Beschreibung des Oberamts Tübingen/Kapitel B 9

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Gniebel.

Gemeinde III. Klasse mit 507 Einwohnern; worunter 1 Kath. – Evangelische Pfarrei. 27/8 Stunden nordöstlich von Tübingen gelegen.

Der kleine freundliche, in einem Obstbaumwald versteckte Ort liegt auf der Hochfläche zwischen dem Neckar- und dem Schaichthale, am Anfang des flachen südwärts ziehenden Hochgrabenthälchens, und besteht aus einfachen Bauernhäusern, die sich ziemlich enge zumeist entlang der von Rübgarten nach Dörnach ziehenden Straße lagern; östlich von dem mit guten zum Theil gekandelten Straßen versehenen Dorfe hat man eine schöne Aussicht an die Alb, vom Hohenstaufen bis zu den Lochen. Die kleine Kirche zeigt noch einige Spitzbogenfenster, denen die Füllungen herausgeschlagen sind, und einen halbachteckig geschlossenen Chor ohne Strebepfeiler. Das Innere hat eine flache Decke und auf der westlichen Empore eine Orgel. Auf| dem Westgiebel sitzt ein hölzerner Dachreiter mit 2 Glocken, von Kurtz in Reutlingen 1835 umgegossen. Die Baulast der Kirche ist getheilt zwischen der Stiftungspflege und der Gemeinde.

Die Wohnung des Pfarrers, die Schule und die Gelasse für den Gemeinderath sind in einem unansehnlichen, an die Nordwestecke der Kirche stoßenden Gebäude vereinigt; der Schulmeister, welcher gegenwärtig in einem Privathause wohnt, wird nach Erbauung eines Pfarrhauses die gegenwärtige Wohnung des Ortsgeistlichen beziehen.

Ein Armenhaus besteht.

Gutes Trinkwasser liefern unterhalb (südlich) des Ortes zwei nie versiegende laufende Brunnen; im Orte selbst geben 5 Pump- und 11 Schöpfbrunnen mittelgutes Wasser. Auf der Markung befinden sich ferner drei laufende gute Feldbrunnen, worunter der Hohenstrutbronn und der Säubronnen, überdieß fließen der Hochgrabenbach und einige kleine Bäche durch die Markung. Eine Wette ist im Ort.

Die Vicinalstraße von Pliezhausen nach Walddorf geht hier durch.

Über den Hochgraben führt eine steinerne Brücke und ein steinerner Steg; ferner führen über die kleineren Bäche ein steinerner und zwei hölzerne Stege; die Unterhaltung hat die Gemeinde.

Neben den Haupterwerbsquellen, Feldbau und Viehzucht, sichert der Hanf- und Flachsbau, verbunden mit der Leineweberei, namhaften Verdienst; die sonstigen Gewerbe dienen, mit Ausnahme der Knopfformenfabrikation, nur den örtlichen Bedürfnissen; zwei Schildwirthschaften und ein Kramladen bestehen. Die Vermögensverhältnisse gehören zu den minder günstigen; der begütertste Bürger besitzt 20, der Mittelmann 8 und der ärmere 1/41/2 Morgen Grundeigenthum.

Die kleine Markung bildet ein flachwelliges, beinahe ebenes Land und hat einen mittelfruchtbaren, etwas naßkalten Lehmboden, dessen Unterlage der Liaskalk bildet.

Wegen der freien Lage ist die Luft gesund und des Nachts auch den Sommer über meist kühl; Frühlingsfröste kommen ziemlich häufig vor, dagegen gehört Hagelschlag zu den Seltenheiten.

Die Landwirthschaft wird im allgemeinen gut, jedoch wegen Mangel an größerem Grundbesitz nur im Kleinen getrieben; die Hohenheimer und Suppinger Pflüge sind allgemein und zur Besserung des Bodens kommen außer den gewöhnlichen Düngungsmitteln auch Kompost, Gips und Asche in Anwendung. Zum Anbau kommen Dinkel, Haber, Gerste, Futterkräuter, namentlich dreiblättriger Klee, Kartoffeln, viel Flachs und Hanf. Von den Getreideerzeugnissen| können einige 100 Scheffel Dinkel und 100 Scheffel Haber nach außen verkauft werden.

Die Wiesen, von denen etwa 50 Morgen bewässert werden können, sind zu 2/3 zweimähdig und zu 1/3 einmähdig. Das Futter ist ziemlich gut, reicht aber nicht für den örtlichen Bedarf, so daß noch zugekauft werden muß. Die Ortsbürger besitzen etwa 15 Morgen Weinberge auf Rübgarter Markung, die ein mittelmäßiges Erzeugniß liefern. Der Morgen erträgt in guten Jahrgängen 4–5 Eimer und die Preise eines Eimers bewegten sich in den letzten zehn Jahren von 36–44 fl.

Von Bedeutung ist die immer noch zunehmende Obstzucht, welche sich vorzugsweise mit Mostobst (Fleiner, Luiken, Palmisch- und Knausbirnen) beschäftigt und in günstigen Jahren einen sehr namhaften Verkauf nach außen zuläßt. Die Jungstämme werden theils in den Weinbergen nachgezogen, theils in Reutlingen und Grötzingen aufgekauft. Ein Baumwart ist von Seiten der Gemeinde aufgestellt.

Von dem Ertrag der vorhandenen 90 Morgen Gemeindewaldungen erhält jeder Bürger alljährlich 1/4 Klafter und 5 St. Wellen; überdieß fließen für verkauftes Holz noch etwa 100 fl. in die Gemeindekasse.

Eigentliche Weiden sind nicht vorhanden und nur die Brach- und Stoppelweide ist an einen fremden Schäfer, der im Frühjahr 150, im Spätjahr 200 Stück Bastardschafe laufen läßt, um 200 fl. verpachtet. Die Pferchnutzung trägt etwa 300 fl. ein.

Von den vorhandenen Allmanden ist jedem Bürger 1/8 Morgen gegen Entrichtung von 6 kr. jährlich zur Benützung überlassen.

Einige Güterstücke verpachtet die Gemeinde um 20 fl. jährlich.

Der Rindviehstand, welcher durch zwei Simmenthaler Farren nachgezüchtet wird, ist nicht besonders ausgezeichnet; ebenso ist der Handel mit Vieh von keinem Belang.

Die Schweinezucht und Haltung ist unbedeutend.

An Stiftungen sind etwa 200 fl. vorhanden, deren Zinse alle drei Jahre an die Unbemittelsten des Orts theils in Geld, theils in Brod vertheilt werden.

Durch den östlichen Theil des Orts führt unter der Benennung „Heerweg“ eine vom Neckarthal herkommende Römerstraße nach Walddorf.

Gniebel gehörte zur Pfalzgrafschaft Tübingen; Pfalzgraf Rudolf kaufte noch 1328 hiesige Leibeigene für 4 Pf. 5 Sch. von Berthold von Liebenau. Wohl mit Tübingen kam der Ort dem| Haupttheile nach an Württemberg. Ein Theil gelangte an die Grafen von Zollern; solchen ertauschte von Graf Jost Niclaus von Zollern im Jahr 1473 der Württemberger Graf Eberhard im Bart. (Steinhofer 3, 223).

Gniebel wie Rübgarten waren vor 1842 Filiale der Pfarrei Walddorf, von welcher sie im genannten Jahre getrennt wurden. Gniebel erhielt eine ständige Pfarrverweserei und Rübgarten wurde Filial derselben.


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