« Kapitel A 6 Beschreibung des Oberamts Calw Kapitel B 1 »
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VII. Geschichtlicher Überblick und Alterthümer.


1. Politischer Zustand.

Durch die Übermacht, womit gegen das Ende des ersten Jahrh. n. Chr. die Römer in diesem Landstrich sich festsetzten, kam unsere Gegend zu ihrer Provinz Obergermanien; nach Brechung solcher Macht gegen den Schluß des 3. Jahrh. gelangte sie unter die Herrschaft der Alemannen, durch welche die Römer vertrieben wurden. Kurz vor und bald nach 500 kam Alemannien unter die Obergewalt der Franken, und zwar der nördliche Theil dieser Provinz unter eine strengere Unterordnung, als der südliche, so daß ersterer sofort Deutsch-Francien (Francia teutonica) hieß. Hirschau wird im J. 1075 ausdrücklich als zu Francia teutonica und zum Würmgau gehörig, aufgeführt. Wenn, wie man insgemein annimmt, die Abgrenzung des Bisthums Speier und Constanz nach der Markscheide der Landschaft Deutsch-Francien und Alemannien gemacht wurde, so daß die schwarzwaldischen Bezirke ersterer Landschaft zum Speirer und die der zweiten zum Constanzer Bisthum gehörten, so wurde in diesem Bezirk die Südgrenze Franciens durch Zavelstein, Kentheim, Stammheim, Gechingen, und die Nordgrenze Alemanniens durch Bulach und Dachtel gebildet. Der Würmgau, zu welchem der Kern des jetzigen Oberamts gehörte, hatte zum südlichen Grenznachbar den Nagoldgau, in welchen Orte des Oberamts Herrenberg, Nagold und Horb gesetzt werden und wozu wohl vom Calwer Bezirk selbst die südlichen Partien, Bulach und Dachtel nebst Zugehörungen, getheilt gewesen sein mochten.

Mit vielen Orten des Bezirkes macht uns das Kloster Hirschauer Schenkungsbuch bekannt; es führt als solche, welche um 830 an das genannte Kloster kamen, auf: Deckenpfronn, beide Lützelhardt, Altburg, Ebersbühl, Kollbach, Ottenbronn, Haugstett, Sommenhardt, Weltenschwann, Würzbach und einige längst abgegangene (Cod. Hirs. 25a). Unter den Orten, an welchen das Kloster im 12. Jahrh. Besitzungen erhielt, werden genannt: Dachtel, Gechingen, Hengstett und Liebenzell.

Die Aufzählung in dem Hirschauer Buch ist freilich erst im späteren Mittelalter, wenn gleich aus älteren Quellen, gemacht, und ebenso hat man über das Vorkommen Möttlingens im 9. Jahrh. erst einen späteren Urkundenauszug. In gleichzeitiger Aufzeichnung erhalten kennt man unter dem Jahre 1037 Calw, 1075 Altburg, Deckenpfronn, Haugstett, Hirschau, Kentheim, Lützenhardt, Möttlingen, | Ottenbronn, Stammheim, Sommenhardt (Wirt. Urk.Buch 1, 264. 279). Über andere Ortschaften haben sich gleichzeitige Anführungen erst seit der 2. Hälfte des 13. Jahrh. erhalten.

Die Gaugrafenwürde im Würmgau stund nach allen Umständen dem Geschlechte der Adelberte zu, welche sich seit dem 11. Jahrh. Grafen von Calw nannten (s. bei Calw); dieselbe Würde im Nagoldgau bekleidete das Grafenhaus der Anselme, welche sich seit derselben Zeit Grafen, darauf Pfalzgrafen von Tübingen hießen[1].

