Beschreibung des Oberamts Kirchheim/Kapitel B 13

« Kapitel B 12 Beschreibung des Oberamts Kirchheim Kapitel B 14 »
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).
|
13. Gemeinde Ober-Lenningen,

evang. Pfarrdorf mit Marktgerechtigkeit und 930 Einwohnern; in frühern Zeiten auch Lendigen, Oberlendingen genannt. Liegt südlich, 23/4 Stunden von Kirchheim, in einem Obstgarten, mitten in dem reizenden Lenninger Thale, an der Landstraße, und ist von der Lauter, welche Wiesen und Gärten bewässert, durchflossen. Das Thal ist ziemlich schmal, daher die Aussicht zwar nicht weit, aber äußerst lieblich. Von den hohen Felsen zur Linken blicken die Ruinen von Wielandstein herab. Oberlenningen ist dem Kameralamte Kirchheim zugetheilt und gehört in die III. Klasse. Den großen Zehenten, seit 1839 auf 1 Jahr verpachtet, besitzt der Staat, den kleinen die Pfarrei. Den Heuzehenten hat die Gemeinde 1838 abgelöst. Seit 1818 hat sie für 5532 fl. 43 kr. an grundherrlichen und Jagd-Gefällen aller Art, worunter sämtliche Laudemien, vom Staat und für 431 fl. 13 kr. von dem Armenkasten Oberlenningen abgekauft. Der Abgabe für das Jagdgarn, welche die Stabsorte zu entrichten hatten, ist schon oben S. 75 Erwähnung geschehen. Die weiteren grundherrlichen Verhältnisse sind aus der Zusammenstellung oben S. 86 zu ersehen.

Im Laufe der letzten 5 Jahre ist eine neue Steige auf die Alp angelegt und eine neue Brücke über die Lauter von der Gemeinde erbaut worden. Der Ort zählt 135 Haupt- | und 59 Neben-Gebäude, worunter 1 Ziegelhütte und 1 Armenhaus. Die mitten im Dorfe stehende Kirche zum heil. Martin ist von hohem Alter. Nach einer Inschrift am Eingange derselben wäre sie schon 1323 erneuert worden. Der Chor wurde 1711 wieder hergestellt, indem er damals so baufällig war, daß der Pfarrer, wie er berichtete, am Altar seines Lebens nicht sicher sey, da kurz zuvor aus dem Gewölbe des Chors ein Stein hart neben ihn hingefallen sey. Die Kirche hat die Gemeinde, das sehr alte, aber eine reizende Aussicht gewährende, Pfarrhaus der Staat im Bau zu erhalten. Die beiden Schulen sind in dem Rathhaus untergebracht, welches vor 5 Jahren eine entsprechende Einrichtung erhielt. Ganz nahe an dem Ort, auf dem linken Ufer der Lauter und auf einer mäßigen Anhöhe, steht das vormalige Schlößchen, welches – mit mehreren Nebengebäuden von einer Ringmauer umfangen – im Besitz von Privaten ist. Sehenswürdigkeiten bietet dasselbe zwar keine dar, bemerkenswerth ist aber, daß in demselben 1438 Eberhard von Freyberg und 1610 Johann Georg Schilling von Canstatt, als Württembergische Lehensleute saßen. Ein Zweig dieser Familie befand sich noch 1650 hier. Auch sollen die Späth daselbst ihren Sitz gehabt haben; aber schon 1699 war es in bürgerlichen Händen. Das Trinkwasser ist vorzüglich. Die Einwohner – mehr vermöglich, als reich oder ganz arm – sind fleißig, ordnungsliebend und sittlich. Die Felder sind ungemein fruchtbar. Die Kartoffeln gedeihen vortrefflich. Hauptsächlich die Obstbäume sind es, welche den Einwohnern einen sehr großen Ertrag gewähren. Außer den Gütern im Thale besitzen sie auch auf der Alp noch ziemlich viele Äcker, deren Bau aber sehr beschwerlich ist. Die Stallfütterung ist bis auf die Herbstweide auf den Wiesen eingeführt. Durchschnittlich erträgt die Markung 1000 Scheffel Dinkel und 1000 Scheffel Haber und Gerste. Sie ist auffallend stark parcellirt. Einen bedeutenden Erwerb gewährt das Graben der sehr guten und gesuchten Tuffsteine. Die Gewerbeliste vom Jahr 1835 führt auf: | 1 Barbierer, 5 Brenner, 3 Brodbäcker, 2 Hafner, 3 Hufschmiede, 1 Korbmacher, 2 Kübler, 1 Küfer, 8 Linnenweber, 4 Maurer, 3 Schäfer, 1 Seiler, 5 Schneider, 3 Schreiner, 3 Schuhmacher, 2 Schuhflicker, 2 Wagner, 1 Zeugmacher, 2 Zimmerleute und 2 Ziegler. Eine schon 1769 erbaute Papiermühle hat fabrikmäßige Einrichtung. An Wasserwerken sind weiter vorhanden: 2 Mahl-, 1 Gyps- und 1 Säg-M., auch ist eine Schildwirthschaft da.

