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Auszug aus den Anfangs-Gründen aller Mathematischen Wissenschaften/Die Artillerie

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Die Artillerie
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von: Christian Wolff
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[554]
Anfangs-Gründe
der
Artillerie.


Die 1. Erklärung.
1.

Die Artillerie oder Geschütz-Kunst ist eine Wissenschaft des Geschützes, welches man in Belagerung der Vestungen zu gebrauchen pfleget.

Die 1. Anmerkung.

2. Die Artillerie hat noch viele andere Namen. Einige nennen sie die Feuerwerkerkunst; andere die Zeugmeistereykunst; noch andere die Büchsenmeistereykunst. Im Lateinischen heisset sie Pyrobologia und Pyrotechnia. Das Wort Artillerie brauchet man auch von dem Geschütze selbst, welches in Belagerungen erfordert wird.

Die 2. Anmerkung.

3. Das Pulver ist die Hauptsache in der ganzen Artillerie, welches zu der Erfindung alles Geschützes Anlaß gegeben hat.

Die 1. Aufgabe.

4. Pulver zu machen.

Auflösung.

1. Nehmet geläuterten und in Mehl gebrochenen Salpeter, zerriebenen Schwefel und klein zerstossene Kohlen in solcher Proportion, wie hernach folget.

2. Schüttet diese drey Materien zusammen in einen Mörser, feuchtet sie an mit Wasser, und stampfet sie 24 bis 30 Stunden; vergesset [555] aber nicht, sie alle 4 Stunden von neuem anzufeuchten, damit sie sich nicht entzünden.

3. Nachdem sie wohl unter einander gemischet, nehmet das Pulver heraus und körnet es: welches geschiehet, wenn ihr es mit einem hölzernen Teller durch ein härin Sieb drucket.

Die 1. Anmerkung.

5. Wenn ein Funken in das Pulver fället, wird ein Theilchen Kohle glüend, und weil alle Materien wohl unter einander gemischet sind, schmelzet das anliegende Theilchen des Schwefels, ingleichen das anliegende Theilchen des Salpeters, und alsdenn steiget die angezündete Materie in einer hellen, rasselnden und sich ausbreitenden Flamme in die Höhe, und machet zugleich das anliegende Kohlentheilchen glüend. Derowegen, wenn ein Körnlein angezündet wird, stecket es gleich die übrigen an, und gehet behende in einer sich ausbreitenden Flamme mit einem Geräusche auf.

Die 2. Anmerkung.

6. Simienowicz part. 1. c. 14. fol. 61. recommendiret zu grossem Geschütze auf 100 Pf. Salpeter, 20 Pf. Schwefel, und 24 Pf. Kohlen: für Musqueten auf 100 Pf. Salpeter, 18 Pf. Schwefel, und 20 Pf. Kohlen; für Pistolen auf 100 Pf. Salpeter, 12 Pf. Schwefel und 15 Pf. Kohlen. Buchner part. 3. f. 44. 45. setzet überhaupt die Proportion des Schwefels zu dem Salpeter wie 1 zu 7, der Kohlen aber zu dem Salpeter wie 5 zu 28. Mierth part. 2. c. 40. f. 55, rühmet sich durch vielfältige Proben gefunden zu haben, daß das Pulver am stärkesten werde, wenn man auf 1 Pf. Salpeter 6 Loth Kohlen und zum höchsten 4 bis 4 Loth Schwefel giebet und diese Materie 30 Stunden lang mit schlechtem Wasser arbeitet. Er zeiget aber in folgenden Capiteln deutlich, daß man mit grossem Schaden und keiner Ersparung der Kosten das Stückpulver insgemein schwächer machet, als das andere.

Die 3. Anmerkung.

7. Das gekörnte Pulver hat mehr Stärke, als das zerriebene; ingleichen das kleinkörnichte ist stärker, und entzündet sich schneller, als das großkörnichte.

[556]
Die 4. Anmerkung.

8. Zur Lust pfleget man ein knallendes Pulver folgendergestalt zu machen. Nehmet 3 Theile Salpeter, 2 Theile Salis Tartari, und einen Theil Schwefel. Zerstosset es klein zu Pulver, und mischet es wohl unter einander. Wenn ihr ein wenig davon in einen Löffel thut, und über das Licht oder glüende Kohlen haltet; wird es einen sehr grossen Knall geben, so bald es schmelzet.

