Beschreibung des Oberamts Geislingen/Kapitel B 5

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5. Böhmenkirch,

katholisches Pfarrdorf und Marktflecken mit 1695 Einwohnern (worunter 1 evangelischer), sehr hoch gelegen, auf dem Albuch auf einer flachen Kuppe, die in mehrere lang gestreckte, sanfte Bergrücken ausläuft. Das Klima ist gesund aber sehr rauh, die Umgebung eine verlassene Gegend.

Böhmenkirch ist 3 Stunden nordöstlich von Geislingen entfernt, und liegt an der Straße von Göppingen nach Heidenheim. Die große europäische Wasserscheide zwischen Rhein und Donau zieht sich so durch den Ort, daß bei dem Fruchtkasten das Wasser des einen Daches dem Neckar, das des andern der Donau zufällt. Der Ort ist übrigens wasserarm, man behilft sich mit Hülben. Zwar ist eine halbe Viertelstunde entfernt eine Höhle, in der eine Quelle rinnt (der s. g. Höllbrunnen), sie bietet aber wegen ihrer Unbedeutenheit und ihrer Entfernung wenig Vortheil.

Böhmenkirch gehört zum Dekanat Eybach, Kameralamt Geislingen, Forstamt Heidenheim. Grundherr ist der Graf von Rechberg.

Der Ort wird in früherer Zeit Bömikirche (1275), Bömykirch (1312), Baumenkirch (1356, Kerler Urkunden S. 11), Bämenkirch, Bäumenkirch (1360, Kerler S. 13) geschrieben.

Den großen Zehnten bezieht fast ganz die Grundherrschaft, so wie derselben noch aus ungefähr 700 Morgen Heiligen-Äcker die zehnte und dann noch die siebente Garbe gehört. Dienstgelder und Frohnen wurden im Jahre 1840 mit 12.000 fl. abgelöst. Den kleinen Obst- und Blutzehnten bezieht die Pfarrei, dieselbe auch von einigen Mädern den Großzehnten.

Der Ort zählt 269 meist einstockige, mit Scheunen verbundene und mit Stroh gedeckte Wohnhäuser, ist uneben und hat kein gefälliges Ansehen.

| Die Einwohner sind nicht wohlhabend, doch gibt es nicht viele eigentlich Arme. Sie nähren sich von Landwirthschaft und Viehzucht, von Getreidefuhren, und es sind nur die nothwendigsten Handwerker vorhanden. Ein Haupterwerbszweig ist die Leinenspinnerei, womit sich im Jahre 1835 etwa 250 Personen beschäftigten, wovon eine im Durchschnitt jährlich etwa 10 Pfund Flachs verarbeitete und daraus ungefähr 100 Schneller Garn verfertigen mochte. Gebaut werden die meisten Fruchtgattungen, ferner auch Flachs, doch entsteht bei der rauhen Lage oft Mißwachs. Der Viehstand, übrigens meist von unscheinbarem Schlage, ist sehr beträchtlich; daher auch viel Klee, Esper- und Fretzfutter[WS 1] gebaut wird; es wird auch ein bedeutender Viehhandel getrieben. Die Baumzucht beschränkt sich auf solche Obstgattungen, welche das rauhe Klima ausdauern können, ist jedoch bedeutender, als man vermuthen sollte.

Die Markung hält 80896/8 Morgen, welche fast durchgängig gebaut werden, darunter sind jedoch 703 Morgen Waldung. Eine große Allmande, die rauhe Wiese, gehört gleichfalls der Gemeinde; 2/3 davon werden je auf 6 Jahre zum Anbau vertheilt, 1/3 wird als Vieh- und Schafweide benützt. Letztere ernährt 1000 Stücke und trägt jährlich 700 fl. Es bestehen 250 Real-Gemeinderechte, deren jedes etwa 1/4 Klafter Holz, 40 Wellen und in 3 Jahren 2 Pförchnächte erhält. Durch die Ablösung der Frohnen und Dienstgelder ist die Gemeinde in Schulden gerathen; die Stiftung besitzt 23.000 fl. Kapitalien.

Über das Alter der Pfarrei läßt sich nichts näheres angeben; das Patronatrecht, so wie die Baulast der Kirche und des Pfarrhauses hat die Grundherrschaft. Schon im Jahre 1401, den 9. September, verleiht K. Ruprecht dem Edeln Wilhelm von Rechberg von Hohen-Rechberg, den Kirchensatz zu Bemkirche (Chmel Reg. Ruperti S. 52). Die Pfarrkirche zum h. Hippolytus ist ein altes, dunkles und feuchtes Gebäude und für die Seelenzahl viel zu klein.

Eine kleine Viertelstunde vom Ort, auf einer Anhöhe, | von welcher man eine schöne Aussicht genießt, liegt die Kapelle St. Patriz mit einem Meßnerhaus. In ihr wird am Markustage und am Montage nach der Kirchweihe öffentlicher Gottesdienst gehalten.

