Christoph der Erste von Württemberg

Textdaten
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Autor: Arthur Kleinschmidt
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Titel: Christoph der Erste von Württemberg
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aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1883
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Christoph der Erste von Württemberg.

Von Arthur Kleinschmidt.


„In schönen Sommertagen, wann lau die Lüfte wehn,
Die Wälder lustig grünen, die Gärten blühend stehn,
Da ritt aus Stuttgarts Thoren ein Held von stolzer Art.“


Ja, es war wohl einer der glänzendsten Fürsten, welche die an kräftigen und kühnen Gestalten so reiche Geschichte des schönen Württemberger Landes aufzuweisen hat, ein Mann, berühmt und bewundert in ganz Europa, ein wahrer Friedensfürst, der weise Vater und Berather seines geliebten Volkes, der, wie sein Ahne, sein müdes Haupt sorglos jedem Unterthanen in den Schooß legen konnte. Christoph war zwar am kaiserlichen Hofe in Wien aufgewachsen, 1532 jedoch entflohen, hatte sich unter baierischen Schutz gestellt und nicht gerastet, bis der heiligste Wunsch seines Herzens erfüllt und sein von Oesterreich des Landes beraubter Vater, jener wilde Herzog Ulrich der Erste, den wir alle aus Hauff’s herrlicher Dichtung „Lichtenstein“ kennen, 1534 wieder in Besitz seines Erbes getreten war.

Durch das Unglück geläutert, hatte der restaurirte Herzog gut regiert, Land und Volk wehrhaft gemacht und ihm das köstlichste Geschenk gegeben, welches in seiner Macht lag: durch Schnepf und Blarer ward die Reformation in Württemberg eingeführt; ein Kirchenrath begann zu amten; nach und nach und mit viel Schonung wurden die geistlichen Güter eingezogen und ihre Einkünfte großentheils zur Verbesserung der Schulen und zur Besoldung der protestantischen Geistlichen verwendet; das evangelische Seminar in Tübingen, wo die Universität bereits den Kampf mit den Dunkelmännern muthvoll eröffnet hatte, trat in’s Leben; Licht strahlte auf allen Pfaden, die das beglückte Volk wandelte.

Da brach am Abende von Ulrich’s bewegtem Dasein nochmals schweres Unglück über ihn und sein Land herein; er mußte für seine Theilnahme am Schmalkaldischen Bunde büßen: der finstere Kaiser Karl der Fünfte ließ wiederum ganz Württemberg besetzen; sein Bruder, König Ferdinand, der nicht vergaß, daß er vor Kurzem Herzog in Stuttgart gewesen, leitete einen Proceß auf Felonie (Lehnsuntreue) ein, und Ulrich drohte die Entthronung seiner Dynastie. Ihm blieb nichts übrig, als demuthsvolle Unterwerfung; in Heilbronn bat er den spanischen Gewaltherrn kniefällig um Verzeihung, mußte die härtesten Bedingungen unterzeichnen, und die Spanier schalteten in seinen Festungen. Selbst sein Gewissen blieb nicht Ulrich’s Eigenthum; obwohl ein großer Theil des Clerus damit unzufrieden, war der alte Herr gezwungen, das verhaßte Interim[1] „mit dem Teufel hinter ihm“ anzunehmen, und unter dem Eindrucke, daß sein Volk unter ihm gar viele Trübsal erlitten, schloß er am 6. November 1550 die müden Augen, mit seinem Sohne, dem er einst gegrollt, längst ausgesöhnt.

Waren das nicht traurige Jugenderlebnisse für Christoph? Gewiß, aber im Feuer der Leiden härtete sich der Charakter des Prinzen, welcher jetzt mit fünfunddreißig Jahren den Thron seines Vaters bestieg. Durch den Schmalkaldischen Krieg belehrt, blieb Herzog Christoph 1552 im Fürstenkampfe gegen Karl den Fünften neutral und befreite dadurch sein Land von der österreichischen Afterlehnsherrschaft, seine Festungen von den spanischen Garnisonen, die Kirche und die Seelen seines Volkes wie das eigene Herz vom Drucke des Interim. Niemand hatte einen so hervorragenden Antheil wie er am Zustandekommen des Augsburger Religionsfriedens; er verkündete den Frankfurter Receß vom 18. März 1558, der seiner milden Gesinnung und echten Frömmigkeit entsprach, seinem Volke; er erließ 1559 die große Kirchenordnung; er ging zum Naumburger Fürstentage und vollendete das von seinem Vater ererbte Werk der Reformation, mit den unermüdlichen Johann Brenz und Jacob Andreae, den bestgehaßten Gegnern der süddeutschen Katholiken, unablässig thätig. Er verfaßte Landesordnung und Landrecht, erweiterte die Rechte der zu Landtagen zusammentretenden Prälaten und Abgeordneten der Städte und Aemter, richtete ständische Ausschüsse ein, hielt den Adel in Ohnmacht und erwarb sich um Verfassung, Verwaltung, Rechtspflege und Gesetzgebung die größten Verdienste. Auf dem Landtage von 1565 stellte er Kirchenlehre, Kirchengut und Kirchenordnung unter die Garantie der Stände, durch die er auf dem Landtage des folgenden Jahres sein Testament zum Gesetze erheben ließ.

Nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa hatte Christoph’s Name Vollklang und große Autorität. Der Kaiser stand mit dem Herzoge in den nächsten Beziehungen; Königin Elisabeth von England trat mit ihm in Verkehr, und die Königin-Mutter, Katharina von Medicis, bot ihm im März 1563 die Stellung eines Oberstatthalters in Frankreich mit unbeschränkten Vollmachten an, damit er die Unruhen dämpfe, ein Anerbieten, welches der kluge Fürst ablehnte; er gierte nicht nach dem unsicheren Erfolge der Einmischung in fremde Staaten; ihn lockte nur der Lorbeer des treuen Landesvaters. Sein Volk liebte ihn aufrichtig und sah ihm freundlich manche Schwäche, wie seine große Baulust und die leidenschaftliche Pflege des Waidwerks, nach, und noch heute spricht der Unterthan seines Enkels ehrfürchtig und liebreich von dem Manne, bei dessen Tode Kaiser Maximilian der Zweite, der reformationsfreundliche Habsburger, klagend ausrief, das ganze Reich sei seiner im Interesse gemeiner Wohlfahrt noch lange im höchsten Grade bedürftig gewesen.

Der Herzog that außerordentlich viel für die Volksschule, in der er die beste Erzieherin zu guten und zuverlässigen Unterthanen erblickte; andererseits traf er wesentliche Verbesserungen an der Universität in Tübingen. Ganz allmählich und ohne jeden schroffen Eingriff verschwanden die katholischen Aebte und machten protestantischen Platz; denn Christoph zog die mit den Klöstern vielfach verbundenen Kirchenpatronate ein, entfernte die Meßpriester, ließ sich von den evangelischen Aebten huldigen und wurde so im Frieden der unumschränkte Herr der Klöster; nur sehr selten kam es zu Widersetzlichkeit gegen die neue Ordnung.

Nach dem Ableben der katholischen Pröbste wurden in Stuttgart und Tübingen protestantische Pröbste eingesetzt, eine Neuordnung, welcher besonders die Nonnen Hindernisse in den Weg zu legen suchten; während Christoph ihnen erlaubte, bis zum Tode im Kloster zu bleiben oder mit ihrem Eingebrachten dasselbe zu verlassen oder endlich eine Abfindungssumme zu beziehen, erklärten sich viele gegen die Confession des Landes und nahmen heimlich Novizen auf; so blieb dem Herzoge trotz seiner Friedensliebe nichts übrig als die unbotmäßigen Dominikanerinnen zu Steinheim an der

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Die Gartenlaube (1883) b 109.jpg

Christoph der Erste von Württemberg besucht ein zur Schule umgewandeltes Kloster.
Nach dem Oelgemälde von Professor Wilhelm Lindenschmit.

[110] Murr 1564 durch Hakenschützen zur Huldigung zu zwingen. Aus Beguinenhäusern machte er Lateinschulen oder Spitäler, und waren die Zöglinge der Klosterschule bisher sehr verwahrlost worden, so schufen Christoph und der Reformator Brenz hier ganz neue Verhältnisse.

Von Klosterpräceptoren wurden von nun an die zu Geistlichen bestimmten Knaben in der Bibel, der christlichen Glaubenslehre, der Dialektik und Rhetorik, den Classikern etc. unterwiesen, und nur Latein durfte von Lehrern und Schülern im Verkehre gesprochen werden. So durchgreifend wie in Württemberg wirkten diese Lateinschulen nirgends im Reiche, nicht nur auf die ganze theologische Richtung, sondern auch auf das gesammte Geistesleben ein. Verfassungsgemäß wurden aus dem Kirchengute vierthalbhundert klösterlich gekleidete Jünglinge unterhalten, und auch die großen Einkünfte, welche dem Herzoge aus den aufgehobenen Klöstern zuflossen, verwendete er auf das Gewissenhafteste zu Zwecken der Kirche und Schule; so verdankten ihm die Gelehrten- wie die Volksschulen Leben, Licht und Liebe.

Der große Maler der Reformationszeit, Professor Wilhelm Lindenschmit in München, führt uns den edlen Christoph in einem farbenprächtigen Bilde, dessen Wiedergabe in Holzschnitt die gegenwärtige Nummer der „Gartenlaube“ schmückt, vor Augen, wie er auf einer seiner beliebten Jagdstreifereien ein zur Schule umgewandeltes Kloster betritt, um sich von den Fortschritten seines ganz Württemberg umfassenden Erziehungswerks zu überzeugen. In seinem Gefolge bemerken wir zwei von den acht Töchtern, welche ihm Anna Maria von Brandenburg in glücklicher Ehe schenkte und die selbst in der lateinischen Sprache gut bewandert waren; außerdem treten uns auf dem Bilde mehrere Cavaliere, von denen der alte im Vordergrunde besonders treffend und ausdrucksvoll gezeichnet ist, Geistliche, Lehrer und Schüler der Anstalt entgegen. Ein echter Duft und Reiz ist über die ganze Scene, die sich im Banne des gewaltigen Baumes abspielt, ausgegossen; Alles athmet Frische und trägt den Stempel eigenster Charakteristik.

Leider war dem großen Herzoge kein langes Leben, Württemberg keine lange Dauer seines segensreichen Regiments beschieden. Podagra und andere Beschwerden peinigten ihn, und wenn er trotzdem auch nicht in seinem unermüdlichen Wirken zum Wohle seines Volkes erlahmte, so wußte er doch, daß sein Stündlein bald schlagen werde; er gab „auf das Flickwerk an einem alten Hause“ nicht viel und antwortete der besorgten Herzogin: „Ein kühl Erdreich wird mein Doctor sein.“ An ihrem Geburtstage, dem 28. December 1568, verschied er sanft. Seine Leiche ruht in der Tübinger Gruft; sein Gedächtniß lebt im Herzen aller Württemberger und sicher auch aller dankbaren Deutschen für und für.






  1. Die einstweilige Ausgleichung in Religionssachen zwischen Katholiken und Protestanten.