Die 2. Aufgabe.

9. Das Pulver zu probiren, ob es gut sey oder nicht.

Auflösung.

1. Leget ein Häuflein Pulver auf ein weisses Papier.

2. Zündet es mit einer glüenden Kohle an. Wenn es sich bald entzündet, der Rauch fein gerade aufsteiget, auf dem Papier nichts zurücke bleibet, auch dasselbe nicht verbrannt wird; so ist das Pulver gut.

Die 2. Erklärung.
Anfangsgründe der Mathematik III A 033 01.jpg

10. Die Stücke sind Geschütze, daraus man grosse eiserne, bleyerne und steinerne Kugeln in die Weite durch die Gewalt des Pulvers treiben kan, und zwar nach einem Orte, der mit dem Geschütze in einer geraden Linie lieget.

Die 3. Erklärung.

11. Der Unterscheid der Stücke oder Canonen entstehet hauptsächlich aus ihrer Länge und aus der Schwere der Kugeln, die sie schiessen, und bekommen daher unterschiedene [557] Namen. Die kurzen werden Carthaunen, die langen Schlangen genennet. Der Unterscheid von beiden Arten bey den Deutschen ist aus beygefügter Tafel zu ersehen.

A B C D E F G H
Ganze Carth. 18 Cal. 48 Pf. 54 Pf. 90 Cent. 4 12 bis 16 24
Drey Viertel-Carthaune 20 36 40 78 4 12 bis 14 20
Halbe Carth. 22 24 27 50 bis 60 3 10 bis 12 16
Viertel Carth. 24 12 14 28 bis 36 2 6 bis 8 8 bis 10
Achtel Carth. 27 6 7 19 bis 20 1 3 bis 4 6
Regiment- oder Viertel-Feld-Stücke. 14 16 bis 18 3 bis 4 4 bis 5 6 bis 9 1 2 bis 4 4 bis 6
Ganze Feld-Schlange. 30 18 21 50 3 9 bis 10 14
Halbe Feld-Schlange. 36 9 10 30 2 6 8 bis 10
Viertel- oder Quartier-Feld-Schlange. 34 4 bis 5 6 bis 7 25 1 4 5 bis 6
Falckaune. 27 6 7 25 1 4 6
Falckonet. 35 bis 36 2 bis 3 2 b. 3 10 bis 12 1 2 3 bis 4
Halbes Falckonet. 38 1 6 bis 7 1 1 2
Serpentinel. 40 4 1 1 2


Die 1. Anmerkung.

12 Unter A sind die Namen der Stücke, unter B ist die Länge des Rohrs, unter C die Schwere der Kugel von Eisen, so daraus geschossen wird, unter D die Schwere der eisernen Kugel, nach deren Diameter es gebohret wird, unter E die Schwere des ganzen Stückes nach Nürnbergischen [558] Centnern von 100 Pfunden, unter F die Zahl der Constabler und unter G die Zahl der Handlanger, so dazu nöthig sind, endlich unter H die Zahl der Pferde, damit man sie wegführet. [Fig. a]

Zusatz.

13. Damit die Stücke der grossen Gewalt des Pulvers widerstehen können, werden sie aus Metall, zuweilen aus Eisen gegossen.

Die 2. Anmerkung.

14. Das Metall ist eine Mixtur aus Kupfer, Zinn und Messing. Die Proportion wird verschieden angegeben. Einige rechnen auf 100 Pfund Kupfer an Zinn 10, an Meßing 8 Pfund.

Die 4. Erklärung.

15. Der Diameter der Mündung des Stückes AB, oder eines Geschützes, ingleichen einer Kugel, die daraus geschossen wird, heisset der Caliber.

Die 5. Erklärung.

16. Der Caliberstab ist ein Maaßstab, darauf die Grösse der Diametrorum von den steinernen, eisernen und bleyernen Kugeln, wie sie mit ihrem Gewichte zunehmen, verzeichnet ist. Z. E. es stehet darauf die Länge des Diameters einer pfündigen, zweypfündigen, dreypfündigen Kugel, u. s. w.

Die 6. Erklärung.

