Textdaten
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Autor: Ernst Pasqué
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Titel: Beethoven in der Klemme
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 50, S. 846–848
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[846]
Beethoven in der Klemme.
Eine Fidelio-Episode von Ernst Pasqué.

Es war im Sommer des Jahres 1805. Beethoven hatte den Auftrag übernommen, für das damals unter kaiserlicher Verwaltung stehende Theater an der Wien eine Oper zu komponiren, und war mit aller Lust, sogar mit Begeisterung ans Werk gegangen, denn in dem von Bouilly verfaßten Buch der Gaveauxschen Oper: „Léonore, ou l’amour conjugal“ glaubte er gefunden zu haben, was er schon so lange gesucht: eine wirksame dramatische Handlung in einer Ausführung, die seinen künstlerischen Regungen zusagte und seinem eigenen Empfindungen entsprach. Bouillys Buch war von Joseph Sonnleithner, Sekretär des Hoftheaters, wörtlich, Scene für Scene übersetzt worden und Beethoven hatte in einer ihm im Theater an der Wien eingeräumten Wohnung seine Arbeit begonnen, die nach vielen schweren Kämpfen und Wehen eines seiner Hauptwerke, sein einziges Bühnenwerk, doch dafür „ein Löwe“ werden sollte. Im Sommer siedelte er mit der begonnen Partitur nach dem hübschen stillen Hetzendorf über, dort seine „Leonore“, denn so, und wie das französische Originalbuch, sollte die Oper heißen, zu vollenden.


* * *


In seinem Stübchen saß der Meister am Klavier bei der Arbeit, das Fenster ihm zur Seite weit geöffnet. Die helle Morgensonne drang in den einfachen, von dichten grünen Rebenblättern und Ranken umzogenen Raum, der die Geburtsstätte eines der herrlichsten Meisterwerke der Opernbühne werden sollte. Draußen herrschte eine feierliche Ruhe, denn es war Sonntag und das Haus, in dem Beethoven zwei kleine Stübchen bewohnte, lag dem Park des kaiserlichen Lustschlosses nahe, in dessen einsamen Alleen der Meister so gerne, seinen Gedanken nachhängend, wandelte. Beethovens Augen leuchteten, denn wundervolle Melodien und Harmonien entlockten seine Finger dem einfachen Instrument, die er theilweise aus den aufgelegte Notenblättern abzulesen schien. Es klang wie ein vielstimmiger Jubelgesang, der nur der neuen Oper „Leonore“ angehören konnte.

Da öffnete sich während einer Pause die Thür und mit einem fröhlichen „Grüß Gott, Ludwig!“ trat Stephan von Breuning, Beethovens Jugendfreund und jetziger geduldiger Genosse, in die Stube. Beide hatte bis noch vor kurzer Zeit in dem Esterhazyschen „Rothen Hause“ zusammen gewohnt, sich dann entzweit, bis der mürrische Beethoven sein Unrecht eingesehen und sich reumütig wieder dem treuen Freunde genähert hatte.

„Was hast Du da gespielt, eine Phantasie oder gehört’s zu Deiner Oper?“ rief Breuning, der wohl draußen gehorcht hatte, mit hellem Enthusiasmus.

„Setze Dich daher, Steffen, und höre das letzte Finale meiner ‚Leonore‘,“ entgegnete Beethoven, nur mit diesen Worte den Gruß des Freundes erwidernd, denn seinen Blick hatte er nicht von den Noten abgewendet und durch die Störung nichts von seiner begeisterten Erregung verloren. „Ich habe den Entwurf soeben zu Ende gebracht und Du sollst der erste sein, der das ganze Finale hören wird. – In wenigen Tagen ist es instrumentirt und dann auch bald die ganze Partitur fertig. Höre! – Doch unterbrich mich nicht! Hast Da eine Bemerkung zu machen, so warte damit, bis ich zu Ende bin.“

