Beschreibung des Oberamts Laupheim/Mietingen

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Mietingen.
Gemeinde III. Kl. mit 932 Einw. – Kathol. Pfarrei.

In dem angenehmen Rottum-Thale liegt, ziemlich eben zu beiden Seiten des Flüßchens, das sehr ansehnliche, mit guten Ortsstraßen versehene Pfarrdorf; ein kleinerer Theil desselben zieht sich in ein Seitenthälchen hinein und bildet dort zwei Häuserreihen, zwischen denen der nahe am Ort in die Rottum mündende Edelgraben fließt; der von Walpertshofen herkommende Missenteichbach verbindet sich an der östlichen Seite des Dorfs ebenfalls mit der Rottum, und überdieß sind noch mehrere Brunnen vorhanden, welche das ganze Jahr hindurch vortreffliches Trinkwasser im Überfluß liefern. Auf den Fall der Feuergefahr und zum Pferdeschwemmen sind zwei Weiher, der eine am nördlichen, der andere am östlichen Ortsende angelegt. Die Gebäude, von denen ein großer Theil noch den früheren allgemeineren Wohlstand verräth, stehen zwischen Obstgärten in ziemlicher Entfernung von einander, was zur Freundlichkeit des ohnehin angenehmen Orts wesentlich beiträgt. Der auf der rechten Seite der Rottum gelegene Theil hieß früher „Antrechten“, der westliche, in der Nähe des Wirthshauses, am Fußweg nach Heggbach gelegene Theil aber „Aufhofen“.

Die ansehnliche Pfarrkirche zum heil. Laurentius steht innerhalb des ummauerten Begräbnißplatzes am nördlichen Ende des Dorfs unfern der Rottum; sie wurde im Jahr 1725 von dem Stifte Buchau, als Patron, in einem modernen Styl neu erbaut| und 1830 vergrößert. Der sehr alte Thurm, welcher dem zu Baltringen ganz gleicht (s. die Ortsbeschr. von Baltringen), nur nicht so hoch ist, stammt noch aus der romanischen Periode. Das Innere der Kirche ist weiß getüncht, hell und durchaus im Rococcogeschmack freundlich ausgestattet. Auf dem im Chor stehenden Hauptaltar befindet sich eine, von einem gewissen Bopp von Mietingen gut aus Holz geschnittene Mutter Gottes mit dem Jesuskinde; von den Bildern der beiden Seitenaltäre im Langhause ist eines, den Tod Josephs vorstellend, sehr gut gemalt, und an der südlichen Innenseite der Kirche hängt ein großes, von Franz Joseph Weber in Biberach verfertigtes Gemälde, Christus am Ölberg vorstellend.

Außerhalb, nordwestlich, des Dorfs steht die Kapelle zur heil. Maria, deren Langhaus in den 1750er Jahren auf Kosten der Kirchenpflege und mittelst milder Beiträge an eine alte Kapelle, die nun die Stelle des dreiseitig geschlossenen Chors vertritt, angebaut wurde; das ziemlich ansehnliche, im Innern freundliche Gebäude trägt auf dem Westgiebel einen sechseckigen, mit einem Bohlendach gedeckten Thurm (Dachreiter). An Sonn- und Feiertagen wird in der Kapelle gebetet. Dieselbe hat einen eigenen Fonds, in 3200 fl. Kapital und einigen Grundgefällen bestehend, aus welchem auch der bei der Kapelle wohnende Meßner besoldet wird.

Eine weitere Kapelle, zur heil. Lucia, welche im Jahr 1805 erneuert wurde, befindet sich am südöstlichen Ende des Orts, und wird ebenfalls aus einem eigenen Fonds unterhalten.

Außer dem nördlich von der Kirche gelegenen Pfarrhause, das im Jahr 1792 von dem Stift Buchau erbaut wurde, ist noch ein wohleingerichtetes Kaplaneihaus vorhanden, welches wie das Pfarrhaus von dem Fürsten von Thurn und Taxis, als Nachfolger des Stifts Buchau, im Bau erhalten wird.

Das angenehm gelegene, ansehnliche Schulhaus, in welchem auch die Wohngelasse des Lehrers eingerichtet sind, wurde im Jahr 1842 von der Gemeinde und von dem Fürsten von Thurn und Taxis je hälftig neu erbaut; neben der Volksschule, an welcher ein Schulmeister und ein Lehrgehilfe unterrichten, ist eine Industrieschule, welche vorläufig mit 15 fl. von Seiten des Wohlthätigkeitsvereins unterstützt wird, seit 1852 vorhanden.

Das sehr ansehnliche Rathhaus wurde im Jahr 1845 mit einem Gemeindeaufwand von 4600 fl. neu erbaut.

Im Ort befinden sich eine Mühle mit drei Mahlgängen und einem Gerbgang, eine Öl- und eine Lohmühle, etwa ¼ Stunde südwestlich vom Ort eine 1832 erbaute Ziegelhütte, deren Waaren | auch auswärts Absatz finden; überdieß sind von Gewerben zwei Schildwirthschaften, je mit einer Brauerei, und vier Krämer zu nennen.