Der Machtsprengel der Grafen von Calw umfaßte neben seinen anderweitigen ausgedehnten Besitzungen den größten Theil dieses Bezirkes, die Hauptburgen theils als eigen, theils in oberlehensherrlicher Eigenschaft. Dieser Besitz gruppirte sich nach den Ämtern Calw, Zavelstein, Liebenzell und der Klostervogtei Hirschau, welches Kloster auf das Stammgut dieses Hauses gegründet wurde. Wir lernen viele dieser Orte kennen theils weil sie in unmittelbarem Besitz der Familie genannt werden, theils weil daselbst an das Kl. Hirschau eine Güterstiftung gemacht wurde. So erscheinen außer Calw als Besitzungen der dortigen Grafen: Altburg, Deckenpfronn, Ernstmühl, Hirschau, Kollbach, Liebenzell, Lützenhart, Möttlingen, Ottenbronn, Stammheim. Mit der Hand Uta’s, Tochter des um 1131 söhnelos gestorbenen reichen Calwer Grafen und rheinischen Pfalzgrafen Gottfried, gelangte vieles Calwer Gut an deren Gemahl Herzog Welf VI., ohne sich jedoch, da auch er ohne Hinterlassung eines Sohnes starb, auf dessen Haus zu vererben; genannte Uta verfügte zu Gunsten des Klosters Hirschau über Liebenzell, Ernstmühl, Kollbach und anderes (Cod. Hirs. 64a). Die Orte Ebersbühl und Ober-Reichenbach treten für unsere Kenntniß, im Besitz der Vaihinger Grafen, eines Calwer Nebenzweigs, im J. 1303 erstmals auf, als sie von ihnen an das Kloster Hirschau übergingen. Diese Vaihinger Grafen hatten auch über Ostelsheim die Herrlichkeit bis zum J. 1282. Die Oberherren, beziehungsweise Mitbesitzer, von Calw, Gechingen und Stammheim in der Person der Pfalzgrafen von Tübingen, | und die von Hengstett in der Person der Grafen von Zweibrücken kommen erst am Ende des 13. Jahrhunderts vor, und zwar so, daß in diesem Besitz erheirathetes ursprüngliches Calwer Grafengut am Tage liegt.

Bulach und Umgebung, zuerst wahrscheinlich als Reichslehen unter der Familie der Nagoldgaugrafen stehend, scheint gegen Ende des 13. Jahrh. in gleicher Eigenschaft an die sich damals theilweise auf Kosten der Tübinger Pfalzgrafen sehr ausdehnenden, durch die Gunst des verschwägerten K. Rudolfs sehr gehobenen Grafen von Hohenberg gekommen zu sein; sicher ist, daß es lange Zeit gräflich hohenbergisch gewesen war[2], ehe es 1364 an die Rheinpfalz gelangte. Nach diesen bedeutenderen Herren kommen die von Hornberg und die von Vogtsberg, ferner die von Waldeck mit ihren Herrschaften in Betracht.

Württemberg erwarb 1308 die halbe Herrschaft Calw von den Grafen von Berg Schelklingen (Miterben der Calwer Grafschaft), 1320 Schmieh von den Herrn von Berneck, 1323 die halbe Herrschaft Vogtsberg von den Herrn von Hornberg, 1345 die zweite Hälfte der Herrschaft Calw, ferner Zavelstein, um 1357 Ostelsheim, 1376 die halbe Herrschaft Hornberg, 1411 Möttlingen, 1413 bis 1428 Dachtel, 1440 Bulach, Ober-Haugstett, Liebelsberg, Waldeck und Zugehörungen, durch die Reformation die hieher gehörenden Theile der Klosterämter Hirschau und Herrenalb (I, 5), 1553 und 1759 Theile von Altburg, 1603 die Herrschaft Liebenzell und die zweite Hälfte der Herrschaft Hornberg, im J. 1806 den badischen Pfleghof Gechingen.

Die Vogtei Calw bestand nach dem Lagerbuch von 1523 (Reyscher 596) aus dem Amt Calw mit Calw, 1/2 Altburg, Dachtel, Deckenpfronn, 1/2 Igelsloch, Martinsmoos, Möttlingen; aus dem Amte Zavelstein mit Zavelstein, Breitenberg und 1/2 Oberkollwangen, Emberg, Holzbronn, Kentheim, Röthenbach, Schmieh, Sommenhardt mit Lützenhard, 1/2 Speßhard, Teinach, 1/2 Weltenschwann, Würzbach und Naislach; dem Amt Speßhard mit 1/2 Speßhard, Alzenberg, Oberried, 1/2 Weltenschwann und Wimberg; aus dem Neuweiler Amt oder der ehemaligen Herrschaft Vogtsberg | (Fautsperg) mit Neuweiler, Hofstett, Aichhalden, Fautsperg, Aichelberg, Hünerberg, Wenden (letzteres jetzt im O.A. Nagold), endlich aus dem obern Amt oder der halben ehemaligen Herrschaft Hornberg mit Hornberg, Zwerenberg und Oberweiler. Die oben I, 5. angeführten Zutheilungen zu den verschiedenen Ämtern überhaupt datiren sich, soweit sie nicht älter sind, bereits bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts hinauf.

