Beschreibung des Oberamts Tübingen/Kapitel B 11

« Kapitel B 10 Beschreibung des Oberamts Tübingen Kapitel B 12 »
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).
|
Häßlach,

Gemeinde III. Klasse mit 456 Einwohnern, worunter 2 Kath. – Dorf, Filial von Walddorf; die Kath. sind nach Neuhausen auf den Fildern eingepfarrt. 33/4 Stunden nordöstlich von Tübingen gelegen.

Das freundliche Dörfchen liegt auf der Hochfläche zwischen dem Neckar und dem Schaichthale, da wo sich diese Fläche sanft gegen Südosten (gegen das Neckarthal hin) neigt. Vom Orte aus hat man einen herrlichen Blick an die ganze Kette der Alb; besonders großartig tritt die gerade gegenüberliegende Achalm heran. Der Ort besteht aus einer breiten wohlgekandelten Straße, an der sich die hübschen, oft von Reben umrankten Häuser mit ihren Blumengärtchen ziemlich gedrängt und regelmäßig lagern. Rings um das Dorf her sind schöne Obstbaumwiesen. Die kleine, dem Einsturz drohende Kirche, eigentlich nur eine Kapelle, steht im Westen des Dorfes, ist halbachteckig geschlossen und noch mit einigen spätgothisch gefüllten Fenstern geschmückt. Das Innere hat alte hölzerne Emporen und eine flache Decke. Auf dem Westgiebel sitzt ein hölzerner Dachreiter, auf dem 2 Glocken, von 1801 und von 1699, hängen. Die Baulast der Kirche hat die Gemeinde.

Der 1816 angelegte Begräbnißplatz liegt außerhalb des Orts.

Schule, Schulmeisterwohnung und die Gelasse für den Gemeinderath sind in einem stattlichen dreistockigen Gebäude vereinigt.

Eine Industrieschule besteht.

Gutes Trinkwasser liefern hinreichend ein laufender, fünf Pump- und vier Ziehbrunnen. Eigentliche Quellen sind keine auf der Markung, dagegen zieht nicht tief unter der Oberfläche eine wasserhaltige Schichte hindurch, welche die Anlegung von Pumpbrunnen allenthalben ermöglicht.

Eine Wette ist im Dorf angelegt, früher lag südöstlich vom Orte ein See, der jetzt in Wiesengrund umgewandelt ist.

Vicinalstraßen führen von hier nach Walddorf, Schlaitdorf und Altenrieth; auf der Markung befindet sich eine Brücke und ein Steg, welche die Gemeinde zu unterhalten hat.

Bei den nicht besonders kräftigen Einwohnern zeigen sich zuweilen Spuren von Kretinismus; sie sind fleißig, sparsam, geordnet und haben viel religiösen Sinn; die ländliche Volkstracht besteht noch bei ihnen. Haupterwerbsquellen sind Feldbau und Viehzucht; überdieß bietet ein grobkörniger Keupersandsteinbruch, der gesuchte Mühl- und Bausteine liefert, viele Gelegenheit zu Arbeit und Verdienst. Unter| den Gewerbetreibenden sind die Weber, von denen mehrere nach außen arbeiten, am stärksten vertreten; auch Linnenspinnerei wird ziemlich bedeutend, theils für den eigenen Bedarf, theils auf Bestellung und zum Verkauf betrieben; ferner ist ein geschickter Stroh- und Seegrasflechter hier. Zwei Schildwirthschaften und zwei Kramläden bestehen.

Die Vermögensverhältnisse gehören zu den minder günstigen; der begütertste Bürger besitzt 20 Morgen, der Mittelmann 6–8, der ärmere 1–2 Morgen Grundeigenthum.

