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Textdaten
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Autor: Moritz Busch
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Titel: Aus der Geschichte des Traurings
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 44, S. 740–744
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[740]
Aus der Geschichte des Traurings.
Von Moritz Busch.

Warum begleitet unsere kirchliche Trauungen ein Ringwechsel des sich verehelichenden Paares? Und warum sollen die Ringe nach altem Herkommen (nicht blos im größten Theile Deutschlands, sondern auch anderwärts, z. B. in England) an den vierten Finger der linken Hand gesteckt werden, die doch sonst nicht als die vornehmere angesehen wird?

Die zweite Frage wurde früher mit der Meinung beantwortet, daß von jenem Finger eine Blutader bis zum Herzen reiche, verständiger aber erklärt sich die Sitte daraus, daß mit der linken Hand und deren letzten Fingern weniger, als mit den übrigen Greifwerkzeugen des Menschen gearbeitet und so der Ring weniger der Gefahr ausgesetzt, wird, beschädigt zu werden. Die erste Frage wird mit der Erklärung, der Ring bedeute, da er kein Ende habe, die Ewigkeit, der Wechsel die Austauschung von Liebe und Gegenliebe, nicht vollständig erledigt. Diese Erklärung ist sinnreich, erbaulich und der christlichen Auffassung der Ehe sehr angemessen, aber geschichtlich nicht zu begründen. Der Trauring oder vielmehr der Verlobungsring – denn mit der [741] Verlobung wurde im Alterthume und noch zu Luther’s Zeit die Ehe geschlossen – ist älter als das Christenthum. Nach Kalidasa’s „Sakuntala“ war er schon den alten Indern bekannt. Der Ring, den man austauschte oder den nur der Bräutigam der Braut gab, scheint in heidnischer Zeit ein Amulet gegen bösen Zauber gewesen zu sein. Andere wollen wissen, daß er ein Unterthanenverhältniß bedeutet habe, sodaß der Bräutigam (nur dieser gab ursprünglich einen Ring) seiner Braut damit bemerklich gemacht hätte, sie stehe fortan unter ihm, habe ihm zu gehorchen und zu dienen. Wieder Andere sagen, er sei das Zeichen des Abschlusses eines Vertrages gewesen und habe den dauernden Charakter desselben symbolisch dargestellt.

Sicher ist von alledem nichts. Doch spricht für die zuletzt erwähnte Ansicht die Sitte der Römer, Verträge durch Uebergabe eines Ringes für bindend zu erklären und sich bei Verlobungen einen gewöhnlich eisernen Ring „Pronubum“ genannt, zu überreichen. Später war derselbe, nach dem Zeugnisse Tertullian’s, von Gold, und bisweilen hatte er eine Inschrift, z. B.: „Mögest Du lange leben“, oder: „Ich bringe Dir Glück“. Bisweilen war ein Stein eingelassen, auf dem eine Hand an einem Ohrläppchen zupfte. Darüber standen die Worte: „Gedenke mein!“. Nicht unwahrscheinlich ist, daß gewisse antike Ringe von Erz, die einen kleinen Schlüssel an sich haben, Eheringe sind. Mit dem Eheringe übergab der Mann der Frau die Schlüssel des Hauses, und bei Photius sagt Theosebius zu seiner jungen Gattin: „Früher gab ich Dir den Ring der Verbindung; jetzt gebe ich Dir den der Wachsamkeit, damit er Dir bei geziemender Bewahrung des Hauses helfe“ – eine Rede, die wieder an ein Zaubermittel anklingt.

