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Gebet.

Die Stellung, in der man betet, ist immer eine demüthige, also eine Neigung des Körpers, entweder völlige Prosternation, das Angesicht am Boden, oder Knieen, oder wenigstens Neigung des Kopfes. Da aber zugleich ein Begehren ausgedrückt wird, war es eine sehr natürliche Pantomime des Gebets, die Arme zum Himmel auszustrecken. Die Alten [311] thaten es mit flach zurückgebogenen, die Juden mit zusammengelegten Händen. Moses hob die Arme empor, und da er schon zu alt war, musste man ihn unterstützen. 2. Mos. 17, 11. Die ersten Christen breiteten die erhobenen Arme auseinander, um mit ihrem Körper ein Kreuz nachzuahmen. Erst in der römischen Kirche kam der Gebrauch auf, die Arme gesenkt zu halten und nur die Hände zu falten.

Was die Form der Gebete betrifft, so sollen sie seyn, wie die Bibel sagt, goldne Aepfel in silbernen Schaalen, d. h. der Ausdruck soll des Inhalts nicht unwürdig seyn, wenn auch im Gedanken weit mehr Werth liegen muss als im Worte. Ernst und Würde ist wohl das erste Erforderniss, dann Kürze.

Ein bewundernswürdiges Maass herrscht in unserem „Vater unser“. Es ist ein Gebet, berechnet für den ruhigen und gesunden Zustand des Gemüths, ohne eine vorherige Aufregung oder Sünde vorauszusetzen. Es bittet nur um Gewährung des Nothwendigsten und um Abwendung des Schädlichsten für alle Fälle, wenn jenes mangeln oder dieses uns bedrohen sollte. Es lässt nichts Wesentliches aus und hat kein Wort zu viel. Hier ist der Inhalt wie der Form nach das schönste, das vernünftigste Maass.

Der leidenschaftliche Ausdruck passt nur für leidenschaftliche Situationen. Im Nothgebet kann der Herr in seinem Zorn gedacht werden, sonst immer nur am schicklichsten als der gütige Vater. Im Nothgebet kann auch die menschliche Schwachheit ihr Ich jammernd geltend machen und um ein Vorrecht flehen, was im ruhigen Zustande als unwürdiger Egoismus angesehen werden muss. Das Nothgebet kann zittern und stammeln, kann länger als ein anderes Gebet wimmern, kann auch als kurzes Stossgebet nur den Nothschrei der Natur thun. Alle diese Formlosigkeiten entschuldigt die Grösse der Noth. Das Dankgebet dagegen darf im stolzen und triumphirenden Schwunge sich ergehen, die Zuversicht aussprechend auf den treuen Gott, der seine [312] Kinder nie verlässt; doch zugleich mit dem Ernst, der die überstandene Gefahr bezeichnet. So das berühmte Te Deum.

Regelmässiges tägliches Gebet ist insonderheit dem Priester vorgeschrieben, auch wo der Betende nichts Besonderes zu bitten oder zu danken hat, blos um die Seele stets mit Gott zu beschäftigen. Die priesterlichen Tageszeiten – die Nocturnen mit den Laudes, Prim, Terz, Sext, Non, Vesper und Completorium – haben bestimmte Beziehung auf die Abstufungen der Passion. Vgl. Rippell, Alterth. d. Cärem. 487. Zur Prim ward Christus vor Pilatum geführt; zur Terz schrien die Juden ihr „Kreuzige!“; zur Sext ward Christus an’s Kreuz geschlagen; zur Non rief er aus: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Zur Vesper ward er vom Kreuz abgenommen, zur Complet begraben.

