Beschreibung des Oberamts Laupheim/Weinstetten

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Weinstetten.
Gemeinde III. Klasse mit 386 Einw., worunter 5 evangel.    a. Weinstetten, Dorf, 160 Einw.    b. Staig, Pfarrweiler, 202 Einw.    c. Harthausen, Hof, 24 Einw. – Kathol. Pfarrei, wozu auch die Gemeinde Altheim (s. oben) als Filial gehört. Die Evangel. sind nach Ober-Holzheim eingepfarrt.


a. Das Dorf Weinstetten (wonach sich die politische Gemeinde nennt, während die Pfarrei den Namen „Staig“ führt) liegt 21/2 Stunden nordöstlich von Laupheim, auf einer leichten Anhöhe zwischen zwei unbedeutenden Thälchen, welche sich 1/8 Stunde nordwestlich vom Ort in ein nicht tief eingefurchtes Thal vereinigen, das bis nach Staig fortzieht, wo es sich mit dem Weihung-Thale verbindet.

Der nicht große, aber freundliche Ort, dessen meist ansehnliche Gebäude sich ziemlich weit von einander entfernt an der minder reinlich gehaltenen Ortsstraße lagern, hat versteckt hinter Obst- und Hopfengärten eine abgeschiedene, stille Lage, die keine ausgedehnte Fernsicht zuläßt.

Beinahe in der Mitte des Orts steht eine, in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts erbaute, dem heil. Wendelin geweihte| Kapelle, deren Erhaltung und Kultkosten aus einem besonderen Kapellenfonds bestritten werden; übrigens wird in der Kapelle nur an dem Jahrestag des Patrons, und auf besonderes Verlangen Messe gelesen.

Die Gelasse für den Gemeinderath befinden sich in einem Privathause; ein Armenhaus und eine Schildwirthschaft sind vorhanden.

Mehrere Brunnen und Quellen liefern Trinkwasser, das übrigens nicht besonders gut ist; am östlichen Ende des Orts fließt der Reichenbach vorüber.

Für den Verkehr ist durch Vicinalstraßen nach Hüttisheim, Altheim, Schnürpflingen und Staig gesorgt; die Ulmer–Leutkircher Landstraße (Illerstraße) führt 5/4 Stunden östlich vom Ort vorüber.

Die Einwohner, im Allgemeinen religiös und fleißig, nähren sich von Feldbau, Viehzucht, Taglohnen, Holzmachen, Spinnen und von den gewöhnlichsten, für den Ort nöthigen Gewerben; ihre Vermögensumstände gehören, mit Ausnahme einiger Wohlhabender, zu den mittelmäßigen. Der ausgedehnteste Güterbesitz beträgt 120 Morgen.

Von den Thälern des Reichenbachs und der Weihung durchfurcht, in die eine Menge Seitenthälchen einziehen, ist die kleine Markung, mit geringen Ausnahmen, uneben.

Der zu 2/3 ergiebige Boden besteht aus sandigem Lehm und röthlichem Mergel, das übrige 1/3 ist thonig, lettig, naßkalt und daher minder fruchtbar. Ergiebiger sind die Thalgründe, welche sich für den Wiesenbau gut eignen.

Das Klima ist in Folge der nahe gelegenen Waldungen etwas rauh, und Frühlingsfröste wie kalte Nebel wirken nicht selten nachtheilig auf den Obst- und Roggenbau. Hagelschlag kommt häufig vor.

Von den gewöhnlichen Getreidearten baut man vorzugsweise Dinkel und Roggen; Gerste und Hafer gedeiht nicht besonders gerne. In der zu 1/3 angeblümten Brache kommt dreiblätteriger Klee, Flachs, wenig Kartoffeln und in neuerer Zeit etwas Reps zum Anbau; auch Hopfen, der ziemlich gut gedeiht, wird gepflanzt. Der durchschnittliche Ertrag eines Morgens wird zu 5 – 7 Scheffel Dinkel, 3 – 4 Scheffel Roggen, 3 – 4 Scheffel Gerste und 21/2 – 3 zuweilen bis 4 Scheffel Hafer angegeben; die Preise der Äcker bewegen sich von 125 fl. bis 175 fl. per Morgen.

