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Textdaten
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Autor: Ernst Ziel
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Titel: Candidat Grüneisen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 52, S. 865–870
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[865]
Candidat Grüneisen.
Eine Skizze nach dem Leben.
Von Ernst Ziel.

Auf der Schwelle wuchs das Moos. Es war ein altes, verfallenes Haus mit kleinen Fenstern und enger Thür, an der Sohle pechschwarz, weiter hinauf aber bis unter’s Dach grün, ganz grün angestrichen. Die Leute, wenn sie vorübergingen, blickten wohl hinauf zu den beiden Fenstern des alterthümlichen Giebels, und dann lächelten sie oder schüttelten nachdenklich das Haupt. Abenteuerliche Decoration, welche hinter den Scheiben auf die Straße herabschauete! Sterne und Blumen von buntem Papier, mit Perlen und Flittern reich besetzt, umkränzten ein weiß beklebtes Schild, welches in schwarzen und grünen Buchstaben die räthselhafte Inschrift trug:

     Der Frühverlor’nen,
Mir endlich Wiedergebor’nen.

Und über diesem närrischen Fensterschmucke schwebte, wie die Sonne des Orients über einem bunten Götzentempel, ein wunderliches Symbol – aus schreiend rothem Papier zierlich ausgeschnitten, leuchtete ein riesiges E durch die fallenden Flocken des Winters und den wirbelnden Staub des Sommers zu uns herüber.

Zu uns herüber – denn mein Vaterhaus lag dem schwarz-grünen Hause schräge gegenüber. Wie oft als munterer Knabe saß ich in der Fensternische auf dem hochlehnigen Großvaterstuhl und lugte, Zinnsoldaten und Märchenbuch vergessend, mit jenem gespannten Interesse, das die Jugend so gern dem Sonderbaren und Eigengearteten entgegenträgt, stundenlang zu den beiden Fenstern dort oben in des Nachbars Giebel hinüber! Stundenlang – aber „Da ist es; da ist es!“ rief ich endlich, und in demselben Augenblicke waren Geschwister und Gespielen blitzschnell um mich versammelt. Ja, da war es wirklich wieder, das schon so oft von uns Wahrgenommene. Hinter den Sternen und Blumen da drüben schien es auf- und abzurollen wie eine weiße Kugel, minutenlang in immer gleichem Tempo – und doch wiederum nicht wie eine weiße Kugel, denn um die stetig auf- und niedergehende Scheibe schien es zu flattern, silbern und lang, fast wie das Haar eines Greises. Und richtig – da ist es ja auch, das freundliche hagere Gesicht unseres alten Nachbars. Der schnurrige Kauz, der da mit seiner weißschimmernden, kreisrunden Glatze vom Mansardenfenster herab dienert und dienert, er ist es selbst, der Besitzer des schwarz-grünen Hauses, Herr Candidat Christian Leberecht Grüneisen, der barockeste unter allen alten Junggesellen und Ex-Dorfschulmeistern, der Sonderling der Stadt, der Narr unserer Straße.

Und warum dienert er – nicht etwa erst seit heute, nein, schon seit Jahr und Tag – täglich so freundlich zu uns herüber? O, es ist eine tragische Geschichte, so komisch sie erscheint, und man darf sie nicht laut erzählen, damit die Leute nicht lachen. Wer hat es je ergründet, wer hat es je ausgedeutet in seinen Räthseln und Schrullen, das sonderbare Ding: Menschenherz?!

Ich sehe ihn noch vor mir, den emeritirten Herrn Dorfpräceptor. Er ist eben unter einem tiefen Bückling – wie flogen ihm dabei die langen, weißen Haare über die gewaltige Glatze! - in unsere Familienstube eingetreten, eine große grün und schwarz beklebte Schachtel unter dem Arme.

„Ihr Diener, Herr Senator, Ihr Diener, Frau Senatorin, Ihr Diener, Demoiselle Seniorin!“ – denn mit diesem Namen nannte er unser ältestes Schwesterlein, Elise, die heute, an einem hellen Herbstsonntage, gerade ihren neunzehnten Geburtstag feierte – „Ihr Diener“ – und so dienerte er mit einer höchst vertrackten Seitenbewegung seines lang aufgeschossenen spindeldürren Leibes fort, bis kein Kind und kein Kegel mehr im Zimmer war, dem er nicht seine unterthänigste Reverenz gemacht hätte. Dabei blinzelten seine kleinen schwarzen Augen unter den langen buschigen Brauen so freundlich lebhaft hervor, dabei verzogen sich seine schmalen Lippen zu einem so komisch süßlichen Lächeln, daß es des verschossenen alten Rockes mit dem mächtigen, hoch in den Nacken ragenden Kragen und den beinahe bis auf die Hacken hinabreichenden Schößen gar nicht bedurft hätte, um seiner eckigen Urvätergestalt den Stempel einer zwerchfellerschütternden Lächerlichkeit aufzuprägen.