Mit diesen Zutheilungen gingen bis zum Jahr 1806 keine Veränderungen vor, als daß der 1759 erworbene Antheil an Altburg und Weltenschwann zum Oberamt Calw kam. Als besondere Stäbe dieses Oberamts bestunden der Altburger, Speßhardter, Neuweiler, Zwerenberger; als besonderes Amt das Zavelsteiner, dessen Oberamtmann jedoch der Oberamtmann in Calw und dessen Amtsschreiber der Stadtschreiber zu Calw war. Zu letzterem Amt gehörte der Sommenhardter Stab (mit Sommenhardt, Lützenhard, Kentheim und einem Theil von Speßhard). Eine ausscheidende Bezeichnung im Calwer Amt war – gegenüber den Waldorten – der Name Gauorte für Dachtel, Deckenpfronn und Möttlingen. (Diese drei Orte nebst Calw bildeten in früherer Zeit „das untere Calwer Amt“.)

Bei der Organisation den 20. Dez. 1806 und 25. April 1807 wurde ein eigener Kreis Calw errichtet, dessen Kreishauptmann seinen Sitz im ehemaligen Oberamteigebäude zu Hirschau hatte; das Klosteramt Hirschau wurde aufgelöst, von seinen Ortschaften kam Friolsheim zum O.A. Leonberg, Schaffhausen zum O.A. Böblingen, die übrigen zum O.A. Calw. Letzteres erhielt zugetheilt das O.A. Liebenzell[3], ferner am 26. April 1808 Alt- und Neuhengstett, Gechingen und Simmozheim von dem, damals bald nach seiner Errichtung wieder aufgelösten O.A. Weil, trat dagegen ab Agenbach, Breitenberg, Martinsmoos, Ober-Kollwangen, den Hornberger und Neuweiler Stab an das O.A. Altensteig. Als dieses Oberamt 1810 aufgelöst wurde, kamen nicht nur diese Orte (mit Ausnahme Wendens), sondern auch Ettmannsweiler, Fünfbronn, Mittel- und Ober-Enzthal und Simmersfeld zum O.A. Calw und | dazu noch Dätzingen, Ostelsheim und Schaffhausen vom O.A. Böblingen. Am 27. Okt. 1810 wurde dann das Oberamt der Landvogtei Schwarzwald, deren Landvogt in Calw seinen Sitz erhielt, zugetheilt, trat aber das ehemalige O.A. Liebenzell an’s O.A. Neuenbürg ab. Im J. 1812 kamen Dätzingen und Schaffhausen wieder zum O.A. Böblingen, und Ettmannsweiler, Fünfbronn, Mittel- und Ober-Enzthal und Simmersfeld zum O.A. Nagold, welches hiefür die im J. 1807 vom aufgelösten O.A. Wildberg erhaltenen Orte Alt- und Neu-Bulach mit Kohlersthal und Seitzenthal an das O.A. Calw abtrat, dieses O.A. kam bei der neuen Kreiseintheilung im J. 1817 zum Schwarzwaldkreis und erhielt am 17. April 1842 seinen jetzigen Bestand, indem die bisherigen Neuenbürger Amtsorte Liebenzell, Monakam, Unter-Haugstett und Unter-Reichenbach sammt Ernstmühl und Dennjächt damit vereinigt wurden.