Unter den alten Skandinaviern bildete der Ringwechsel nach den uns überlieferten Sagen und Gesetzen weder in der heidnischen noch in der christlichen Zeit ein wesentliches Zubehör zu den Verlobungs- oder Hochzeitsfeierlichkeiten. Zwar ist bisweilen von einem solchen Austausche die Rede, der Ring hat dann aber gewöhnlich keine höhere Bedeutung als die eines Andenkens. In der Hervarar-Saga allein knüpft sich mehr daran; denn hier sagt die Fürstin Ingborg, die Verlobte Hialmar’s, zu diesem, als er in die Schlacht geht: „Ich schwöre bei Varra“ – damit überreicht sie ihm einen Ring –, „daß, wem auch Uller den Sieg verleihen mag, ich nur eines Mannes Braut sein will.“ In Island wurden alle Abkommen und Verpflichtungen mit Hülfe eines großen Ringes ratificirt, der bald von Knochen, bald von Stein, bisweilen auch von Silber oder Gold war. Mitunter war er so groß, daß man die ganze Hand hindurchstecken konnte. Beim Abschlusse einer Verlobung fuhr der Bräutigam mit vier Fingern und dem Handteller durch den Ring und empfing auf diese Weise die Hand seiner Braut. Manchmal wurden diese Geräthe zur Bestätigung gegenseitiger Verträge auch auf den Altar gelegt und dort gebraucht. Vielleicht läßt sich auf diese Gewohnheit die einstige Form der Trauung auf den Orkneys zurückführen, wo die Brautleute sich durch ein rundes Loch oder einen Ring an einem Steinpfeiler die Hände geben.

Bei den Angelsachsen wurde die Verlobung dadurch vollzogen, daß man sich die Hände reichte, worauf Braut und Bräutigam einander beschenkten. Unter den Gaben des Letzteren befand sich ein Ring, welcher, nachdem ihn der Priester gesegnet, der Braut an einen Finger der rechten Hand gesteckt wurde, wo er bis zur Heirath verbleiben mußte. Bei dieser zog ihn der Bräutigam ab, ließ ihn noch einmal vom Priester segnen und steckte ihn darauf der Braut an den Zeigefinger der linken Hand. Vor Einführung des „Commonprayerbooks“, welches einfach bestimmt, daß der Trauring an den vierten Finger der linken Hand der Braut gehört, steckte der Bräutigam ihn derselben zunächst mit den Worten: „Im Namen des Vaters“ auf die Spitze des Daumens, dann, indem er „und des Sohnes“ fortfuhr, an den Zeigefinger, darauf weitersprechend „und des heiligen Geistes“ auf den Mittelfinger, endlich mit dem Schlußworte „Amen“ auf den vierten, wo er verblieb.

Nach dem Ritual der morgenländischen orthodoxen Kirche hat der Trauring seinen Platz an der rechten Hand. Die Ringe werden hier dreimal gewechselt. Der Bräutigam steckt der Braut zuerst ihren Ring an, dann versetzt der Priester den des Bräutigams an die Hand der Braut; zuletzt bringen Priester und Bräutigam gemeinschaftlich den Ring an die Stelle, wo er bleiben soll. Möglich ist, daß damit ebenfalls an die Dreieinigkeit erinnert werden soll. Vielleicht ist das aber nur eine Umdeutung der Eigenthümlichkeit aller russischen Sagen und Mythen, daß in ihnen die Dreizahl fast allenthalben eine Rolle spielt. Die Väter haben hier nie mehr und nie weniger als drei Söhne. Die Helden reiten auf ihren Fahrten durch dreimal neun Länder, und die Tapfersten unter ihnen sind dreiunddreißig Jahre alt. Sie erreichen endlich ihren Zweck gewöhnlich erst beim dritten Versuche.

Bei den Neugriechen werden bei der Verlobung zwei Ringe, einer von Gold und einer von Silber, ausgetauscht, und die Ceremonie wird auf folgende Weise vollzogen. Der Pope, der sich im Allerheiligsten hinter der mit Heiligenbildern geschmückten Wand befindet, welche jenes vom Schiff der Kirche scheidet, übergiebt den zu Verlobenden angezündete Kerzen und kehrt dann zu ihnen in das Schiff zurück. Hier bringt man ihm die Ringe, die inzwischen auf dem Altar geweiht und gesegnet worden sind, und nachdem er noch ein Gebet über ihnen gesprochen, überreicht er dem Manne den goldenen und der Frau den silbernen, und wiederholt dreimal die Formel: „Der Knecht Gottes N. N. heirathet die Magd Gottes X. im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes für jetzt und fernerhin und alle Zeiten. Amen.“

Bei den Armeniern werden sehr häufig Kinder von drei Jahren, ja noch jüngere mit einander verlobt. Wenn zwei Mütter übereingekommen sind, daß ihre Kinder sich heirathen sollen, so theilen sie die Sache ihren Männern mit, welche die Wahl ihrer Frauen stets gutheißen. Die Mutter des Knaben geht dann mit zwei alten Weibern und einem Priester zu den Eltern des Mädchens und schenkt dem Kinde einen Ring im Namen seines zukünftigen Gatten. Dann wird der Knabe hereingebracht, und der Priester liest eine Stelle aus der Bibel vor und segnet die Verlobten, von denen der kleine Bräutigam der kleinen Braut hierauf bis zu ihrer Verheirathung jedes Jahr ein neues Kleid zu übersenden hat.