Nicht wenig erwartungsvoll ließ sich Breuning auf einen Stuhl in der Nähe Beethovens nieder, so, daß er auch die Notenblätter im Auge behalten konnte. War des Meisters Notenschrift auch meistens hieroglyphisch, so vermochte er sie doch, durch langem Uebung dazu befähigt, wo es nur irgend anging, zu entziffern. Beethoven spielte. Ohne dem Freunde nur einen Augenblick der [847] Vorbereitung zu gestatten, hatte er bei dem Chor des Volkes: „Heil sei dem Tag! Heil sei der Stande!“ begonnen und sonder Unterbrechung ließ er ihn das ganze große Finale, theilweise sogar mit vollem Text, hören, bis zu den letzten Takten des Jubelchors: „Wer ein solches Weib errungen!“ Als er endlich die Hände sinken ließ, sich in den Stahl zurückwarf, um den Schweiß, der seine mächtige Stirn bedeckte, abzutrocknen, da sprang Breuning von seinem Sitz empor. Sein Auge flammte, seine Brust senkte und hob sich vor heftiger Erregung, und keine andern Worte vermochte er im ersten Augenblick zu finden als: „Herrlich! herrlich! ergreifend herrlich!“ Dann umarmte und küßte er den Meister.

„Du bist also mit der Komposition zufrieden?“ sagte Beethoven, der aufgestanden war und jetzt, um sich Luft zu machen, die Stube zu durchwandern begann. „Hast mir keine Bemerkung zu machen?“

„Wunderbar! Himmlisch schön! Der Schlußgesang ist ein Jubelhymnus, wie noch nie – niemals ein gleicher auf der Bühne – ich möchte wohl sagen im ganzen Reich der Töne erklungen!“ Also antwortete Breuning noch immer in voller Begeisterung. Dann umschlang er des Meisters Schultern, drückte ihn sanft wider seine Brust und sagte nun mit leisem, innigem Ton, während seine Augen naß werden wollten: „Und ein Mann hat ihn mit seinem Herzen gesungen – der bis jetzt noch kein Weib gefunden, das er in gleichem Sinne sein eigen nennen darf. Armer Freund!“

„Laß das!“ fuhr Beethoven wild, mit dem Ton eines grollenden Löwen auf, zugleich die Arme des Freundes, der sich wohl vergessen hatte, von sich abschüttelnd. „Sage mir lieber, was Du auszusetzen hast, es wäre ja ein Wunder, wenn nichts derartiges auf Deinem Herzen lastete.“

„Nun denn, wenn Du es durchaus willst,“ entgegnete der andere, durch des Meisters rauhe Weise etwas abgekühlt, „so will ich Dir eines sagen, was mir aufgefallen ist. Ich bemerkte eine Stelle Roccos, im Beginn des Finales, der Du nach meiner Ansicht eine wirksamere Betonung hättest geben können, die dabei auch ganz bestimmt die richtigere sein würde.“

„Ah! das wäre! – Da liegen die Noten – zeige mir die falsch betonte Stelle!“

Breuning schlug die Blätter zurück, und als er endlich gefunden, was er gesucht, deutete er auf die Noten und sagte: „Hier ist’s, schau nur her! Rocco sagt zu dem Minister, als Schluß seines Berichtes über den Hergang im Kerker:

‚Nur euer Kommen rief ihn (den Mörder Pizarro) fort!‘

Die Scansion dieses Verses hast Du, wie alles was ich gehört, richtig, oder doch regelrecht behandelt, aber mir scheint, daß Du gerade an dieser Stelle von dieser Regelrechtigkeit hättest absehen müssen. Denn deutlicher und wirksamer wäre es auf alle Fälle gewesen, wenn Du das unscheinbare Wörtchen ‚Nur‘, das sich auf das Kommen des Ministers bezieht, was nach meiner Ansicht hier allein den Ausschlag giebt, mehr hervorgehoben und deklamirt hättest:

Nur euer Kommen rief ihn fort.‘“

„Hm, hm!“ brummte Beethoven gedankenvoll vor sich hin, „das wäre zu überlegen.“ Dann sprach er hastig, abgerissen und ohne aufzublicken: „Doch laß mich jetzt! – Gehe einstweilen in den Park, in einer halben Stunde bin ich bei Dir, dann wollen wir eine Promenade machen. – Ich sehne mich nach freier Luft – meine hier zu ersticken.“

Breuning, der Beethovens Eigenheiten hinlänglich kannte, entfernte sich ohne viele Worte und schritt dem Eingang des kaiserlichen Parkes zu. Der Meister war wieder allein. Eine ganze Weile blieb er brütend und unbeweglich, die Augen starr auf die Noten gerichtet, vor dem Klavier sitzen, kaum verständlich ein über das andere Mal vor sich hinmurmelnd: „Nur euer Kommen – Nur euer Kommen – rief ihn fort!“ – Endlich rief er laut: „Der Satansjunge hat wahrhaftig recht! es klingt besser, wirksamer und ist dabei auch richtiger.“ Zugleich nahm er die auf dem Klavierdeckel bei der Tinte liegende Feder, durchkreuzte mit kräftigen Strichen die Stelle und schrieb sie sofort in der neuen Lesart in kaum zu enträthselnden Noten und Worten am Rande des Blattes nieder. Dann versank er aufs neue in sein früheres Brüten.

