen wollte.

Nein, rief er, wenn ich auch ein Crösus werden sollte,
Gieng ich doch nie dein Anerbieten ein.
Die Liebe läßt mich weiser seyn,
Als daß ich dich mir wieder wünschen wollte.

80
Serine, komm! Mein Herz bleibt dein;

Viel besser, ohne Glück, als ohne Liebe seyn.
„Ja, Semnon, ja, mein Herz ist dein;
„Viel besser, ohne Glück, als ohne Liebe, seyn.“