BLKÖ:Stöbsel oder Stöfsel

Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Stöber, Karl
Band: 39 (1879), ab Seite: 89. (Quelle)
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Stöbsel oder Stöfsel (Gründer der nachmaligen Wiener kaiserlichen Porzellan-Fabrik. Geburtsort und Jahr, Sterbeort und Jahr unbekannt). Lebte im 18. Jahrhundert in Wien. An diesen Namen knüpft sich die Erinnerung an jene industrielle Anstalt, welche, zu Anfang des 18. Jahrhunderts durch Privatmittel zur Anbahnung des gewerblichen Aufschwunges im Kaiserstaate gegründet, nach ihrer Uebernahme durch den Staat in einem Zeitraume von über anderthalbhundert Jahren im Wetteifer mit Frankreich, Sachsen und Preußen Bedeutendes, ja Künstlerisches schuf, dessen Werth die um die Mitte der Sechziger-Jahre des laufenden Jahrhunderts erfolgte Aufhebung der Anstalt erst recht zur Erkenntniß gebracht hat. Der obige Stöbsel oder auch Stöfsel, ein Flüchtling der berühmten Meißener Anstalt, brachte das Geheimniß der Meißener Porzellan-Fabrication, wonach damals allerseits geforscht ward, im Jahre 1718 nach Wien. Mit einem Belgier Du Paquier im Verein rief er eine eigene Porzellan-Fabrik ins Leben und erhielt im J. 1720 auf sein geheimes Recept ein ausschließliches Privilegium auf 25 Jahre. Da aber der Anstalt, um sie in Schwung zu bringen, die erforderlichen Geldmittel fehlten, gerieth sie in Schulden und war nur dadurch vom Untergange zu retten, daß sie der Staat übernahm, was denn auch im Jahre 1744 erfolgte, in welchem sie auf Befehl der Kaiserin Maria Theresia in Eigenthum der Regierung überging, von welcher Du Paquier zum Director bestellt wurde. Was mit Stöbsel geschehen, ob er bereits früher gestorben oder sich von dem Unternehmen getrennt, ist nicht bekannt. Nur als, wenngleich treubrüchiger Verpflanzer des Meißener Geheimnisses auf österreichischen Boden bleibt er erwähnenswerth. Du Paquier leitete [90] die Anstalt mit Umsicht, hob und erweiterte sie so, daß die Zahl der Arbeiter bis zum Jahre 1770 auf 200 und bis 1780 auf 300 stieg. Den Höhepunct ihrer eigentlichen künstlerischen Blüthe erreichte aber die k. k. Porzellan-Fabrik erst zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts, unter der umsichtigen Direction Conrad Freiherrn von Sorgenthal’s [Band XXXVI, S. 21], aus welcher Zeit die Fabrikate der Anstalt zu heut noch gesuchten und werthvollen Gegenständen zählen. Eine ausgezeichnete Collection aus dieser Periode, dem Fürstenhause Dietrichstein angehörig, in der erheblichen Anzahl von 200 Stücken, war im Februar 1866 im österreichischen Museum ausgestellt. Unter der Leitung Du Paquier’s wurde auch der kleine blaue österreichische Schild als Marke der Wiener k. k. Porzellan-Manufactur eingeführt. Jacob Falke, der emsige Forscher auf dem Gebiete der Kunst und insbesondere der Wiener Kunst, schrieb eine Geschichte der k. k. Porzellan-Fabrik in Wien.

Wiener Zeitung, 1866, Nr. 48, S. 623, „Alt-Wiener Porzellan“.