Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Rychlovský, Johann
Band: 27 (1874), ab Seite: 333. (Quelle)
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Ryger, Anton (Abgeordneter des österreichischen Reichsrathes, geb. zu Napagedl am 28. März 1810). Die Nachrichten über diesen Volksvertreter, der seiner Zeit in dieser Eigenschaft viel von sich reden machte, sind ebenso unbestimmt als verworren und klingen mitunter abenteuerlich. Zum Unterschiede von dem Čechenführer Ladislaus Rieger, dessen Lebensskizze im XXVI. Bande, S. 113, mitgetheilt worden, der sich mit ie schreibt und als Abgeordneter Böhmens zugleich mit unserem Ryger, der sich mit dem griechischen y schreibt, im Abgeordnetenhause des österreichischen Reichsrathes saß, wurde R. gewöhnlich der Ypsilon-Ryger genannt. Anton R. besuchte die Schule seines Geburtsortes und kam dann nach Olmütz, wo er die Gymnasial-, philosophischen und Rechtsstudien an der dortigen Hochschule beendete und am 17. Mai 1831 die juridische Doctorwürde erlangte. Ueber seine Studienzeit an der Universität berichtet eine Quelle, daß er ein „echtes bemoostes Haupt gewesen und sich 6–8 Mal ganz ordentlich duellirt, nicht blos gepaukt“ habe. Auf sich selbst angewiesen, widmete er sich anfänglich dem Erziehungsfache und war mehrere Jahre als Erzieher zuerst bei Freiherrn von Gudenau, dann bei Felix Fürsten Lichnowsky und zuletzt bei dem Grafen Wickenburg angestellt. In dieser Zeit machte er mit einem seiner Zöglinge ausgedehnte Reisen, wie einer seiner Biographen erzählt, „in allen Welttheilen“. Nach mehreren Quellen, die über ihn berichten, hätte er bereits den ganzen Polenkampf 1831 mitgefochten, was nicht ganz wahrscheinlich klingt, während die Mittheilung, daß er durch seine hervorragende Thätigkeit als freiwilliger Führer der Bauern im polnischen Aufstande des Jahres 1846 sich besonders bemerkbar gemacht, authentisch sein soll. Nachdem er sein Lehramt niedergelegt, widmete er sich in Olmütz bei Dr. Ofner, in Troppau bei Dr. Klaps und in Wien bei Dr. A. Richter sen. der Advocatenpraxis, wurde dann Oberamtmann, Justitiär und Landesgerichts-Verwalter, hierauf Advocat und Notar zuerst zu Rohrbach im Mühlviertel Oberösterreichs, im Jahre 1852 zu Holleschau in Mähren, wo er zur Stunde noch sich befindet. Im Jahre 1861 wurde R. von der Stadt Kremsier, im Jahre 1867 von den Landgemeinden der Bezirke Schönberg, Wiesenberg und Altstadt in den mährischen Landtag entsendet, welcher ihn in denselben Jahren zum Reichsraths-Abgeordneten wählte. Als solcher gehörte er der verfassungstreuen Partei an, machte sich aber durch seine Eigenart in seinem ganzen Wesen und als Redner bald so bemerkbar, daß er zu jenen Abgeordneten zählte, mit denen sich die Presse mit besonderer Vorliebe beschäftigte. Das vielleicht treffendste Bild R.’s hat der Journalist Mich. [334] Klapp in seinen „Wiener Bildern und Büsten“ gezeichnet. Er nenn: Ryger ein Contrastück zu dem Rieger des böhmischen Landtags. „Ein Fünkchen Ironie“, schreibt Klapp, „liegt schon in dem Zusammentreffen von orthographischen Umständen in den beiden Namen, daß der Ryger mit dem „fremden i“ ein Kerndeutscher und der mit dem „deutschen i“ der deutschen Sache so fremd ist. Aber es sind einmal zwei Käuze, diese beiden Rieger! Rieger ist ein politischer und Ryger ein humoristischer Kauz. Ich unterstehe mich hier, Politik und Humor einander gegenüber zu stellen. Gewiß ein wenig barock, aber nicht um viel barocker, als Dr. Anton Ryger, der Notar