Anmassend ist die Voraussetzung, dass Gott einen ausserordentlichen Werth auf die Gebete lege, dass ihm dadurch ein grosser Dienst geschehe und dass er gewissermassen mehr dabei gewinne, als der Betende selbst. Es heisst zwar sehr schön in einem altkatholischen Liede: „Wie das Wasser der Erde zum Himmel steigt, Wolke wird und als Wasser des Himmels zurückkommt, so werden unsere Gebete in himmlischen Trost verwandelt“ (Dei canamus gloriam, bei Zabuesnig II. 13.); es ist auch schön, wenn nach dem Talmud der Juden der Engel Achtaniel eigens dazu bestimmt ist, die Gebete der Menschen wie Rosen in Kränze zu flechten, oder wenn Gott selbst die Buchstaben des Gebets vergoldet und dem Betenden als Krone aufsetzt (Eisenmenger, entd. Judenthum II. 393.), oder wenn in der christlichen Legende Engel der betenden heiligen Rosalie die Worte als Rosen aus dem Munde nehmen und in Kränze flechten. Allein häufig ist der Glaube an die Kraft des Gebets zu anspruchsvoll. Das zeigt unter andern ein altitalienisches Miniaturbild (Waagen, Kunstw. in Paris 322.), welches Betende jedes Alters und Geschlechts darstellt, von deren Munde goldne Fäden in den Himmel gehen, aus welchem daneben alle die Geschenke [313] niederfallen, um die Jeder gebeten hat. Das viele, laute und anspruchsvolle Beten unwürdiger Menschen ist Gott missfällig, Jes. 1, 15. Das beste Gebet ist: Gutes thun, daselbst 16.

Wer zerstreut und nur mechanisch betet, derweil er etwas anderes denkt, den hört Gott nicht. Nach einer lustigen Legende blies der unsichtbar im Kloster sitzende Teufel alle Gebetesworte weg, die ohne Andacht nur hergeplappert waren, so dass keines zum Himmel aufsteigen konnte. – Auch muss der Betende, wenn er gleich nicht würdig wäre, wenigstens ernstlich bereuen. Einem Jüngling, der sehr wüst lebte, aber fleissig betete, erschien die Madonna und lud ihn zu einem Gastmahl ein, wobei sie ihm die köstlichsten Gerichte in ekelhaften Schüsseln vorsetzte. Als er sich darüber verwunderte, sagte sie: „Sieh, so sind deine Gebete.“ (Silbert, Legenden I. 313.) – Auch zur rechten Zeit muss man beten. Einem frommen Eremiten brachte ein Engel täglich Weintrauben; diese waren aber zuweilen noch unreif, zuweilen schon faulig. Da nun der Eremit deswegen frug, sagte der Engel: „Es sind deine Gebete, mit denen du zu früh oder zu spät gekommen.“ (v. Lassberg, Liedersaal III. 466.)

Am uneigennützigsten und edelsten sind die Fürbitten für Andere. Man hat davon schöne Legenden. Geyler von Kaisersberg erzählt in der Emeis S. 39. von einem Ritter, der nie über einen Kirchhof ging, ohne für die Todten daselbst zu beten. Da sey er einmal, von grimmigen Feinden verfolgt, über einen Kirchhof geflohen, und plötzlich hätten sich die Todten in Harnischen und Waffen erhoben, um ihm beizustehen und seine Feinde zu vertreiben. Im alten lateinischen Gedicht von Waltharius kommt der schöne Zug vor, dass Walther nach der Schlacht alle von ihm in ehrlichem Kampf Erschlagenen auf einen Haufen legt und andächtig für das Heil ihrer Seelen betet. Bei Helyot findet sich die seltsame Sage von einem Mönch und einer Nonne zu Vienne, die sich vergangen hatten und nach der Sitte [314] lebendig eingemauert wurden, deren Leben man aber unterhielt unter der Bedingung, dass sie unaufhörlich für das Volk beten sollten. – Von einem Kapuziner in Besançon wird erzählt, er habe von den Mauern herab auf die Feinde geschossen, aber bei jedem Schuss zugleich für die Seele des Getroffenen gebetet.

Der ärgste Missbrauch des Gebets findet statt in den sogenannten Diebssegen und Zauberformeln, in denen Bösewichte die allerhöchsten Namen anrufen, um dadurch ihrem verbrecherischen Vorhaben einen guten Erfolg zu sichern. Wenn man einen Psalm rückwärts liest und zwischen jedem Wort den Namen seines Feindes nennt, soll man denselben tödten können. Das nennt man, Einen zu Tode beten. Temme, Volkssagen aus Ostpreussen 267.