17. Der Spiel-Raum oder Wind-Raum ist der Unterscheid zwischen der Mündung des Stückes und dem grösten Circul der Kugel, [559] oder zwischen dem Caliber des Stückes und dem Diameter der Kugel.

Die 3. Aufgabe.

18. Den Diameter einer pfündigen Kugel zu finden.

Auflösung.

1. Wieget ein Pfund Eisen, Bley und Stein auf einer richtigen Wage ab, und suchet den cörperlichen Inhalt in Cubiclinien (§. 217. Geom.).

2. Sehet ihn als den Inhalt einer Kugel an, und suchet daraus ihren Diameter (§. 204. Geom. & 85. Arithm.).

Die 4. Aufgabe.

19. Einen Caliberstab zu verfertigen.

Auflösung.

1. Bildet euch ein, es sey der Diamter einer pfündigen Kugel in 100 gleiche Theile getheilet; so ist der Cubus 1000000.

2. Dupliret denselben, und ziehet aus 2000000 die Cubicwurzel heraus (§. 79. Arithm.). Diese ist der Diameter einer zweypfündigen Kugel in eben solchen Theilchen.

3. Wenn ihr den Cubum 1000000 mit 3 multipliciret, und aus dem Product abermals die Cubicwurzel ausziehet; so kommet der Diameter einer dreypfündigen Kugel heraus.

4. Auf eben solche Weise könnet ihr den Diameter von einer vier- fünf- sechspfündigen Kugel u. s. w. finden.

5. Nehmet den Diameter einer pfündigen Kugel [560] von Bley (§. 18.), und theilet ihn in 100 gleiche Theile, wie in der Geometrie die Ruthe auf dem verjüngten Maaßstabe (§. 163. Geom.).

6. Traget von diesem Maaßstabe auf den Caliberstab die gehörigen Hunderttheilchen, nach Anleitung der ausgerechneten Tafel für die ein- zwey- drey- vierpfündigen Kugeln u. s. w.

So ist der Caliberstab fertig. W. Z. T.

Beweis.

Man soll erweisen, daß, wenn der Diameter einer einpfündigen Kugel 1000 Theile hat, die vielpfündigen so viel derselben haben müssen, als durch die angegebene Rechnung gefunden wird.

Wenn nun die Kugeln von einerley Materie sind, so verhalten sich ihre Schweren, wie ihre Grössen; das ist, eine bleyerne Kugel von zwey Pf. ist zweymal so groß, als eine von 1 Pf., eine von 3 dreymal, eine von 4 viermal so groß, als eine von 1 Pf. u. s. w. die Grössen aber der Kugeln verhalten sich wie die Cubi ihrer Diametrorum (§. 212. Geom.). Derowegen ist der Cubus des Diametri einer zweypfündigen Kugel zweymal, einer dreypfündigen dreymal, einer vierpfündigen viermal so groß, als einer einpfündigen, u. s. w. Wenn man solchergestalt den Cubum des Diametri einer einpfündigen Kugel mit 2. 3. 4. u. s. w. multipliciret und aus den Producten die Cubicwurzel ausziehet; so kommen die Diametri der zwey- drey- vierpfündigen Kugeln u. s. w. heraus. W. Z. E.

Die 7. Erklärung.

20. Das Stück wird in drey Theile eingetheilet, [561] nemlich in das Boden-Stück MK, das Zapfen-Stück KG, darinnen die Zapfen P sind, damit es auf den Laffetten auflieget, und das Mund-Stück GA. Die innere Höhle heisset die Seele, oder der Lauf.

Anmerkung.

21. Das Boden-Stück ist dicker als das Zapfen-Stück, und dieses dicker als das Münd-Stück, weil die Kraft des Pulvers immer mehr und mehr abnimmet, je weiter es sich ausdehnet und die Kugel treibet.

Die 8. Erklärung.

22. Die Delphine I sind die Handhaben, damit das Stück gehoben wird. [Fig. a]

Die 9. Erklärung.

23. Die Laffetten sind das Gerüste LN, darauf das Stück lieget. [Fig. a]

Die 10. Erklärung.
Anfangsgründe der Mathematik III A 033 02.jpg

24. Die Lade-Schaufel ist das Instrument, damit die Ladung, das ist, das zum Schiessen nöthige Pulver, bis auf den Boden der Seele in das Stück gebracht wird. [ Fig. 2]

Die 1. Anmerkung.

