BLKÖ:Schiner, Ignaz Rudolph

Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 30 (1875), ab Seite: 28. (Quelle)
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Schiner, Ignaz Rudolph (Naturforscher, geb. zu Fronsburg im Viertel o. d. M. B. am 17. April 1813, gest. zu Weidling bei Wien am 6. Juli 1873). Beendete die höheren und die rechtswissenschaftlichen Studien in Wien, aus welchen er die juridische Doctorwürde erlangte und dann in der Finanzbranche in den Staatsdienst trat, in welchem er stufenweise zum Sectionsrathe vorrückte und als solcher im Alter von 60 Jahren starb. Obgleich ein ausgezeichneter Staatsbeamter, ist es doch nicht diese Eigenschaft, welche ihm einen Platz in diesem Werke sichert. Schiner benützte die Muße seines amtlichen Berufes zu naturwissenschaftlichen Studien und Forschungen und wurde so einer der hervorragendsten Dipterologen unserer Zeit. Dabei war er in seinem Lieblingsfache auch schriftstellerisch thätig. Schon im Jahre 1853 hatte er in der von Johannes Nordmann herausgegebenen belletristisch-literarischen Revue „Der Salon“ „Dipterologische Briefe“ 1–9 (Bd. I, S. 363; II, S. 42, 102, 259, 375; III, S. 97, 285) veröffentlicht, welche durch die ungemein faßliche und allgemein anregende Behandlung des Gegenstandes nicht nur in Fachkreisen, sondern bei dem ganzen gebildeten Publicum Theilnahme fanden; nun folgten seine „Briefe aus der Natur“ I–IX im nämlichen Blatte (1854, Bd. I, S. 287, 383; II, S. 45, 157, 280 und 387; III, S. 371, und IV, S. 108 u. 208) und seine „Naturhistorischen Ausflüge im Zimmer“ (ebd. Bd. I, S. 323; II, S. 77, 215,317; III, S. 54, 110, und IV, S. 39), welche dieselbe freundliche Aufnahme fanden und die besonders glückliche Gabe S.’s bekundeten, die Geheimnisse der Natur in höchst anschaulicher und anziehender Weise, wodurch die Gegenstände [29] auch dem Laien zugänglich wurden, darzustellen. Seinen Ruf als Naturforscher, und zwar als Dipterolog, begründete er aber mit seinem Werke: „Fauna austriaca. Die Fliegen (Diptera). Nach der analytischen Methode bearbeitet. Mit der Charakteristik sämmtlicher europäischen Gattungen, der Beschreibung aller in Deutschland vorkommenden Arten und dem Verzeichniss der beschriebenen europäischen Arten“. 2 Bände (Wien 1860–64, Gerold, gr. 8°.), welches in der gelehrten Welt mit ungetheiltem Beifall aufgenommen wurde. Demselben folgte sein „Catalogus systematicus Dipterorum Europae“ (Wien 1864, Braumüller, 8°.). Außerdem zählte er zu den fleißigsten Mitarbeitern der vom Wiener zoologisch-botanischen Vereine, zu dessen – nebenbei gesagt – thätigsten Gründern er gehörte, herausgegebenen „Verhandlungen“ und außer mehreren kleineren Aufsätzen und Mittheilungen veröffentlichte er in denselben: „Dipterologische Fragmente“ (Bd. III, Abhandl. S. 51, 96, 151; IV, Abh. S. 7, 169); – „Fauna des Neusiedler See’s“ (Bd. V, S. 65); – „Insecten der Karsthöhlen“ (Bd. III, S. 151); – „Neilreich’s Verdienste um die österreichische Flora“ (Bd. V, S. 19); – „Neue Käfer der Wiener Fauna“ (Bd. I, S. 46); – „Zahlbrukner’s Nekrolog“ (Bd. I, S. 152) u. m. a. Auch sei noch bemerkt, daß, nachdem bezüglich des mit dem Mikroskope verbundenen Zeichnungs-Apparates bereits mannigfache Verbesserungen von Brauer, Nick, Bergenstamm gemacht wurden, trotz welchen aber in der Sache noch immer genug zu wünschen übrig blieb, es endlich Schiner gelungen ist, einen Apparat zu construiren, der es vollständig ermöglicht, das im Mikroskop angestellte Object selbst mit ungeübter Hand genau und deutlich nachzuzeichnen. Dabei sind die bei den früheren Methoden für das Auge vorhandenen Gefahren vollkommen beseitigt, und von Fachmännern wurde diese Erfindung als eine unschätzbare Errungenschaft für die Wissenschaft bezeichnet. Schiner leistete in seinem kleinen Kreise – als Dipterolog – Großes. Er war in dieser Richtung ein unermüdlicher Forscher, der, wenn es galt, eine neue Ausbeute für seine Studien zu machen, keine Hindernisse kannte und sich durch nichts abschrecken ließ. Man kann sich diese letztere Eigenschaft erst dadurch klar machen, wenn man bedenkt, daß die Fliegen – und denen hatte S. seine Studien fast ausschließlich zugewendet – nicht gerade in den appetitlichsten Aufenthaltsorten ihre Lebensgenüsse zu suchen pflegen. Das aber setzte S. nicht in die geringste Verlegenheit, als begeisterter Naturforscher ließ er sich dadurch nicht im Mindesten anfechten und gab Anlaß zu mancher netten Gelehrten-Anekdote, bei welcher er, wenn auch mitunter stark in Mitleidenschaft gezogen, am herzlichsten mitlachte. So wurde er aber mit den Organismen der kleinen Zweiflügler, mit ihrem Leben und Treiben so vertraut, daß er uns in der Enthüllung derselben förmlich eine neue Welt zu eröffnen wußte. Der Vollständigkeit wegen sei bemerkt, daß S. große Reisen durch ganz Europa gemacht. Der schwedische Naturforscher Zetterstedt[WS 1] nahm keinen Anstand, gegenüber der Gelehrtenwelt S. offen als einen der bedeutendsten Forscher in seinem Fache zu bezeichnen.

Neue illustrirte Zeitung. Redigirt von Johannes Nordmann (Wien, kl. Fol.) 13. Juli 1873, Nr. 28, in der Todtenliste. – Neue freie Presse (Wiener polit. Blatt) 1869, Nr. 1655: „Zeichnungs-Apparat für das Mikroskop“ [der Aufsatz ist von Johannes Nordmann].– Deutsche Zeitung [30] (Wiener polit. Blatt) 1873, 9. Juli, Nr. 547. – Verhandlungen des zoologisch-botanischen Vereins (Wien, 8°.) Bd. V (1855), Abhandl. S. 58, in Neilreich’s „Geschichte der Botanik in Niederösterreich“.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Zetterstadt