Ut desint vires,“ begann er nun seinen salbungsreichen Sermon, indem er meinem Vater die schwarz-grüne Schachtel überreichte, „tamen est laudandum voluntas, heißt zu deutsch: Sie müssen schon vorlieb nehmen, sehr zu verehrender Herr Senator. Geruhen dieselben daher zu gestatten, daß Christian Leberecht Grüneisen, so man titulirt in der Stadt den Eremiten unter den Dachziegeln, heute die wenigen ganz unscheinbaren Früchte seines Gartens, Kinder der Mutter Erde und der licht- und wärmespendenden Wolkenwandlerin am Firmamente, in Dero Hände dürfe bescheidentlich niederlegen, nicht etwa blos, um den hochwerthen Gaumen des Herrn Senators und der Frau Senatorin zu laben, als vielmehr jetzo, an dem Geburtstage von Dero liebreizgekrönter Demoiselle Tochter Seniorin, ein Zeichen zu sein der Bewunderung Ihres Nachbars. Wie soll ich sie nennen – – ?“

So weit etwa ergoß sich die Rede des zungenfertigen Alten, [866] dann aber fiel mein Vater mit halb lächelnder, halb ärgerlicher Miene in’s Wort: „Schon gut, schon gut, schönen Dank, schönen Dank, Herr Nachbar!“ Und nun entstand eine Scene des stummen Spiels der Verlegenheit. Grüneisen zog ein grün und schwarz geblümtes Kattuntaschentuch aus dem Rockschoße und trocknete sich nach der herzerregenden Rede die Schweißtropfen von der Stirn. Die Schachtel wurde geöffnet – lauter frische, saftige Weintrauben und dazwischen hier und da ein Blatt weißen Papieres, auf dem in sauberer Fracturschrift von des Alten Hand dichterische Ergüsse im Style der Klopstock, Uz und Gleim zu lesen waren; denn Christian Leberecht tummelte einen wolkenflugliebenden Pegasus. Und während wir noch die Ueberschriften besagter Poesien wie „Ode an die Tugendblume Seraphine“ oder „Dithyrambe an mein auferstandenes Jugendglück“ eifrig studirten, suchte unser seltsamer Gast mit langsamem Rückwärtsschritt und hinter dem Rücken tastenden Händen den verlorenen Thürpfosten wiederzuerlangen, um dann, als er ihn glücklich erreicht hatte, unter unsagbar komischen Verbeugungen aus unserem Kreise wortlos zu verschwinden. Aber nein, murmelte er nicht etwas zwischen den Zähnen? Fast klang es, als flüsterte er: „Und sie ist mir doch wiedergeboren.“

Ich stürzte in der nächsten Minute an’s Fenster, und nun sah ich den Alten im Sturmschritt über die Straße eilen mit lang im Winde hinterdrein flatternden Rockschößen. Wenige Augenblicke später stand er schon wieder an seinem Mansardenfenster und dienerte mit freundlich strahlendem Gesichte zu uns herüber.

Ich wurde unter meinen Geschwistern ausersehen, die ihres Inhaltes entleerte Schachtel zum alten Grüneisen wieder hinüber zu tragen.

Wie mein junges Herz klopfte, als ich den Gang antrat! Ich jubelte vor Freude darüber, daß ich nun endlich einmal all die Sonderbarkeiten sollte beschauen und berühren dürfen, die, wie ich längst hatte sagen hören, unser greiser Freund in seinem Dachstübchen aufgespeichert hatte, und doch beschlich es mich wie Furcht vor dem unheimlichen alten Hause und seinem mir so interessanten Bewohner.

Mit Zagen setzte ich den Fuß auf die moosbewachsene Schwelle; sie war so glatt und schlüpfrig, daß ich mich am Thürpfeiler halten mußte, um nicht zu stolpern, und als die lose liegenden Steinplatten unter meinem Tritte sich bewegten, da kroch ein ganzes Heer von Kellergewürm aus Ritzen und Spalten über die Stufen hin. Auf dem engen finstern Hausflur schlug mir eine dumpfe Luft entgegen; tausend Spinngewebe zerreißend und an meine Kleider heftend, stieg ich zwei lange, schmale Treppen zu dem Alten hinauf, und bei jedem Schritt knarrten und ächzten die Bretter und Balken unter mir, daß es in dem stillen alten Hause in allen Ecken und Winkeln nachhallend rumorte und echoete; mir war es, als riefen mir hundert Stimmen zu: „Junior, Junior“ – denn anders nannte Grüneisen mich nie – „Junior, bist Du da?“ Und auf der obersten Stufe der langen Treppe stand er selbst, der Alte, mit den freundlichen schwarzen Augen, in dem Dämmerlichte des Treppenvorgemachs fast anzuschauen, wie ein Magus oder Priester des Alterthums – so feierlich umgab ihn der lange Rock; so würdevoll fiel das weiße Haar von seiner Stirn auf die Schultern herab. Um aber das eigenthümliche Bild zu vervollständigen, fehlte auch die Staffage nicht: sein alter Kater mit den funkelnden Augen, merkwürdiger Weise Karfunkulus genannt, sein einziger Freund und steter Begleiter auf den Gängen und Stiegen des Hauses, umknurrte und umschmeichelte ihn mit so diabolisch gekrümmtem Buckel und so seltsamen Sprüngen und Bewegungen, daß das Unheimliche des Augenblicks dadurch nur noch erhöht wurde.