2. Kirchliche Verhältnisse.

Der Oberamtsbezirk zerfiel unter zwei Bisthümer, unter das Constanzer und das Speirer. Zum Constanzer Archidiaconat vor dem Wald und zum Landcapitel Herrenberg gehörten die Pfarreien Bulach, Dachtel, Deckenpfronn, Zwerenberg, zum Speirer Archidiaconat der hl. Dreifaltigkeit und zum Landcapitel Weil der Stadt die Pfarreien Calw, Gechingen, Hengstett, Hirschau, Liebenzell, Möttlingen, Ostelsheim, Simmozheim, Stammheim und Zavelstein.

Nach der Reformation, welche 1534/35 in dem damaligen Württemberg meistentheils eingeführt wurde, traten folgende Änderungen ein. Es wurde 1547 ein Dekanat Calw gebildet, welches die Ämter Calw, Nagold und Wildberg umfaßte, letztere beide wurden jedoch bald wieder abgetrennt, um ein eigenes Dekanat Wildberg zu bilden. Zu letzterem gehörte Neu-Bulach. Ostelsheim war dem Böblinger Dekanat, Neu-Bulach blieb dem Wildberger zugetheilt, bis beide Orte im J. 1813 zum Calwer kamen. Eben an letzteres kam auch nach der im J. 1823 erfolgten Vereinigung der Reformirten mit den Lutheranern die Pfarrei Neuhengstett. Liebenzell und Unterreichenbach, welche von dem Calwer Dekanat hinweg im J. 1813 dem Wildbader (Neuenbürger) zugetheilt worden waren, gelangten im J. 1842 wieder zum Calwer. Letzteres umfaßt jetzt alle Amtsorte (mit Ausnahme von Holzbronn, welches Filial ist von Gültlingen, Dekanats Nagold) und überdieß als Filial von Zwerenberg noch Gaugenwald, O.A. Nagold, und als Filiale von Liebenzell noch Beinberg, Maisenbach, Unterlengenhard und Zainen, O.A. Neuenbürg.

| Seit Errichtung der Generalsuperintendenz Maulbronn gehörte das Dekanat Calw zu dieser, bei der neuen kirchlichen Eintheilung von 1823 kam es zum Generalat Tübingen.

Die Katholiken von Calw, Hirschau, Liebenzell, Möttlingen, Neuhengstett, Ottenbronn, Simmozheim, Teinach, Unterhaugstett, Unterreichenbach und Zavelstein sind nach Weil der Stadt, die von Neu-Bulach und Liebelsberg nach Dätzingen eingepfarrt und stehen somit unter dem katholischen Dekanat Stuttgart. Der eine Katholik, welcher gegenwärtig in der Gemeinde Bergorte wohnt, ist eingepfarrt nach Gündringen (Oberamts und kath. Dekanats Horb).


3. Besondere Schicksale.

Durch die meisten Kriege und Fehden, welche Schwaben überhaupt berührten, wurde auch dieser Schwarzwaldsbezirk aufgeregt.

Der Aufstand des Armen Conrad im J. 1514 verbreitete sich auch hieher; in Calw versammelten sich einige hundert Bewohner der Amtsorte, setzten Artikel auf, und wollten sich durch keine Vorstellungen beschwichtigen lassen. Auch ein großer Theil von Calwer Bürgern wurde schwierig und erklärte dem herzoglichen Abgeordneten Conrad von Reischach, welcher nach dem Abschluß des Tübinger Vertrags die Huldigung hier einnehmen wollte: zuvor müßte ihnen im Namen des Herzogs Ulrich ebenfalls gehuldigt werden. Nach eingeholter Vollmacht von Ulrich erklärte hierauf Reischach, der Herzog gelobe, dem Vertrag nachzukommen, und entbinde die Bürger ihres früher geleisteten Huldigungseids. Im J. 1519 ergaben sich Calw und Zavelstein ohne Widerstand dem schwäbischen Bunde. Im Bauernkrieg 1525 rotteten sich auch die Bauern des Calwer Bezirkes zusammen; ein Haufe von ihnen, welcher am 23. April auf der Kirchweih zu Neuweiler zusammengetreten war, plünderte am folgenden Tage das Städtchen Bulach. Letzteres Schicksal erfuhr auch das Kloster Hirschau durch die Bauern aus dem Gäu und aus dem Schönbuch. Calw, von ihnen aufgefordert, sich zu ergeben und im Verweigerungsfalle mit schwerer Verheerung bedroht, leistete erfolgreichen Widerstand; die Bauern zogen ab und kurz nachher machte der Sieg des Georg, Truchseß von Waldburg, bei Böblingen (den 12. Mai 1525) dem Aufstand in diesen Gegenden ein Ende. Die Unzufriedenheit mit der österreichischen Regierung in Württemberg dauerte aber fort; auf die erste Kunde vom Siege Herzog Ulrichs bei Laufen (den 13. Mai 1534) schickten Stadt und Amt Calw drei Abgeordnete an ihn, um ihrem Erbfürsten aufs Neue zu huldigen.

