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Textdaten
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Autor: M. Zeisiger
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Titel: Betrachtungen zur deutschen Kegelei
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 44, S. 750–751
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Betrachtungen zur deutschen Kegelei.

Im Jahrgang 1885 (Nr. 25) brachte die „Gartenlaube“ den Artikel „Die edle Kegelei im Malkasten zu Düsseldorf“, in welchem der Wissenschaft der Vorwurf gemacht wurde, sie habe sich mit der Kegelei noch viel zu wenig beschäftigt. Dem gegenüber wird es wohl von allgemeinem Interesse sein, nicht nur den Ursprung des Spieles, soviel es möglich ist, aufzuklären, sondern auch auf die hohe Bedeutung des Kegels für das deutsche Volksbewußtsein überhaupt hinzuweisen.

Der Ursprung des Spieles ist mit Sicherheit in den Waffenspielen unsrer Vorfahren zu suchen. Die ursprüngliche Waffe derselben war der Keil, ein Wort, das etymologisch dasselbe ist wie Kegel, sowie die davon gebildeten Ableitungen Keule und Kugel. Diese Waffe, ursprünglich aus gehärtetem Holz verfertigt, zur besseren Handhabe auch wohl eingekerbt, war in ihrer Gestalt ganz unserem Kegel ähnlich. Sie war zugleich eine Hieb- und Wurfwaffe und behielt diese Funktionen auch in ihrer späteren Ausbildung als Streitkeil, Streitaxt, Streitmeißel, Ango und Framea bei. Alle diese waren aus Stein, zumeist Feuerstein, Granit und Hornblende, später aus Bronze, zuletzt und zwar vorzugsweise bei den nordischen Stämmen aus Eisen verfertigt. Die fränkische Framea war mit einem Riemen zum Zurückziehen versehen, der Wurf des Geschosses reichte bei seiner Schwere ungefähr dreißig Schritte, nach andrer Ueberlieferung „zwei Meereswellen weit“. Wie sehr diese Waffe den Deutschen eigenthümlich gewesen ist, geht aus einer Aeußerung des Isidor hervor, nach welcher sie bei den Galliern Teutone genannt wurde.

Die Trefflichkeit dieser Waffe und die Sicherheit ihrer Handhabung war an stete Uebung gebunden, auch in Friedensläuften. Seneca sagt in einem seiner Briefe: wenn er in Germanien geboren wäre, würde er sofort als Knabe die Framea schwingen, und an andrer Stelle: „Wer ist muthiger als die Germanen? wer stürmt gewaltiger? wer liebt leidenschaftlicher die Waffen, in denen sie geboren und erzogen sind, auf welche sich ihre einzige Sorge erstreckt, während alles andere sie nicht kümmert?“ Es ist nun sehr wahrscheinlich, daß aus solchen Treffübungen unser Spiel hervorgegangen ist, indem der beste Wurf mit einem Gewinne verbunden war; haben wir doch in den späteren Schützenspielen etwas dem ganz Aehnliches.

Scharfsinnig hat nun Jakob Grimm, welcher zuerst den Ursprung des Spieles aufdeckte und wissenschaftlich begründete, auf eine Anwendung des Spieles bei den Opferungen hingewiesen, bei welchen die Gebeine der geopferten Menschen oder Thiere das Material desselben bildeten. Er geht davon aus, daß der Oberarm des Menschen sowohl wie der Knochen des Vorderschenkels des Thieres, insbesondere des dem Deutschen heiligen Pferdes, der Keil, die Erweiterung desselben Knochens, der Schulter zu, Kugel genannt wurde. Diese Bezeichnung hat sich, was den thierischen Körper anbetrifft, noch vielfach erhalten, und auch auf den Menschen angewandt findet sich noch in Sachsen und Bayern die Wendung: den Arm oder Fuß auskegeln d. i. ausrenken. Es ist bemerkenswerth, daß auch die Bezeichnung „Bolzen“ einem Knochen und einer Waffe in gleicher Weise beigelegt wird. Grimm behauptet, jenes Festspiel habe darin bestanden, die Kegel der getödteten Opfer aufzustellen und mit der abgeschlagenen Kugel danach zu werfen. Eine Erinnerung daran hätte sich, wenn Grimms Gewährsmann recht berichtet, in der Gegend von Leipzig bis in die neueste Zeit erhalten. Denn bei Wurzen und Eythra soll man sich die Kegel und die Kugel selbst dadurch verfertigt haben, daß man die herausgeschälten Knochen der Vorderfüße eines getödteten Pferdes als Kegel benutzte und sich die über dem Hufe befindliche Kugel von einem Drechsler abrunden ließ.