Im Abendlande kam früher Aehnliches vor, besonders unter fürstlichen Personen. Vielleicht der kleinste aller Ringe war derjenige, welcher bei den „fiançailles“ der Prinzeß Mary, der Tochter Heinrich’s des Achten, mit dem Dauphin von Frankreich, dem Sohne König Franz’ des Ersten, eine Rolle spielte. Der Bräutigam wurde dabei von dem Admiral Bonnivet, dem französischen Gesandten in London, vertreten. Die Ceremonie fand mit großem Pomp in Greenwich statt, und zwar am 5. October 1518, wo der Dauphin etwa acht Monate und die kleine Prinzeß zwei Jahre alt war. Der König stand vor seinem Throne; neben ihm hatten auf der einen Seite seine Gemahlin und Marie von Frankreich und vor jener die in Goldbrocat gekleidete und von Juwelen strahlende Braut Platz genommen. Auf der andern Seite befanden sich die beiden Legaten des Papstes, Wolsey und Campeggio. Nach einer Rede des Bischofs Tunstal wurde die Prinzeß auf den Arm genommen und die Einwilligung von König und Königin erbeten, worauf Wolsey sich mit einem für die junge Dame passenden winzigen Ringe näherte, in dem sich ein werthvoller Diamant befand. Bonnivet als Vertreter des Prinzen steckte ihr denselben an, worauf sie den Segen empfing und Wolsey im Beisein des Königs und des gesammten Hofes die Messe celebrirte.

Allenthalben knüpfen sich an Trauringe abergläubische Meinungen und Gebräuche, die zum Theil über ganz Europa verbreitet sind. Nicht blos im deutschen Liede heißt es: „Sie hat die Treue gebrochen; das Ringlein sprang entzwei.“ Auch in einer russischen Ballade sagt die Braut: „Wenn ich je an eine andere Liebe denke, so soll sich das Goldringlein von einander thun, und solltest du einem andern Mädchen folgen, so wird der Diamant aus dem Ringe fallen.“ Nicht blos in Tirol und in Hessen glaubt man, daß beim Zerbrechen eines Trauringes bald eins von den betreffenden Eheleuten stirbt, und ebenso ist die Ansicht, daß es eine unglückliche Ehe giebt, wenn der Braut bei der Trauung ihr Ring herabfällt, viel weiter als blos in Norddeutschland verbreitet. Das Zerbrechen eines Eheringes wird von den Frauen in gewissen Gegenden Englands noch jetzt als sicheres Zeichen betrachtet, daß die Gattin in Kurzem eine Wittwe sein werde. In Essex wurde vor einigen Jahren ein Mann ermordet, und seine Wittwe sagte: „Ich dachte mir’s [742] doch, daß ich ihn bald verlieren würde; denn neulich zerbrach mir mein Trauring, und meine Schwester kam um ihren Mann, als es ihr ebenso gegangen war. Es ist ein untrügliches Anzeichen.“

In Rußland treffen wir den Gebrauch, daß man den während eines Gewitters fallenden Regen in einem Becken auffängt, auf dessen Boden man einen Trauring gelegt hat. Im Gouvernement Rjäsan glaubt man, daß Wasser, durch einen solchen Ring gegossen, gewisse medicinische Kräfte habe, und nach einer kleinrussischen Sitte muß die Braut dem Bräutigam aus einem Becher Wein zu trinken geben, in den sie ihren Ring gelegt hat. Ein großrussisches Lied, welches offenbar aus mythischen Zeiten stammt und auf den vielleicht durch die Waräger in das Land gekommenen halbgöttlichen Kunstschmied Wieland anzuspielen scheint, lautet: „Da kommt ein Schmied von der Schmiede. Der Schmied, der trägt drei Hämmer. Schmied, Schmied, schmiede mir eine Krone, schmiede mir eine Krone von Gold und neu! Schmiede mir von dem, was übrig bleibt, einen goldenen Ring, und von dem Abfall eine goldene Nadel! Mit jener Krone will ich mich trauen lassen. Mit jenem Ringe will ich mich vermählen. Mit jener Nadel will ich meinen Hochzeitsmantel zustecken.“

