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Textdaten
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Autor: Brüder Grimm
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Titel: Childerich und Basina
Untertitel:
aus: Deutsche Sagen, Band 2, S. 73
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1818
Verlag: Nicolai
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Erscheinungsort: Berlin
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Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons,Google
Kurzbeschreibung:
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Eintrag in der GND: [1]
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Deutsche Sagen (Grimm) V2 093.jpg
Bearbeitungsstand
fertig
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[73]

420.
Childerich und Basina.

Aimoinus Lib. I. c. 7. 8.
Vergl. Greg. tur. II. 12.


Childerich, Merowigs Sohn, hub an, übel zu regieren, und die Töchter der Edeln zu mißbrauchen; da warfen ihn die Franken vom Thron herab. Landflüchtig wandte er sich zu Bissinus, König der Thüringer, und fand bei ihm Schutz und ehrenvollen Aufenthalt lange Zeit hindurch. Er hatte aber unter den edelsten Franken einen vertrauten Freund gehabt, Winomadus mit Namen, der ihm, als er noch regierte, in allen Dingen rieth und beistand. Dieser war auch zur Zeit, da der König aus dem Reiche vertrieben wurde, der Meinung gewesen; Childerich müsse sich nothwendig entfernen und erwarten, daß sich allmählich sein übler Ruf in der Abwesenheit mindere; wogegen er sorgsam die Gemüther der Franken stets erforschen, und wieder zu ihm hinlenken wolle. Zugleich nahm Winomad seinen Ring, und theilte ihn in zwei Hälften. Die eine gab er dem König und sprach: „wenn ich dir die andere sende, und beide Theile in einander passen, so soll es dir ein Zeichen seyn, daß dir die Franken wieder versöhnt sind, und dann säume nicht, in dein Vaterland zurück zu kehren.“

Unterdessen wählten sich die Franken Aegidius den Römer, zu ihrem König. Winomadus verstellte sein Herz, und wurde bald dessen Vertrauter. Darauf beredete er ihn, nicht nur das Volk mit schweren

[74] Abgaben zu belasten, sondern selbst einige der Mächtigsten im Lande hinzurichten; dazu wählte aber Winomad klüglich gerade Childerichs Feinde aus. Die Franken wurden durch solche Grausamkeiten bald von Aegidius abgewandt, und es kam dahin, daß sie bereuten, ihren eingeborenen Herrn verwiesen zu haben.

Da sandte Winomad einen Boten mit dem halben Goldring nach Thüringen ab, von woher Childerich schnell wiederkehrte, sich allerwärts Volk sammelte, und den Aegidius überwand.

Wie nun der König in Ruhe sein Reich beherrschte, machte sich Basina des thüringischen Königs Bissinus Weib auf, verließ ihren Gemahl, und zog zu Childerich; mit dem sie, als er sich dort aufhielt, in vertrauter Liebe gelebt hatte. Dem Childerich sagte sie, kein Hinderniß und keine Beschwerde habe sie abhalten können, ihn aufzusuchen: denn sie vermöge keinen würdigern in der ganzen Welt zu finden, als ihn. Childerich aber, der Wohlthat, die ihm Bissinus erwiesen, vergessen, weil er ein Heide war, nahm Basina bei Lebzeiten ihres ersten Gemahls zur Ehe. In der Hochzeitnacht nun geschah es, daß Basina den König von der ehelichen Umarmung zurückwies, ihn hinaus vor die Thüre der Königsburg treten, und was er da sehen werde, ihr hinterbringen hieß. Childerich folgte ihren Worten, und sah vor dem Thore große wilde Thiere, Parder, Einhörner und Löwen wandeln. Erschrocken eilte er zu seiner Gemahlin zurück,

[75] und verkündigte ihr alles. Sie ermahnte ihn ohne Sorge zu seyn, und zum zweiten Mal hinaus zu gehen. Da sah der König Bären und Wölfe wandeln, und hinterbrachte es der Königin, die ihn auch zum dritten Mal hinaussandte. Dieses dritte Mal erblickte er Hunde und kleinere Thiere, die sich unter einander zerrissen. Staunend stieg er ins Ehebett zurück, erzählte alles, und verlangte von seiner weisen Frau Auslegung, was diese Wunder bedeuteten? Basina hieß den König die Nacht keusch und enthaltsam zubringen, bei anbrechendem Tag solle er alles erfahren. Nach Sonnenaufgang sagte sie ihm: „Dies bezeichnet zukünftige Dinge und unsere Nachkommen." Unser erster Sohn wird mächtig und stark, gleich einem Löwen oder Einhorn werden, seine Kinder raubgierig und frech, wie Wölfe und Bären; deren Nachkommen und die letzten aus unserm Geschlecht, feig wie Hunde. Aber das kleine Gethier, was du gesehen hast sich unter einander zerreißen, bedeutet das Volk, welches sich nicht mehr vor dem König scheut, sondern unter einander in Haß und Thorheit verfolgt. Dies ist nun die Auslegung der Gesichter, die du gehabt hast." Childerich aber freute sich über die ausgebreitete Nachkommenschaft, die aus ihm erwachsen sollte.