„Komm’ Er nur herein, Freund Junior!“ rief der Alte mir zu, indem er mir die knöcherige Hand über’s Treppengeländer herabreichte und mich zu sich hinaufzog. „Wer da will wandeln zu den Thürmern, der muß hoch steigen aber ich sage Ihm: das Ziel, so Er erreichet, lohnet die Mühe. Post nubila Phoebus – nach Wolken die Sonne! Dort unten die Welt – hier oben eitel Friede und Freude!“

Und nun führte er mich in sein „wolkenbenachbartes Tusculum“, wie er sein Dachstübchen nannte. Eine kellerhaft feuchte Luft wehte mir beim Eintritt entgegen. Abenteuerlichste aller Menschenwohnstätten, die ich je beschritten! Das enge zweifensterige Gemach war so niedrig, daß ein ausgewachsener Mann mit gestrecktem Arm sicherlich an die Decke reichen konnte. Die Wände umrankte ein großblätteriger Epheu, der durch eine Mauerspalte des baufälligen alten Hauses vom Hofe aus kräftig hereinwuchs, so üppig und dicht, daß man sich, in die Mansarde tretend, in einer schattigen Laube wähnte. Um die wenigen Möbel des Stübchens hatten sich die vollen, blätterreichen Ausläufer des frisch grünenden Gewächses wie die weit greifenden Arme eines Riesen gelegt und Alles romantisch umwuchert und in ein saftiges Grün gehüllt. Selbst von der Decke herab hingen lange Ranken in’s Zimmer hinein und berührten mir, so oft ich einen Schritt that, Scheitel und Wangen, daß ich jedes Mal erschrocken zusammenfuhr. Der kleine Raum wurde durch einen großen im Epheu ganz vergrabenen Schrank, der zwischen den beiden Fenstern mit der einen Schmalseite an die Wand gestellt war, in zwei gleiche Hälften getheilt, sodaß man in der That zwei Zimmer vor sich zu sehen meinte. Bewunderungswürdige Zweckdienlichkeit dieses Schrankes! Er bildete nicht nur die Scheidewand zwischen dem Wohn- und Schlafzimmer des Herrn Candidaten, er war auch Raritätenbehälter, Speisekammer, Bücherrepositorium, Kleiderschrank, ohne dadurch seine praktische Verwendbarkeit zu erschöpfen; denn in seinem untersten Fache, nach der Seite des Schlafgemachs hin, sozusagen im Parterre des Schrankes, hatte Vater Grüneisen sich aus Stroh und einigen dürftigen Betten sein höchst einfaches Nachtlager bereitet, „die stille Geburtsstätte meiner Träume“, wie er es zu bezeichnen pflegte.

Zwischen den Epheuranken hingen rings an den Wänden zahlreiche farbige Bilder, wie man sie in Bauernstuben findet. Eines dieser Bilder aber – es war bei weitem größer als die übrigen und hatte seinen Platz etwas abseits in einer Nische – war mit einem dichten Schleier verhüllt und vom Epheu fast ganz überdeckt.

„Mehercule, mehercule! um des Himmelswillen, Freund Junior!“ rief erschrocken der Alte, als ich, neugierig, wie ich war, die bergende Hülle zurückziehen wollte. „Laß’ Er das, laß’ Er das! Denn ich sage Ihm: das sind versunkene Träume, so Er nicht kann deuten noch fassen. Die Wellen rauschen darüber, und das Wasser ist gar so tief. Ach, Junior, Er kann das Blümlein nicht schauen, so da unten am Grunde wurzelt und winkt. Aber Christian Leberecht siehet das Blümlein wohl trotz der alten Augen und der ewig jungen Thränen darin. Und das Blümlein ist todt. Laß’ Er das, Freund Junior!“ Und indem er so sprach, schien er mit träumenden Blicken müde und traurig in eine weit entlegene Zeit zurück zu schauen.

„Hier hinein steck’ Er die Nase!“ fuhr er dann fort, wie aus tiefem Schlaf erwachend, und schob mich zu dem alten Schrank vor das Fach der Raritäten. „Studium mater est sapientiae, will sagen: Fleiß ist der Weisheit Anfang. Darum studire Er!“ Sprach’s und setzte sich auf ein halbvermorschtes Sopha.

Ich durfte unter den gelehrten und profanen Sammlungen des Schrankes nach Herzenslust kramen und räumen. Münzen aus allen Zeiten der Geschichte, werthvolle kleine Urnen und Vasen aus Rom und China, Handschriften berühmter Männer und zahllose Erinnerungszeichen aus dem eigenen Leben des sonderbaren Alten, daneben aber allerlei Absurditäten, wie eine Schachtel mit einem Stück der ägyptischen Finsterniß, ein Splitter von der Himmelsleiter, die Jacob im Traum gesehen, und dergleichen Kostbarkeiten mehr – welch’ eine reiche Nahrung für die Phantasie des Knaben! Ich vertiefte mich ganz in diese Schätze.

„Ein Buch, Vater Grüneisen, ein Buch!“ rief ich plötzlich erstaunt und jubelnd, als mir unter den tausend Sachen und Sächelchen des Schrankes ein stattlicher Foliant in schweinsledernem Einband in die Hand fiel, der vom ersten bis zum letzten Blatt von des Alten Feder voll geschrieben war.

