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Titel: Beim Ausstopfer
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aus: Die Gartenlaube, Heft 22, S. 364
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[361]
Die Gartenlaube (1880) b 361.jpg

Beim Ausstopfer.
Originalzeichnung von Fritz Keller.

[364] Beim Ausstopfer. (Mit Abbildung S. 361.) Die Jugend hat ihre Schmerzen und Sorgen so gut, wie die Welt der Erwachsenen, und wenn dem großen Menschen solch ein kindlicher Jammer zumeist höchst komisch vorkommt, er lastet darum doch mit derselben ernsthaften Schwere auf dem kindlichen Gemüth, wie ein großes Leid auf Jenem. Es ist eben alles nur relativ in der Welt, Wahrheit, Tugend, Schönheit – alles, und darunter auch der Begriff Unglück. Was eine souveraine Würdigung der Dinge mit einem Schnadahupfl abthut:

Fritze Stieglitze, der Vogel ist todt,
Er liegt auf dem Rücken und frißt gar kein Brod –

das kann ein Kindergemüth auf's Tiefste erschüttern, mehr selbst, als der Tod eines Familienmitgliedes. Jede Trennung wirkt naturgemäß nun so schmerzhafter, je innerlicher die Bande waren, welche sie zerriß, und es ist nichts so Unnatürliches, daß ein Kind sich innerlich fester an einen kleinen Spielcameraden aus der Thierwelt anschließt, als an einen seinem Innenleben fremd bleibenden Menschen. Man frage ein kleines Mädchen, was es lieber verschenken will, seine Lieblingspuppe oder einen größeren Bruder – selbst diese Lieblingspuppe wird ihr als das Unentbehrlichere erscheinen, eben weil dieselbe mit ihrem ganzen Denken und Fühlen tiefer verwachsen ist, und so offenbart die ungeschminkte Kindesnatur ein Naturgesetz, an welchem der Psychologe nicht achtlos vorbeigehen kann.

Das jugendliche Paar auf unserem Bildchen versank nicht in seinem Kummer. Es gilt eine monumentale That, und so erscheint es denn mit dem theuren verstorbenen Piepmatz beim Ausstopfer, etwa wie weiland eine ägyptische Familie in Trauer bei dem Mumienbesorger, in der Absicht, dem todten Liebling die letzte Ehre einer mit Werg ausgefüllten Unsterblichkeit zu verschaffen. Auf dem halb lächelnden Gesicht des würdigen Künstlers schwebt freilich, wie es scheint, die für den Erfolg des Besuches bedenkliche Frage: „Wer bezahlt's?“ Unserm Mitleid zuliebe wollen wir indeß hoffen, daß er's diesmal nicht so genau nimmt.