Aus den letzten Tagen Kurhessens

Textdaten
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Autor: Georg Horn
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Titel: Aus den letzten Tagen Kurhessens
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 22, S. 364-366
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[364]
Aus den letzten Tagen Kurhessens.


Nachstehende Mittheilungen sind nach den Erzählungen eines Verstorbenen niedergeschrieben, welcher früher als Officier in dem Husarenregimente diente, das zum Theil in Grebenstein, zum Theil in Hofgeismar bei Kassel in Garnison lag.

Man konnte wohl sagen, begann die Erzählung des genannten Gewährsmannes, daß der erste Agitator für die Einverleibung Kurhessens in den preußischen Staat der Kurfürst selbst war. Die kurhessische Armee war im Grunde nur eine Division des westphälischen oder rheinischen Armeecorps. Uniformirung, Reglement, alle Militäreinrichtungen waren fast dieselben, wie in Preußen, und hier war kein Knopf angesetzt worden, der nicht bei den Truppen des Kurfürsten seine Nachahmung gefunden hätte. In seinem Innern – darauf deuteten mannigfache Aeußerungen hin – hatte der Kurfürst sich bereits in den Gedanken ergeben, daß er der Letzte sein würde, der über das Kattenland herrsche. Die künftigen Ereignisse waren solchergestalt angebahnt, als ein Umschlag eintrat. Das war die Sendung des preußischen Feldjägers an den Kurfürsten. Mit seinem Fürsten empfand das Volk diese Herabwürdigung sehr tief – Preußen hatte, was Verfassungskämpfe anbelangte, genug vor seiner eigenen Thür zu kehren. Gesetzt aber auch, daß man ihm eine Berechtigung, sich in die inneren Verhältnisse des Nachbarstaates zu mischen, zuerkennen wollte, so war die Form doch eine so wenig den diplomatischen Gebräuchen entsprechende, daß darüber namentlich in der Armee sich eine offenkundige Mißstimmung gegen Preußen fühlbar machte.

Es gab damals in Kassel um den Kurfürsten eine Partei, welche diese Verstimmung für ihre Zwecke auszubeuten suchte. Diese bestand aus den Leuten, welche sich um die Fürstin von Hanau und deren Descendenz gruppirten und zu Oesterreich hinneigten. Durch den Kaiser von Oesterreich war die frühere Gattin des Postmeisters Lehmann in den Fürstenstand erhoben worden; der Kurfürst hatte aus seinen Mitteln in Bosnien große Güterankäufe gemacht, um daraus einen Familienbesitz für seine nicht successionsfähigen Söhne zu bilden; Oesterreich war zudem nie eine Gefahr für den politischen Fortbestand von Kurhessen, während diese Gefahr von Seite Preußens eine durch die Verhältnisse gegebene war – kurz, der österreichische Gesandte in Kassel, Graf Karnicki, wußte diese Situation zu Gunsten seines Staates sehr wohl auszubeuten und behielt seine Fühlung mit seinem Collegen in Hannover, dem Grafen von Ingelheim. So standen in Kassel die Dinge, als die Gewitterwolken zwischen Berlin und Wien im Heraufziehen waren.

Man wußte, daß die erste Entladung vom Sitze des Bundestages geschehen würde, und wie nahe wir dem ersten Zusammenstoße waren, davon überzeugte mich der Auftrag eines bei den Bonner Husaren stehenden preußischen Cameraden, der dahin ging, ihm zwei feldtüchtige Pferde anzukaufen. Das war ein Symptom. Einige Wochen darauf erhielt ich von demselben Officier eine telegraphische Depesche, deren Inhalt noch vielsagender war, als der erste Auftrag. Das Regiment, auf der westphälischen Bahn nach dem Südosten der Monarchie dirigirt, passirte Hofgeismar; hier wollten die Officiere ein Frühstück finden für sich und auch für die Mannschaften. Das der Inhalt der Depesche, der denn doch zu überlegen – zu bedenken gab. Commandeur des Regiments war der spätere Generalmajor v. B. Mit diesem ging der Empfänger der Depesche und mit ihm das gesammte Officiercorps in Berathung ein, was zu thun sei. Die Cameraden wie Freunde zu behandeln, war das Resultat. Denn noch war politisch nichts geschehen, was Kurhessen von Preußen schied. Im Gegentheile, wir Alle waren überzeugt, daß im Falle eines Bruches zwischen Preußen und Oesterreich der Kurfürst sich für den ihm durch Nachbarschaft wie durch Familienbande eng verbündeten Staat erklären würde. „Ihr kommt bald nach!“ rief mir mein braver Camerad, Prinz W., bei der Abfahrt des Regiments, sich aus dem Waggonfenster legend, zu. Ich glaube, es war unter uns kein Einziger, der Dem nicht zugestimmt hätte – das Zusammensein mit den preußischen Cameraden war das herzlichste gewesen; das Frühstück, das wir ihnen gaben, war zudem vortrefflich, die Stimmung die gehobenste. Wie hätte es anders sein können, als daß wir sie sehr natürlich fanden, diese Andeutung: Ihr kommt bald nach.

Aber dann kam die Abstimmung beim Bundestage in Frankfurt am Main vom 14. Juni, die Kurhessen, Hannover, Sachsen etc. in den Strudel des Verderbens riß, der Antrag Oesterreichs auf Mobilisirung des Bundesheeres mit Ausnahme der zur preußischen Armee gehörigen Armeecorps. Das war der Krieg zwischen den beiden größten deutschen Staaten. Wir bekamen noch an demselben Abende davon Kenntniß. Die preußischen Truppenzüge von Westphalen her hatten immer fortgedauert; jeder Tag brachte Infanterie, Cavallerie, Artillerie, Munition. Alles ging nach dem Südosten der preußischen Monarchie. Mit jedem Tage wurde unter uns die Spannung größer – die Unruhe merkbarer. Wir bewillkommneten die preußischen Cameraden; wir sprachen von den künftigen Eventualitäten mit ihnen, aber so ganz geheuer war es uns doch nicht – wir ahnten ein Verhängniß – und dieses kündigte sich in einem Extrablatt der „Hessischen Morgenzeitung“, wenn ich nicht irre, an. Durch dieses wurde uns die Nachricht von der Frankfurter Abstimmung zuerst bekannt. Ein preußischer Artilleriehauptmann reichte es mir aus dem Waggon.

Der Kurfürst hatte sich für Oesterreich erklärt, die österreichische Partei am Hofe gesiegt oder vielmehr das Hanau-Schoburg’sche Familieninteresse über den gesunden politischen Gedanken den Sieg davongetragen. Wie man sich erzählt, habe man den Kurfürsten durch Drohung mit Requisition gegen seine böhmischen Besitzungen Seitens der österreichischen Regierung eingeschüchtert. An seinen Herrschaften Horowitz und Jinec war ihm mehr gelegen, als an dem uralten Besitze seines Hauses, an einem Volke, das stets mit blinder Treue zu ihm und seinen Vorfahren gehalten hatte. Freilich, Land und Volk gingen auf seinen Geschlechtsvetter, den jetzigen Landgrafen Friedrich Wilhelm über, nicht an seine nur morganatischer Ehe entsprossenen Söhne. Durch diese Abstimmung hatte der Kurfürst sein Schicksal besiegelt, mit dem seinen auch das seines Landes. „Wenn er springt,“ habe Herr von Bismarck geäußert, eines seiner beliebten Gleichnisse aus dem Jagdleben und speciell vom Fuchse gebrauchend, „wenn er springt, ist er verloren.“ Er kannte vielleicht besser als der Kurfürst die Verblendung der Umgebung desselben. Vor der Abstimmung soll der Kurfürst noch einmal beim damaligen preußischen Gesandten in Kassel, dem General von Röder, vorgefahren sein. Vielleicht wäre dieser Besuch im Stande gewesen, noch in der elften Stunde den Dingen eine andere Wendung zu geben – möglich. Aber Herr von Röder war nicht zu Hause. Er hatte von seinem Vorgesetzten in der Berliner Wilhelmstraße Weisung erhalten, sich an den Tagen unmittelbar vor dem 14. Juni nicht mehr sehen zu lassen – der Antrag Oesterreichs war vom 11. Juni. – So erzählte man sich damals, und wenn es wahr ist, so beweist es eben nur wieder den diplomatischen Blick des späteren Reichskanzlers – kurz, der Kurfürst sprang, und der kühne Jäger war seiner Beute gewiß.

Wir standen vom 14. Juni an mit Preußen auf dem Kriegsfuße.

Hofgeismar lag dicht an der preußischen Grenze; unser Regiment war die Truppe, die am meisten exponirt war.