„Ist Er des Teufels, Freund Junior?“ fuhr mein greiser Gönner von dem wurmstichigen Sopha, heftig gesticulirend, so eilfertig und unstät auf, daß Karfunkulus, der neben ihm sein gewohntes weiches Lager eingenommen hatte, mit leuchtenden Augen zischend auf ihn zugestürzt kam und der alte Schrank in seinen Grundvesten wankte und schwankte. „Das ist mein sacer liber, zu deutsch: mein heiliges Buch, so Er soll lassen [867] stahn. Wahrlich, ich sage Ihm: Keines erdgebornen Menschen armseliges Auge, außer dem meinen, hat jemalen diese Blätter geschauet oder gelesen.“

Er entwand das Buch meinen Händen und stellte es an seinen Platz zurück, dann aber – ich muß wohl zu dieser Maßregelung ein sehr wehmüthiges Gesicht gemacht haben – überkam es ihn plötzlich wie eine rührende Milde und Weichheit. „Junior,“ sagte er, indem er mir mit der hagern Hand zärtlich durch die Locken strich, „wenn der alte Grüneisen dermaleinstens wird gegangen sein in jene terra incognita, wollte sagen: in jenes unbekannte Land, allwo die Engelein mit den weißen Flügeln, grüne Palmzweige in den Händen, an den Himmelspforten stehen, dann soll dieses Büchlein Ihm gehören, mein Junior. ‚Vanitas vanitatis‘ stehet auf der letzten Seite zu lesen – und das ist wirklich dieses Lebens Inhalt: der Thoren Thorheit.“ Und dann streichelte er mir die Wangen und küßte mir die Stirn, und mir war’s, als sähe ich eine Thräne glänzen in dem Auge des Alten.

„Und nun komm’ Er und laß’ Er uns dahin hinaufsteigen, allwo die heilige Dreifaltigkeit thronet!“ und damit ergriff er meine Hand und führte mich auf das dunkle Treppenvorgemach hinaus und eine schmale Stiege hinan. Als wir Drei, Grüneisen, ich und der Kater Karfunkulus, letzterer knurrend und schnurrend in unheimlichen Sätzen uns voran, die finstern Stufen hinaufstiegen, da ging mir in leisen Schauern zum ersten Male das Kindesherz auf, als ahne es dunkel des Lebens ganzen Ernst und seinen oft so räthselhaften Inhalt. Zwischen dem seltsamen Alten und seinem gespenstischen vierfüßigen Begleiter mit den unstäten Gluthaugen stand ich warmes, frisches Knabenblut auf der geheimnißvollen dunklen Stiege. Wohin, wohin? Zur „heiligen Dreifaltigkeit“, hatte Grüneisen gesagt. Was sollte ich mir dabei denken? All’ meine Pulse klopften.

Es war ein geräumiger, düsterer Hausboden, den wir nun beschritten. Wir hatten kaum den Fuß auf die halb verwitterten, schwankenden Bretter gesetzt, als eine ganze Völkerwanderung langbeschwänzter Ratten und schnellfüßiger Mäuse nach allen Seiten hin vor uns auseinanderstob. Karfunkulus machte zischend und prustend einen gewaltigen Sprung und begann über Balken und Gerümpel hinweg eine fliegende Jagd auf das aufgeschreckte Ungeziefer. Christian Leberecht aber führte mich in langen Schritten – ich trippelte ängstlich neben ihm her – durch die dunklen Räume auf drei ferne helle Punkte am Ende des Hausbodens zu. Es waren drei kleine im Dreieck angebrachte runde Fenster, „Vater“, „Sohn“ und „heiliger Geist“, wie mein Begleiter in seiner Alles versinnbildlichenden Weise interpretirte. „Etwas muß der Mensch haben, daran er sein Herz kann hängen,“ fügte er hinzu, „und hier ist meine Vergangenheits-Gedankenbrütstätte.“

Wir waren an eines der Fenster getreten – ich glaube, es war der „heilige Geist“ – und schauten hinaus in die morgenfrische Herbstlandschaft. Ueber die Dächer der Häuser hinweg blickten wir auf die sonnenbeglänzten Felder und Wiesen, welche mir in diesem Augenblicke schöner denn je erschienen. Auf dem blauen Flusse ganz im Vordergrunde der Landschaft schwammen bunt bewimpelte Kähne mit fröhlichen Menschen, die in den hellen, farbenschimmernden Sonntag lustig hineinruderten. Ueber ihnen segelte schwirrend ein Heer von Vögeln durch die klare, reine Luft, vom Hintergrunde her aber, dort, wo im Duft der Ferne saftige Wälder das Landschaftsbild abschlossen, grüßte der Thurm einer Dorfkirche freundlich zu uns herüber. Glockengeläute klang von allen Seiten an unser Ohr, und in dem durch die Stille wallenden Tongewoge mochte wohl auch von dem fernen Kirchlein ein verlorener Klang zu uns dahertönen.

Grüneisen lehnte das Haupt gedankenvoll an die Fensterbrüstung, und „O Junior,“ sagte er wehmüthig und weich, indem er leise auf den Kirchthurm am Walde deutete, „dort hinüber lag mein Glück. Und nun gehe Er und grüße Er mir die Demoiselle Seniorin!“

Indem ich mich auf seine freundlich verabschiedende Handbewegung schüchtern zum Gehen wandte und den Rückweg über den finsteren Hausboden antrat, hörte ich noch, wie Grüneisen, leise seufzend, vor sich hin flüsterte: „Vanitas vanitatis!“, und aus den Winkeln und Nischen des unwirthlichen Bodenraumes schien das Echo zu antworten: „Der Thoren Thorheit!“

Dicht an der Treppe leuchteten mir im Vorübergehen aus einem dunklen Mauerloche die feurigen Augen des Katers Karfunkulus entgegen – es befiel mich ein Gefühl von Furcht und Grauen; ich beflügelte meine Schritte, und des hellen Sonnenscheines gedenkend, der jetzt wohl recht lustig da draußen auf den Trottoiren liegen müsse, wo wir Knaben so gern spielten, floh ich, Stiegen und Stufen hinunter, aus dem unheimlichen Hause des alten Grüneisen.