In gewissen Gegenden Deutschlands und ebenso in England und Frankreich gilt es für das beste Mittel zur Vertreibung eines Gerstenkornes am Auge, wenn man dasselbe mit einem goldenen Trauringe reibt, doch muß dies in Deutschland drei Mal, in England neun Mal, und zwar schweigend geschehen. Wenn in Deutschland Leute zu arm sind, um sich Trauringe von Gold zu kaufen, so thun es silberne auch, ja zur Noth können ein paar gewechselte Geldstücke die Ringe vertreten. Dagegen herrscht unter den irischen Bauern vielfach der Glaube, eine Trauung, bei der kein Goldring gebraucht worden, habe keine Gültigkeit. Es giebt daher Leute, welche ihnen solche Ringe gegen eine kleine Erkenntlichkeit leihen, und an manchen Orten hat die Gemeinde einen Trauring angeschafft, der bei jeder Trauungsceremonie verwendet, vom Priester verwahrt und jedes Mal, wo man seiner bedarf, mitgebracht wird.

In ganz England nicht blos, sondern auch in Amerika spielt der Hochzeitskuchen bei Verheirathungen eine wichtige Rolle, und hier wie dort knüpfen sich an ihn, in Verbindung mit dem Trauringe, allerlei abergläubische Gewohnheiten. Im Norden Englands wie in gewissen Landstrichen am Mississippi und Ohio herrscht die Sitte, jenen Kuchen zu einem Orakel zu verwenden. Man schneidet ihn in schmale Stücke, zieht diese neun Mal durch den Trauring hindurch und giebt sie den unverheiratheten Hochzeitsgästen, die sie sich dann des Nachts unter ihr Kopfkissen legen, da sie auf diese Weise von ihrem Liebhaber oder ihrem zukünftigen Manne zu träumen hoffen.

Ferner wird am 6. October, dem Tage der heiligen Fides, in den nördlichen Grafschaften Englands vielfach noch folgender Zauber getrieben. Drei Mädchen thun sich zusammen, um einen Kuchen von Mehl, Quellwasser, Zucker und Salz zu bereiten. Derselbe wird dann in einem Ofen gebacken, wobei die Drei strenges Stillschweigen zu bewahren haben und den Kuchen dreimal umwenden müssen. Ist er gehörig durchgebacken, so zerschneidet man ihn in drei gleich große Theile, und jedes Mädchen muß ihr Stück wieder in neun Streifen zerschneiden und jeden derselben durch einen Trauring schieben, welchen sie sich von einer sieben Jahre verheiratheten Frau geborgt hat. Dann hat sie ihre Kuchenschnitte, während sie sich auskleidet, zu essen und dazu einen Spruch herzusagen, der in deutscher Uebersetzung lautet: „O gute Sanct Fides, sei freundlich heut’ Abend und bring’ mir meinen Herzensschatz her! Laß mich meinen zukünftigen Mann sehen und meine Traumbilder keusch und rein sein!“ Alle Drei müssen sich dann in ein und dasselbe Bett legen, nachdem sie den Ring darüber aufgehangen haben. Sie sehen dann ganz sicher ihren Zukünftigen. Selbst der Finger, an dem man einen Trauring getragen hat oder einmal tragen kann, besitzt, nach der Meinung des Landvolks in Somersetshire, heilende Kraft. Während eine Berührung von Wunden mit den anderen Fingern dieselben „vergiften“ würde, werden sie, mit diesem bestrichen, in kurzer Zeit sich schließen und vernarben.