Die Wiesen, deren Fläche neuerlich durch Wald-Ausstockung vermehrt wird, sind zweimähdig, ohne Wässerung und ertragen durchschnittlich 15 – 20 Centner Heu und 12 Centner Öhmd | per Morgen; die geringsten Preise eines Morgens betragen 150 fl., die höchsten 200 fl.

Von geringer Ausdehnung ist die Obstzucht, welche sich meist mit rauhen, späten Kernobstsorten und nur wenig Zwetschgen beschäftigt; letztere gedeihen nicht gerne.

Ein 156 Morgen großer Gemeindegerechtigkeitswald, an dem 18 Bürger mit je 11/2 – 2 Klaftern Holz berechtigt waren, wurde im Jahr 1851 an die Berechtigten vertheilt, so daß jeder derselben 8 Morgen als freies Eigenthum erhielt.

Eigentliche Weiden sind etwa 6 Morgen vorhanden, welche nebst der Brach- und Stoppelweide an einen Pachtschäfer um 100 fl. verpachtet sind, woneben die Pferchnutzung noch 30 – 50 fl. für die Gemeinde jährlich einträgt.

Der Rindviehstand (Landschlag) ist nicht unbeträchtlich und wird durch zwei Farren nachgezüchtet; für die Unterhaltung der Farren, welche Ortsbürger anschaffen, reicht die Gemeinde für den jüngeren Zuchtstier jährlich 11 fl., die Unterhaltungskosten des älteren aber, im Betrag von 22 fl., werden auf die Viehbesitzer verhältnißmäßig umgelegt. Der Handel mit Vieh ist nicht ausgedehnt. Die Pferdezucht beschränkt sich mehr auf Pferdehaltung, indem Fohlen aufgekauft und groß gezogen, meist für den eigenen Bedarf benützt oder zuweilen wieder verkauft werden; dagegen ist die Zucht der Schweine bedeutend und erlaubt einen namhaften Verkauf an Ferkeln nach Außen, während die gemästeten Schweine meist im Ort selbst verbraucht werden.

Mit Geflügel, namentlich mit Gänsen, wird ein kleiner Handel nach Ulm getrieben.

Über den Gemeinde- und Stiftungshaushalt, welcher von jenem des Pfarrweilers Staig abgesondert besteht, s. Tabelle III.

Weinstetten gehörte zur Grafschaft Kirchberg und wurde mit dieser, wenigstens einem Theil nach, Fuggerisch. Sonst erkaufte sich Antheile, so weit sie nicht geschenkt wurden, nach und nach das Kloster Wiblingen und ebendasselbe den Hof Harthausen. Diese Wiblingischen Theile kamen mit dem Kloster selbst im Jahr 1806 an Bayern und darauf an Württemberg, unter dessen Landeshoheit im Jahr 1810 auch der Fuggersche Antheil an Weinstetten und Staig gelangte.

b. Staig, Pfarrweiler, besteht aus zwei Häusergruppen, von denen die eine, nämlich Kirche, Pfarr- und Schulhaus nebst einigen Privatgebäuden, etwas erhöht an den linken Thalgehängen der Weihung, die andere auf der rechten Seite des Flüßchens, aus kleinen, Armuth verrathenden Gebäuden bestehend, gelegen ist. | Außerhalb (südwestlich) des Orts steht an der Weihung die Mühle mit drei Mahlgängen und einem Gerbgang.