Die Vicinalstraße von Laupheim nach Ochsenhausen führt durch den Ort, ferner sind Vicinalstraßen nach Walpertshofen und nach Baltringen angelegt, welch’ letztere sich in Baltringen mit der Ulm–Biberacher Landstraße verbindet. Zur nächsten Eisenbahnstation Schemmerberg beträgt die Entfernung 1½ und nach dem Oberamtssitz Laupheim 5/4 Stunden.

Hölzerne Brücken sind vier und Stege sechs vorhanden.

In der Nähe des Orts wird aus drei, Privaten gehörigen Steinbrüchen der Molassesandstein abgebaut, welcher in der Umgend sehr gesucht ist.

Die Einwohner sind im Allgemeinen wohlgewachsene, gesunde Leute, religiös und arbeitsam; sie nähren sich hauptsächlich von Feldbau und Viehzucht, während Unbemittelte durch Taglohnen, besonders den Winter über durch Flachsspinnen sich Verdienst suchen. Obgleich die Zahl der Armen nicht unbedeutend ist, trifft man doch nur wenige Bettler, indem die Ortsarmen nach Kräften unterstützt werden. Der begütertste Ortsbürger besitzt etwa 100 Morgen.

Die namhafte Markung, von der ein großer Theil mit Wald bestockt ist, hat mit Ausnahme des südlichen Theils eine ziemlich ebene Lage und einen fruchtbaren Boden, der meist aus Diluviallehm mit kiesigem Untergrunde besteht, während in dem Rottum-Thale mooriger – und südlich vom Ort sandiger Grund vorherrscht. Das Klima ist ziemlich mild und die Luft rein; Hagelschlag kam seit Menschengedenken nicht vor.

Die Landwirthschaft wird nach der Dreifelder-Eintheilung mit zu 2/3 angeblümter Brache emsig betrieben, und namentlich durch reichliche Düngung dem Boden nachgeholfen; zum Anbau kommen außer den gewöhnlichen Cerealien, Kartoffeln, Futterkräuter (dreiblättriger Klee, Wicken), Kohlraben, Flachs u. s. w. Kraut wird in eigenen Ländern gezogen. Der durchschnittliche Ertrag eines Morgens beträgt an Dinkel 9–10 Scheffel, an Roggen 4–5 Scheffel, an Gerste 4 Scheffel und an Hafer 6 Scheffel. Die Ackerpreise sind pr. Morgen höchster 400 fl., mittlerer 200 bis 250 fl., der geringste 25 fl. Das Getreide, namentlich Dinkel, welcher am häufigsten gebaut wird, kommt in großer Quantität auf den Fruchtmärkten in Laupheim und Biberach zum Verkauf.

Die durchgängig zweimähdigen, nicht wässerbaren Wiesen sind mit Ausnahme der ergiebigen Thalwiesen etwas gering; der durchschnittliche | Ertrag belauft sich auf 18–20 Centner Heu und 10–12 Centner Öhmd pr. Morgen. Die Preise eines Morgens bewegen sich von 60–400 fl.

Die Obstzucht ist unbedeutend, indem kalte Nebel und Frühlingsfröste derselben entgegen wirken; der Obstertrag wird im Ort selbst theils grün, theils gedörrt verbraucht.

Die Brach- und Stoppelweide wird um 200 fl. jährlich verpachtet, überdieß trägt der Gemeinde die Pferchnutzung gegen 100 fl. ein.

Die Gemeinde besitzt 200 Morgen Waldungen, deren Ertrag zu Besoldungsholz und zur Heizung der Schul- und Rathhausgelasse verwendet wird; die Privatwaldungen wurden in den Jahren 1849/51 theilweise ausgestockt.

Die Rindviehzucht wird gut betrieben; sie beschäftigt sich hauptsächlich mit der Allgäuerrace, nachdem man von der früher eingeführten Schweizerrace wieder abgekommen ist; zur Nachzucht hält die Gemeinde vier Allgäuer-Farren, wofür sie pr. Stück 33 fl. Futtergeld jährlich bezahlt. Der Handel mit Vieh ist beträchtlich, und die über den Hausbedarf erzeugte Milch wird an eine im Ort bestehende Käserei abgesetzt. Zur Herbstzeit findet noch Viehaustrieb statt.

Die Pferdezucht ist sehr ausgedehnt und bildet eine besondere Erwerbsquelle der Einwohner; man sieht hauptsächlich auf einen starken Landschlag und läßt die Stuten meist auf der Beschälplatte in Laupheim bedecken.

In Folge der Kartoffelkrankheit hat die Schweinezucht sehr abgenommen, so daß gegenwärtig die meisten Ferkel von Außen bezogen werden.

Die Schafzucht beschränkt sich auf etwa 200 Stücke; dagegen wird die Geflügelzucht eifrig getrieben. Die Bienenzucht ist von keinem Belang.

