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Berge, Pässe und Menschen des Tiroler Aufstandes

Textdaten
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Autor: Otto Banck
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Titel: Berge, Pässe und Menschen des Tiroler Aufstandes
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 51, S. 810-815
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Alpenbilder.
Von Otto Banck.
2. Berge, Pässe und Menschen des Tiroler Aufstandes.

In der letzten Zeit ist die Route zwischen Salzburg und Gastein zu einer wahren politischen Heerstraße, zu einem Touristenweg der Diplomatie geworden; doch so heilkräftig und anregend das Wasser des Wildbades wirkt, so erwies es sich doch nicht stärkend und gesundmachend für die Pläne und Unterhandlungen, die an seinem Quell gepflogen wurden. Die vierspännige Extrapost mit dem lustig blasenden Postillon hat auf dem romantischen Pfade durch den herrlichen Paß Lueg, welcher den Glanzpunkt der von Salzburg nach Gastein führenden Straße bildet, gar manchen staatsmännischen Kopf, das eine und das andere hohe Haupt ebenso rathlos wieder zurückgefahren, als sie angekommen waren.

Vor fast zwei Menschenaltern bewegten sich auf dem nämlichen [811] Terrain, durch denselben Paß der Salzburger Alpen, Männer hin und her, die sich ebenfalls, aber freilich in ganz anderer Weise, mit dem Heil des Vaterlandes beschäftigten. Es waren Gestalten des Volkes, ohne Macht, ohne einflußreiche Stellung. Aber über eine weittragende Macht geboten sie, über jene gewaltige Macht der Begeisterung, welche ihres Sieges gewiß ist, und wenn es auch nur der Sieg des schönen Beispiels wäre. Es waren nicht Männer der langen Rede mit kurzem Sinn, sondern Männer der großen patriotischen That von wenig Worten: die Tiroler Vaterlandsvertheidiger von 1809.

Wie lebhaft trat mir dies denkwürdige Jahr 1809 vor die Seele, als ich auf jener Bergstraße die schöne Wanderung von Golling nach Werfen in Begleitung eines befreundeten Mannes zurücklegte, dessen Dasein um mehr als ein Menschenalter weiter als das meine in die hinter uns liegenden Zeiten der Eltern und Großeltern zurückragte! Ein alter, silberhaariger Tirolergreis in ungebeugter Rüstigkeit, in Geist und Herzen wetterfest, wie der Fels seiner Berge, aber als ein im Auslande fortgebildeter Mann der Wissenschaft vorurtheilsfreier, als viele seiner im Wahne der „Glaubenseinheit“ befangenen Brüder. Er war unter den Vaterlandsvertheidigern gewesen, die unter Hofer’s Leitung gegen die französisch-baierische Macht ihr Blut so opferfreudig vergossen. In seinem Gedächtniß spiegelten sich die Thaten und Begebenheiten jener Epoche mit den Farben der Wahrheit ab.

Die Bilder der Erinnerung schweben für den Eingeweihten, der sie zu sehen vermag, auf allen Fluren des Tiroler und Salzburger Landes, soweit dasselbe von den Kriegsereignissen berührt wurde. Zunächst jedoch war es für uns die schöne, prangende Natur der stolz-frohen, weithin ragenden Gebirgswelt, die unsern Genuß in Anspruch nahm. Der tiefblaue Herbsthimmel hing wie ein lachendes Zelt über die weiten, grünen Thalmatten von Golling, und die Salzach kam, ein lebendiger Wegbegleiter, fröhlich rauschend da herab, wo zu klüftigen Bergschwingungen der Blick des Wanderers hinaufdringt.

Der Salzachbach hat sich tief in das Flötzkalkgebirge eingewühlt; in Urzeiten bildete er einst in Pongau, jenseit Werfen, einen See, bis er die Kluft weiter und weiter im Laufe der Jahrtausende auswusch und, nach Norden strömend, sich sein Bett in der Salzburger Ebene schuf.