In dem nahen Colmannswalde stand die nach Böhmenkirch gehörige Kapelle des h. Colomanns, des wunderthätigen Pferdepatrons, dessen Bild beim Abbruch der Kapelle im Jahre 1799 in die Pfarrkirche versetzt wurde. Neben der Kapelle wohnte noch im vorigen Jahrhundert ein Einsiedler. Ehmals wurden am Pfingstmontag 4–500 Pferde zur Colmanns-Kapelle gebracht und dreimal um die Kapelle geritten. Am genannten Tage wurde von 7–10 Gemeinden mit Fahnen eine große Wallfahrt dahin gemacht, sodann von einem Pfarrherren zu Böhmenkirch eine Predigt und Hochamt gehalten und das Haupt des h. Colmanns vor die Kirchthüre auf einen Tisch gestellt, an welchem alle dem Gottesdienst Anwohnenden vorübergingen und opferten. Dabei ward auch ein von vielen Krämern besuchter Markt gehalten. Seit Versetzung des h. Colmanns wird das Fest, welches freilich seinen alten Glanz ganz verloren hat, am Pfingstmontag in Böhmenkirch gefeiert, auch Krämermarkt gehalten.

Böhmenkirch erscheint zuerst im Jahre 1275. Ein Cunradus de Boemikirche et Fridericus filius domini Cunradi de B. cives Gamundienses sind Zeugen am 12. Oktober genannten Jahres in einer Kloster Lorcher Urkunde. Im Anfang des 14. Jahrhunderts kommt der Ort als Reichsgut vor, im Besitz des Königs Albrecht. Als dieser im Jahr 1302 das Kloster Königsbronn stiftete, auf Gütern, welche ursprünglich den Grafen von Helfenstein gehörten, aber an Albrecht von Rechberg verpfändet waren, löste er die Güter von dem von Rechberg. Da der König aber nicht im Stande war, den Pfandschein mit 800 Mark Silber sogleich zu bezahlen, so verpfändete er an Rechberg die Burg Hellenstein und den Ort Böhmenkirch (laut Urk. K. Heinrich VII. d. d. Pisa 14 Kal. April 1312. Rex noster praedecessor castrum Herborstein in monasterium ordinis cisterciensis | disponens erigere ipsum ad se recepit, et pro dictis 800 marcis castrum imperii Hellestain et locum Boemykirch cum omnibus suis juribus et pertinentiis obligavit). Der Pfandbrief ging zwar zu Grund, als Albrecht von Rechberg in seinem Schloß Scharfenberg von Graf Ulrich von Helfenstein und Eberhard von Staufeneck gefangen genommen wurde, ward aber durch K. Heinrich VII. im Jahre 1312 in Pisa wieder erneuert. Von nun an blieb Böhmenkirch, während Hellenstein von K. Ludwig IV. im Jahre 1333 wieder zum Reiche eingelöst wurde, den Herren von Rechberg um 500 Pfd. Heller in Versatz (Urk. K. Ludwigs IV. von 1333 im rechbergischen Archiv) und wurde auch nicht mehr gelöst (Cleß Culturgeschichte. B. 150). Im Jahre 1495 verlieh Kaiser Maximilian I. den Brüdern Wilhelm und Philipp von Rechberg das Pfarrlehen und Halsgericht zu Pömenkirchen und das Halsgericht zu ihrem Schloß und Stadt Weißenstein (Lünig XII. 1. S. 455). Übrigens hatten auch die Grafen von Helfenstein einige Rechte in Böhmenkirch, wenigstens bekommt noch im Jahre 1356, laut dem Theilungsbrief zwischen den zwei Grafen Ulrich von Helfenstein, der jüngere Graf „alliu diu recht, diu wir an Bämenkirch haben.“ Kerler Urkunden S. 13. Auch Württemberg bekam Gerechtigkeiten in Böhmenkirch; wenigstens erkaufte Herzog Friedrich den 6. Dezember 1605 von Sibille von Laubenberg Rechte und Gerechtigkeiten an mehreren rechbergischen Fideicommißgütern, worunter auch „Bemekirch“ genannt wird (Scheffer Chronol. Darstell. S. 135).

Seit ein paar Jahrhunderten hat der Ort harte Schicksale erlitten. Im Jahre 1580 empörten sich die Unterthanen gegen die Herrschaft, was sehr nachtheilige Folgen für die Gemeinde nach sich zog. 1619 wurde der halbe Ort durch Feuer verzehrt. Im 30jährigen Krieg wurden die meisten Einwohner vertrieben und durch die Pest aufgerieben. 1796, vom 26. Juli an, besetzten den Ort und dessen Umgebung 8 Tage lang 30.000 Mann Österreicher, Erzherzog Karl hatte hier sein Hauptquartier. Nach dem Abzug der Österreicher plünderten die nachrückenden Franzosen (vrgl. S. 117).

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Fretzfutter, ein Gemisch von Wicken, Haber, Linsen, Gerste und Erbsen.
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