In Anbetracht dieser Verhältnisse entsandte der Commandeur am andern Morgen einen jüngern Officier, den Lieutenant von G., nach Wilhelmshöhe. Hier hielt der Kurfürst seine Sommerresidenz. Von ihm erbat sich der Commandeur Verhaltungsbefehle.

Aus der Meldung, die der dazu commandirte Officier dem [365] Obersten von B. bei seiner Rücklehr abstattete, ist mir noch Folgendes erinnerlich.

In vorschriftsmäßiger Uniform hatte er den Weg durch den Wald nach dem Lustschlosse genommen. Man reitet von Hofgeismar nach Wilhelmshöhe etwa drei Stunden; der Weg geht fast ununterbrochen durch den Wald.

Die Morgenfrühe athmete Ruhe und Frieden; in der Natur war nichts von dem Rumor zu spüren, der draußen in der Welt sich zusammenzog. Das meldete aber Lieutenant von G. nicht; es ist Zuthat des Erzählers. Gegen sechseinhalb Uhr traf der Officier auf Wilhelmshöhe ein und stieg bei Meister Schombart ab, um sich etwas in Stand zu setzen, ehe er drüben im Schlosse vor seinem Landesfürsten erschien. Aber hier erfuhr er, daß dieser schon um sechs Uhr nach Kassel gefahren war. „Ihm nach!“ war der Gedanke des Commandirten. Er hatte einen kleinen Imbiß genommen und war eben im Begriffe, sich wieder auf das Pferd zu schwingen, als ein Lakai drüben vom Schlosse erschien und ihn hinüber zur Gemahlin des Kurfürsten, zur Fürstin von Hanau, beschied. In Morgentoilette, wie sie war, kam sie dem Eintretenden entgegen, ihm bemerkend, daß man ihn durch den Wald habe kommen sehen und ihr dies sogleich gemeldet.

„Hängt Ihr Erscheinen mit irgend einem Ereigniß zusammen? Was ist geschehen? O, wir werden einem großen Unglück entgegengehen, und um so trauriger ist es, als man die Frage, ob es denn sein mußte, nur verneinen kann.“

Lieutenant von G. suchte die aufgeregte Dame zu beruhigen, indem er ihr versicherte, daß noch nichts geschehen sei, daß man aber nach der augenblicklichen Situation jeden Augenblick auf Alles gefaßt sein müsse. Schließlich theilte er ihr mit, in welcher Sendung er zum Kurfürsten käme.

„Der Kurfürst ist nach Kassel, um mit den Ministern zu berathen, überhaupt um am Platze zu sein. Sie werden gut thun, ihm sogleich dahin zu folgen.“

Auf dem Wege zur Residenz überlegte der Officier, daß im gegebenen Moment sein Erscheinen in Kassel eine ungerechtfertigte Beunruhigung hervorrufen oder zum Mindesten großes Aufsehen erregen würde. Er hielt es demnach für gerathener, auf Umwegen durch abgelegene Straßen in das Palais am Friedrichsplatze zu gelangen, wo der Kurfürst damals residirte. An dem Seiteneingange desselben saß er ab, und nachdem er sein Pferd der Sorge eines Lakaien übergeben hatte, stieg er das erste Geschoß zu den Gemächern des Kurfürsten hinan. Dieser mußte aber schon vorher sein Kommen bemerkt haben, denn als Lieutenant von G. die Hälfte der Stufen erstiegen hatte, bemerkte er oben die über das Geländer gebeugte Figur des Kurfürsten. Ohne ein Wort zu sagen, faßte dieser den jungen Officier, als er das Ende der Treppe erreicht hatte, vorn an der Uniform und zog ihn in seine Gemächer.

„Sind sie da?“ (nämlich die Preußen). Diese fast stoßartig hervorgebrachte Frage war von dem entsprechenden Mienenspiel begleitet.

„Nein, königliche Hoheit,“ war die Antwort des Officiers, „da sind sie noch nicht, aber sie können jeden Augenblick kommen und deshalb sendet mich der Obrist von B., um sich für den eintretenden Fall von Ew. königlichen Hoheit allerunterthänigst Verhaltungsmaßregeln zu erbitten.“

„Wie soll ich Instructionen ertheilen, wo ich selbst keine habe?“ jammerte der Kurfürst. „Ich bin ohne jede Nachricht über das, was nun geschehen soll. In Frankfurt scheint eine arge Verwirrung zu herrschen.“

„Aber was soll Obrist von B. thun, wenn die Preußen die Grenzen des Kurfürstenthums überschreiten?“ drängte fragend der Officier, auf den Zweck seiner Sendung zurückkommend.