des mährischen Städtchens Holleschau, selbst ist. Ryger ist die komische Ader des Abgeordnetenhauses, der parlamentarische „Jux“, zu dem Wien auch in hochwichtigen Angelegenheiten noch immer eine gewisse Liebe hat. Nicht, daß es dem ehrenwerthen Manne nicht eben so ernst um sein Mandat wäre, wie den werthesten nachdenklichsten Gestalten des Hauses, o, Ryger weiß eben so gut, in welch schlechter Haut wir stecken, wie Andere, aber wenn er aufsteht und in die Dinge hineinspricht, dann wird es immer lustig im Hause. Woher dieß kömmt? Von Ryger’s süßen Gewohnheiten des Ausdrucks, der keinerlei Grad von Höflichkeiten des conventionellen, parlamentarischen Umganges gewöhnen kann und will. Es ist ein großes Stück Kannegießerthums in dem Notar der kleinen mährischen Provinzialstadt. Wenn sich die Umgebung Ryger’s im Parlamente rasch, wenn er spricht, in die Stammgäste eines ehrsamen ländlichen Bierhauses verwandeln würde, wie anders klänge da Alles, was Ryger sagt. Bei einem guten deutschen Trunke ist derlei ehrliche Sprache, wie sie Ryger führt, immer passender am Platze. Man thut einen tüchtigen Zug aus „seinem Krügel“, nachdem es über Concordat und Finanzen tüchtig hergegangen, und es ist wieder Alles gut. Dem Parlamente aber fehlt zu der prächtigen, knorrigen Genrefigur Ryger’s, die einen Knaus zum Malen reizen müßte, der richtige Hintergrund und die richtige Staffage, um ein einheitliches gutes Bild abzugeben. So oft der Mann aus Mähren von seiner letzten linken Bank sich erhob, um zu reden, war es immer, als ob es krachen müßte im Hause. Schon die Gestalt macht den Eindruck selbstbewußter Kraft und physische Mittelmäßigkeit hassenden knorrigen Wesens. Dem Arm und der Faust ist auch in der Rede die gehörige imponirende Stellung angewiesen, sie sind geschickte Accompagneurs der entwickelten Standpuncte des Redners. Es sind auch oft die Spuren eines geübten Ringers, den die Gedanken des Redners zu gehen pflegen; was von Ryger angefaßt wird, wird kräftig, mit allem Nachdrucke angefaßt, und seine Worte können nicht minder Quetschungen und Contusionen verursachen, als seine Arme es gewiß vermögen. Ach solche Quetschungen haben seine Reden zu wiederholten Malen den Männern von der Rechten, dem Finanzminister und Anderen verursacht. Dabei hatte Ryger es immer leichter im Niederwesen von Gegnern, als Andere, denn er ringt in – Hemdärmeln. Seine Sprache macht sich’s humoristisch bequem im Hause, wie sonst die keines andern Abgeordneten; sie entfernt oft das letzte Feigenblatt parlamentarischer Sitte, um Alles in ihrer Weise grade heraussagen zu können. Wirksam ist diese Weise immer, sie hat die Lacher auf ihrer Seite. Ryger hat übrigens Witz, freilich mehr den [335] der Posse, als den des feineren Lustspiels, er ist eine grobe, aber kernige Natur von innerlichem, moralischem Halt; er hat seine Ueberzeugungen, die er nicht verschachert und auch nicht dann verschachern würde, wenn er das erst werden müßte, was er schon lange ist – Notar. Ist der Styl der Mensch, dann ist Ryger kein feinduftender, artiger Patron, aber ein ehrlicher Kerl aus dem Gradaus, dessen Sprache freilich nicht mit Glacé’s stolz einherstolzirt. Hat er Jemanden auf seinem Holze, dann hat er den Muth, es zu sagen, und wäre dieser Jemand zur Zeit der Gefürchtetste, er kriegt seinen Hieb vom Ryger doch und geschehe dann, was da wolle. Ein reingeistiges Vergnügen macht natürlich die naturalistische Force in Ryger’s ganzem Wesen nicht, er hat manchmal die Redemanieren, die ihm den Namen eines parlamentarischen „gebildeten Hausknechts“ verschaffen könnten. Aber der Mann verdiente diese kleine Federzeichnung.