Ja, draußen strahlte die goldene Sonne. Auf dem hohen, eisenumgitterten Vorbau, der in jener alten Zeit an der ganzen Länge meines Vaterhauses estradenartig hinlief, saßen die Eltern und Geschwister nach traulicher Kleinstädtersitte um den sonntäglichen Tisch. Der Kaffee dampfte heute aus unsern Festtagstassen, und das Gespräch drehte sich um einen wichtigen Gegenstand, um Schwester Elisens Geburtstagskuchen, der soeben in den würzigen Mokka getaucht wurde.

Was waren mir Mokka und Geburtstagskuchen! Ich wälzte in meinem Kinderkopfe eine Welt von Gedanken und Fragen: der Alte da oben in seiner epheuumrankten Mansarde, das verschleierte Bild, das geheimnißvolle Buch, die heiligen Dreifaltigkeitsfenster, durch welche die kleine Kirche am Walde so bedeutungsvoll hereinwinkte, und dazwischen die geisterhaften Augen des Katers Karfunkulus – wie erregten und bewegten mich diese Eindrücke, die ich vom Nachbar mit heimgebracht hatte! Hier unten aber auf der Estrade vor meinem Elternhause die strahlenden Gesichter der Meinen, Elisens neues Geburtstagskleid, das lustige Sonntagstreiben auf der Straße und über alledem, wie ein rosiger Schleier, aus Frieden und Feierlichkeit gewoben, der sonnige, wolkenlose Herbsthimmel und das leise verhallende „Nun danket Alle Gott!“ der singenden Gemeinde in der nahen Kirche – das alles weckte mir der Empfindungen zu viel, zu viel auf einmal für mein übervolles Knabengemüth. Der Vater sah mich erstaunt an, denn ich hatte soeben eine seltsame Frage gethan; mit einer Handbewegung zum Nachbar Grüneisen hinüber und einem langen verwunderten Blick auf die ganze Umgebung hatte ich gefragt: „Vater, ist das das Leben?“ – –

Monate gingen in’s Land. Candidat Grüneisen dienerte nach wie vor täglich zu uns herüber. Dann aber brach ein Tag herein – und Alles wurde anders. Und das kam so:

Als ich eines Abends in der Dämmerstunde aus der Schule heimkam, saß ein junger Mann bei uns am Theetische. Fremd war er mir nicht, denn ich hatte ihn schon öfter bei uns aus- und eingehen sehen, aber heute hatte er so traulich an unserem Familientische Platz genommen, als gehöre er zu uns. Wenn Schwester Elise ihm eine Tasse Thee präsentirte, dann erröthete sie immer tief und schlug die Augen nieder, er aber – was war das? – küßte ihr heimlich die Fingerspitzen, als sie ihm auf seinen Wunsch den Thee nicht, wie üblich, vom Brette, sondern mit der Hand reichte.

Ich zog die Mutter in’s Nebenzimmer und bestürmte sie mit Fragen über den ungewohnten Gast.

„Ja,“ sagte sie lächelnd, „das ist ein neuer Onkel, nein, nicht ein neuer Onkel; das ist so ein – Schwager, Dein Schwager, mein Junge.“

Wunderbar, mein Schwager! Nun war’s heraus. Schwester Elise war Braut.

Den nächsten Tag wußte es die halbe Stadt, und übermorgen stand es in der Zeitung zu lesen. Grüneisen, hast Du es auch gelesen? Ich glaube wohl. Und sonderbar – noch an demselben Tage verschwanden die Sterne und Blumen an den Giebelfenstern uns gegenüber, und ein langes, schwarzes Tuch, statt eines Rouleaus in breiten Falten herunterwallend, trat fortan an die Stelle des abenteuerlichen Fensterschmuckes, tiefe, farblose Trauer an den Platz des bunten, freudigen Lebens.

Den ganzen Winter über sah man den Alten nicht. Er schien sich förmlich einzuspinnen in seine trübe Einsiedelei. Als aber der Frühling kam, da trieb die Gewohnheit ihn doch wieder einmal heraus, aber nicht auf die Straße, nein, zuvörderst auf’s Dach, denn er mußte ja seiner „lieben Frau“ – so nannte er sein Haus stets – ein neues Kleid anziehen, wie immer im Monat Mai, und die Procedur des Ausbesserns der alten Baracke nahm herkömmlicher Weise am Dache ihren Anfang. Für zarte Nerven war es ein schwindelerregender Anblick, Herrn Christian Leberecht’s hagere, gebrechliche Gestalt auf dem [868] schwanken Dache seines Hauses hinan- und wieder herabklettern zu sehen. Mit langgestreckten schmächtigen Armen und Beinen kroch er in spinnenartiger Elasticität um den „Vater“, den „Sohn“ und den „heiligen Geist“ herum, von Ziegel zu Ziegel und wußte mit Kelle und Quast in bewunderungswürdiger Geschicklichkeit, weitaus langend, zu hantiren. Der Wind spielte dabei mit den langen weißen Haaren des Alten und ließ seine riesigen Rockschöße flattern wie zwei lange dunkle Trauerfahnen. Vollendet aber wurde das Groteske des Anblickes dadurch, daß Karfunkulus, der getreue Kater, seinem Herrn auf Schritt und Tritt nachkletterte und dabei die possierlichsten Sprünge und Sätze machte, bald über den Rücken des Herrn Candidaten hinüber voltigirend, bald um dessen ganze wunderliche Gestalt herum die absonderlichsten Kreise beschreibend.