Hinter Golling tritt man in den eigentlichen Paß Lueg ein, der das Innere der Gebirgswelt erschließt. Zuvor aber übersieht man ein großartiges Gemälde, gebildet von den schroffen Wänden des 7600 Fuß hohen Tännengebirges, welches sich von dem westlich darangrenzenden Hagengebirge scheinbar mit solcher Gewalt losgerissen hat, daß sich beide Massen, in wildromantische Zacken zerklüftet, schroff und felsengipfelig entgegenstarren. Zu diesem Einschnitt hinein zieht sich der imposante Weg des Paß Luegs, in den Senkungen seiner steil abfallenden Berge wild und prachtvoll decorirt vom Dunkelgrün der spitzen Tannen, von Farrenkraut und Steinmoos, vom hellen, herbstlich gelben Laub der Buchengebüsche, die mit dem braunen Ahorn drastisch abwechseln. Es ist eine immer sich verschiebende Coulissenscenerie. Die Stauden der üppig wuchernden Hagebutte hängen mit ihren glanzrothen Früchten von den steinigen Wänden herab und werden nur überboten von der hellen, schreienden Scharlachfarbe der Berberitzenbeere, deren federbuschartige Trauben das Auge blenden im hellen Sonnenschein. Dahinter der grünblaue Dufthauch der aufsteigenden Berggipfel und tief unterhalb der Straße das bald klare, stillfließende, bald über Steine dahintosende grünweiße Wasser der Salzach! Immer enger wird die eigentliche Paßclause, bis die Felsen, die den Fluß einschließen, sich endlich nur noch in einer Entfernung von fünfundzwanzig Schritten gegenüberstehen. Bald am Eingang und so ziemlich am höchsten Punkt der Straße hat man die alten Befestigungsbauten in etwas verbesserter Art wieder eingerichtet, so daß bei guter Vertheidigung nicht leicht ein feindlicher Durchgang möglich ist. Hier befindet sich auch eine Höhle, das Kroatenloch genannt, weil sie 1742 diesen Kriegerschaaren zur Befestigung diente. Der eigentliche Paß zieht sich in ungleicher Enge zwei Stunden lang dahin und bietet oben bei der einsamen Capelle Brunegg die dankbarste Uebersicht dar, besonders auf die altersgrauen Steinwände des Hagengebirges.

Mein hochwürdiger Begleiter, dessen nicht unbekannte Person von Manchem errathen werden mag, schritt schweigend neben mir her; aber was ihn in sich gekehrt machte, konnte nicht die drückende Gluth der Sonne sein, denn diese war lange schon gebrochen, indem sie weiße Wolkennebel aus den feuchten Bergen hatte hervordampfen lassen, mit ihnen den Himmel mehr und mehr umschleiernd. Es war die Erinnerung, die den alten Mann mit ihrem ebenso schmerzlichen, wie erhebenden Gefühl an das Innenleben fesselte und ihn abzog von den sonst so mächtigen Eindrücken der Außenwelt. Als wir oben auf der Paßhöhe ausruhten, brach er das lange Schweigen.

„Nicht gar weit von hier,“ sagte er, „liegen im tiefen Flußbette der Salzach merkwürdige, vom Gebirge herabgestoßene Felsblöcke, auf welchen man vermöge künstlich angebrachter Wege und Stege umherklettern und bewundern kann, wie sie umbraust und umzischt werden von der wilden Wasserfluth. Diese von Baum und Moos bewachsenen Trümmer tragen den unerklärbaren Namen ,die Oefen’ und locken wohl manchen Reisenden an. Ich habe mich nicht entschließen können, Sie dorthin zu führen, denn diese Schlucht im Paß Lueg ist in gewissem Sinne mein Kirchhof. Nur einmal saß ich auf jenen Felsblöcken in der Abendstunde, umbraust von den wilden Fluthen. Ein tiefes Grauen erfaßte mich, denn ich hatte ein Recht, mir einzubilden, an diesen Felsen seien dereinst die Gebeine meines unglücklichen Vaters zerschmettert, der im Paß Lueg mit manchem Biedermann den Heldentod für das Vaterland fand.“

„Es geschah das an einem für mich unglücklichen, für Tirol glücklichen Kriegstage, am 25. September,“ fuhr der alte Herr mit erhobener Stimme, mit lebendig aufleuchtenden Augen fort. „Solcher Aufschwung, solche höchste Anspannung von Kraft kann in jedem Jahrhundert nur Einmal über einen Volksstamm kommen, um dann von einer längeren Ruhe abgelöst zu werden. Es ist eine maßlose psychische und physische Reibung der Kräfte, wobei sich aller vorhandene Lebensmuth wie ein elektrischer Strahl entladet. Mein Vater war ein Freund des Rothbartes, des merkwürdigen Krieger-Mönches Haspinger, der schon in seinen dreißiger Jahren auf seine Umgebung eine solche Macht der Beredsamkeit ausübte, daß nur Wenige seinem Aufruf zum Kriegszug widerstanden. Und doch war dieser Mann keineswegs ein phrasenhafter, salbungsvoller, bilderreicher Sprecher, wie so viele seines Standes, die Alles durch das Wort hartnäckig durchzusetzen wissen. Nicht wie ich ihn später oft und viel gesehen, als er Pfarrer zu Traunfeld war, als er zu Hietzing oder zu Salzburg in seinem späten Alter lebte, steht er vor mir, diese nachfolgenden Eindrücke gehen alle in dem ersten auf: ich sehe ihn im Geiste immer und immer vor mir, wie er 1809 als Feldprediger in unsere friedliche Behausung trat, meinen Vater begrüßte und, dessen Hand mit der Rechten festhaltend, mit der Linken das Crucifix emporhob und ihn mit dem ernsten, aber ebenso verzückten wie feierlichen Blick in die Augen sah. ,Wenn Dir Das heilig ist, Toni, und der Herr ruft Dich, so mußt Du kommen und wirst leben, ob Du auch stirbst. Denn die da bleiben, werden sterben und verloren sein, ob sie auch leben in Ruhe und Ueberfluß.’[1] Jenen Blick vergesse ich nie! Es lag in diesen Augen so viel unumstößliche Ueberzeugung für das, was der Mund sprach, daß diese Ueberzeugung, vom Ton der Rede gehoben, auch auf die Massen berückend und ansteckend wirkte, obschon die Worte vielen verständigen Widerlegungen Raum boten. Das Volk wurde somit durch das überzeugt, wodurch es sich am leichtesten und liebsten überzeugen läßt: durch die sympathische und doch zugleich tyrannische Wirkung der Persönlichkeit.

Auf einen Wink meines Vaters verließen wir Andern, meine Mutter, ich und meine Geschwister, das Zimmer. Haspinger folgte uns bald, und darauf nahm mein Vater seinen Stutzen von der Wand, und nachdem er mit meiner Mutter gesprochen, die viel weinte, und uns Allen ,Behüt’ Euch Gott!’ gesagt, verließ er schon gegen Abend unsern Hof. Nur wenige Tage konnte ich es daheim aushalten, denn alles junge, kräftige Volk zog den Compagnien zu. Ich war schon zwanzig Jahre alt und da mich meine Mutter nicht fortgelassen haben würde, so schlich ich heimlich fort und ein älterer Camerad, der bei dem Meraner Hauptmann Peter Thalguter stand und mit diesem nach St. Johann ging, nahm mich dieses Weges mit. Dort versammelten sich damals viel Schützenmannschaften um ihren Oberanführer Joseph Speckbacher.

Der galt mir, da ich ein Jüngling war, als Ideal, und jetzt, da ich ein Greis bin, muß ich mit kalter Ueberlegung, mit

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Die Gartenlaube (1865) b 812.jpg

Die hohe Tänne.
Nach der Natur aufgenommen von Blumauer.

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Die Gartenlaube (1865) b 813.jpg

Der Paß Lueg.
Nach der Natur aufgenommen von Blumauer.

[814] ruhiger Bewunderung sagen: er ist ein Mann, er ist ein Heros gewesen, unvergleichlich in seiner Mannestugend für alle Zeiten. Die Griechen, die Römer, die alten Germanen, die Eidgenossen der Schweiz, alle tapferen Kriegsvölker der Geschichte würden seinem Heldenmuth den Lorbeer der Verehrung gereicht und ihm ein Monument der Poesie gesetzt haben. Er ist aber nur ein Tiroler Bauernanführer gewesen, und wenn man auch seine merkwürdigen Thaten nicht geringschätzig übersehen hat, was nur von Wien aus geschah, so begnügte man sich doch am meisten damit, als ein wunderbaren Exempel anzustaunen, wieviel riesenmäßige Strapazen sowohl sein Körper wie sein Geist vertrug, ehe er allmählich zusammenbrach. Diesem großen, starren, spröden, aber durch und durch edelmüthigen Charakter war es wie so vielen andern Tirolerhelden heiliger Ernst, die Unantastbarkeit des Vaterlandes zu retten, und wenn sie dabei zugleich für das Haus Oesterreich mit einer unterwürfigen Anhänglichkeit in’s Feuer gingen, die weder durch die Geschichte gerechtfertigt, noch mit den Begriffen echter staatlicher Freiheit zu vereinen war, so verkleinert doch dies die Größe ihrer Thatkraft und die Reinheit ihres Strebens nicht.

Damals war nun hier die Salzburger Alpengegend das Hauptkampfterrain. Der französische Marschall Lefebvre führte das Obercommando über unsere Feinde, und trotzdem der Kronprinz Ludwig von Baiern manchen verständigen Gegenrathschlag geltend zu machen suchte, wurde durch den französischen General, der sein bequemes Hauptquartier in Salzburg hielt, den tapfern baierischen Truppen eine sehr unvortheilhafte Stellung in den Bergen angewiesen. Sie lagen besonders vertheilt und eingezwängt in dem Theile, in dem wir uns befinden, in dem der Salzach, und drüben in jenem der Salach, welches von Reichenhall nach Lofer hinführt. Sie konnten umgangen oder durch Paß-Ueberrumpelungen auseinander gesprengt werden.