Der Kurfürst ging rasch einige Mal im Zimmer auf und ab und schien zu überlegen.

„Wenn sie kommen,“ wandte sich der Monarch zu dem Husarenofficier, „dann – dann soll Obrist von B. ihnen entgegenreiten und Protest einlegen.“

„Protest?“ fragte überrascht der junge Officier.

„Nun ja, verstehen Sie das nicht?“

„Zu Befehl, Ew. königliche Hoheit, aber wenn ich, erlaube ich mir allerunterthänigst zu bemerken, an der Spitze einer Truppe als Feind die Grenzen eines Landes zu überschreiten hätte und es käme mir Einer mit einem Protest entgegen, dann würde ich ihn einfach gefangen nehmen lassen; das wäre der Protest gegen den Protest.“

Da wurde der Kurfürst fast heftig, und seine Stimme bekam einen Ausdruck, den man in der militärischen Sprache mit „Anpusten“ bezeichnet.

„Das verstehen Sie nicht,“ war seine Rede. „Das sind Fragen des Völkerrechts, und was von Preußen geschehen, ist gegen jedes Völkerrecht. Preußen ist die revolutionäre Macht. Aber was hilft alles das Reden? Vorläufig sind sie noch nicht da, können auch noch nicht da sein. Nicht einen einzigen Mann haben sie an meiner Grenze stehen.“

Das wußte er ganz genau.

Der Officier kam wieder auf den Zweck seiner Sendung zurück.

„Bleiben Sie hier, warten Sie! Ich würde Ihnen sagen, gehen Sie hinunter und lassen Sie sich Frühstück geben, wenn ich selbst etwas hätte. Es ist ja Alles in Wilhelmshöh'. Aber gehen Sie in den ‚König von Preußen‘!“

Das war damals der erste Gasthof Kassels.

„Wird aber dort, erlaube ich mir Ew. königlichen Hoheit allerunterthänigst zu bemerken, meine Anwesenheit nicht Aufsehen erregen, und müßte man nicht Alles vermeiden, was die Angst und Unruhe der Bevölkerung vermehren könnte?“

„Ja, ja, Sie haben Recht – das ist zu bedenken,“ bemerkte der Kurfürst nach einer Weile. „Es ist das Beste, Sie reiten nach Hofgeismar zurück. Ich sende die Befehle dorthin. Es müssen jede Stunde Nachrichten aus Frankfurt anlangen. Ich muß doch mein Verhalten mit dem meiner Verbündeten in Einklang bringen.“

„Das ist also der Bescheid, den ich unserm Commandeur überbringen soll?“

„Vorläufig, vorläufig,“ versetzte der Kurfürst.

„Und die Befehle Eurer Königlichen Hoheit werden sicher folgen?“

„Ja, ja! Reiten Sie nur!“ – –

Dem Regimente gingen keine Befehle zu, dagegen patrouillirten wir sehr eifrig an der Grenze, jeden Augenblick des Zusammenstoßes mit preußischen Truppen gewärtig.

Eines Tages waren wieder sehr starke Patrouillen vorgegangen, um die nach Westphalen und in das Fürstenthum Waldeck führenden Straßen zu beobachten. (Der Fürst von Waldeck hielt sich bekanntlich zur preußischen Truppe.) Da bemerkte denn der die Mannschaft führende Officier plötzlich einen hochbepackten, mit sehr schönen Pferden angeschirrten Reisewagen, der von Kassel kam und die Richtung nach der preußischen Grenze nahm. Der Officier ritt an den Schlag, um sich über die Persönlichkeit der Insassen zu informiren. Es waren deren zwei: der Fürst von Waldeck, der nach Kassel gekommen war, um sich von den Verhältnissen durch den Augenschein zu überzeugen, und, wie man sagt, beim Kurfürsten einen letzten Versuch zu machen, ihn vom österreichischen Interesse loszulösen; der zweite war der preußische Gesandte Herr von Röder. Der Officier kannte die beiden Herren persönlich, hatte bei Herrn von Röder oft getanzt und erklärte ihnen, daß er sich durch die officielle Eigenschaft ihrer Persönlichkeiten in die Lage versetzt sehe, sie zu Gefangenen zu machen. Darob große Entrüstung der Beiden, langes Parlamentiren von Seiten des Gesandten, der in diesem Acte eine flagrante Verletzung internationaler Gewährleistungen sah, von Seiten des Fürsten von Waldeck energischer Protest, Berufung auf sein persönliches Verhältniß zum Kurfürsten, und zum Schluß recht drastische Ergießungen über „das verfl… Land“. Unterdeß war eine Meldung an den Commandeur des Regiments zurückgegangen und von diesem, was zur Begegnung aller diplomatischen Weiterungen auch das Klügste war, der Befehl ergangen, die Herren ihres Weges ziehen zu lassen.

