Burney Tagebuch 3/Haag

Leyden Tagebuch einer musikalischen Reise (1773) von Charles Burney
Haag
Delft


[247]
Haag.


Obgleich Amsterdam die Hauptstadt der vereinigten Provinzen ist, so sollte doch der Haag, als die beständige Residenz des Erbstatthalters und seines Hofes, natürlicherweise der Sitz der schönen Künste seyn.

Die Hofmusik Sr. Durchlaucht, des Prinzen Erbstatthalters, besteht hauptsächlich aus Deutschen. Der erste Direktor und Komponist ist Herr Graaf[H 1], von welchem verschiedene Werke in Frankreich und Holland gestochen sind. Die Namen der übrigen sind: Keller, Gundlach, Müller, Halfschmid, Rohling, Weiß, Keller jun. und J. A. Dambach. Ausser Hofdiensten befinden sich noch hier die Herrn Malherbe, ein Lütticher und Just, ein junger Deutscher, und [248] Scholar von Schwindll, welcher einige hübsche Claviersachen komponirt hat. Herr Schwindll selbst, dessen Name in der musikalischen Welt wegen seiner Violinsachen, die vortreflich, voller Geschmack, Anmuth und Wirkung sind, sehr bekannt ist, hat sich eine ziemliche Zeitlang im Haag aufgehalten, hatte es aber vor meiner Ankunft verlassen.

Herrn Spandau, den man seitdem mit so vielem Vergnügen in London gehört hat, fand ich im Haag. Er hat es durch seinen Fleiß, Geschmack, Delikatesse und Vortrag dahin zu bringen gewußt, daß sein Waldhorn, ein Instrument, welches man wegen seiner Rauhigkeit nur in der freyen Luft oder in einem grossen Gebäude ertragen konnte, eben so sanft und angenehm zu hören ist, als eine Menschenstimme[H 2].

[249] Hier sind zwey Theater, eins für deutsche und das andre für französische Schauspiele und komische Opern. Ich sah die kleine Operette: Toinon & Toinette, auf dem französischen Theater, welches so klein ist, als es die Zahl der Zuhörer und das Verdienst der Sänger und Sängerinnen war.

Haag scheint besser für die Zugvögel zu seyn, als für die Eingebornen. Der Mangel an Abwechslung in den Spielern, und in dem Auditorio, macht, daß sie sich einander bald müde werden. Wenn deutsche oder italiänische Virtuosen nach England reisen, pflegen sie gemeiniglich erst im Haag anzusprechen, und sich da eine kurze Zeit aufzuhalten, und sich durch Concertgeben so viel zu verdienen, daß sie ihre Reisekosten davon bestreiten können. Selten aber bleiben sie länger, als etwan ein Schiff, das in einen Hafen einläuft, um bloß Holz und Wasser einzunehmen.

Hier sind vier Kirchen: drey davon gehören den Reformirten und eine den Lutheranern, in welchen [250] allen grosse Orgelwerke sind. Allein weder die Instrumente, noch diejenigen, welche sie bespielen, sind sonderlich berühmt.

Wenn meine musikalische Sammlung und Entdeckungen im Haag eben keinen sonderlichen Zuwachs erhielten: so ward mir meine Mühe dahin zu gehen, reichlich durch die gütige Aufnahme belohnt, die mir Se. Excellenz, Sir Joseph Yorke angedeihen ließ, und durch die Mühe, die er sich gab, mir zu meinem Zwecke behülflich zu seyn.

Anmerkungen (H)

  1. Sein Bruder, Friedrich Hartmann Graaf, der sich von 1759 bis 1764 in Hamburg aufhielt, woselbst er bey seiner Unternehmung der öffentlichen Winterconcerte ausnehmend viel Unterstützung fand, dennoch aber diese Situation für ein reisendes Leben vertauschte, war damals ein ungemein geschickter Flötenspieler und sehr guter Komponist, für sein Instrument besonders. Auch von ihm sind in Hamburg 6 Trios in Kupfer gestochen und sechs Quartetten auf Pränumeration gedruckt.
  2. Herr Witzgall, ein gleichfalls merkwürdiger Waldhornist, der vor etwan anderthalb Jahren auf seinen Reisen nach Hamburg kam, und sich öffentlich hören ließ, verdient hier in eben der Betrachtung genannt zu werden. Ich hatte mehr brave Manner auf dem Instrumente gehört, als mich Herr Witzgall zum Erstenmale besuchte, und so gefällig war, einige Solos auf meinem gar nicht grossen Arbeitszimmer zu blasen. Die ersten Töne, die er auf seinem grossen D-Horn angab, bereiteten mich schon vor einen, braven Virtuosen zu hören; allein ich stutzte, als er mir eine ganze Parthey Sonaten aus allerley Tönen zur Auswahl vorlegte, und er darauf eine aus C wirklich blies, ohne ein anders als sein D-Horn, und ohne an demselben die geringste Maschine, [249] Aufsatz oder Klappe zu haben. Mehr Schwierigkeiten hat noch kein Mensch auf diesem Instrumente überwunden, als er. Was den Geschmack im Vortrage anbetrift: so ist er der Mann, der mit Hülfe einiger vortheilhaften Situation, auf dem besten Wege ist, auch darin groß zu werden. Denn das Instrument ist schon völlig sein gehorsamer Unterthan.
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