BLKÖ:Scanzoni von Lichtenfels, Friedrich Wilhelm

Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Scanagatta, Nazzaro
Band: 29 (1875), ab Seite: 10. (Quelle)
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Friedrich Wilhelm von Scanzoni in der Wikipedia
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Scanzoni von Lichtenfels, Friedrich Wilhelm (Arzt und Fachschriftsteller, geb. zu Prag 21. December 1821). Machte seine Studien in Prag, wo er auch an der dortigen Hochschule nach abgelegten strengen Prüfungen zum Doctor der Medicin promovirt wurde. Von einer wissenschaftlichen, in’s Ausland unternommenen Reise heimgekehrt, trat er im Prager Krankenhause als Arzt bei der weiblichen Abtheilung und geburtshilflichen Klinik ein und verschaffte sich bald nicht nur als geschickter, sicherer Operateur, sondern auch als geistvoller Beobachter und gediegener, instructiver Schriftsteller einen Ruf über seinen Wirkungskreis hinaus, so doch er im Jahre 1850 einen Antrag als Professor der Geburtshilfe an der Universität zu Würzburg und als Arzt an der geburtshilflichen Klinik des Juliusspitals daselbst erhielt, den er auch annahm. Auf diesem Posten wuchs mit der über den ganzen Continent sich verbreitenden Praxis des berühmten Geburtshelfers und Gelehrten auch dessen Ruhm als Fachschriftsteller. Im Jahre 1863 hatte S. um Enthebung von seiner Professur und Direction des Entbindungshauses nachgesucht. Er hatte nämlich sein Verbleiben auf diesem Posten an die Bedingung geknüpft, daß den dortigen Hebammen bei schwerer Strafe untersagt werde, schwangere unverheirathete Frauenspersonen in ihre Wohnung aufzunehmen. Das Verbot wurde auch erlassen, als es aber im Jahre 1863 in Folge dringender Bitten der Hebammen wieder aufgehoben wurde, forderte S. entschieden seine Entlassung von dem von ihm bekleideten Posten. Späterhin wurde doch die Angelegenheit beglichen und S. der Würzburger Hochschule erhalten, was auch im Jahre 1864 der Fall war, als er einen nach Baden-Baden unter höchst vortheilhaften Bedingungen an ihn ergangenen Ruf bereits angenommen, auf dringende Vorstellungen seiner Collegen aber wieder zurückgenommen hatte, worüber die amtliche „Karlsruher Zeitung“ die Verletztheit der Regierung in einer derselben nichts weniger als angemessenen Weise zu erkennen gab. Die von Scanzoni bisher veröffentlichten Schriften sind in chronologischer Folge: „Lehrbuch der Geburtshilfe“, 3 Bände mit in den Text eingeschalteten Holzschnitten (Wien 1849–1852, Seidel, gr. 8°.; 2. verm. u. verbess. Aufl. 1853; 3. Aufl. mit 200 Holzschn. 1855; [11] 4. umgearb. Aufl. mit 149 Holzschn. ebd. 1867); – „Die geburtshilflichen Operationen“, mit eingedruckten Holzschnitten (Wien 1852, Seidel, gr. 8°.), ist im Grunde nur ein mit Veränderungen versehener Abdruck des 3. Bandes des oberwähnten Lehrbuches der Geburtshilfe; – „Compendium der Geburtshilfe“, mit eingedr. Holzschn. (Wien 1854, Seidel, 8°.; 2. Aufl. ebd. 1860); – „Beiträge zur Geburtskunde und Gynäkologie, herausgegeben von Scanzoni“, 2 Bände (Würzburg 1854 u. 1855, Stahel, 8°.); – „Die Krankheiten der weiblichen Brüste und Harnwerkzeuge, sowie die dem Weibe eigenthümlichen Nerven- und Geisteskrankheiten“ (Prag 1855, Tempsky, gr. 8°.); der eigentliche Titel dieses Werkes ist: „Klinische Vorträge über specielle Pathologie und Therapie der Krankheiten des weiblichen Geschlechtes“, und wurde dasselbe ursprünglich von Franz A. Kiwisch von Rotterau [Bd. XI, S. 346][WS 1] bearbeitet, nach dessen Tode aber von Scanzoni fortgesetzt und vollendet; – „Lehrbuch der Krankheiten der weiblichen Sexualorgane“, mit 37 in den Text eingedr. Holzschn. (Wien 1857, Braumüller, gr. 8°.; 3. verm. Aufl. ebd. 1863 ; 4. umgearb. Aufl. 1867); – „Die chronische Metritis“ (Wien 1863, Seidel, gr. 8°.). Scanzoni zählt zu jenen Männern seines Faches, welche, den neuesten physiologischen und pathologisch-anatomischen Standpunct einnehmend, durch vielfache neue Forschungen dasselbe in wesentlicher Weise verbessert und gehoben haben. Wie die Chemie und Physiologie auf ärztlichem Gebiete neue Wege eingeschlagen und förmliche Eroberungen in dieser Hinsicht gemacht haben, so ist auch die Anatomie, als dritte oder vielleicht als Grundwissenschaft aller Medicin richtiger die erste im Bunde, keineswegs zurückgeblieben, und wie Jos. Hyrtl und Luschka als Förderer der descriptiven, Rokitansky und Virchow als solche der pathologischen Anatomie bleibenden Ruhm errungen, so sind auch Helmholtz als Erfinder des Kehlkopfspiegels und Scanzoni als Verbesserer der geburtshilflichen Instrumente nach rationell mathematischen und mechanischen Principien ihnen ebenbürtig an die Seite zu stellen. Von den vielen Berufungen zur Leistung ärztlicher Hilfe, welche von verschiedenen hohen und höchstgestellten Persönlichkeiten an S. ergangen, sei jener der Kaiserin von Rußland im Frühlinge 1863 gedacht, und von den mannigfachen Ehren, welche S. zu Theil geworden, an den prächtigen Ehrenbecher erinnert, welchen die Bürger von Kissingen bereits im Jahre 1858 dem um ihren Curort so hochverdienten Arzte überreicht haben.

Hirschel (Bernard Dr.), Compendium der Geschichte der Medicin von den Urzeiten bis auf die Gegenwart. Mit besonderer Berücksichtigung der Neuzeit und der Wiener Schule. Zweite umgearb. u. verm. Aufl. (Wien 1862, Braumüller, gr. 8°.) S. 517, 564, 565, 566, 568, 569, 570, 571. – Allgemeine Familien-Zeitung (Stuttgart, Hermann Schönlein, kl. Fol.) Jahrg. 1872, Nr. 45, S. 862. – Prager Zeitung 1863, Nr. 111, im Feuilleton: „Prager Signale“. – Illustrirte Zeitung (Leipzig, J. J. Weber, kl. Fol.) XXIX. Bd. (1858), Nr. 775 vom 8. Mai: „Ehrenbecher für Doctor v. Scanzoni“. – Porträt. Nach einer Photographie gezeichnet von C. Kolb, im Holzschnitt in der Allgem. Familien-Zeitung 1872, Nr. 45.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: [Bd. XI, S. 340].