Etwas Holzhandel. Der Kommunbleiche ist schon oben S. 77 gedacht worden. Im Jahr 1838–1839 haben die Einnahmen der Gemeindepflege 1620 fl. 5 kr. und die Ausgaben 1408 fl. 27 kr., betragen. Bis 1825 bildete Ober-Lenningen mit Brucken, Unter-Lenningen und Schlattstall einen sogenannten Stab, der mit dem Stabe Gutenberg verbunden war und dessen Amtmann hier saß. – Die Gemeinde hat das Recht zu 2 Jahrmärkten. Das alte Erbrecht s. oben S. 102. –

Das Alter der Pfarrei, in welche keine Filialien gehören, kann nicht angegeben werden. Früher war Brucken ein Filial von Ober-Lenningen. Das Patronatrecht und der Zehente wurde mit dem Orte erworben. Anna Küferin und Margaretha von Rechberg, beide Töchter des Ritters Ulrich Schwelher, stiften 1396 aufs Neue eine Frühmesse »in ecclesia parochiali St. Martini in Lendingen superiore prope castrum Wielantstain,« mit Zustimmung des Grafen Eberhard von Württemberg »patroni dicte ecclesie et Joannis de Ingstetten, rectoris ejusdem ecclesie.« Diese Caplanei bestand bis zur Reformation. – Das Stiftungs-Vermögen gehört zu den bedeutenderen des Bezirkes. An der Schule stehen 1 Schulmeister und 1 Unterlehrer. Außerdem ist eine Industrieschule hier.

Ob unter der Zenninger Marka, die in einer Lorscher Urkunde von 788 neben der Bissinger Marka genannt wird, Lenninger, oder aber Zaininger Marka zu verstehen ist, müssen wir unentschieden lassen. Jedenfalls aber ist der Ort alt und älter als Unterlenningen. In alten Zeiten wurde er blos Lendingen genannt; Crusius vermuthet, der Name rühre von den vielen Linden her, wie denn er selbst noch viele | alte Linden bei der Kirche gesehen hatte. Eine Gutta von Brucken schenkte, nach Sulgers Annalen (I. 69.), dem Kloster Zwiefalten im Jahr 1123 »Mansum in Lendingen«. Nach ebendemselben lebten ums Jahr 1100 Udalricus et Cuno, Barones de Lendingen. Der erstere war Probst von Zwiefalten, der andere aber, der sich durch sein wüstes und wildes Leben allgemein gefürchtet und verhaßt gemacht hatte, begab sich am Ende seiner Tage auch in jenes Kloster und wurde noch durch seine Frömmigkeit berühmt. Als die Landleute seinen Übertritt zur Kirche vernahmen, jubelten sie laut.[1] Nach Sulger wären sie eine jüngere Linie der Sperberseck gewesen. Wahrscheinlicher aber ist es, daß die Sperberseck von ihnen stammen. Ob die Ellen Lendengerin, die wir 1428 in Owen treffen, dem Geschlechte angehört, ist ungewiß. – Übrigens gehörte Oberlenningen zu Teck und kam mit Owen an Württemberg. Es waren mehrere teck’sche Ministerialen hier begütert.

Ritter Ulrich von Neidlingen vermacht 1292 mit Zustimmung H. Hermann v. Teck, dessen Ministerial er ist, dem Kl. Kirchheim eine Gülte aus seiner Mühle zu Oberlendingen »quod superior molendinum appellatur.« Ebendahin verkaufen 1384 Kraft und Hans von Sperberseck mehrere Gülten aus hiesigen Gütern. Die Gebrüder Berthold, Hans, Conrad und Heinrich Schwenzlin von Hofen verkaufen 1400 demselben Kloster ihre Mühle zu Ober-Lendingen „ob dem Steg.“ Vollmar v. Mannsberg verkauft 1408 an die Präsenz der Pfarrkirche zu Kirchheim sein Gut, genannt „des Hubschers Gut,“ das 1 Pfd. 7 Sch. Geld, 3 Sch. Haber, 3 Sri. Kernen und 1 Faßnachthuhn gültet, um 65 Pfd. Hl. und 1409 einen Hof an die Frühmesse. Albrecht v. Renhardsweiler verkauft 1416 seine eigenen Leute zu O. an Württ. Es scheint, daß diese ihre Rechte von den Schilling erworben hatten. Der Hospital Kirchheim verkaufte 1444 an die hiesige Frühmesse ein Gut, „das Junker Hanns v. Hofen gewesen ist,“ und 1446 dem Priester Hans Koch zu K. einen Hof. Wegen derer v. Jungingen s. Owen. Im J. 1610 aber finden wir Elisabethe Späth zu Dettingen und Junker Veit von Wernau zu Pfauhausen unter den Grundherrn. Georg Späth zu Sulzburg hatte damals im Unternmühlwuhl zu O. ein Fischwasser, wovon er den 4. Fisch zu empfangen hatte.