Alte Legenden behaupten, daß der heilige Joseph und die Jungfrau Maria bei ihrer Eheschließung sich eines Ringes von Onyx oder Amethyst bedient hätten. Diese Entdeckung wird in das Jahr 996 n. Chr. verlegt, wo ein Juwelier aus Jerusalem einen solchen einem Edelsteinhändler zu Clusium überbracht und letzterer seinen Ursprung herausgefunden haben soll. Bald wurde man, wie die Sage weiter berichtet, auch gewahr, daß der Ring wunderthätige Eigenschaften besaß, und man brachte ihn in eine Kirche, wo er allerhand erstaunliche Heilungen bewirkte, die jedoch immerhin noch nicht so erstaunlich waren, wie die fernere Gabe des Ringes, sich zu vervielfältigen. Nicht lange dauerte es, so hatten ein halbes Hundert Kirchen ähnliche Ringe; alle waren echt, und allen erwies man dieselbe fromme Verehrung – eine Thatsache, die indeß nicht zu sehr angestaunt werden darf, da der echten Stücke vom Kreuze Christi wenigstens noch zehnmal mehr waren und noch sind, sodaß man von ihnen „ein Linienschiff bauen“ könnte. Einer von jenen Trauringen Maria’s oder des Pflegevaters Jesu wird im Dome von Perugia verwahrt, aber jedes Jahr nur einmal, nämlich am Tage Sanct Joseph’s, gezeigt. Er ist ein einfacher Goldreif, aber sechsmal so dick, wie ein gewöhnlicher Trauring, sodaß Joseph ein sehr großer Herr gewesen sein muß.

Die Juden bedientet sich im sechszehnten Jahrhundert (vielleicht auch schon früher) und noch später bei ihren Trauungen ungemein großer und reichverzierter Ringe, von denen uns eine Anzahl in Abbildungen vorliegen. Dieselben haben die Gestalt von Trommeln ohne Fell, zeigen auf der einen Seite eine erhaben gearbeitete, über anderthalb Zoll hohe Darstellung eines Hauses, dessen Dach bei einigen wie bei einen Zelte bis auf den Boden reicht, oder eines Kuppeltempels mit Seitenthürmen und enthalten gewöhnlich eine hebräische Inschrift, die mit „Viel Gutes wünsche ich“ zu übersetzen ist. Das Haus oder der Tempel hat Thürchen, die sich in kleinen Angeln drehen, und enthielt aller Wahrscheinlichkeit nach ein Amulet. Diese Ringe wurden selbstverständlich nicht im gewöhnlichen Leben, ja überhaupt wohl nur während der Trauungsceremonie getragen und nach derselben durch einfachere ersetzt. Gegenwärtig sind dergleichen unbehülfliche Kleinode nicht mehr in Gebrauch, wenigstens nicht in Deutschland.

Wir schließen mit einigen kleinen Fabeln und Geschichten, die sich an Trauringe knüpfen.