Während des dreißigjährigen Kriegs erschienen 1622 die ersten | fremden Truppen im Amtsbezirk; es waren die Kriegsvölker des Markgrafen Friedrich von Baden, die kurz nachher (den 6. Mai) bei Wimpfen von Tilly geschlagen wurden. Die arge Münzverwirrung während der sogen. Kipper- und Wipperzeit brachte namentlich auch der gewerbereichen Stadt Calw großen Schaden. Erst aber nach der Niederlage bei Nördlingen (den 27. August 1634) brach das Kriegselend in vollem Maße über den Oberamtsbezirk herein, mit der gänzlichen Zerstörung der Stadt Calw beginnend (s. Calw). Einige Jahre nach einander dauerten die Truppendurchmärsche und Einquartierungen fast ununterbrochen fort und hatten schwere Mißhandlung der Einwohner, Erpressungen jeder Art, Raub und Plünderungen in ihrem Gefolge. Im April 1638 plünderten die Truppen des kaiserlichen Generals Götz, zu Anfang des Jahrs 1641 und im Jahr 1645 die Kriegsschaaren des weimarischen Generals Rosen, wobei 1641 Hirschau, 1645 aber Calw und Liebenzell besonders litten. Erst mit dem westphälischen Frieden endigten sich die schweren Lasten und Leiden des Kriegs; noch 1652 fehlten in den Ämtern Calw und Liebenzell die Hälfte, im Hirschauer Klosteramt sogar zwei Dritttheile der frühern Bevölkerung.

Neue schwere Leiden brachten die Raubkriege des französischen Königs Ludwigs XIV., besonders im J. 1692, als die Franzosen nach der Besiegung des Herzogs Friedrich Karl von Württemberg bei Ötisheim (den 17. Sept. 1692) über Knittlingen und Neuenbürg ins Nagoldthal eindrangen. Liebenzell, Calw, Zavelstein und das Kloster Hirschau wurden geplündert und verbrannt und die Beute auf mehr als 100 Wagen fortgeschleppt.

Über ein Jahrhundert war verflossen, als die Franzosen von Neuem im Amtsbezirk erschienen, und im J. 1796 General Moreau, nachdem er bei Kehl den Rhein überschritten hatte, nach wiederholten blutigen Gefechten die österreichischen und deutschen Truppen über den Schwarzwald zurücktrieb. Zu Liebenzell plünderten die Truppen des General Laroche; in Calw erschienen die französischen Vortruppen am 13. Juli; am nächsten Tag folgte ihnen General Taponnier, und zwischen Alt- und Neu-Hengstett und Simmozheim kam es zu einem Vorpostengefecht, zwischen Gechingen und Stammheim wurde eine östreichische Feldwache überfallen. Am 16. Juli rückten 600 Franzosen aus dem Lager bei Calw, um die Stadt Weil anzugreifen; als sie aber von dieser Gegend her stark feuern hörten, machten sie zu Ostelsheim Halt und richteten hier durch Plünderung einen Schaden von 4508 fl. an. Am nämlichen Tag rückte General St. Cyr in Calw ein, zog aber schon am 17. Juli mit allen in der | Gegend befindlichen französischen Truppen wieder weiter, wobei namentlich Simmozheim und Althengstett schweren Schaden litten. Die Simmozheimer, welche das Geraubte selbst in das französische Lager bei Weil führen mußten, schätzten ihren Schaden auf 7796, die Althengstetter auf 2608 fl.; der Gesammtschaden im Calwer Amt wurde auf 18.895 fl., im Liebenzeller Amt auf 13.609 fl., im Klosteramt Hirschau auf 4765 fl. angeschlagen.