Die Ortsbürger haben etwa 200 Morgen Feld auf angrenzenden Markungen, namentlich auf Schlaitdorfer. Die mittelgroße Ortsmarkung bildet mit Ausnahme des steilen Nordabhanges des Schaichthales ein ebenes, getreide- und obstreiches Land. Der mittelfruchtbare Boden besteht aus einem nicht tiefgründigen Lehm, der wegen seiner nicht durchlassenden, aus Liaskalk bestehenden Unterlage etwas naßkalt ist. Das Klima ist mild, die Luft gesund und wegen der hohen freien Lage meist bewegt. Frühlingsfröste und Hagelschlag kommen selten vor; als eine Wetterscheide wird der Eckberg bei Dettenhausen bezeichnet.

Die im allgemeinen gut betriebene Landwirthschaft beschäftigt sich vorzugsweise mit dem Anbau von Dinkel, Gerste, Haber, Kartoffeln, Futterkräuter, Wicken und Kraut; Reps, Flachs und Hanf wird zum Theil nach außen abgesetzt. Überdieß können über den eigenen Bedarf etwa 100 Scheffel Dinkel und ebensoviel Gerste verkauft werden. Von verbesserten Ackergeräthen hat der Suppinger- und der Brabanterpflug Eingang gefunden.

Die vorhandene Wiesenfläche liefert mittelmäßiges Futter, das zur Befriedigung des Viehstandes weit nicht hinreicht.

Die immer noch im Zunehmen begriffene Obstzucht ist sehr bedeutend und ermöglicht in reichlichen Jahren einen Verkauf von 4–5000 Simri. Ein besonderer Baumwart ist von Seiten der Gemeinde aufgestellt.

Die Gemeinde besitzt 120 Morgen Waldungen, die jährlich 15 Klafter und 500 Stück Wellen ertragen; hievon erhält zuweilen jeder Bürger einige Stück Wellen, das übrige Holz wird verkauft, was der Gemeindekasse eine Einnahme von etwa 150 fl. gewährt.

Eine nicht bedeutende Allmandfläche wird den Ortsbürgern unentgeltlich zur Benützung überlassen. Aus der Brach- und Stoppelweide bezieht die Gemeinde eine Pachtsumme von 70 fl. und aus der Pferchnutzung 200 fl.

Der aus Land- und Simmenthalerrace bestehende Viehstand ist| gut und wird durch einen Farren nachgezüchtet. Einiger Handel mit Vieh und Milchverkauf findet statt.

Einige Ortsbürger lassen den Sommer über 180 Stück Bastardschafe laufen; die Wolle kommt nach Metzingen.

Schweinezucht findet statt und die Ferkel werden nicht nur für den eigenen Bedarf, sondern auch zum Verkauf gezogen; auch gemästete Schweine werden zum Theil nach außen verkauft.

Von dem gezogenen Geflügel wird ein kleiner Theil an Händler abgesetzt.

Die ohnehin nicht bedeutende Bienenzucht ist im Abnehmen.

Das Stiftungsvermögen beträgt 1411 fl., darunter sind 75 fl. besondere Stiftungen, deren Zinse alljährlich am Johannisfeierlag auf Anschaffung von Brod für die unbemitteltsten Gemeindeglieder verwendet werden.

Nördlich vom Ort führt auf der Höhe eine alte Römerstraße, in welche eine weitere, von Walddorf herkommende nordöstlich von Häßlach eingeht.

Im Gemeindewald, zunächst am Hochsträß, befinden sich zwei Grabhügel.

Die hohe und vogteiliche Gerichtsbarkeit gehörte den Pfalzgrafen von Tübingen und kam 1342 mit der Stadt Tübingen an Württemberg.

Besitzungen hatte das Kloster Hirschau, welche es im 14. und 15. Jahrhundert an die Herren von Schilling verlieh. Am 20. December 1450 verschrieben sich Hans und Ostertag von Lustnau gegen den Abt Wolf von Hirschau, daß das Höflein zu H. nach ihrem Tode an das Kloster fallen sollte.

Vor Zeiten war H. zu 2/3 nach Walddorf, zu 1/3 nach Schlaitdorf eingepfarrt (Binder 405); jetzt ist der Ort ganz Filial von Walddorf.


« Kapitel B 10 Beschreibung des Oberamts Tübingen Kapitel B 12 »
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).