25. Die Ladung ist insgemein in Carthaunen das halbe Gewichte der Kugel. Nemlich in einer Carthaune, die 48 Pfund schiesset, ist die Ladung 24 Pfund Pulver. In Schlangen hingegen ist sie . Einige nehmen anstatt des grobkörnigten Stück-Pulvers Musqueten-Pulver, und machen die Ladung nur halb so groß wie sonst.

Die 2. Anmerkung.

26. Wie viel ein Schuß kostet, und wie viel Schüsse man des Tages aus jedem Stücke thun kan, ist aus folgendem Täfelein zu ersehen. Nemlich man rechnet einen Centner gemein Pulver auf 14, und einen Centner gegossen Eisen auf 4 Thaler. [562]

Gantze Carthaune 6 Thlr. 50 bis 60
Halbe Carthaune 3 80
Viertel-Carthaune 1 100
Regiment-Stück   100
Viertel Feld-Stück   100
Gantze Schlange 3 80
Halbe Schlange 1 90
Viertel-Schlange   100
Falckonet   100
Halbes Falckonet   so viel man will.
Serpentinel   so viel man will.
Die 11. Erklärung.
Anfangsgründe der Mathematik III A 033 03.jpg
Anfangsgründe der Mathematik III A 033 04.jpg

27. Der Setzkolben, Setzer oder Stampfer ist das Instrument, damit die Ladung auf einander gestossen wird. [Fig. 3]

Anmerkung.

28. Es wird in der Gestalt eines Cylinders zubereitet, aus starkem Holze, und ist sein Diameter AB 1 Caliber, die Länge AD 1 auch wol 2. Auch wird er hinten und vorne mit Kupfer überkappet, und eine Stange EC daran geschiftet.

Die 12. Erklärung.

29. Der Wischkolben oder Wischer ist das Instrument, damit das Stücke ausgewischet wird, nachdem es losgezündet worden.

[563]
Anmerkung.

30. Der Kolben AB wird von Linden-Holz gedrehet, in Gestalt eines Cylinders, 2 Caliber lang, 3/4 breit im Diametro, und mit Schaaf-Fellen überzogen, bis er sich genau in die Seele des Stückes schicket. Es werden aber die Felle mit küpfernen Nägeln angenagelt, daß dadurch dem Stücke im Abwischen kein Schaden geschiehet, und die Stange BC wird, wie in den Setzkolben und die Ladeschaufel, eingeschiftet. [Fig. 4]

Die 13. Erklärung.

31. Anstatt der Kugeln ladet man zuweilen Kartetschen in die Stücke, die aus Papier, Pergament, Zwillich, oder auch eisernem Bleche, in der Gestalt eines Cylinders, abgekürzten Kegels und vollkommenen Kegels gemacht, und mit Musqueten-Kugeln, Nägeln, Ketten und dergleichen gefüllet werden.

Zusatz.

32. Weil die eingefüllete Materie sich ausbreitet, indem sie durch die Gewalt des Pulvers herausgetrieben worden; so muß der Ort, wo man sie hinschießt, nicht gar zu nahe seyn, damit sie sich recht ausbreiten könne; doch nicht gar zu weit, damit sie sich nicht allzusehr ausbreite, und ihre Kraft verliere.

Die 14. Erklärung.

33. Der Kernschuß wird genennet, wenn das Stücke horizontal gerichtet ist: wird es aber über die Horizontallinie erhöhet, so nennet man es einen Bogenschuß, insbesondere den Visirschuß, wenn es bis in [564] den ersten Grad erhöhet worden, hingegen den Bogen-Schuß nach der höchsten Elevation, wenn er im 45° geschiehet.

Namen des Geschützes. Weite des Kern-Schusses. Weite des Bogen-Schusses von 45°.
Gantze Carthaune 500 Schritte 6000 Schritte
Halbe Carthaune 420 5000
Viertel-Carthaune 370 4400
Regiment-Stücke 320 3600
Viertel-Feld-Stücke etwas weniger etwas weniger
Gantze Schlange 600 7140
Halbe Schlange 450 5370
Viertel Schlange 350 4180
Falckonet 280 3320
Halbes Falckonet 206 2450
Serpentinel 160 1870


Die 15. Erklärung.
Anfangsgründe der Mathematik III A 033 05.jpg

34. Die Mörser, oder Böller sind Geschütze, daraus man Granaten, Bomben, Carcassen und andere Feuerkugeln nach einem Bogen werfen kan. [Fig. 5]

Die 16. Erklärung.