4. Alterthümer.
A. Römische.

Die Römer haben auch in dem diesseitigen Bezirk, besonders in dem östlichen, fruchtbareren Theile desselben, Spuren ihres früheren Aufenthalts wie Überreste von Straßen und Wohnorten, hinterlassen, während in den eigentlichen Waldgegenden bis jetzt wenigstens keine ehemalige Niederlassung nachgewiesen werden kann; es sei nun, daß die Römer sich in dieser waldreichen, unfruchtbaren Gegend weniger ansiedelten, oder daß die Spuren ihrer Ansiedelungen in den weitgedehnten Waldungen mehr verwachsen und deshalb schwieriger aufzufinden sind.

Von neueren Auffindungen des Verfassers dieses Abschnitts (Finanz-Assessor Paulus) bezeichnet derselbe folgende als römische Straßen:

1) Eine Straße, welche unter dem Namen Hochsträß von Aidlingen her (s. auch die Oberamtsbeschreibung von Böblingen) gegen Ostelsheim, das 1/8 Stunde nördlich bleibt, nach Alt-Hengstett und von da aus vermuthlich nach Calw führte, wenigstens kommt zwischen Alt-Hengstett und Calw die seltene Benennung „Hagelweg“ mehrere Mal vor. Von Calw aus würde sie ihren Zug nach Altburg genommen und zwischen Ober-Reichenbach und Würzbach in die alte Weinstraße eingelenkt haben. So viel ist gewiß, daß eine alte Straße von Calw nach Altburg zog, von der man noch deutliche Spuren bei Alzenberg findet.

2) Ebenfalls unter den Benennungen „Hochsträß, Heerstraße“ führt eine von Kuppingen herkommende Straße an Deckenpfronn vorüber, durch den Masenwald, über die Flur „Altenburg“ auf der Markung Gechingen, an dem sogen. Käpele, auf dem römische Grundreste gefunden wurden, vorüber nach Alt-Hengstett und von da vermuthlich nach Möttlingen.

3) Ein alter Heerweg führt von Weil d. St. das Thalacher Thal herauf, weiter durch das Immenthal nach Alt-Hengstett und | vereinigt sich dort mit der von Aidlingen herkommenden Römerstraße (s. oben).

4) Von dem Schloß Waldeck zieht ein alter, theilweise noch gepflasterter Weg unter dem Namen „Hühnersteig“ herauf gegen Alt-Bulach und weiter an Neu-Bulach vorüber, wo man vor einigen Jahren das Straßenpflaster aufdeckte, von hier südlich an Ober-Haugstett vorüber, wo derselbe der Hurdweg genannt wird, über die Flur „Römer“ und nimmt seine Richtung gegen Martinsmoos und von da vermuthlich auf die alte Weinstraße.

5) Die alte Weinstraße, ist nach ihrer Führung auf der Wasserscheide zwischen Enz und Nagold, wie nach dem Umstande, daß einige Römerstraßen gegen dieselbe hinziehen, ohne Zweifel ein Werk der Römer; sie kommt von Besenfeld her, tritt bei Oberweiler in den Bezirk, führt westlich an Hofstett vorüber, zwischen Agenbach und Ober-Kollwangen durch, östlich an Würzbach vorüber und geht bei Siehdichfür in den Oberamtsbezirk Neuenbürg, wo man noch auf große Strecke das alte Pflaster sieht, und weiter nach Pforzheim (s. auch die Oberamtsbeschreibung von Neuenbürg).

Als Überreste abgegangener römischer Wohnplätze werden von demselben Entdecker folgende angeführt:

1) Auf dem sogen. Käpele zunächst an der von Deckenpfronn herführenden Straße (s. oben), etwa 1/4 Stunde südlich von Alt-Hengstett finden sich Spuren von Grundmauern, röm. Ziegel etc.