Die der heil. Maria gewidmete Pfarrkirche stammt aus zwei verschiedenen Bau-Perioden, indem der im germanischen Styl gehaltene, dreiseitig schließende Chor viel älter ist, als das später in einem geschmacklosen Styl angebaute Langhaus, dessen westliche Giebelseite vor einigen Jahren theilweise herabgestürzt und bis jetzt nicht wieder aufgebaut, sondern nur mit Brettern verschlagen ist. Der alte, ebenfalls baufällige Thurm ist mit einem Satteldach versehen, an dessen Ecken, wie an seinen Spitzen, viereckige Säulchen emporstreben. Auf demselben hängen zwei Glocken, welche 1490 gegossen wurden.

Das durch Emporen verdüsterte Innere der Kirche hat zwei alte, aus Holz gut geschnittene Bilder, welche aus der nun abgebrochenen Kirche des längst abgegangenen Orts Witzishofen (Weidlingshofen, Weickelshofen, Weitleshofen, Weilertshofen) hieher gebracht wurden. Der ummauerte Begräbnißplatz umgibt die Kirche.

Das mit freundlichen Gartenanlagen umgebene Pfarrhaus, welches im Jahr 1755 von den Zehentherren (Kloster Wiblingen, Hospital Ulm und der Pfarrei) erbaut wurde, liegt frei südlich der Kirche und hat nur gegen Westen über Weinstetten hin eine, jedoch nicht ausgedehnte Aussicht.

Das Schulhaus, in welchem sich auch die Wohnung des Lehrers befindet, wurde im Jahr 1840/44 neu erbaut. Die Schule haben außer den Kindern des Orts auch die von sämmtlichen Filialorten zu besuchen.

Mit Wasser ist der Ort im Überfluß versehen; außer der Weihung und des unterhalb des Orts in dieselbe einmündenden Reichenbachs sind noch viele Quellen und Brunnen vorhanden, die übrigens kein gutes Trinkwasser liefern.

Die Einwohner, deren Charakter und Nahrungsquellen denen von Weinstetten gleichen, sind in Folge ihrer unbedeutenden Feldmarkung und des ziemlich unergiebigen Bodens in ihren Vermögensumständen noch weiter zurück, als die Einwohner von Weinstetten. Eigentliche Bauernhöfe sind nicht vorhanden, indem der größte Güterbesitz etwa 40 Morgen beträgt.

Die Bodenverhältnisse sind geringer als in Weinstetten, mit Ausnahme von etwa 50 Morgen, welche nördlich und nordöstlich von dem Ort liegen; der übrige Theil der Markung hat einen etwas naßkalten, nicht durchlassenden, minder ergiebigen Boden. Der Durchschnittsertrag von einem Morgen stellt sich auf 41/2 – 6 Scheffel Dinkel, 21/2 – 31/2 Scheffel Roggen, 21/2 – 31/2 Scheffel Gerste | und 4 – 5 Scheffel Hafer; wegen des Mangels an Wieswachs wird ziemlich viel Wickenhafer gebaut. Die Brache wird beinahe ganz mit Kartoffeln, Klee, Wicken, Flachs und etwas Hanf angeblümt.

Der Wiesenbau ist etwas geringer als in Weinstetten, indem das Weihung-Thal zu kalt ist und überdieß noch durch Überschwemmungen leidet. Die Preise der Äcker, wie der Wiesen, bewegen sich von 100 – 250 fl. per Morgen.

Die Obstzucht ist unbedeutend, könnte übrigens bei sorglicher Pflege mehr gehoben werden, wofür der gegenwärtige Ortsgeistliche, Pfarrer Mießler, der in seinem Garten verschiedene, zum Theil feinere Obstsorten, mit gutem Erfolg pflanzt, den sprechenden Beweis liefert.

Die Rindviehzucht, für welche zwei Farren von Ortsbürgern unterhalten werden, ist minder beträchtlich als in Weinstetten, und die Zucht der Pferde unbedeutend. In verhältnißmäßig namhafter Ausdehnung wird die Schweinezucht betrieben, indem Ferkel nicht nur für den Ortsbedarf, sondern auch zum Verkauf nach Außen gezüchtet werden. Eine kleine Erwerbsquelle bildet die Zucht des Geflügels.