Unten auf der Straße hatten sich zahlreiche Zuschauer versammelt, welche dem halsbrecherischen Experiment mit Spannung folgten. Ich war mitten unter ihnen. Alles schien gut zu gehen. Plötzlich – ein Schrei ging durch die Menge – wich ein Ziegel unter der Hand des kühnen Kletterers. In jähem Sturze glitt er an dem Dache herab, aber die weit vorspringende Rinne konnte ihn retten. Und richtig – mit einem glücklichen Griffe erfaßte er sie und hielt sich, eine Minute zwischen Himmel und Erde schwebend, mit sicherer Hand an dem wankenden Blechgerüste. Dann aber – ein Krach, ein Sturz – die Rinne war gebrochen, und der Alte lag, ein Bild des Jammers, auf dem Straßenpflaster. In demselben Augenblicke fühlte ich mich von einer kräftigen Hand ergriffen und in das Elternhaus getragen. Der das gethan, war mein Vater, der einen so kläglichen Anblick für nicht geeignet hielt für mein Knabenauge.

Später erfuhr ich, daß man den Gestürzten wie eine Leiche aufgehoben und die zwei Treppen hinauf auf sein wurmstichiges Sopha getragen. Dort hatte er die Augen wieder aufgeschlagen, und als man ihn gefragt, ob er sich sehr verletzt fühle, geantwortet: „Zum Tode!“ dann aber lächelnd gemeint. „Nihil interest, will sagen zu deutsch: Was liegt daran?“ Die ärztliche Untersuchung ergab, daß er eine Rippe gebrochen und das linke Bein stark gequetscht habe. –

Drei Wochen nach dieser traurigen Katastrophe fand Schwester Elisens Polterabend statt. Es war ein großes Fest in unserem Hause. Carossen über Carossen brachten immer neue Gäste. In das Wagengerassel und Pferdegestampf aber scholl das Klirren und Klingen der Scherben, welche Alt und Jung uns an die Hausthür warf; denn es ist eine althergebrachte, allbekannte Sitte, daß, wer es mit dem jungen Paare gut meint, zusammenträgt und -scharrt, was er an altem Geschirr und Scherben auftreiben kann, um es unter Segenssprüchen am Polterabende an die Thür des Brauthauses zu werfen.

Es war schon spät am Abende und völlige Dunkelheit hereingebrochen; ich sah mir vom Fenster aus im Lampenscheine das bunte Polterabendtreiben vor unserem Hause an – da – eine gramgebeugte, hagere Gestalt kommt am Stabe langsam und mühsam über die Straße gehinkt. Ist er es wirklich? Den schwer verwundeten Fuß unter sichtlich heftigen Schmerzen nach sich schleppend, trägt er eine kleine Kiste keuchend daher. Nun setzt er die Last ächzend nieder – ein Augenblick, und eine Unzahl von blinkenden und klirrenden, von theils bunten, unscheinbaren Gegenständen poltert an unsere Hausthür.

„Da, da, da!“ ächzt der Alte leise vor sich hin, indem er ein Stück nach dem andern an die Thür wirft. Dann aber stöhnt er laut auf. „Vanitas vanitatis!“ und eilt, so schnell es das schmerzende Bein zuläßt, unter lebhaften Gesticulationen über die Straße zurück. Der arme, wunderliche Grüneisen! Da lagen sie, seine werthvollen Münzen und Urnen, die besten Stücke aus seiner einst so sorgsam gehüteten Raritätensammlung, und ganz oben darauf schimmerten auch die Papierblumen und -Sterne, die Perlen und Flittern, die einst seine so viel bespöttelten Fenster geschmückt – da lagen sie alle, die ehrwürdigen Reliquien bei den profanen Scherben des Polterabends. Alles zerschellt und zerbrochen!

Seitdem sah ich den Alten nicht wieder – und doch, ein einziges Mal noch. Und das war – im Sarge.

Seit Schwester Elisens Hochzeit war er stiller und stiller geworden, und eines Tages suchte man ihn vergebens in seinem Dachstübchen. Aber als man auf den öden, weiten Hausboden kam, da saß er an einem der seltsamen runden Dachfenster, das Haupt gestützt – das halbgeschlossene Auge blickte fern hinaus zu seinem geliebten Heimathdörfchen.

„Alter, was treibt Ihr?“

Keine Antwort! Christian Leberecht war – todt. Da die epheuumrankte Mansarde zu eng war, bahrten sie ihn in dem kleinen Garten hinter dem Hause auf. Es war gerade die Zeit der Rosen. Da ruhte er nun unter Centifolien und Remontanten in der schwarz verhüllten Truhe, der bleiche stille Mann mit den langen weißen Haaren. Von der Straße aus durch den langen Hausflur sah ich ihn liegen und ruhig schlafen. Kein Mensch war um den Todten, aber auf dem Rande des Sarges saß sein immer getreuer Gefährte, der Kater Karfunkulus mit den unheimlich leuchtenden Augen. Heute hielt er den Kopf gesenkt und blickte traurig bald auf seinen todten Herrn, bald auf die welken Rosenblätter am Boden, mit denen ein leichter Wind phantastische Tänze tanzte. Eine Lerche sang im Gebüsche des Gartens.

Am nächsten Morgen in der Frühe begruben sie meinen seltsamen alten Freund in einen stillen Winkel des Friedhofes. „Einen, der zu gut war für diese Welt,“ hatte an der offenen Gruft der Herr Stadtpfarrer gesagt. – –

Grüneisen hatte sein Wort gehalten. Auf seine schriftliche Verfügung hin wurde mir, dem „lieben Junior“, aus seinem Nachlasse nicht nur das geheimnißvolle Buch, sondern auch das verschleierte Bild nebst einigen Kleinigkeiten ausgehändigt.

Als wir von dem Bilde die Hülle fortgezogen, ging ein Ach der Bewunderung durch den Kreis der Umstehenden. Aus dem verstaubten Rahmen blickte uns ein Mädchengesicht von seltener Schönheit und Lieblichkeit an. Es war ein Kniestück, in Oel und ohne Frage von Künstlerhand ausgeführt. Wie Grüneisen in den Besitz desselben gekommen, habe ich niemals erfahren können. Die schlanke und doch kräftige jugendliche Erscheinung, die vor uns stand, trug einen Kranz von Kornähren und Eriken leicht im dunklen Haar, das in zwei vollen üppigen Flechten lang über die Schultern herabfiel. Die mittelgroße Gestalt war von vollendetem Ebenmaß und wahrhaft reizender Fülle; um Mund und Wangen spielte ein entzückendes Gemisch von mädchenhafter Schüchternheit und leiser Schelmerei; kindliche Einfalt und Heiterkeit sprach aus den tiefbraunen Augen dieser Unschuld vom Lande, die, eine Sichel fest und graziös in der nervigen aber fein geformten Hand, im weißen luftigen Gewande lustig durch die wogenden Kornfelder dahinzuschreiten schien. Man konnte sich eine anmuthigere Schnitterin gar nicht denken.

Aber nicht nur der Zauber der Anmuth war es, der uns diesem Bilde gegenüber ergriff, es war noch etwas Anderes. Blickte es uns aus diesen Augen nicht wie ein Verwandtes an? War das Lächeln um diesen Mund uns nicht ein längst bekanntes? Diese dunklen Haare, diese von leichtem Braun gesättigte Gesichtsfarbe –? Es war ein merkwürdiger Moment des Erstaunens und Erschreckens, als wir Alle wie aus einem Munde ausriefen: „Schwester Elise!“

Und in der That – die auffallende Aehnlichkeit zwischen der lieblichen Schnitterin und unserer Schwester war nicht zu verkennen. Nur, daß bei dieser fein und zart gebildet war, was sich bei jener in kräftigeren und volleren Formen, gleichsam aus dem Städtischen in’s Dörfliche übersetzt, wiederfand.

Und wer war sie, diese reizende Mädchengestalt auf dem Bilde vor uns? In welchen geheimnißvollen Beziehungen stand sie zu unserem nun schlafen gegangenen Philosophen aus der Mansarde und – fragten wir weiter – zu unserer Schwester Elise?

Hierüber giebt uns das mysteriöse Buch, das ich, wie gesagt, zugleich mit dem Bilde ererbt, eingehende Auskunft. Es ist Grüneisen’s Tagebuch. Drei Blätter daraus, die ich hier ihrem ungefähren Inhalte nach wiedergebe, genügen, um den Schleier zu lüften, der über dem Leben dieses Sonderlings lag.

Das erste Blatt: Er war, frischen Lebens voll, von der Universität, wo er als armer Bauernsohn auf Kosten eines Gönners Theologie studirte, zu einem längeren Ferienbesuche in sein Heimathdorf zurückgekehrt. Da wurde in Wonne gesäet, was in Weh aufgehen sollte. Warum trug auch Elise, des Wassermüllers junge Tochter, mit der er ehedem kleine papierne Schiffe und Kähne auf den lustigen Wellen des Mühlbaches hatte [869] tanzen lassen, warum trug sie in den tiefbraunen Augen eine Nacht, in der zu versinken Seligkeit war? Warum flogen ihre langen dunklen Zöpfe bei jeder ungestümen Bewegung des lebhaften Mädchens so wild durch die Luft, daß es ihm jedes Mal war, als wären sie zwei weiche Arme, ihn zu umfangen und zu halten? Acht lange Jahre hatten sie sich nicht gesehen. Sie war die liebste Gespielin seiner Kindheit gewesen. Nun ging er plaudernd mit ihr durch die freundlichen Gassen des Dorfes; nun stand er sinnend mit ihr an dem rastlos sich wälzenden Mühlrade, und wenn es tief hinab tauchte in die strömenden, schäumenden Wasser und sich dann unter feuchtem Staubregen wieder gewaltig hob und die spritzenden, sprühenden Tropfen sie Beide benetzten, dann lachten sie hell auf, wie zwei fröhliche Kinder. Die rasch vorüberrauschende Fluth, war sie nicht wie das Leben? Und wenn er dann Hand in Hand mit der Jugendgefährtin am Ufer weiter hinabwanderte, wo die Wasser ruhiger flossen, dann zeigten sie ihm ein freundliches, tausend Gedanken erweckendes Spiegelbild: er sah sich selbst neben der reizenden Gestalt des holden Mädchens. Und dieses Bild sollte zerfließen wie die strömenden Wasser selbst? Da überkam es ihn, als stünde ein köstliches, bisher nur geträumtes Glück leibhaftig neben ihm, und die schlanke Mädchenhand, die er in der seinen hielt, er drückte sie fester und fester. – Im Mühlgarten aber an einem mondhellen Abend, da der stürzende Bach von fern herüber rauschte und die Nachtigallen in lauschigen Verstecken schlugen, sagte er ihr, wie er sie so gern habe – und der erste Kuß besiegelte den Bund der Beiden.