2) Auf der sogen. Hub, 1/4 Stunde nordwestlich von Ostelsheim wurde im Jahr 1846 bei Anlage der neuen Landstraße ein rund ausgemauerter Brunnen aufgedeckt, in dessen Nähe zuweilen Grundmauern und römische Ziegel gefunden werden; auch sieht man noch eine terrassenförmige Anlage, die beinahe allgemein Stellen zukommt, auf denen römische Gebäude standen.

3) Zunächst Simmozheim, hinter der Ortskirche, ist noch ein ziemlich tiefer Graben sichtbar, in dessen Rücken sich eine Terrasse erhebt; oberhalb derselben finden sich ausgedehnte Spuren von Gebäude-Grundresten, welche sich auf der Oberfläche zur Zeit der Ernte leicht bemerklich machen, auch Bruchstücke römischer Ziegel und Gefässe, worunter ziemlich viele von Sigelerde, werden daselbst gefunden.

4) Auf den Mühläckern zunächst Stammheim werden nicht selten Grundmauern mit dem Pflug erreicht, auch findet man auf dieser Stelle römische Ziegel, Fragmente von Heizröhren, Gefässen, Estrichböden u. s. w.

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B. Deutsche.

Von altgermanischen Grabhügeln befinden sich in dem 1/4 Stunde westlich von Alt-Hengstett gelegenen Walde „langen Löchle“ 8, in dem Ottenbronner Gemeindewald „Oberholz“ 7 und in dem Simmozheimer Gemeindewald „großer Stall“ 7.

Gräber, die einer späteren Periode angehören, als die Grabhügel und schon in den gewachsenen Boden eingesetzt sind, wurden aufgedeckt: 1) am östlichen Ende von Alt-Hengstett; sie enthielten außer den Skeletten alte Waffen, namentlich sogen. Sachse (kurze einschneidige Schwerter). 2) Auf dem nordwestlich von Gechingen gelegenen sogen. Angel wurden im Jahr 1841 zwei Gräber aufgefunden, welche Skelette mit broncenen Ohren-, Arm- und Halsringen, nebst einer schön gearbeiteten Fibula, alte Waffen etc. enthielten. Auf dem gegenüber liegenden Käppelesberg fand man ähnliche Gräber, jedoch nur Skelette und Waffen enthaltend. 3) An der südlich von Ostelsheim gelegenen Mühle wurde ein Grab entdeckt, welches ein Skelett und einen sogen. Sachs enthielt.

Schlösser, Burgen, Burgruinen, Klöster, Kapellen etc., wovon sich mehr oder weniger Spuren finden und worüber in den Ortsbeschreibungen das Nähere zu ersehen ist, befinden sich folgende in dem Bezirk:

Markung Calw, die Burg der Grafen von Calw und die auf dem Rudelsberg.
Altburg, die Burg Altburg.
Alt-Hengstett, an der Stelle der Kirche die Burg der Herren von Hengstetten.
Bergorte, die Burg Fautsberg (Vogtsberg).
Gechingen, die Burg der Herren von Gechingen.
Hirschau, ein Schloß, 2 Klöster und die Bruderhöhle.
Hornberg, die Burg Hornberg.
Liebenzell, die Burg Liebenzell, die Reste eines Klosters oder eines Schlosses auf dem Klosterbuckel (Finkenberg) und der sogen. Burgstall auf dem Steinberg.
Martinsmoos, eine Burg.
Neu-Bulach, 2 Schlösser im Ort.
Stammheim, die Burg Waldeck, das Dickener Schloß und das ehem. noch bewohnte Schloß im Ort selbst.
Würzbach, stand ein Jagdschlößchen in Naislach.
Zavelstein, die Burg Zavelstein.
| Von gänzlich abgegangenen Wohnorten, Burgen etc. sind zu nennen:
Auf der Markung Agenbach soll nach der Sage eine Stadt gestanden sein.
Alt-Hengstett lag der abgegangene Ort Schweichingen.
Hirschau lagen die Orte Gumbrechtsweiler und Nagoldhardt (womit unter andern der Graf Erlafried im Anfang des 9. Jahrhunderts nach einer freilich erst in später Aufzeichnung erhaltenen Nachricht das Kloster Hirschau ausgestattet hatte).
Neu-Bulach, der abgegangene Ort Wöllhausen.
Neu-Hengstett, der abgegangene Ort Schlaichdorn.
Ober-Kollbach, im Walde zwischen Ober-Kollbach und Lützenhardt soll ein Ort gestanden sein, man findet noch Spuren von früherer Agricultur.
Ober-Kollwangen, bei dem Igelslocher Brunnen soll ein Ort Namens Igelsloch gestanden sein, und auf der Bergspitze zwischen dem Angelsbachthälchen und dem Kirchhaldenthälchen stand ein Gebäude, vermuthlich eine Burg.
Ober-Reichenbach soll die Hafelsburg, nach Anderen Habelsburg gestanden sein.
Ostelsheim, in dem Walde Gaissteig soll ein Ort gestanden sein, an denselben grenzt die auf Alt-Hengstetter Markung gelegene Flur „Schweichingen“ (s. oben).
Stammheim, auf dem Domaberg stand ein kleines Gebäude, vermuthlich eine Kapelle.
Unter-Haugstett, der längst abgegangene Ort Weckershausen und auf der Flur „Weiler“ stand ein Wohnort.

Außer den angeführten Stellen kommen auf einigen Markungen Flurbenennungen vor, die auf abgegangene Orte, Burgen etc. hindeuten und zwar auf den Markungen Deckenpfronn: Hörtringen, hohe Bürge, Gechingen: Räderstall, Alteburg, Stammheim: Burg, Schanzenäcker etc.

Der sogen. Landgraben, welcher während des Reichskrieges gegen Frankreich in den Jahren 1689–1697 durch den Markgrafen von Baden, als damaligen Reichsfeldherrn, aufgeworfen wurde (s. | Martens, Geschichte kriegerischer Ereignisse in Württemberg S. 546) zieht aus dem Oberamtsbezirk Leonberg kommend, theilweise noch gut sichtbar an der nördlichen Grenze der Markung Möttlingen, welche zugleich die Landesgrenze gegen Baden bildet, fort, bis zur Einmündung des Haugstetter Bachs in den Monbach, wo sich die Spuren verlieren (s. hierüber auch die Oberamtsbeschreibung von Leonberg).
  1. Beschreibung des O.A. Herrenberg 87. Schmid, Pfalzgrafen von Tübingen 23. 27. Ohne alte Beweisstelle wird ein Graf Anselm den Ahnen der Calwer Grafen beigesellt; wenigstens wird der im J. 1348 längst gestorbene comes de Calw, welcher nach der Urk. vom Sept. d. J. für einen auf dem Wurmlinger Berge zu feiernden Jahrstag eine reiche Mahlzeit gestiftet hatte (Pupikofer Regesten des Stifts Kreuzlingen S. 22), erst noch weit später Graf Anselm von Calw genannt (Crusius Annal. Suev. 3, 115).
  2. 1285 Sept. 27. schenkt Graf Burkhard von Hohenberg (Schwager K. Rudolphs) an Kloster Reuthin seinen Hof in Bulach. 1322 Nov. 24 belehnt K. Ludwig den Grafen Burkhard (den Sohn des vorangehenden) mit dem Berge Bulach. 1355 Sept. 2 erscheinen im gräflich hohenbergischen Erbtheilungsvertrag Bulach die Stadt, Alten-Bulach das Dorf, Waldeck, Haugstett (v. Stillfried Mon. Zoll. 1 nr. 328).
  3. Hiezu gehörten die Pfarrdörfer Unter-Reichenbach und Schömberg, die Dörfer Ober- und Unter-Lengenhardt, Unter-Haugstett, Beinberg, Monakam, Maisenbach, Dennjächt, Ernstmühl (rechts der Nagold), Igelsloch, Schwarzenberg und Bieselsberg, die Weiler Unter-Kollbach, Zainen, Thann und die Thannmühle. Der jeweilige Oberamtmann war zugleich Keller, geistlicher Verwalter, Oberumgelder, Haupt-Wasser- und Landzoller; der letzte wurde im J. 1807 versetzt.
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