Das der Grundherrschaft (s. unten) zustehende Fischrecht in der Rottum ist um 7 fl. jährlich verpachtet.

Über das Vermögen der Gemeinde und der Stiftungspflege s. Tabelle III; übrigens ist ein Schulfonds von 700 fl. vorhanden und die Liebfrauenpflege besitzt 3380 fl.

Südlich vom Ort, auf dem sog. Burgstall, stand eine Burg, von der man noch den im Viereck angelegten tiefen Graben und Wall sieht; in geringer Entfernung, südlich von dieser Stelle, befindet sich auf dem Hennenberg (Hünenberg) eine ähnliche Verschanzung, von der sich übrigens der Graben weniger erhalten hat; östlich von dem Hennenberg kommt die Benennung „Wachtbühl“ vor. | Im Ort selbst stand ein Schloß (Burg), das mit einem im Viereck angelegten Weiher umgeben war, der nun trocken gelegt, übrigens theilweise noch als Graben sichtbar ist.

Im 14. und im Anfang des 15. Jahrhunderts war Mietingen im Besitz der Herren von Freiberg; im Jahr 1340 trug Heinrich von Freiberg von Graf Eberhard von Landau Mütingen zu Lehen (Sattler Grafen 1, 34, wo irrig „Murtingen“ steht). König Ruprecht bewilligte den 26. Oktober 1408 dem Ritter Konrad von Freiberg seinem Rathe, im Markte zu „Mütingen“ das Gericht mit zwölf geschworenen Schöffen zu besetzen, ein Halsgericht, Stock und Galgen zu haben, und das Burgerrecht, auch Bürger aufzunehmen, ausgenommen Eigenleute, welche die Herren binnen Jahr und Tag zurückfordern können, oder Personen, welche nachfolgende Kriege hätten, oder unverrechnete Amtleute; auch einen Jahrmarkt am St. Gallustag und ein Wochenmarkt am Dienstag wird verwilligt, und alle andern Privilegien und Freiheiten werden bestätigt (vergl. auch die Urk. König Ruprechts v. 26. Nov. 1403 unter Baustetten). Im Jahr 1442 verkaufte Konrad von Freiberg den Ort sammt der Burg, Burggraben, Bauhof und Halsgericht um 11.720 fl. dem Kloster Heggbach (vergl. Lünig R.A. 18b, 118), bei dem er blieb, bis durch den Reichsdeputationsreceß von 1803 aus dem Gebiet des Klosters Heggbach Mietingen und Sulmingen als besondere Herrschaften ausgeschieden und dem Grafen von Plettenberg (vergl. über diese Familie, deren Stammhaus in Westphalen war, Freih. v. Zedlitz-Neukirch Neues preuß. Adelslex. 5, 365) als Eigenthum überlassen wurden. Der §. 24 genannten Recesses überweist dem Grafen „die Heggbachischen Orte Mietingen und Sulmingen sammt dem Zehnten in Baltringen und 500 Jauchert Wald, welche demselben an den an Mietingen angrenzenden Walddistrikten Wolfach, Laitbühl und Schneckenkau zuzumessen sind.“ Die herrschaftlichen Revenuen von Mietingen wurden zu 7200 fl. angegeben. Von 1803 bis 1805 reichsunmittelbar kam die Herrschaft im Jahr 1806 durch die Rheinbundsacte, in welcher die Seigneuries de Mietingen et Sulmingen namentlich genannt sind, unter Württembergische Landeshoheit. Graf Maximilian Friedrich, derselbe, welcher durch Mietingen und Sulmingen entschädigt wurde, starb 1813, worauf sich seine Besitzungen auf sein einziges Kind, seine Tochter Marie, seit 1833 vermählt mit Nicolaus Franz, Grafen von Esterhazy, vererbten.

Die hohe und maleficische Obrigkeit über Mietingen, wie über Sulmingen und die Kloster Heggbach’schen Orte überhaupt, erhielt das Kloster Salem im Jahr 1606 gegen eine jährliche Recognition | an die Landvogtei Schwaben, statt dieser aber im Jahr 1616 gegen einen bestimmten Pfandschilling (O.A. Biberach 195); die niedere Gerichtsbarkeit war zwischen Kloster Heggbach und der Stadt Biberach in der Art getheilt, daß in drei Jahren das erstere zwei Jahre, das letztere ein Jahr sie ausübte.

Das Kirchenpatronat gehörte dem Stift Buchau, und kam mit diesem im Jahr 1803 an den Fürsten Thurn und Taxis. Im Jahr 1460 verglich sich Heggbach mit denen von Freiberg eines Kaplans wegen dahin, daß Heggbach solchen jedesmal nominiren, Freiberg aber ad beneficium präsentiren solle. Vor 1803 gehörte das Patronat der Kaplanei dem Kloster Heggbach, und kam nach dessen Aufhebung an den Grafen von Plettenberg und nach dessen Tode an seine bereits erwähnte Tochter.