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Textdaten
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Autor: Clara Hance
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Titel: Danksagungsfest in der Union
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aus: Die Gartenlaube, Heft 48, S. 795
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[795] Danksagungsfest in der Union. Im Novembermonat, gewöhnlich am letzten Donnerstage desselben, feiern die Vereinigten Staaten ihr Friedens-, ihr Ernte-Dankfest und nennen es „Thanksgiving-day“. Schon am Tage vor dem Feste ziehen bis spät in die Nacht hinein Schaaren von vorsorglichen Hausherren aller Stände, vom Gelehrten an bis herab zum Arbeiter, auf den Markt, um ihre Einkäufe zu besorgen. Auf morgen richtet jedermann nun seine Gedanken, auf morgen, auf die grüne Oase in der Welt der Arbeit, den Tag der Liebesspenden, des Dankes, des Genusses.

Und „Thanksgiving-day“ bricht an! Oftmals in all der Pracht, dem sonnigen Glanz der so unsagbar schönen Zeit, die man in Amerika mit Indianer-Sommer bezeichnet; häufiger noch kühl, stürmisch, sogar rauh. Aber was kümmert das Jung und Alt! An dem Tage feiert die ganze Union ihr schönstes Fest im Jahr. Wie für den Deutschen Weihnachten das Band der Liebe ist, welches sich um alle Mitglieder der Nation schlingt, so ist „Thanksgiving-day“ das Bindemittel für Amerika und seine Kinder. An dem Tage giebt es kein Rechnen, kein Knausern, da schenkt man mit vollen Händen, da sollen sich Alle freuen, da werden viele Thränen getrocknet, viele Augen wiederum feucht, wenn sie sehen, wie durch kleine Gaben so reiche, so segensvolle Erfolge erzielt sind.

Am Morgen pilgert Alles zur Kirche, um dort dem Geber aller Gaben zu danken. Die Prediger haben an dem Tage vollständige Freiheit sich Text und Inhalt zu wählen, und da ist es wohl nicht zu unnatürlich, daß sie das mit hinein in ihre Predigten verflechten, was ihre Herzen, die Herzen Aller in dem Lande der Freiheit am meisten bewegt, die Politik. Besonders in Jahren, wo die Präsidentenwahl stattfindet, wird dieses Thema so viel wie möglich in neutraler Weise erörtert. Es macht einen eigenthümlichen Eindruck, wenn in dem Gott geweihten Hause, das zum Erntefest mit den Früchten des Herbstes, den Erzeugnissen der Felder geschmückt ist, auf dessen dunkelrothen Polstern und Teppichen die gelben Strahlen der Herbstsonne spielen, der Geistliche, nachdem er seinen Tribut in Dankesworten gezahlt hat, plötzlich zu der Politik übergeht.

Das erste Mal verletzte mich diese Art zu predigen; das zweite Mal war ich nicht mehr überrascht, und später – fand ich es natürlich, und so erscheint es auch wohl den Tausenden, die eine mit Politik gewürzte Predigt hören.

In New-York speist man gewöhnlich um sechs Uhr Abends zu Mittag; nicht so am „Thanksgiving-day“; da wird gar häufig die Stunde abgeändert, und um ein Uhr oder um zwei Uhr setzt man sich zum heitern, frohen Mahl nieder. Gäste finden sich selten dazu ein, da Jeder dasselbe gern im engsten Familienkreise verlebt. Aber wer unverheirathete Freunde hat, vergißt dieselben nicht.

Die Mahlzeit besteht nun mit unbedeutenden Variationen in: Fleischsuppe, die aber häufig fehlt, da man den Suppen in Amerika nicht hold ist, dem köstlich gebratenen Truthahn nebst Cranberries (Preißelbeeren), Mais, Tomatos, Kartoffeln, Macaroni und Austerpastete. Alles dieses steht bereits auf der Tafel, der Hausherr schneidet und legt vor; die Dame des Hauses vertheilt die anderen Dinge. Niemand bedient sich selbst; dann werden die Ueberreste abgeräumt und mit den Desserttellern zugleich ein mächtiger „Mincepie“ und Gefrorenes hingesetzt. Der Pie ist eine Art Blätterteig, zwischen dessen zwei Platten entweder Obst oder das gehackte, mit Rosinen und Branntwein zubereitete Fleisch gefüllt wird.