35. Es bestehet aber der Mörser aus dem Kessel oder Laufe ABCD, darein die Bombe oder eine andere Feuerkugel geladen wird: aus der Kammer GEH, darein das Pulver kommet: und aus dem Stoffe oder Boden EI. Der obere gleich weite Theil des Laufes ABDC heisset der Flug; der untere runde CGHD das Lager.

[565]
Die 17. Erklärung.

36. Hangende Mörser werden genennet, welche die Schildzapfen in der Mitten haben: hingegen Stehende heissen diejenigen, welche die Schildzapfen an dem Boden haben: Fuß- oder Schemmel-Mörser sind, die gar keine Schildzapfen haben.

Die 18. Erklärung.
Anfangsgründe der Mathematik III A 033 06.jpg

37. Die Bomben sind hohle eiserne Kugeln, welche mit Pulver angefüllet werden, und in deren Mundloch A eine hölzerne Brandröhre geschlagen wird, mit einem besondern Brande angefüllet. [Fig. 6]

Anmerkung.

38. So bald der Zeug in die Zündröhre bis an das Pulver brennet, entzündet sich dieses auf einmal, und weil es nicht Raum hat sich auszubreiten, zersprenget es die Bombe mit grosser Gewalt, daß durch die herumfliegende Stücke Eisen Menschen und Gebäude sehr beschädiget, auch diese in den Brand gestecket werden. Der Brand in der Brandröhre bestehet aus 2 Loth Salpeter, 1 Loth Schwefel, 4 Loth Mehlpulver. Zu dem Kütte nehmet gegossenen ungelöschten Kalk, Ziegelmehl, reine Asche und Feilspäne, menget alles wohl unter einander, und feuchtet es mit Leimwasser an.

Die 19. Erklärung.

39. Die Granaten sind von den Bomben nur der Grösse nach unterschieden: daher auch einige die Bomben Granaten nennen. Wenn sie sehr klein sind, und nicht über zwey Pfund wiegen, wirfet man sie mit den Händen, und werden sie dannenhero Hand-Granaten genennet.

[566]
Anmerkung.

40. Die Granaten schlagen Armen und Beine entzwey, und verwunden an dem Kopfe auch andern Orten des Leibes öfters tödtlich.

Die 20. Erklärung.

41. Die Carcassen sind länglichte Kugeln, welche mit kleinen Stücken von Musqueten-Läuften, die mit bleyernen Kugeln geladen, Hand-Granaten und anderm Feuerkugel-Zeuge gefüllet, und mit zwey eisernen Reifen und Stricken, gleich anderen Feuerkugeln, gebunden werden.

Anmerkung.

42. Der Feuerkugel-Zeug wird auf gar verschiedene Art zubereitet. Ich will zum Exempel nur Einen Satz anführen. Nehmet 3 Pfund Mehlpulver, 1 Pfund Salpeter, und 1 Pfund Schwefel. Mischet alles wohl unter einander.

Die 21. Erklärung.

43. Durch die Feuerkugeln verstehen wir diejenigen, welche angezündet werden, und brennen können.

Anmerkung.

44. Es sind derselben gar vielerley Arten, nachdem sie entweder die Häuser anzustecken, oder die Besatzung zu beschädigen, oder aus andern Absichten gebrauchet werden. So hat man zum Exempel Leucht-Kugeln, die man an einen Ort wirft, den man erleuchten will: Dampf-Kugeln, welche es finster machen, daß man an einem Orte nicht sehen kan: Stinkende Kugeln, dadurch man die Luft mit einem garstigen Gestanke verunreiniget.

[567]
Die 22. Erklärung.

45. Die Haubitzen sind ein grobes Geschütze, so eine Kammer, aber dabey einen längeren Flug als ein Mörser haben, und daraus sowol Granaten, als andere Feuerkugeln, auch Cartetschen und nicht allzugrosse Steine geschossen werden.