Im Jahre 1058 hatte sich ein junger Mann von vornehmer Geburt zu Rom verheirathet, und während die Hochzeitsfestlichkeit mit ihrem Schmause noch fortdauerte, ging er mit seinen Freunden in den Garten des Hauses, um Ball zu schlagen. Um dabei nicht behindert zu sein, steckte er seinen Trauring einer Statue der Venus, die sich dort befand, an den Finger. Nachdem er das Spiel beendigt hatte, ging er, um sich den Ring wiederzuholen. Aber wie erstaunt war er, als er fand, daß der Finger, an den er ihn gesteckt, sich krumm gebogen und fest an die innere Handfläche der Statue gelegt hatte. Umsonst versuchte er ihn los zu machen oder zu zerbrechen. Er verbarg die Sache seinen Gefährten und kehrte in der Nacht mit einem Diener zurück, aber siehe da, der Finger war jetzt wieder gestreckt und der Ring verschwunden. Er ließ sich von dem Verluste nichts merken und ging zu seiner Frau zurück. Aber jedesmal, wo er sie umarmen wollte, fand er sich durch ein dunkles und greifbares Etwas daran verhindert, welches dazwischen trat, und er hörte, wie eine Stimme sagte: „Umarme mich; denn ich bin Venus, der Du Dich heute vermählt hast, und ich werde Dir Deinen Ring nicht wiedergeben.“ Da diese Worte ihm fortwährend wiederholt wurden, besprach er sich endlich mit seiner Verwandten, und diese nahmen ihre Zuflucht zu dem in allerlei Zauberkünsten erfahrenen Priester Palumbus. Dieser gebot dem jungen Manne, zu einer gewisser Stunde an eine Stelle zwischen den Trümmerstätten des alten Rom zu gehen, wo vier Straßen sich kreuzten, und hier schweigend zu warten, bis ein Zug vorbeikomme. An dessen Ende werde ein majestätisches Wesen in einem Wagen daher fahren, dem solle er einen Brief überreichen, welchen er, der Zauberer, ihm jetzt mitgab. Der junge Mann that, wie ihm geheißen, und sah eine große Schaar Menschen von aller Altern, Geschlechtern und Ständen, einige zu Fuß, einige zu Roß, andere zu Wagen an sich vorbeiziehen. Manche waren lustig, manche traurig. Unter ihnen befand sich ein frech blickendes Weibsbild, das auf einem Maulthiere ritt. Bei ihrer durchsichtigen Kleidung sah sie wie nackt aus. Ihr langes Haar, das ihr über Schultern und Rücken herabwallte, [743] wurde von einer goldenen Spange zusammengehalten, und mit einer goldenen Gerte trieb sie ihr Reitthier an. Zuletzt erschien eine hohe majestätische Gestalt in einem mit Smaragden und Perlen geschmückten Triumphwagen, welche den jungen Mann zornig fragte, was er hier zu suchen habe. Schweigend überreichte ihm dieser seinen Brief, welchen der Dämon nicht zurückzuweisen wagte. Sobald er ihn gelesen, hob er seine Hände gen Himmel und rief aus: „Allmächtiger Gott, wie lange willst Du die Ruchlosigkeit des Zauberers Palumbus noch dulden?“ Darauf schickte er sofort zwei seiner Begleiter ab, welche dem Frauenzimmer [744] mit den langen Haaren den Ring des jungen Mannes mit Gewalt abnahmen und ihn seinem Eigenthümer überbrachten, dessen Verbindung mit der höllischen Welt auf diese Weise gelöst wurde.

Häufig geschah es im Mittelalter, daß man „unserer lieben Frau“ einen Ring verehrte. Monstrelet erzählt, daß Ludwig von Luxemburg bei seiner Hinrichtung unter Ludwig dem Elften von seinem Finger einen mit Diamanten besetzten Ring nahm und ihn seinem Beichtvater mit dem Begehren übergab, er wolle ihn dem Gnadenbilde der Jungfrau Maria an den Finger stecken, was jener zusagte.

Cäsarius von Heisterbach berichtet eine Geschichte ähnlichen Charakters wie die römische Venussage. Ein gewisser Priester, Philipp mit Namen, war ein arger Zauberer. Eines Tages nahm er mehrere schwäbische und baierische Jünglinge mit sich nach einem einsamen Orte auf dem Felde draußen, wo er auf ihr Verlangen sich dazu verstand, durch Beschwörungen Geister zu citiren. Zunächst zog er den Degen und machte damit einen Kreis um sie, wobei er ihnen streng verbot, aus demselben hinaus zu treten. Dann ging er ein wenig abseits von ihnen und begann seine Beschwörungsformeln herzusagen. Darauf erschienen plötzlich vor dem Kreise, in welchen die Jünglinge standen, zahlreiche wild aussehende Männer, welche Waffen schwangen und sie zum Kampfe herausforderten. Als es den bösen Geistern nicht gelang, sie auf diese Weise aus ihrem Zauberkreise heraus zu locken, verschwanden sie, um einer Schaar schöner Mädchen Platz zu machen, welche den Ring des Zauberers umtanzten und durch ihre Stellungen und Geberden die Jünglinge an sich zu ziehen bemüht waren. Eine von ihnen namentlich, die alle anderen an Schönheit und anmuthiger Geberde übertraf, hatte es auf einen bestimmten jungen Mann abgesehen, den sie dadurch an sich zu locken suchte, daß sie auf ihn zutanzte und ihm einen goldenen Ring hinhielt, ihm schmachtende Blicke zuwarf und auf jede Weise seine Leidenschaft zu entzünden strebte. Endlich streckte der junge Mann, nicht mehr im Stande zu widerstehen, seinen Finger über den Zauberkreis hinaus, um den Ring in Empfang zu nehmen, und augenblicklich ergriff ihn das Gespenst, riß ihn an sich und verschwand mit ihm.