Mittelst Vicinalstraße nach Altheim, Weinstetten und Steinberg ist der Ort mit der Umgegend in Verbindung gesetzt.

Über das Vermögen der Gemeinde, wie über das der Stiftungspflege s. Tabelle III. Für die Gesammtpfarrei besteht die Lehnsanft’sche Stiftung mit 1000 fl., mit deren Zinse arme Kinder und alte, gebrechliche Leute unterstützt werden; auch hat Pfarrer Mießler von Staig im Jahr 1849 angefangen, einen Armenfonds aus freiwilligen Beiträgen zu gründen, der sich bis zum Jahr 1853 auf 500 fl. beläuft. Aus diesem Fonds werden Kranke mittelst Speisen und Gemeindeangehörige, welche Unglück mit Vieh haben, durch Anlehen und Geschenke unterstützt.

In der Nähe der Mühle wurde vor 15 Jahren ein altes Grab aufgedeckt, das neben dem menschlichen Skelette ein Schwert enthielt.

Ein Herr v. Staig, Heinricus de Steiga, erscheint als Zeuge im Kloster Ochsenhausen, Urkunden von 1127 – 1129 (Wirt. Urkundenbuch 1, 375. 376. 378. 380.) Auch wird der Ort den 1. Juni 1194 unter den Widemsgütern des Klosters Wiblingen erwähnt (eb. 2, 303), welches bis zu seiner Aufhebung hier die Investitur besaß (Braig 375). Heutzutage ist der Pfarrsatz landesfürstlich.

c. Harthausen, aus einem Hof von etwa 100 Morgen und drei Sölden bestehend, liegt beinahe 1/4 Stunde nördlich | von Staig an dem Vereinigungspunkt eines von Altheim herziehenden Seitenthälchens mit dem Weihung-Thale.

Die Boden- und landwirthschaftlichen Verhältnisse sind etwas geringer als im übrigen Gemeindebezirk.

Der Ort hat seine eigene Markung und nimmt nicht an dem Gemeindeschaden in Weinstetten Theil, muß aber auch seine Wege und Stege selbst unterhalten, wofür die Gemeindekasse jährlich 8 fl. beiträgt.

Harthausen hatte früher eine Kirche (zu St. Peter und Paul), in welche mehrere Nachbarorte eingepfarrt waren; wegen Mißwachs, Unglücks und Mißgeschicks an Häuser und Leuten wurde die Pfarrei immer geringer und ging endlich ganz ein. Im Jahr 1826 wurde die Kirche um 66 fl. auf den Abbruch an den Hofbesitzer verkauft, der das Altargemälde, die Apostel Petrus und Paulus vorstellend, noch besitzt. Der bei der Kirche bestandene Begräbnißplatz wurde erst vor etwa zehn Jahren umgegraben.

Harthausen erscheint schon 1148 in der Bulle Pabst Eugens III. vom 6. Februar d. J. unter den Widumsgütern des Klosters Wiblingen. Nach der Chronik dieses Klosters erscheint im 15. Jahrhundert die ehemalige hiesige Pfarrei als Pfarrei Witzishofen oder Weickelshofen (s. oben und Braig 115). Das Kirchengebäude stund bis zum Jahr 1784 im Walde zwischen Altheim und Donaustetten; im Jahr 1463 schenkten die Grafen Konrad und Eberhard von Kirchberg dem Kloster Wiblingen das Patronat über diese Kirche (Braig a. a. O.), welche mit Einwilligung des Bischofs von Constanz genanntem Kloster incorporirt wurde. Im Jahr 1470 wurde der Pfarrsitz nach Staig verlegt, nachdem im Jahr 1466 Illerrieden von Harthausen, als seiner Mutterkirche, abgetrennt worden war.