Die halbe Stunde – wohl eine ganze! – war vergangen und Beethoven hatte Breuning und sein Versprechen, ihn im Schloßpark aufzusuchen, längst vergessen. Da klopfte es an der Thür, die sich auch sofort öffnete – denn ein „Herein!“ des unbeweglich dasitzenden Meisters wäre nicht erfolgt! – und in die Stube traten ein Herr und eine Dame in gesetztem Alter in der damaligen modischen Tracht der besseren Gesellschaftsklasse. Es war Joseph Sonnleithner und Frau Nanette Streicher, die sich schon damals in ihrer frischen, freundlichen Weise der etwas unordentlichen Junggesellenwirthschaft Beethovens thatkräftig angenommen hatte.

“Schönen guten Morgen, Herr von Beethoven!“ rief Frau Streicher schon beim Betreten der Stube mit lachendem Gesichte und fröhlichem Ton. „Muß mich doch wieder einmal nach Ihnen umsehen, und da heute ein heiliger Sonn- und Festtag ist, so darf dies wohl auch geschehen, ohne daß man befürchten müßte, den Meister in seiner Arbeit zu stören.“ Dabei war sie auf Beethoven zugetreten und hatte ihm so kräftig und anhaltend die Hand gedrückt und geschüttelt, als ob sie ihn mit Gewalt aus seinem Träumen hätte aufwecken wollen.

Sonnleithner hatte während dieser redefertigen Begrüßung nur eine ceremonielle Verbeugung anbringen können, nun aber sagte er: „Und ich komme im Auftrag meines Chefs, des kaiserlichen Hofoperndirektors Herrn Baron von Braun, mich bei Herrn von Beethoven nach dem Stande unserer Oper ‚Fidelio‘ zu erkundigen.“

„Nichts ‚Fidelio‘! ‚Leonore‘ heißt meine Oper, und so soll und wird sie heißen!“ rief Beethoven, recht unwirsch den höflichen Gruß seines Dichters erwidernd. „Und fertig ist sie auch – oder doch so gut wie fertig. Schaut nur her, Sonnleithner, hier das letzte Finale! – Ah!“ rief er plötzlich recht freudig, wie von einem ihn ganz besonders interessirenden Gedanken erfaßt. „Ihr kommt mir gerade gelegen und sollt nun auch ein Stück meines Finales und einen Theil Eurer schönen Verse hören. Merket auf – alle beide!“

Seine letzten Worte waren in ein Lachen übergegangen, das indessen bedenkliche Aehnlichkeit mit einem unwirschen Brummen zeigte. Dann begann er zu spielen.

Frau Nanette hatte sich, ohne den Shawl und den gewaltigen, mit wallenden Federn besetzten Hut abzulegen, bequem in eine Ecke des einfach ländlichen Sofas niedergelassen und Herr Sonnleithner stützte sich auf die Rücklehne des Stuhls, auf dem Beethoven saß. Dieser hatte das Finale bei dem Chor: „Heil sei dem Tag! Heil sei der Stunde!“ begannen, dann spielte er weiter bis zu der bewußten Stelle Roccos, wo er die neue Lesart:

Nur euer Kommen rief ihn fort!“

ganz besonders, sogar mit rechtem Wohlgefallen hervorhob.

In diesem Augenblick machte Sonnleithner eine unbehagliche Bewegung, wodurch der Stuhl, dessen Rücklehne seine Hand gefaßt hielt, ebenfalls ins Schwanken gerieth. Beethoven brach sein Spiel ab, wandte den Kopf nach dem Dichter um und fragte ist recht rauher Weise:

„Na, was ist’s, Herr von Sonnleithner? Gefällt Ihnen etwa meine Komposition nicht?“

„Ganz ausnehmend gefällt sie mir, hochverehrter Meister,“ entgegnete der also Angefahrene äußerst höflich. „Nur – verzeihen Sie mir, Herr von Beethoven, wenn ich es wage, mich offen auszusprechen – nur diese letzte Stelle scheint mir nicht ganz richtig aufgefaßt und wiedergegeben zu sein. Der Accent müßte doch hier unbedingt – wie es auch die Scansion des Verses verlangt – auf dem Worte ‚euer‘ liegen und nicht aus dem nebentonigen ‚nur‘. Denn des Ministers Kommen allein hat die Katastrophe herbeigeführt, und da ist es unbedingt klarer und nebenbei auch richtiger, wenn es heißt und gesungen wird:

‚Nur euer Kommen rief ihn fort!‘“

„Da haben wir’s!“ knirschte Beethoven unhörbar vor sich hin, um in Gedanken hinzuzusetzen: „Nun will der wieder recht haben – und er hat’s vielleicht auch, wie ich von allem Anfang an recht hatte.“ Da fiel sein Blick auf Frau Streicher, und plötzlich wendete er sich mit einem Anflug von Humor und der Frage an diese: „Und was sagt Frau Nanette dazu? Welches ist ihre Meinung?“

[848] „Ich möchte fast Herrn von Sonnleithner recht geben,“ antwortete diese in ihrer frischen Redeweise, „nur meine ich, daß es noch weit wirksamer und auch klarer wäre, wenn Sie den Hauptaccent auf das ‚Kommen‘ legten. Denn gerade, daß der Minister zur rechten Zeit gekommen ist, giebt so den Ausschlag.“

Da sprang Beethoven jäh von seinem Sitz empor und brach in ein unbändiges Gelächter aus – während Sonnleithner erschrocken einige Schritte zurückwich. Dann rief er mit einer ingrimmigen Bissigkeit:

„Ein Tausendglück, daß Ihr nur zu zweit gekommen seid, denn wären Euer ein halbes Dutzend, so gäbe es mehr Deutungen, Lesarten und Vorschläge, als das arme Versungeheuer Füße und Silben hat! – Da bin ich in eine schöne Klemme gerathen! – Wißt Ihr, wie ich mir in diesem Augenblick vorkomme?“ Damit faßte er Frau Nanette, die sich erhoben hatte, unter den einen Arm, packte Sonnleithner unter den andern und sprach dann geheimnißvoll zu beiden: „Geht heim und leset die Fabel Lafontaines von dem Bauer und seinem Sohne, die ihren Esel zum Markt führen und dabei auf das Gerede und den Rath der Leute hören – und danach thun. Dann wisset Ihr, wie mir zu Muthe ist. – Doch getrost, Kinder, laßt mich nur ein halbes Stündchen allein, muß über Eure gewiß wohlgemeinten Vorschläge nachdenken. Geht einstweilen in den Park – dort werdet Ihr den Breuning finden, der bereits auf mich wartet. Bald bin ich bei Euch und dann wollen wir zusammen promeniren und plaudern.“

Damit drängte er beide zur Stube hinaus und setzte sich wieder ans Klavier. Herr von Sonnleithner und Frau Nanette Streicher gingen in den Park des kaiserlichen Lustschlosses, doch fanden sie dort ebenso wenig Herrn Stephan von Breuning wie nach einer vollen Stunde Wartens – Beethoven.

Der Meister saß in ernsten Gedanken versunken vor dem Entwurf seines großen Finales und ließ die drei verschiedenen Lesarten des bewußten Verses an seinem Geiste, dann auf dem Klavier Revue passiren: „Wo steckt das Richtige?“ sagte und fragte er sich, ohne eine genügende Antwort finden zu können. Sein Kopf begann zu glühen, und je mehr er nachdachte, je schwankender wurde er in seiner Meinung. Da rief er plötzlich mit einem raschen Entschluß. „Hol’s der Teufel! ich will die sämmtlichen Lesarten anbringen – eine davon wird gewiß die wirksamste und somit auch die richtige sein – das Publikum mag entscheiden.“ Dann begann er zu schreiben – Sonnleithner und die Streicher waren vergessen wie er früher Breuning vergessen hatte. –


* * *


Gegen Ende des Sommers war die Arbeit gethan und Meister Beethoven brachte die fertige Partitur mit nach Wien. Am 20. November desselben Jahres, 1805, wurde die Oper, und zwar gegen den Willen Beethovens, unter dem Titel „Fidelio“ in dem Theater an der Wien zum ersten Male aufgeführt – ihre weiteren Schicksale sind bekannt. –

Und die drei Lesarten des verhängnißvollen Verses?

Beethoven hat sie wahr und wahrhaftig zur Ausführung gebracht.

Der Leser mag nur einen Klavierauszug zur Hand nehmen, dort findet er sie im zweiten Finale, bei Roccos Erläuterungen dicht neben einander stehen: