Textdaten
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Autor: Ferdinand von Biedenfeld
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Titel: Aus meiner Pilgertasche/3.
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aus: Die Gartenlaube, Heft 35, S. 559-560
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[559] Aus meiner Pilgertasche. Ich war schon einige Wochen in Wien, ohne den Kaiser Franz gesehen zu haben. Eines Tages strichen F. Treitschke, Ochsenheimer und ich auf dem Glacis umher, um eine Raupenart zu suchen, welche die beiden Schmetterlingskundigen besonders interessirte. Ohne davon etwas entdeckt zu haben, kamen wir in den sogenannten Burggarten, an dem geordnet und gebaut wurde. Wir fanden einen jungen Mann auf einem Steinhaufen sitzend, mit Planzeichnungen beschäftigt. Beide begrüßten ihn freundlich als einen Bekannten und jungen Baukünstler. Wir betrachteten seine hübschen Planzeichnungen und kamen dabei an ein Blatt mit allerlei uns unverständlichen einzelnen Figuren. Auf unsere Frage um die Bedeutung dieser Figuren antwortete er, sich mißmuthig die Stirn reibend: „Dieses Blatt verursacht mir mehr Kopfzerbrechens, als alle übrigen. Die Idee, die Steine für Becken von Springbrunnen ohne irgend einen Kitt wasserfest verbinden zu können, fuhr mir durch den Kopf, und nun studire und zeichne ich fort und fort, um eine passende Verbindungsform zu finden, ohne bis jetzt damit in’s Reine kommen zu können.“

Ich antwortete: „Dieses Suchen einer Verbindungsform dürfte auch vergeblich sein.“

„Warum?“

„Weil ich der Ansicht bin, daß man Steine ohne irgend ein Medium nicht so fest zusammenfügen könne, daß nicht Wasser dazwischen treten und dadurch die ganze Vorrichtung nutzlos werden sollte, indem ich vermuthe, daß der Stein nicht, gleich dem Holz, im Wasser anschwelle.“

Im Begriff, mir zu entgegnen, sprang der Baumeister plötzlich auf und riß mit einer tiefsten Verbeugung den Hut bis an die Kniee herab. Beide Freunde thaten desgleichen, und ich folgte mechanisch ihrem Beispiele. Ganz nahe vor uns stand Kaiser Franz, den ich lediglich an dem habsburgischen Gesicht erkannte, indem der höchst einfache, nicht neue Oberrock und der abgetragene Hut auf alles Andere, als auf den Kaiser, hätte schließen lassen. Er zwang sein Gesicht zu einem Lächeln gegen Treitschke und Ochsenheimer, lüftete den Hut ein wenig und sprach: „Servus!“ trat dann einen Schritt näher auf mich zu, während seine Physiognomie sich in ernste Falten legte, und frug:

„Wer ist der Herr?“

Ich nannte meinen Namen. – Etwas leichter, als zuvor, den Hut lüftend, wiederholte der Kaiser:

„Servus! – Wo ist der Herr zu Hause?“

„Im Großherzogthum Baden.“

„Ein schönes Land, brave und gescheidte Leute, aber Alles wissen sie doch nicht. – Was treibt der Herr hier in Wien?“

„Ich arbeite für die Theater und für die Buchhändler.“

„Das mag passiren. Hat der Herr auch ’s Bauwesen studirt?“

„Nein, Majestät.“

„Versteht sich der Herr auf’s Planzeichnen?“

„Nein, Majestät.“

„Nun, da wäre es gescheidter, der Herr redete nicht über Dinge, von denen er nichts versteht. Servus!“ – Er lüftete wieder den Hut, zwang sich zu einem freundlichen Kopfnicken gegen die Anderen, drehte sich langsam um und wandelte phlegmatisch seiner Wege.

[560] Ochsenheimer bemerkte: „Hu, heute ist mit Franzl nicht gut Kirschen essen! Er hat ohne Zweifel Ihre Zweifel gegen den Baumeister gehört und hält es für vorlaut, einem Sachverständigen und Beamteten in Fachesangelegenheiten zu widersprechen.“ – – – – – – – Der Baumeister gab seine Idee der Steinzusammenfügung bald als unpraktisch auf und blieb bei der alten, auch viel wohlfeilern Weise, nachdem er dem Kaiser alle Gründe dafür auseinander gesetzt [und] von ihm die Schlußbemerkung empfangen hatte: „Schau der Herr, so geht’s halt gewöhnlich mit den Neuerungen, es kostet viel Zeit und Geld, und am Ende ist’s nichts damit.“

Erst nach einigen Jahren führte mich das Schicksal wieder Auge in Auge mit dem guten Kaiser zusammen. Fest hielt der Kaiser an dem schönen Gebrauch einer Audienz in jeder Woche, wozu Jedermann ohne Ausnahme vorgelassen wurde, der sich in das unter Aufsicht eines Officiers der Arcieregarde im Vorzimmer liegende Buch eingeschrieben hatte. Der Zutritt erfolgte hierauf, welches Namens und Standes auch die Bittsteller sein mochten, unverbrüchlich genau nach deren Reihenfolge im Audienzbuch. Zu Aufrechthaltung dieser Vorschrift erhielt der Kaiser jedesmal eine Abschrift dieser Reihenfolge der Bittsteller auf den Audienztisch, der sich, ähnlich einem Ladentische, durch das Zimmer zog.

Graf Ferd. Palffy bedurfte in Sachen seiner famosen Lotterieausspielung des Theaters an der Wien einer Audienz bei dem Kaiser, nicht um von diesem selbst einen Bescheid darauf zu erhalten, sondern damit sein Gesuch von Allerhöchstoben herab an die betreffende Behörde gelangen sollte. Gewöhnt, sich alles Unangenehme vom Hals zu schaffen, und wahrscheinlich in der Voraussicht einiger bittern Pillen von Seiten des Kaisers, bat er mich, unter dem Vorwande einer Unpäßlichkeit, für ihn zur Audienz zu gehen, instruirte mich über alles Nöthige und behändigte mir die Bittschrift. Wie bedenklich mir auch die Geschichte einerseits erschien, so sagte ich doch Ja, aus purer Neugierde, einmal Bekanntschaft mit einer solchen Audienz zu machen. Der Wachhabende nahm mich als Stellvertreter für den Grafen an, trug das Ereigniß in das Audienzbuch ein und bemerkte: „Ob es seiner kaiserlichen Majestät auch genehm erscheinen wird, weiß ich nicht, das ist nicht meine Sache. Sie kommen an die Reihe, sobald die Dame abgefertigt ist.“

Die alte Dame kam sehr heiter heraus, machte dem Wachhabenden einen zierlichen Knix und entfernte sich. Er forderte mich zum Eintreten mit den Worten auf: „Nun Glück auf! Die Alte war vergnügt; es scheint, daß da drinnen heute gutes Wetter ist.“ Ich trat ein. In Uniform stand der Kaiser hinter seinem Tisch, mit der Audienzliste vor den Augen und frug, ohne mich anzusehen:

„Wer ist der Herr?“

Ich nannte mich.

„Was ist das? der Herr steht ja gar nicht auf der Liste!“

„Ich erscheine für den Graf Ferd. Palffy, der sehr unpäßlich geworden ist.“

„Ich bin kein Doctor, er kann sich anderwärts curiren lassen. Was schafft der Graf?“

„Eurer kaiserlichen und königlichen Majestät überbringt er ehrfurchtsvoll diese Supplik mit der unterthänigsten Bitte, seiner Allerhuldreichst zu gedenken.“

„Wenn er es nur immer möglich machte, seiner allerhuldreichst zu gedenken; aber – nun, was will denn eigentlich diese Schrift?“

„In Betreff der beabsichtigten Ausspielung des Theaters an der Wien –“

„Ja, ich weiß schon, eine saubere Geschichte, da wird’s mit dem Allerhuldreichsten nicht viel werden! Uebrigens betrifft die Sache nicht den Grafen allein, sondern viele andere Leute sehr ernsthaft; darein habe ich also gar nichts zu reden, sondern meine Leute und meine Gesetze müssen sprechen, was das Recht hier erfordert.“ Die Schrift abnehmend und nebenan auf den Tisch legend, fuhr er fort: „Werde Alles besorgen; dem Grafen wünsche ich gute Besserung, Servus!“

Er nickte zum Abschied. Als ich den Rückzug geziemendst antrat, gebot er noch einmal Halt: „Apropos, wir haben uns schon einmal gesehen, erinnert sich der Herr noch?“

„Ja, Majestät.“

„Der Herr hatte damals zufällig Recht, aber ich hatte doch auch Recht: man muß über nichts reden, was man nicht versteht. Servus!“

Acht Tage danach erfolgte für des Grafen Plan die kaiserliche Genehmigung.
v. Biedenfeld.