Hierauf gründete das Talent Speckbacher’s, durch die höchste Terrainkenntniß unterstützt, einen ausgedehnten strategischen Kriegsplan. Es sollte auf vier Punkten zu gleicher Zeit operirt werden; sieben Compagnien Tiroler wurden über die Moosalpen in’s Unkener Seitenthal geschickt, damit sie bei Unken in’s Salachthal einbrechen konnten. Eine andere Abtheilung ward gegen den Steinpaß bei Unken dirigirt, um den Feind in die Seite zu fassen. Den offenen Beginn des Kampfes über den Strub- oder Loferer Hauptpaß wollten Speckbacher und Thalguter mit den Unterinnthaler und Meraner Mannschaften selbst übernehmen. Das Pinzgau’sche Tauernvolk hatte Wallner zur Erstürmung des Passes Laftenstein zu commandiren, und der Capuzinermönch Haspinger sollte mit seinen Innsbruckern den Paß Lueg zu erobern suchen.

Es war in der Nacht zum 25. September, als auf den Bergspitzen Feuerzeichen loderten, ein Signal für die losbrechenden Tiroler. Ich stand unter Speckbacher am Strub-Passe, und unser Hauptmann Blatzl aus Pillersee führte uns zum Angriff gegen die Truppen des Grafen Waldkirch. Das Bataillon zog sich, von mehreren Seiten bedrängt, nach Unken zurück, ein furchtbarer Retiradenkampf in einem sehr schmalen Thale mit herabhangenden Waldrändern, aus denen überall versteckte Schützen ihre Stutzen abfeuerten und andere sogar auf die Straße herabdrangen, um die Truppen in Unordnung zu bringen. Nach zwei Stunden endlich erreichte der Feind Unken, wo er noch mit wahrer Verzweiflung die halbzerstörte und von den Bauern vertheidigte Brücke nehmen mußte.

Ich will den Kampf nicht weiter erzählen; er wurde fast ganz in der Ordnung ausgeführt, wie ihn Speckbacher ersonnen hatte: Unsere Feinde, die Baiern, bewährten sich voll unverwüstlicher Tapferkeit in diesem ganzen unglücklichen Kriege, in dem, ohne jede Spur von materiellem oder idealem Gewinn, Brudervolk gegen Brudervolk sich zerfleischte. An Scenen entfesselter Leidenschaft und blinder Rachewuth fehlte es nicht, aber es zeigte sich dabei, daß die erhitzten Gemüther der Tiroler immer noch leichter zur Großmuth umzustimmen waren, als die der baierischen Soldaten, welche ihre militärische Ehre durch den Muth und das Kriegsglück der Bauern gekränkt wähnten. Auch die gemsenartige Schnelligkeit im Springen, Klettern, Verfolgen, im geschickten Rückzug, sowie die Ausdaner und gewaltige physische Körperkraft waren auf unserer Seite. Ich glaube, daß hiervon keine größeren Beispiele bei Murten und Sempach durch die alten riesigen Schweizer gegeben sind, als sie die Helden Tirols gaben. Hans Roth aus Hall hatte solche Stärke, daß er einst in einem Scharmützel zwei völlig armirte Soldaten in’s Genick packte und so stark gegeneinander stieß, daß sie todt zur Erde stürzten. Als es bei einer andern Gelegenheit galt, eine gedrängte militärische Colonne anzugreifen, packte er mit jeder Hand einen auf dem Wahlplatz liegenden todten Soldaten und stürzte sich mit der Last dieser beiden Leichen, sie wie ein Schild vorhaltend, ein zweiter Arnold von Winkelried. mit so heftigem Ansturm gegen die feindliche Linie, daß er der Freiheit eine Gasse gewann.

Aehnliche Beispiele ließen sich noch manche erzählen; Vieles habe ich selbst gesehen und mehr noch von glaubwürdigen Waffengefährten gehört, und was kommen dazu für Entbehrungen, für Züge der Ausdauer, der Enthaltsamkeit, der Langmuth, der kaltblütigen Mannheit, dem Tode mit Verachtung wochenlang auf der Flucht in Schnee und Wintersturm, in ruhelosem Verfolgtsein kaltblütig in’s Auge zu sehen!“

„Ja, ja,“ sagte der alte greise Mann und richtete sich hoch auf mit schönem, freudigem Selbstgefühl, das ihn von innen her warm verjüngte, „glaubt es nur, Ihr da draußen, die Ihr in Mitteldeutschland und fern am Ufer der See wohnt und Euch rühmen dürft, Mark und Seele in Euch zu haben: auch in den Männern Tirols steckt nach wie vordem noch Seele und Kraft und urdeutsches Gemüth! Wenn wir in unserm Lande Tirol erst haben werden, was Ihr da draußen habt, den Segen geistiger Bildung unter den Massen des Volkes, diesen Gnadenquell, der stark und reich und unabhängig macht von allem Uebermuth der List und Gewalt, wenn wir frei sind vom Zelotismus finsterer und ungebildeter Pfaffen, dann werden wir stark und fest dastehen in der selbstbewußten Lebensfreude der aufgeklärten Intelligenz, wie unsere Berge im Sonnenlicht. Bis dahin aber habt Geduld mit unsern Schwächen und ertragt uns, wie wir, ein armes Land, geduldig so viele Entbehrungen und bittere Täuschungen des Schicksals ertragen haben.“

Wir schüttelten uns die Hände, der Süden und der Norden, mit herzlichem altdeutschem Druck. Der edle Greis stand auf zum Weiterwandern; von seinen eigenen Waffenthaten hatte er kein Wort erwähnt, und ich wußte doch, wie glänzend sie von Anderen gepriesen waren – ein echter Tiroler Mann voll einfacher Bescheidenheit. Ich mochte ihn nicht daran erinnern, um sein Gefühl nicht zu kreuzen.

„Aber der Tod Ihres unglücklichen Vaters im Passe Lueg?“ fragte ich.

„Er war ein so einfaches Ereigniß,“ erwiderte er, „wie die Erstürmung des Passes selbst. Beide nur Folgen des Opfermuthes, aber mit entgegengesetztem Resultat. Haspinger hatte salzburgisches Landvolk aufgeboten, der Innsbrucker Hauptmann Harrasser mit seiner Compagnie begleitete ihn und der tapfere Wirth von Stegewalden, hier dicht in unserer Nähe, unterstützte ihn mit Heldenmuth und Verschlagenheit. Der Kriegszug ging über das Tännengebirge und über die Abtenau und gerade an demselben Tage, an dem wir unter Speckbacher das Salachthal von Feinden frei machten, gewann der feurige Rothbart nach furchtbarem Kampfe diese Paßenge. Mein Vater wagte sich zu weit in’s Vordertreffen und wurde abgeschnitten. Verwundet rang er mit drei Feinden, wobei er endlich zu Boden stürzte und seine Waffe verlor; dennoch raffte er sich wieder unter seinen Gegnern empor und da die äußere militärische Linie von den Tirolern bereits vernichtet war, suchte er zu diesen hin zu entkommen. Doch nach wenigen Sätzen holte den durch einen Stich Gelähmten der eine von seinen Gegnern ein und hing sich an seine Kleidungsstücke fest; schon kamen die Anderen mit geschwungenem Säbel: da packte der Waffenlose seinen Mann und sprang mit ihm in die Salzach hinab. Das Wasser schlug an der tiefen Stille über Beiden zusammen, und wenige Secunden darauf sahen befreundete Waffenbrüder ihn ohne seinen Gegner wieder auftauchen und dem Ufer zuschwimmen – da sank er plötzlich, von einem Schusse getroffen, unter und seinen Leichnam hat man niemals wieder gesehen. Haspinger aber verfolgte den General Stengel bis beinahe nach Salzburg und eroberte auf diesem Zuge Hallein.“

Stiller zogen wir unseres Weges weiter, der Himmel war wieder blau und frei. Es ging am Blühenbach vorüber, welcher der Salzach die Gletscherwasser der Uebergossenen Alm bringt, und weiter auf der überraschenden Straße dahin an dem stattlichen Schlößchen Hohenwerfen und endlich hinein in den Flecken Werfen selbst.

[815] Wie war der Tiroler Wein so kühlend und wie prangte drüben der Hohenwerfener Bergkegel am Tännenzug und der Stuhlwandkogel so hoch und leuchtend im Sonnengold des späten Nachmittags, von lilagrauen Schatten duftig modellirt! Harmonisch lag es da, das stolze, glanzumgossene Berggebilde, und wir priesen noch eininal das Licht, mag es ruhen auf dem schönen Antlitz der Natur oder auf dem Antlitz des Menschengeistes und der Nationen.



  1. Im Pusterthaler Dialekt gesprochen.