Beschreibung des Oberamts Blaubeuren/B 26

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26. Seißen mit Winnenden.

a. Seißen, ein evang. Pfarrdorf auf der Alp, 1 St. westlich von Blaubeuren, mit 545 Einwohnern. Den großen Zehnten hat der Staat, mit Ausnahme von 57 M. wo ihn die Stiftungspflege des Orts hat, und der zehentfreyen Widdumgüter; den kleinen Zehnten und aus 361/2 M. den Heu- und Öhmdzehnten, so wie den Holzzehnten aus den Waldungen des Heiligen bezieht die Pfarrey. Das Spital Blaubeuren hat Gefälle von einem vormaligen Lehenhof.

Der Name des Orts hieß vor Zeiten Sießen, Süßen Süzen, Siuzen; er verwandelte sich sonderbarer Weise in Seißen, da sonst gewöhnlich die umgekehrte Verwandlung von ei in ie statt fand. Der Ort liegt hoch und frey über dem Tiefen- und dem Achthal, und hat auch wenig Quellwasser. Er besitzt Kirche und Schule, einen begüterten Heiligen, eine Ziegelhütte, 2 Schildwirthschaften und 1 Brauerey.

Die (St. Nicolai) Kirche, welche mit einem befestigten, mit einer Ringmauer versehenen Kirchhofe umgeben ist, wurde | im J. 1651, der Kirchthurm im J. 1558 neu gebaut. Die Baulast der Kirche ruht auf der Stiftungspflege, die des Pfarrhauses auf dem Staat. Filiale der Kirche sind Winnenden und dermalen Ober-Schelklingen. Ehemals war auch Berghülen Filial von Seißen (s. Berghülen). Die Pfarrey war 1398, laut päpstlicher Bulle von Bonifacius IX. dem Kloster einverleibt worden. Der Heilige oder die Stiftungspflege besitzt unter Anderem das Schloßgut Günzelburg und ansehnliche Waldungen. Der Ort gehört überhaupt zu den wohlhabenden. Neben einem ausgedehnten Feldbau beschäftigen sich die Einwohner viel mit Weberey und Spinnerey.

Vormals gehörte S. zu dem Kloster-Oberamt Blaubeuren. Schon bey seiner Stiftung hatte das Kloster von dem Grafen Sigiboto von Ruck das Dorf und die Kirche zu „Süssen“ erhalten (s. S. 112). Graf Ulrich von Helfenstein übergab im J. 1290 dem Kloster wegen des diesem von ihm zugefügten Schadens das Vogtrecht über die Kirchen zu Siuzen und Ringingen (s. Ringingen). Um dieselbe Zeit, da das Kloster die Pfandschaft Machtolsheim veräusserte, scheint das Kloster auch Seißen wieder verkauft zu haben. 1397, 2. März, verzichten Jost Bitterlin von Ulm und Guta die Bernerin, Hans Brüstmers (an einem a. O. „Brüst Mayer“) Wittwe auf Süessen das Dorf, Leut und Gut, und auch Leut und Gut zu Ringingen gelegen, so sie von dem Kloster Blaubeuren gekauft, und Heinrich Kraft und seine Frau, Adelheid Nießin von ihnen wieder erkauft, mit Ausnahme einiger von erstern besonders erkauften Güter. Einige Tage vorher schon, 24. Febr., hatten Krafft und seine Ehefrau in der Absicht sich 4 Jahrstage zu stiften, dem Kloster die Verschreibung gegeben, daß das Gut zu Ringingen und zu Seißen, so sie zu einem Leibgeding an sich gekauft, nach ihrem Tode wieder an das Kloster zurückfallen solle, wie es auch geschah. Wie das Kloster von diesem gutmüthigen Ehepaar ein Jahr nachher auch Machtolsheim zu erhalten wußte, ist schon bey Machtolsheim bemerkt. Durch einzelne Erwerbungen kam das Kloster später vollends in den Besitz des ganzen Dorfs.

| In dem 30jährigen Kriege wurde Seißen sammt der Kirche ganz eingeäschert.

Günzelburg, welches oben als Besitzung des Heiligen zu S. genannt wurde, war ein Schloß, das am Rande des Gebirgs, gegen das Achthal auf steilen Felsen über dem Dorfe Weiler stand. Man sieht jetzt nur noch wenige Mauern davon. Der Name rührt vielleicht von Cunz, Cünzle her, man findet ihn auch Cünzelburg geschrieben. Die Burg wurde sammt den dazu gehörigen Gütern, 1464, von Ulrich von Westerstetten an das Kloster Blaubeuren und von diesem, 1465, für 140 fl. an den Heiligen zu Süßen verkauft (vergl. Weiler).

b. Winnenden, ein evang. Weiler auf der hohen Alp, an der Landstraße nach Urach, 1/2 St. nördlich von Seißen, und Filial der Kirche daselbst, mit 36 Einwohnern. Den großen Zehnten hat der Staat, den kleinen die Pfarrey. Der Name wird, wie der von der Stadt Winnenden, verschieden, am häufigsten Winneden, Winnenden geschrieben gefunden.

Der Weiler besteht aus 4 (früher 2) mit einer Mauer umgebenen Bauerhöfen und einem an der Straße gelegenen Wirthshause. Er gehörte vormals dem Kloster Blaubeuren, und wurde vor der Reformation von einem Klostergeistlichen verwaltet. An das Kloster wurde er von der Familie der Pfalzgrafen von Tübingen gestiftet. S. 112. Doch verkaufen noch im J. 1320 die Gebrüder Friedrich, Ulrich und Joß von Apfelstetten ihren Hof Winnenden um 30 Pfd. an das Kloster. Über den Erdbruch bey Winnenden s. S. 25.


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