Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Titze, Ludwig
Band: 45 (1882), ab Seite: 147. (Quelle)
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Tietz, Karl (Architekt, geb. zu Jastrow in Preußen im Jahre 1832, gest. im Privatirrenhause zu Döbling am 3. August 1874). Ein Sohn des Försters Tietz in Jastrow, erhielt er im elterlichen Hause den Elementarunterricht und kam in noch sehr zartem Alter nach Berlin, wo er an der Bauschule seine [148] Berufsstudien machte. Nach Vollendung derselben trat er bei dem in Berlin bekannten Baumeister und Architekten Eduard Tietz, mit dem er aber nicht verwandt war, als Baueleve ein. In Folge seines Fleißes und seiner Geschicklichkeit erhielt er bald eine bevorzugte Stelle in der Kanzlei und wurde dann auch als Bauleiter verwendet. In letzterer Eigenschaft war er zu Beginn der Fünfziger-Jahre bei der von seinem Bauherrn übernommenen Errichtung des Circus Renz in Berlin thätig. Als aber Renz im Jahre 1852 den Entschluß faßte, einen dem Berliner Circus ähnlichen in Wien zu erbauen, erschien ihm zur Lösung dieser Aufgabe Karl Tietz der geeignetste Mann. Derselbe ging in dieser Mission nach Wien, und so wurde der in der Circusgasse daselbst, aufgeführte Bau, zu welchem Gropius in Berlin die Ornamente u. s. w. lieferte, in der Residenz sein erstes Architecturwerk. Nun schlug er bleibend sein Zelt in der neuen Heimat auf, und bald erhielt er Auftrag über Auftrag. Der nächste wichtige Bau des Künstlers war das Palais Schlik in der Roßau; dann folgten der Galvagnihof auf dem Hohen Markt, das Eszterházybad auf Mariahilf und eine stattliche Reihe von Privatbauten, unter denen in künstlerischer Beziehung das Grand-Hotel mit seinem Prachthof – die Perspectivansicht des großen Saales befindet sich im k. k. österreichischen Museum für Kunst und Industrie – unbestritten den ersten Rang einnimmt. Von den Privatbauten, die sich alle durch Eigenart und Geschmack auszeichnen, nennen wir ferner: das seinerzeit vielbesprochene Geschäftshaus der „Neuen Freien Presse“ in der Ringstraße; das Haus des Juweliers Ott in der verlängerten Johannesgasse und das einem J. G. Rath gehörige Nachbarhaus; auf dem Rudolphsplatze das im Renaissancestyl erbaute Privat- und Geschäftshaus des Großhändlers Goldberger; das im Palastcharakter ausgeführte Klein’sche Familienhaus in der verlängerten Wollzeile, seinem Styl nach der hellenischen Renaissance angehörend; die Häuser H. Blümel und August Rath; dann das Haus Ditmars in der Wallfischgasse; die Häuser Gustav Wagemann, J. Schreiber und Bächle, das Schneider’sche Actienhotel und daneben das Hôtel garni, sämmtlich in der Maximilianstraße; die Häuser von Lieben und Ephrussi vor dem Schottenthore, beide gemeinschaftlich mit Baurath Hansen aufgeführt; eine Gruppe von sechs Häusern mit gemeinschaftlicher Façade Ecke der Ringstraße und des Franz Joseph-Quais; das Haus Auspitz u. s. w. Von seinen außerhalb Wiens geführten Bauten sind uns bekannt: die Brauhäuser des Herrn Faber in Liesing und ähnliche Nutzbauten in Laibach, ebenda ein Renaissancepalast für den Rentier Tancar, und auf dem Friedhofe in Gratz das Grabdenkmal für die Familie Körösy. Ueber sein gründliches Verständniß bei Aufführung praktischer Bauten legt Zeugniß ab die Schrift: „Ueber den Bau und die Einrichtung von Bierbrauereien. Nach einem von ... Karl Tietz im österreichischen Ingenieur- und Architekten-Verein gehaltenen Vortrage“ (Wien 1868, Waldheim, gr. 4°., mit Zeichnungen). Ueber die Ursache der geistigen Umnachtung unseres Künstlers berichtet E. Ranzoni in seinem Büchlein „Wiener Bauten“, daß der Bedauernswerthe, dem seine Collegen nachrühmten, ein Bauingenieur und Techniker ersten Ranges zu sein, die übermäßige Anstrengung, die er sich auferlegte, um den Anforderungen sowohl des Publicums als [149] seines ihn fieberhaft aufstachelnden Ehrgeizes gerecht zu werden, damit bezahlte, daß er ins Irrenhaus wandern mußte. Ein Unglücksfall in einem der von ihm gebauten Häuser in der Maximilianstraße mag das Uebrige dazu beigetragen haben. Daß übermäßige Anstrengung an seiner Geisteszerrüttung wesentlich Theil haben mochte, wird begreiflich, wenn man weiß, daß im Jahre 1869 – also ein Jahr früher, als er dem Irrsinn anheimfiel – nicht weniger denn 36 Bauten unter seiner Leitung in Wien ausgeführt wurden. Die erste fixe Idee, an der er krankte, war die, daß er die ganze Ringstraße kaufen müsse, aber die nöthigen Summen dazu nicht aufzubringen vermöge. Dieser Größenwahn verband sich im Verlaufe des Leidens zum Theil mit religiösem Wahn. In einem aus dem Irrenhause an einen Freund mit ziemlich unsicherer Hand geschriebenen Briefe sagt der Unglückliche, „daß er als anerkannter Bruder Christi doch bittere Qualen durch Neid und Mißgunst zu erdulden habe; ihm verdanke die Welt die schönsten Bauten, welche jemals erstanden, er habe das Parthenon errichtet, das Pantheon und die Peterskirche, und nun, da er ein Werk im Sinne habe, das alle die genannten in Schatten stellen würde, begegne er überall den ärgerlichsten Hindernissen“. Daß auch Ehrgeiz dabei im Spiele war, erklärt sich, indem ihm der Ruf des ersten Bautechnikers nicht genügte, obwohl er in Wirklichkeit ein weit besserer Rechner als Zeichner war und im Irrenhause nie zur Bleifeder gegriffen hat, um eine Façade zu entwerfen, wohl aber um verworrene Ziffernreihen hinzuschreiben und fortwährend zu rechnen ohne Resultat ins Unendliche. Nachdem er vier Jahre gelitten, fand der erst Zweiundvierzigjährige Erlösung durch den Tod. Er hinterließ eine Witwe und zwei Söhne.

Ranzoni (Emmerich)..Wiener Bauten (Wien, 1873, Lehmann und Wentzel, kl. 8°.) S. 37, 84 und 85. – Neue Freie Presse, 1867, Nr. 1172: „Neubauten des Architekten Tietz“; – 1868, Nr. 1491: „Neubauten“; – 1869, Nr. 1681: „Neubauten“; – 1874, Nr. 3569 und 3570: „Architekt Karl Tietz“. – Allgemeine Zeitung (Augsburg, Cotta, 4°.) 9. September 1875, Beilage Nr. 252: „Wiener Briefe. L.“ Von v. V.(incenti).