« Kapitel B 10 Beschreibung des Oberamts Weinsberg Kapitel B 12 »
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Finsterroth,


Gemeinde III. Cl. mit 532 Einw., worunter 4 Dissent. (Baptisten).

Der Ort liegt volle 5 Stunden (geom.) von der Oberamtsstadt entfernt, gegen 3/4 Std. nordöstlich vom vormaligen Mutterort Wüstenroth, auf der Hochebene des Mainhardter Waldes, an der Land- und Poststraße Löwenstein-Mainhardt, wo sich diese in ein Seitenthälchen des Roththales leicht hinabsenkt, nachdem der frühere steile, durch’s Dorf hinabführende Stich verlassen worden ist.

Das auf einer kleinen Anhöhe über dieser nun verlassenen Straße stehende vormalige Schul- und Rathhaus, Eigenthum der Gemeinde, ist im Jahr 1856 nach langen Verhandlungen über einen für Neuhütten und Finsterroth gemeinschaftlichen Kirchenbau dem Staate zu Einrichtung eines Betsaales für Finsterroth (mit ca. 2000 fl. Kosten) überlassen und dieser im November 1857 zu diesem Zwecke eingeweiht worden, worin nun der für Neuhütten und Finsterroth seit 1857 gemeinschaftlich angestellte ständige Pfarrverweser die Gottesdienste hält.

Ein Harmonium statt der Orgel ist aus Privatbeiträgen mit Zuschuß von der Gemeinde angeschafft.

Schule und Rathhaus sind dagegen in einem von der Gemeinde angekauften Haus auf der entgegengesetzten Seite der alten Straße eingerichtet worden und gewähren hinlänglichen Raum.

Der Sitz des Pfarrverwesers, sowie des seit 1856 gemeinschaftlich für Finsterroth und Neuhütten eingesetzten Schultheißen wurde in letzteren Ort verlegt.

Ein unten an gedachtem Stich gelegenes, stattliches Schildwirthshaus hat seit der Landstraßenverlegung seine Front verändert und| nimmt nun die Gäste, statt von Norden, von Süden an der hier vorüberziehenden Landstraße auf.

Die zum Theil nicht unansehnlichen zweistockigten Häuser ziehen sich an dem alten, nun verlassenen Straßenstich – von Gärtchen unterbrochen – 11/2 Achtelsstunden lang – gegen das obgedachte Seitenthälchen der Roth hinab. Es gehören aber zu Finsterroth auch die auf der südlichen Anhöhe gelegenen 3–4 kleinen Höfe, das Bergle genannt, zwei einstockige Gebäude, der Binsenhof genannt, und ein auf der Anhöhe gegen Wüstenroth gelegener, 1/8 Std. entfernter Hof (das welsche Dörfle genannt), sowie einzelne auf gleichem Niveau mit ihm liegende, im Felde zerstreute Häuser mit Hausnamen.

Man hat hier mehr den Anblick zerstreuter kleiner Höfe, als eines Dorfes. Es sind im Ganzen 77 Haupt- und 60 Nebengebäude.

Ein eigener Begräbnißplatz liegt südlich vom Ort bei obgedachtem sog. welschen Dörfle. Die Baulast hat die Gemeinde.

Sehr gutes Trinkwasser gibt eine aus einer senkrechten Felsenwand im Thälchen am östlichen Ende des Dorfes nächst der Straße hervorsprudelnde Quelle, in Röhre gefaßt. Oben im Dorf ist ein sog. Radbrunnen (Schöpfbrunnen) und einige Pumpbrunnen.

Die einzelnstehenden Häuser erhalten ihr Trinkwasser von dem gedachten Schöpf- und von einigen Pumpbrunnen.

1/16 Stunde oberhalb der untersten, im Thaleinschnitt liegenden Häuser des Dorfes ist ein tiefer, die ganze Thalbreite ausfüllender, 7 Morgen haltender See, der neue See genannt, mit einem das Thal quer durchschneidenden Damme eingedämmt, auf seinem östlichen Ufer von einem fast senkrecht ansteigenden Nadelwalde beschattet. Die von der Höhe von Neuhütten herkommenden Quellbächlein speisen und durchziehen ihn. An Fischen beherbergt er Karpfen und Hechte. Er ist Eigenthum des Müllers und von diesem verpachtet.

Eine kleine Viertelstunde unterhalb, zwischen dem östlichen Ende des Dorfes und der Ausmündung des Wiesenthaleinschnittes in das Roththal ist der kleine, sog. Mühlsee, welcher mit dem durchziehenden kleinen Bach eine Mühle von zwei Mahlgängen und einem Gerbgang treibt, und zur Wässerung der angränzenden Wiesen benützt wird.

Die nur 564 Morgen große Markung enthält 12 Mrg. Gärten und Länder, 252 Morgen willkührlich gebaute Äcker, 35 Morgen zweimähdige und 216 Morgen einmähdige Wiesen, nur 1 Morgen Laubwald, 7 Morgen Waide, 1 Morgen Öde.

Der Gemeinde gehören davon 1 Morgen Ackerfeld, 2 Morgen Wiesen, 3 Morgen Waide.

| Der größtentheils magere, grobsandige Boden eignet sich weniger für den Getreide-, als für den Kartoffelbau, zumal da der Winter hier sehr lange dauert und oft ungeheure Schneemassen mit heftigen Winden bringt. Vergl. das über die klimatischen Verhältnisse des Bezirks oben Gesagte.

An Dinkel wird der Ertrag eines Morgens zu höchstens bis 4 Scheffeln, an Haber zu 4 Scheffeln geschätzt.

Roggen und Gerste werden ziemlich viel gebaut und erträgt der Morgen 2 Scheffel Roggen und 21/2 Scheffel Gerste.

Absatz nach Außen findet nicht statt, vielmehr muß Brod von Außen eingeführt werden.

Die Landwirthschaft wird nur von einzelnen größeren Grundbesitzern mit verbesserten Ackergeräten betrieben. Der Begütertste besitzt 49–55 Morgen, die Mittelklasse 8–10 Morgen. Ohne Grundbesitz sind ca. 10–11 Einwohner. Daneben nähren sich 21 Einwohner mit kleinen Gewerben, 37 Einwohner mit Hausierhandel im Kleinen, 6 mit Fuhrwesen, Verführen von Mineralwasser aus Böhmen, Nassau etc., mit Käshandel etc., 1 mit Holzhandel im Größeren, Verführen von Bauholz, Schnittwaaren etc.

Darüber sind Manche 1/2 Jahr von Hause abwesend. Frau und Kinder bauen unterdessen die wenigen Gütlein. Der nachtheilige Einfluß, den dieses Herumziehen auf das häusliche und sittliche Leben hat, ist oben schon in Abschn. III. 2. erörtert worden. Von dem, was auf diesen Handelsreisen gewonnen wird, kommt bei Manchen selten etwas nach Hause. Und der Handel selbst hat bei der neueren Vervielfältigung der Verkehrsmittel und Verkehrswege nahezu sein Ende erreicht, so daß es zur Nothwendigkeit wurde, auf andere Erwerbszweige zu denken, was freilich bei dem geringen Grundbesitz, bei dem ziemlich sterilen Boden und bei dem Mangel an Gewöhnung zu strenger Arbeitsamkeit seine besonderen, großen Schwierigkeiten darbietet. Daher sah man sich genöthigt, im Jahr 1856 auch diese Gemeinde in besondere Staatsfürsorge zu nehmen.

Die höchsten Preise eines Morgen Ackers sind hier 110 fl., die mittleren 70–80 fl., die geringsten 15–20 fl.

Die Wiesen sind außer 35 Morgen im Thale nur einmähdige. Das Nachgras wird meistentheils grün verfüttert.

Im Jahr 1853 wurden mehrere versumpfte Wiesen auf Anregung des landwirthschaftlichen Vereins durch Drainirung verbessert. Der Ertrag eines Morgens wird auf 15–18 Centner Heu geschätzt. Öhmd von den zweimähdigen ca. 5 Ctr.

| Der höchste Preis eines Morgens Wiesen ist 160 fl., der mittlere 60–70 fl., der niederste 15–20 fl.

Brachbau besteht hier kein besonderer. Futterkräuter und Kartoffeln werden inmitten des Getreides gepflanzt. Angersen, Ackerbohnen etc. kommen vor. Mit Riesenmöhren wurde auf Anregung des landwirthschaftlichen Vereins ein gelungener Versuch gemacht, aber wieder eingestellt; man baut lieber Kartoffeln und Angersen.

Den Obstbau, welchem die hohe Lage, die Winterstürme und der Boden nicht günstig sind, hat der landwirthschaftliche Verein mit Hülfe der Centralstelle in neuerer Zeit zu heben versucht. Resultate müssen erst erwartet werden. Eine Baumschule ist nicht vorhanden.

Die Rindviehzucht ist nicht unbeträchtlich. Es waren bei der letzten Aufnahme 158 Stücke vorhanden, worunter 22 Ochsen und Stiere, 79 Kühe, 57 Stück Schmalvieh. Vorherrschend ist der kleinere Neckarschlag, welcher durch einen Farren nachgezüchtet wird. Für die Haltung desselben gibt die Gemeinde einem Ortsbürger 35 fl. nebst Sprunggeld.

Eine Viehleih-Casse besteht seit 1842, und hat ihren Zweck erreicht.

Mit Vieh wird nicht unbedeutender Handel auf den benachbarten Viehmärkten getrieben.

Pferde wurden früher behufs des obgedachten Handelsfuhrwesens mehrere gehalten. Bei der jüngsten Aufnahme waren deren nur noch 13 vorhanden.

Die Nachzucht an Schweinen ist gering. Es war am 1. Jan. d. J. nur 1 Mutterschwein vorhanden, dagegen 40 Mastschweine, Läufer und Milchschweine, welche vom unweit gelegenen Hall herkommen. Was nicht in’s Haus geschlachtet wird, findet bei benachbarten Metzgern guten Absatz.

Ziegen waren bei der Aufnahme nur 6 vorhanden.

Ebenso zählte man nur 13 im Privatbesitz befindliche Schafe – ohne Schäferei.

Für die Bienenzucht ist die hohe, windige Lage nicht günstig. Man fand bei der neuesten Aufnahme nur 11 Bienenstöcke.

Geflügel wird nur für den häuslichen Gebrauch gehalten, da die Städte für den Eierhandel etc. zu ferne liegen.

Die einzige, den Verkehr mit der Nachbarschaft vermittelnde Verbindungsstraße ist die Land- und Poststraße nach Mainhardt und Hall einerseits und nach Löwenstein, Weinsberg, Heilbronn andererseits. Von ihr aus führt eine Vicinalstraße nach Neuhütten und Wüstenroth.

| Brücken hat die Gemeinde nicht zu unterhalten, wohl aber einige Stege über die Thalbäche.

Im Jahr 1559 verkaufte Ulrich Greiner zu Finsterroth alle seine hiesigen Gerechtigkeiten und Besitzungen, grundherrliche und obrigkeitliche Rechte, Zehnten etc. an den Grafen Ludwig Casimir von Hohenlohe-Neuenstein. Diese Hohenloher Linie, hernach Hohenlohe-Öhringen, hatte und hat überhaupt die hiesige Grundherrschaft, desgleichen das Patronat für den Schuldienst. Im Jahr 1510 erhielt Wendel Hipler ein hiesiges Gut von Hohenlohe (Wibel 3, 65). Unter württembergische Hoheit kam der Ort bei Stiftung des rheinischen Bundes im Juli 1806.

In kirchlicher Beziehung gehörte Finsterroth als Filial zu Wüstenroth. Von diesem ward es im Juli 1851 getrennt und mit dem von Maienfels getrennten Neuhütten zu einem eigenen Pfarrbezirke erhoben, mit dem vorläufigen Sitz des ständigen Pfarrverwesers in Finsterroth, welcher die Gottesdienste interimistisch in der Schule zu halten hatte, bis nach vielfältigen Verhandlungen beschlossen ward, die auf Staatskosten zu erbauende Kirche in Neuhütten zu errichten und den Sitz des Pfarrverwesers nach Neuhütten zu verlegen (Frühjahr 1857), von wo er die Gottesdienste zu Finsterroth in dem zu einem Betsaale umgebauten vormaligen Schul- und Rathhaus zu halten hat. Finsterroth erscheint somit jetzt als eigene, mit Neuhütten unirte Kirchengemeinde.

Der neuerrichtete Betsaal ist 45′ lang, 33′ breit, sehr hell auf einer Anhöhe an der alten Dorfstraße gelegen und gewährt für die Gemeinde hinlänglichen Raum.

Gefällberechtigt war zur Zeit der Ablösungsgesetze von 1848 und 49 der Fürst von Hohenlohe-Öhringen.


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