Anmerkung.

46. Die Haubitzen sind von den alten Kammerstücken hauptsächlich der Länge und Weite nach unterschieden, welche Anfangs zu dem Ende erfunden worden, daß man grosse steinerne Kugeln mit wenig Pulver daraus schiessen könte. Daher sie auch von einigen Steincarthaunen oder Steinstücke genennet werden. Nach diesem hat man sie abgeschaffet, weil sie langsam zu laden sind.

Die 23. Erklärung.
Anfangsgründe der Mathematik III A 033 07.jpg

47. Die Petarde ist ein Instrument von Metall in Gestalt eines abgekürzten Kegels, welches mit Pulver gefüllet, und zum Zersprengen, z. E. der Thore, Mauren, Brücken, Pallisaden u. s. w. gebrauchet wird. [Fig. 7]

Zusatz.

48. Damit man die Petarde da anhängen kan, wo etwas gesprenget werden soll, wird sie auf das Matrillbrett genagelt, und damit dieses angehet, werden gegen die Mündung eiserne Handhaben eingegossen.


Die 24. Erklärung.
Anfangsgründe der Mathematik III A 033 08.jpg

49. Die Minen sind unter der Erde gegrabene Keller, die man mit etlichen Tonnen [568] oder Säcken Pulver füllet, um die auf dem Keller liegende Last in die Luft zu sprengen, wenn man das Pulver anzündet. [Fig. 8]

Anmerkung.

50. Z. E. wenn man einen alten Thurm untergrübe, und in der gemachten Grube einige Tonnen Pulver dergestalt verschlösse, daß man sie doch noch anzünden, und dadurch den Thurm über einen Haufen werfen könnte, so nennet man dieses den Thurm unterminiren.

Die 1. Erfahrung.

51. Wenn die Mine zu scharf geladen ist, machet sie nur eine enge Grube, deren Diameter nicht grösser ist als die Weite der Kammer, darinnen das Pulver gestanden. Wenn sie aber rechte Ladung hat, sprenget sie alles, was um die Kammer gelegen, mit in die Höhe. Wenn sie zu schwach geladen, machet sie nur eine kleine Erschütterung auf der schwächsten Seite.

Die 2. Erfahrung.

52. Aus sehr vieler Erfahrung, welche der berühmte Vauban bey vielen Belagerungen selbst gehabt, ist endlich folgendes für gut befunden worden. Es werden nemlich in einer Mine erfordert für jede Cubicruthe Französisch, das ist, 216 Cubicschuh: [569]

Lockere Erde 9 bis 10 Brace segment, right, end-top.svg Pf. Pulver.
Feste und sandichte Erde 11 bis 12 Brace segment, right, span.svg
Thon 15 bis 16 Brace segment, right, mid.svg
Neues Mauerwerk 15 bis 20 Brace segment, right, span.svg
Altes Mauerwerk 25 bis 30 Brace segment, right, end-bot.svg


Die 5. Aufgabe.

53. Eine Mine anzulegen.

Auflösung.

1. Nachdem z. E. in einem gemauerten Bollwerke schon durch die Canonen ein Loch gemachet worden; so treibet daselbst einen Gang AB 4’ bis 5’ hoch und breit.

2. Wenn ihr durch die Mauer bis in die Erde kommen seyd; so treibet sowol zu der Rechten als zu der Linken andere Gänge CB und BD nach der Seite 18 bis 20 Schuh lang.

3. An deren Ende C und D machet eine Kammer.

4. Treibet gerade aus den dritten Gang EB, und leget an dessen Ende die dritte Kammer.

5. Füllet die Kammern mit ihrem gehörigen Pulver (§. 52.), und stopfet sie aus.

6. Fasset die Minengänge, die 2 Schuh weit, 3 hoch sind, mit Holz, daß sie nicht einfallen.

[570] 7. In die Minenkammer leget eine Wurst mit einem Leitfeuer, und führet sie durch die Minengänge bis an den Graben.

8. Ueber dieselbe leget ein Dächlein von Brettern, damit es ihr nicht schaden kan, wenn etwas im Minengange einfallen sollte.

9. Endlich leget an die Wurst angezündete Lunten, aber umgekehret.


Ende der Artillerie.