“ Zu dieser Zeichnung, zu welcher der Zeichner auch keinen feingespitzten Crayon, sondern einen Zimmermannsstift genommen, die aber doch im Groben und Großen ganz zutrifft, ist nur mehr wenig beizufügen, und zwar daß R. ein gewandter Redner, ein warm fühlender Politiker, ein Mann von ausgebreiteten universellen Kenntnissen und Erfahrungen ist, die er sich in seinem bewegten Leben anzueignen verstanden hat. Dabei ist seine Gestalt reckenhaft, sein Gesicht mit den massigen, derben Formen sieht aus, als wäre es aus Porphyr gemeißelt; die breiten Schultern, der wuchtige Gang, die entschiedene, scharf abgegrenzte Geberde, alles kündet große körperliche Kraft, die man nicht blos naiv besitzt, sondern deren man sich vollkommen bewußt ist. Zutreffend ist die Charge Ryger’s, wie sie der geistreiche Maler Canon (Straschiripka) hingeworfen hat: er zeichnete Ryger als Hercules mit der Keule in der Rechten und die Mütze eines gemüthlichen Landwirthes auf dem Haupte. In seiner Eigenschaft als durch das Vertrauen des Volkes gewählter Gesetzgeber ist er gleich bei seinem Erscheinen im Abgeordnetenhause des Reichsrathes im Jahre 1861 so entschieden und so ganz im Sinne seiner Wähler aufgetreten, daß ihm die Stadt Kremsier, die ihn eben gewählt, das Ehrenbürgerrecht verlieh, „weil derselbe die Gesinnung seiner Wähler richtig erfassend, in seiner politischen Haltung die Erzielung eines Groß-Oesterreichs eifrig anstrebt“. Ueber seine parlamentarische Thätigkeit im Einzelnen geben die stenographischen Protokolle des Abgeordnetenhauses in den Jahren 1861 und 1867 u. d. f. ausführliche Aufschlüsse.

Der Reichsrath. Biographische Skizzen der Mitglieder des Herren- und Abgeordnetenhauses des österreichischen Reichsrathes (Wien 1861, Förster u. Bartelmus, 8°.) I. Heft. S. 48. – Aquarellen aus den beiden Reichsstuben. Von J. J. K.(rasnigg) (Wien 1868, R. v. Waldheim, 8°.) I. Serie, S. 25, 26, 39, 52, 58; II. Serie, S. 9, 70, 71, 72. – Hahn (Sigmund), Reichsraths Almanach für die Session 1867 (Prag 1867, H. Karl J. Satow, 8°.) S. 140. – Botschafter (Wiener Parteiblatt) 1862, Nr. 156, im Feuilleton von Friedrich Uhl. – Pester Lloyd (polit. Blatt) 1865, Nr. 59, im Feuilleton: „Aus Wien“. – Mährischer Correspondent(Brünner polit. Blatt) 1861, Nr. 22, im Feuilleton: „Die mährischen Abgeordneten zum österreichischen Reichsrathe“; Nr. 219, im Feuilleton: „Dr. Anton Ryger“. – Klapp (Michael), Wiener Bilder und Büsten (Troppau, H. Kolck, 8°.) S. 85: „Die beiden Rieger“. – Zeitgenossen. Almanach für das Jahr 1863 (Gratz, S. Settele, kl. 8°.) S. 252. – Reichenberger Zeitung 1861, Nr. 129 [Uebersetzung einer abgeschmackten Stelle über Rieger aus den Bleiweis’schen, in Laibach erscheinenden „Novice“]; – dieselbe 1861, Nr. 280 [eine kurze Charakteristik Ryger’s [336] als Redner[WS 1]]. – Silhouetten aus dem österreichischen Reichsrath (Leipzig 1862, Otto Wigand, 12°.) [bekanntlich gilt Adolph Freiherr von Pratobevera (Bd. XXIII, S. 207] für den Verfasser der in den „Silhouetten“ enthaltenen Xenien. Das Anton Ryger (S. 26) gewidmete lautet folgendermaßen: „Von herkulischer Kraft, so sagt er, es glauben’s die Andern, | D’rum der Keule gleich fährt seine Rede darein. | Sonst ein wack’rer Gesell, der mit dem Leben gerungen | Und dem Vaterland Treue im Herzen bewahrt|.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Redners.