Es hat jene Sitte ihren Ursprung vielleicht in den der siegreichen Schlacht sich anschließenden Opferungen, bei denen Haß und Siegesfreude in dem Werfen nach den Gebeinen der getödteten Kriegsgefangenen zu feierlichem Ausdruck kamen. In Berücksichtigung dieser Sitte ist wohl die mittelalterliche Wendung zu verstehen: „Dein bein (d. h. wäre gut) dasz man mit schlüg der Keulen.“ Die gefallenen Feinde werden im Mittelalter des öfteren mit Kegel bezeichnet, und noch Schärtlin sagt in einem seiner Briefe: „Wan der Luft, als wir das dorf anzündeten, nit so gar wider uns gewest wer, sollt es auch noch mehr Kegel geben haben.“ Sollte nicht auch die moderne Bezeichnung der Kegelwürfe wie Carré, Bataillon, Grenadier eine dunkle Ahnung von dem kriegerischen Ursprung des Spieles sein?

Jedenfalls scheint sich dann später die Ausübung des Spieles an besondere Orte und Feierlichkeiten gebunden zu haben. Eine Erinnerung daran hat sich in Hildesheim ziemlich lange bewahrt. Denn Letzner berichtet in seiner historia Caroli magni, 1603, es wäre jeden Sonnabend nach Lätare auf dem kleinen Domhof zu Hildesheim ein Bauer erschienen, welcher auf zwei je einen Klafter lange Klötze zwei andere kegelförmig zugespitzte Hölzer gesetzt habe, nach denen dann die Buben und das Gesinde warfen. Er fügt sehr bezeichnend hinzu: Unter diesen Kegeln sind die heidnischen, teuflischen Götzen zu verstehen, welche die christlich gewordenen Sachsen niedergeworfen haben. In Halberstadt bestand noch ziemlich lange die Sitte, nach Götzenbildern zu werfen, und in Großkeula, dessen Name vielleicht mit dem Kegel in Beziehung steht, schnitt man bei Hochzeiten im Gemeindebackhause Kegelkuchen zu. Möglich ist es, daß Orte wie Kellheim, Kellberg und Keula dem Spiele den Namen verdanken.

Während sich nun die Praxis des Kegelspielens bis auf den heutigen Tag allgemein erhalten hat, lebte die mündliche Tradition vornehmlich in Form der Sagenbildung weiter. Dem kriegerischen Geist der Deutschen entsprechend wurden ihre Götter zum Krieg und zu den Waffen in enge Verbindung gebracht. Dem Wodan war der Speer, daher die Esche und im weiteren Sinn der Wald, dem Zin das Schwert, dem Thor der Keil und daher der Fels überhaupt heilig. Der letztere, der Gott des Gewitters, in dessen langem rothen Barte, Keil und rollenden, von Ziegen gezogenen Wagen sich auch äußerlich die drei Momente der Naturerscheinung darstellen, war der Patron des Kegels. Noch heute zeigt man oft auf dem Lande den Teufelskegel oder Donnerkeil, und noch vielfach hat sich im Volksbewußtsein die Beziehung zwischen Gewitter und Kegel erhalten. So sagt man beim Gewitter im Elsaß: sie kegeln droben, oder: die Engel kegeln, oder: Petrus kegelt. In Leipzig sagt man: der liebe Gott kegelt. In diesem Sinne ist wohl auch die Darstellung über der alten Sakristei zu Annaberg in Sachsen zu verstehen, wo die Engel nach aufgestellten Kegeln schieben. Das Licht des Christenthums verdrängte dann allerdings die nationalen Götter, vermochte jedoch nicht zu verhindern, daß das anhängliche Volk fortfuhr, an ihre Macht als die in Berge entrückter Wesen zu glauben. In alten, an vielen Orten Deutschlands wiederkehrenden, vornehmlich an den Kult des Thor sich anschließenden Sagen hat sich nun eine fortlaufende Tradition des Kegelspieles angeschlossen, gleichsam als hätte der naive Volksglaube keine bessere Verkörperung für die elementare Gewalt und kriegerischen Thaten ihrer alten Götter und Vorfahren finden können. Besonders reich in dieser Beziehung ist die thüringische Sagenbildung; vielfach sind hier die Stätten solcher unterirdischen und nächtlichen, von Riesen geübten Kegelspiele. Auch in dem Kyffhäuserberg, wo die Sage den rothbärtigen Thor zum Kaiser Barbarossa verklärt hat, muß der Ziegenhirt, dem es vergönnt war, in den Berg einzudringen, den Rittern des Kaisers die Kegel aufsetzen. Nebst Thüringen ist dann besonders der Odenwald und das Riesengebirge reich an solchen Sagen.

Als uralt und den arischen Völkern eigenthümlich erscheint die Schlachtaufstellung in der Kegelform. Die Inder besaßen sie und meinten, sie sei ihnen nach göttlichem Willen durch die Gesetze Menus anbefohlen worden; auf ihr, der Phalanx, beruhten die Erfolge der Macedonier und ihres großen Königs Alexander. Am treusten aber bewahrten die Germanen jene Schlachtform, in welcher sich das kraftvolle Vordringen so bedeutend ausprägt. Sie hatten selbst das Bewußtsein von dem hohen Alter dieser Formation; Saxo Grammaticus erzählt, Odin habe sie den norwegischen König Hadding gelehrt. In dieser Schlachtform, dem sogenannten Eberkopf, von welchem General von Peucker in seinem vortrefflichen Werke über das deutsche Kriegswesen in den Urzeiten urtheilt, daß sich in ihm die ganze moralische Stärke des deutschen Nationalcharakters vereinigte mit der bedeutenden mechanischen Kraft einer großen Masse, haben die Deutschen das römische Reich Jahrhunderte lang angegriffen, dasselbe wieder und wieder erschütternd, bis es unterlag; in dieser Form sind die Angelsachsen im neunten Jahrhundert den Dänen und noch im [751] elften den Normannen entgegengetreten. Innerhalb dieser Formation standen die Kämpfenden nach Geschlechtern und Familien geordnet; die vorderste Stelle aber, die Spitze, die Firste, war dem Tapfersten und Stärksten vorbehalten. Wahrscheinlich ist aus dieser Thatsache der Name „Fürst“ hervorgegangen.

In der Natur stellte sich unseren Vorfahren die Kegelgestalt unmittelbar in den emporragenden Bergen dar, wie sie ja auch noch gegenwärtig als Kegel bezeichnet werden. Hier war daher eine vornehmliche Stätte ihrer Götterverehrung, und zwar besonders der des Thor. Auch hier war der Ehrenplatz die Firste, hier war die Stelle, wo die Opfer gebracht wurden.

Aber auch in ihren Bauten zeigt sich das Bestreben der Deutschen, die Kegelform äußerlich darzustellen. Es tritt das nicht nur in ihren Grabdenkmälern hervor, von denen die sogenannten Kegelgräber, in Form von Kugelausschnitten oder ovalen Kegeln aufgeschüttet, unbestritten germanischen Ursprungs sind, sondern auch vor allem in ihrem Hausbau. Es ist das mächtige, schroff ansteigende Dach, was von den ältesten Zeiten her das deutsche Haus charakterisiert hat. Die Firste, das Ende der beiden vorderen gewaltigen Balken, krönte das Haus, hier wurden die Kopfskelette geopferter Pferde aufgehängt, eine Sitte, welche sich in manchen Gegenden noch insofern erhalten hat, als hier die Giebelbalken vielfach in geschnitzte Pferdeköpfe auslaufen.

Die hier dargebotene Arbeit kann nur den Anspruch einer lückenhaften Skizze machen, aber ihr Zweck würde erreicht sein, wenn es ihr gelänge, die Anregung dazu zu geben, das Material zur Geschichte der deutschen Kegelei, des nationalsten unserer Spiele, wie es in der Ueberlieferung, Sitte und Litteratur erhalten ist, zu sammeln, damit auf diese Weise einmal eine erschöpfende Darstellung des Themas ermöglicht werde.

M. Zeisiger.