Zuweilen erscheint auch ein prächtiger „Plumpudding“, doch bleibt dieses Gericht mehr für Weihnachten aufgespart. – Kein Bettler wird abgewiesen, man bewirthet ihn nicht etwa nur mit einem Stück Brod, sondern auch mit Pie und Truthahn.

Doch nicht nur im engsten Familienkreise feiert man mit Essen, Trinken und durch heitere Spiele dieses echte Volksfest. Auch in den Waisenhäusern, in den Krankenanstalten, in jedem öffentlichen oder privaten Institute, ja selbst in den Gefängnissen und Zuchthäusern giebt es für den Tag keine Arbeit, aber eine extra gute Mahlzeit. Es ist natürlich, daß man auch nicht jener Classe vergißt, die man in New-York mit dem Namen „Straßenaraber“ bezeichnet; das sind die kleinen Knaben, die, ohne Heimath, ihre Tage mit dem Verkauf von Zeitungen und Stiefelwichsen hinbringen und von denen so viele die Nächte auf den Stellen des Trottoirs lagern, wo aus den Druckereien der heiße Dampf den Schnee weggethaut hat, oder unter einer Treppe, bis der wachthabende Polizist sie aufstöbert und fortschickt. In den letzten Jahren ist eine große Besserung für die armen kleinen Burschen eingetreten, da ein eigenes Haus zur Aufnahme für die Zeitungsjungen erbaut wurde. Dort finden sie gegen geringen Preis Bad, Schlafstätte und Essen.

Diese fleißigen, in nichts als Lumpen gekleideten Zeitungsjungen und die Stiefelputzer erhalten am „Thanksgiving-day“ ebenfalls ihre Truthühner, ihr Gefrorenes und ihre Pies. Hunderte von Zuschauern strömen in die Gebäude, wo die Liebesmahle für die armen Kleinen stattfinden, und ergötzen sich an dem guten Appetit und der verständigen Art, wie sich diese kleinen, von der Straße aufgelesenen Knaben geberden.

Auch in den Missionshäusern werden die Armen bewirthet: in einem derselben in New-York wurden am Danksagungsfeste mehr als dreihundert Teller aufgestellt und zuerst die Kinder, später die draußen stehenden Erwachsenen gesättigt. Die Anzahl der Geschenke für diese Mahlzeit war enorm. Auf den Tischen standen sechszig Truthühner, und in eben solcher Unmasse Rinderbraten, Schinken, Zungen, Hühner, Gänse etc. Dazwischen sah man Pasteten, Kuchen, Brod und Biscuit; Pyramiden von Früchten und Zuckerzeug füllten die noch leeren Flächen aus.

Mit Singen, Gebet und Ansprache werden diese öffentlichen Speisungen eingeleitet, und von Minute zu Minute füllen sich die mit Buchsbaum und frommen Sprüchen geschmückten Räume, durch die man die armen, elenden Kinder zu den weiß gedeckten Tischen führt, mehr und mehr. Damen und Herren machen die Bedienung und suchen, so viel wie möglich, die reichen Liebesspenden zu vertheilen. An diesem Tage der Liebesspenden sieht man erst mit Erschrecken, welch eine Armuth in dem so wohlthätigen New-York herrscht.

Am nächsten Tage ist Alles wieder beim Alten; die Maschinen rasseln; die Dampfpfeifen stoßen ihre gellenden Töne aus; die Geschäfte sind geöffnet, und das industrielle Leben läßt sein Räderwerk auf’s Neue in einander greifen. Langsam schwindet die Erinnerung an den schönen Ruhetag aus dem Gedächtniß, bis wieder ein Jahr vergangen und abermals die Union ihn begrüßt, ihren „Thanksgiving-day“!

Clara Hance.