| Die vormals in der Nähe befindlich gewesene Mineralquelle s. oben S. 17. Auf der Markung entspringt der oben S. 20 beschriebene Weidenbach, ein Zufluß der Lauter, mit welcher sich hier auch der Dobelbach (oben S. 21) vereinigt. Auch liegt hier ein kleiner, neuerlich erst angelegter, Forellen-See, durch welchen die ziemlich forellenreiche Lauter läuft. – Der vielen Kalktuffsteinbrüche, der Versteinerungen, des Marmors und der Lehmgrube ist schon oben S. 34 und ebenda S. 110 auch der alten Heerstraße gedacht worden.

Auf einer hohen Felswand 1/4 Stunde südöstlich, oberhalb Ober-Lenningen, liegen die bewaldeten Ruinen der Burg Wielandstein, welche aus 3, nach Andern aber aus 5 Burgställen bestanden haben soll. Die höchste Felsenspitze ragt 2335 Württemb. Fuß über die Meeresfläche hervor. Man muß noch jetzt die Keckheit bewundern, womit auf solch schwindelnder Höhe die Burg auf schroffen Felsen, die theilweise das Mauerwerk selbst ersetzten, erbaut werden mochte. Von hier aus eröffnet sich eine schöne Ansicht des Lenninger Thals. Eine Sage von den 3 Brüdern von Wielandstein, welche Schwab (die Neckarseite der schwäbischen Alp S. 137) in anziehender Form wieder gegeben hat, lebt noch in dem Munde der Thalbewohner; von den Schicksalen der Burg ist aber nur Weniges auf uns gekommen.

Die Sage will zwar, daß sie von der Patricierfamilie Wieland von Reutlingen erbaut worden sey; allein schon 1241 tritt ein Dominus de Wielandsteine als Zeuge auf. H. Conrad v. Teck bestättigt 1283 »donationem Ulrici et Bertholdi de Wielandstein fratrum, ministerialium suorum, in Ichenhausen; actum apud Eberspach.«[2] Beide Brüder kommen 1279 bis 1318, häufig vor. Aus den Urkk. erhellt, daß sie dem Geschlechte der Schwelherr angehörten. Als Conrad und Rugger die Swelherr von Wielandstein 1304 ein Gut zu Laichingen dem Kl. Blaubeuren schenkten, siegelt ihr Herr, H. Simon von Teck mit ihnen. Friedrich erscheint 1330, Ulrich 1351. Bienz 1353 bis 1399, Ulrich und Walter 1367, Marquard 1385, Hans genannt Kleinhans 1439, Hans, genannt Mettelhans 1475 und Peter 1482–1512 in Urkunden. Übrigens erscheint auch | ein „Vink von Wielandstein“ aus dem Geschlechte der Mager oder Späth im J. 1335. Daß aber schon 1411 die Freyberg mit W. belehnt wurden, werden wir bei Schopfloch sehen. Im J. 1469 wird Caspar Stiger als württ. Burgvogt bestellt. Graf Ulrich von W. gibt 1478 dem Heinrich Schilling wegen seiner getreuen Dienste das Schloß und die 2 Burgställe zu Lehen; 1527 wird den Berthold, Ulrich und Sebastian Schilling und ihren Erben „das Schloß W. mit den zweien Burgställen, dem Hofe, den Hölzern und Wänden dazu gehörig“ zu eigen gemacht, und 1533 verkaufen diese das Ganze an die Gemeinde Oberlenningen, welche sofort den Rest des wahrscheinlich schon im Bauernkriege zerstörten Gebäudes abbrach und anderwärts verbaute.

Die Burg wurde wohl mit den übrigen teck’schen Gütern im Lenninger Thale von Württemberg erworben. Im Jahr 1420 wird sie als ein zur Herrschaft Teck gehöriges Reichslehen bezeichnet. Es ist fast unzweifelhaft, daß außer der Vogtei über Schopfloch noch weitere Rechte mit ihr verbunden waren, obgleich urkundliche Nachweisungen hierüber mangeln. Vielleicht war die Burg Wulstein bei Gutenberg (S. 191) eine dieser Burgen, da der Name, der auch Wulstein und Wielstein geschrieben wurde, aus dem obigen zusammengezogen worden seyn mag. – Am Schlusse des vorigen Jahrhunderts wurde hier ein schöner Marmor gebrochen.


« Kapitel B 12 Beschreibung des Oberamts Kirchheim Kapitel B 14 »
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).
  1. Der Annalist sagt: »utpote erepti de durissimo Pharaonis imperio, cum tympanis et citharis sint eum prosecuti.«
  2. Dieser Berthold ist derselbe, dessen die Beschr. des OA. Rottenburg S. 165 als „Sueler v. Wilerstein“ gedenkt.