Nach einigen Tagen erhielt unser Regiment Befehl zu den Bundestruppen zu stoßen. Ich glaube nicht, daß der Kurfürst und seine höchsten militärische Rathgeber großes Vertrauen zu dem Erfolg der Operationen des Bundesheeres hatten. Man kannte in Kurhessen die Straffheiten der preußischen militärischen Organisation zu genau, um nicht die Zerfahrenheit, die Rathlosigkeit und Unentschlossenheit im jenseitigen Lager zu erkennen. Von diesem Gesichtspunkte aus gewinnt die Verfügung des damaligen kurhessischen Kriegsministers, Generals von Loßberg, an voraussehender Bedeutung, daß die kurhessische Armee vorläufig nach [366] Mainz verlegt ward, wo sie dann mit eingeschlossen wurde. Von unserem Regimente hat nur eine Schwadron am Kampfe theilgenommen. Es war dieselbe, die bei Aschaffenburg den Rückzug der Oesterreicher über die Brücke deckte. Sie war von den preußischen Truppen wegen der Aehnlichkeit der Uniform für eine preußische Schwadron gehalten worden.

Die Gefangennehmung des Landesherrn hatte das Kurfürstenthum Hessen dem Ende seiner politischen Selbstständigkeit entgegengeführt. Sie erfolgte auf Wilhelmshöhe, und die Details erzählte man sich unter uns folgendermaßen. Ob sie durch die historische Wahrheit beglaubigt werden können, bleibt dahingestellt.

Der preußische Hauptmann, der zu des Kurfürsten Gefangennehmung beordert war, hatte das Schloß mit seinen Jägern, wenn ich nicht irre, umstellen lassen. Er trat in das Gemach des Regenten und trug ihm vor, weshalb er komme.

Dieser hörte ihn an, völlig stumm und ohne Regung, als ob er die Botschaft, die er soeben gehört, nicht verstünde. Als der Officier die Aufforderung, ihm zu folgen, in angemessener Weise wiederholte, erklärte der Kurfürst, daß er dieser Weisung nicht Folge leisten würde. Eine peinliche Pause trat ein. Da trat der Hauptmann auf ihn zu und legte die Hand auf seinen Arm. Der Kurfürst wurde todtenbleich, dann wieder drängte sich ihm alles Blut in das Gesicht und mit zornbebender Stimme rief er dem Beauftragten entgegen:

„Herr, wenn Sie es noch einmal wagen, meine geheiligte Person zu berühren, dann stoße ich Sie wie einen gemeinen Verbrecher zu Boden.“

Ein energischer Charakter wie er war, legte er, wie zur Erfüllung seiner Drohung, die Hand an das Degengefäß. Es war aber nur ein Moment – dann folgte er ohne Widerstreben.

Von Stettin aus entband er uns unseres militärischen Eides. Wir waren keine kurhessischen Truppen mehr, aber auch noch keine preußischen. Während einer Anzahl von Wochen hingen wir sozusagen in der Luft. Wir waren nach Hofgeismar zurückgekehrt und hätten, losgelöst von jedem politischen Verbande, uns dem Freibeuterthum des Mittelalters überlassen können, wenn nicht die militärische Disciplin ihre Macht hinab bis zum letzten Mann erwiesen hätte. Im Herbste waren wir preußische Soldaten. –

Als König Friedrich Wilhelm der Vierte von Preußen in den fünfziger Jahren seinem rechten Vetter, dem Kurfürsten, einen Besuch abstattete, führte dieser seinen königlichen Gast in den Habichtswald hinauf, bis zum Hercules. Der König war über die Aussicht entzückt und äußerte in gehobener Stimmung zum Kurfürsten:

„Fritz, Dein Kassel ist zu schön.“ Dann fügte er scherzweise hinzu. „Ich muß es doch noch 'mal haben.“

Friedrich Wilhelm der Vierte bekam es nicht, aber sein Nachfolger.
Georg Horn.