Das zweite Blatt: Und wieder war er im Dorfe. Er hatte seine Examina glücklich bestanden, und die nächste Vacanz konnte ihm eine Pfarre bringen. „Vater Wassermüller, gebt mir Lieschen, Eure Tochter!“ Der aber wies den armen Candidaten höhnend ab. „Des Wassermüllers Tochter ist des reichen Gutsherrn Braut,“ rief er, das Zimmer verlassend, ihm zu und warf die Thür fluchend in’s Schloß. Das Mädchen weinte sich die Augen roth, der junge Grüneisen aber konnte vom Dorfe nicht lassen. Und da der Schulmeister gerade gestorben war, wurde er sein Nachfolger. Das Schulhaus lag dicht neben der Mühle – ach! und die Hoffnung, die thörichte Hoffnung wollte nicht sterben; sie würzte dem jungen blassen Schulmeister das karge, dürftige Brod.

Das dritte Blatt: Es war am Tage des Polterabends. Der Kranz sollte der Braut überreicht werden, und die Gäste waren schon alle versammelt, unter ihnen der strahlende Bräutigam, der jugendliche, reiche Gutsherr. Aber Eine fehlte – die Braut selbst. Man suchte sie überall und fand sie nirgends. Sie hatte sich still davon gemacht. Wohin? Ja, wer das wüßte! Stunden des Wartens vergingen. Das Rauschen des Mühlbachs klang so eintönig in das festlich geschmückte Zimmer, und klang es heute nicht gar so melancholisch? Ja, das Rauschen des Mühlbachs!! Wo das Wasser am tiefsten ist, wo die Wellen am leisesten ziehen, wie schimmert es da durch die klare Fluth so seltsam licht und so schwanenweiß in den lauen Frühlingsabend herauf! Ein langes Gewand, zart und schneeig, wie ein Hochzeitskleid, bewegt sich zitternd im Wellenspiele, unten in der krystallenen Tiefe aber scheinen die Wasser ihren Lauf zu hemmen; so sanft und lind schmiegen sie sich um zwei regungslose Alabasterarme und das lächelnde holde Mädchenangesicht, über das die rieselnden Wellen wie kosend dahinstreichen, ruht es nicht schlummerhaft auf weichem Kissen von Moos und Uferried? So schlummerhaft, daß die Müllerknechte, welche die anmuthige Schläferin zuerst entdeckten, unwillkürlich leiser sprachen, als sie sich zuriefen: „Da ist sie.“ Da war sie in der That – des Müllers Töchterlein, das es schöner gefunden, da unten in der lautlosen Tiefe bei stummen Pflanzen und Fischen zu schlafen, als hier oben unter den Menschen zu wandeln in der lauten Welt des Athmens und des – Herzeleids. – –

Grüneisen (so berichten uns die weiteren Tagebuchblätter) lebte noch viele Jahre als Schulmeister in seinem Heimathsdorfe. Ein einziger Frühlingssturm hatte die Blüthen seines Lebens verweht. Früh in sich selbst zurück gezogen und vereinsamt, von Niemandem verstanden, von Niemandem gesucht, von Niemandem geliebt, wurde er im Alter der vollendete Sonderling, als welchen wir ihn kennen gelernt haben.

Durch den Tod eines entfernten Verwandten kam er in den Besitz des alten verfallenen Hauses, meinem Elternhause gegenüber. Er sollte sein stilles, ihm durch ach! wie viele wehmüthige Erinnerungen lieb gewordenes Dorf verlassen, damit sein altes Herz – wie war es noch immer so jung geblieben! – noch einmal den Hauch der Liebe verspüre, wie einen verweheten Klang aus früheren Tagen. Von seiner Mansarde aus sah er [870] mein Schwesterlein, auch eine Elise und durch ein wundersames Naturspiel das Ebenbild jener ersten. Daß sie ihm die wiedergeborene Jugendgeliebte sei, diese Fiction war die beglückende Idee seines Alters, aber seines Herzens Heimath war und blieb die Vergangenheit. Von den drei kleinen Bodenfenstern aus suchten seine Augen immer und immer wieder das Heimathdörfchen da hinten am waldumsäumten Horizont, wo er so unsäglich glücklich gewesen und ach! so unendlich elend geworden. „Zwei kurze Frühlingstage nur – und des Lebens Rest ist Schatten, nichts als Schatten; denn das Beste und Edelste stirbt früh,“ stand auf der letzten Seite seines Tagebuches.

„Zwei kurze Frühlingstage nur –“ diese Worte fielen mir wenige Jahre nach des Alten Tode schwer auf’s Herz – es war an der Bahre unserer theuren Schwester Elise. Zwei zarte Kinder schlummerten ihr in der Wiege – und sie mußte so jung davon. Was ist Menschenglück, was ist Erdenhoffnung? „Vanitas vanitatis!“ schloß Christian Leberecht Grüneisen sein Tagebuch: „Der Thoren Thorheit!“