Aus den Arbeitssälen des Kunsthandwerks/Stil und Mode

Textdaten
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Autor: Julius Lessing
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Titel: Aus den Arbeitssälen des Kunsthandwerks/Stil und Mode
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 232–234
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Aus den Arbeitssälen des Kunsthandwerks.
1. Stil und Mode.
Von Julius Lessing.[1]


Es hat seit einigen Jahren im Gebiet der Mode und des Geschmacks eine Bewegung begonnen, die etwas entschieden Ungemüthliches hat. Kenner und Nichtkenner, kunstgerecht und kunstlos, das waren Unterschiede, die man sich auf dem Gebiete der reinen Kunst wohl gefallen ließ. Wenn ein Gemälde gekauft werden sollte, von wohlthätigen Vereinen Denkmäler bestellt wurden, da mußte der „Kenner“ zugezogen werden und es gereichte weiter nicht zur Schande, sich als Laie zu bekennen, der die Sache nicht hinreichend verstünde; aber auf dem ganzen Gebiete dessen, was den Schmuck des Hauses und des Leibes angeht, da durfte sich doch Jeder nach Herzenslust bewegen; wenn es galt, ein Kleid zu kaufen oder einen Schmuck in's Ohr, eine neue Tapete oder einen neuen Teppich, eine Tischdecke oder einen Kissenüberzug, da hielt man es für vollständig ausreichend zu erklären: Das ist mein Geschmack, und damit war es gut.

Jetzt auf einmal soll Alles anders werden. Die Frauen sollen keine Blumen und keine Portraits auf ihre Kissen sticken; man verweigert es den Männern, Hufeisen als Hemdenknöpfe zu tragen, ja man sträubt sich sogar, auf Landschaften und Thieren als Teppichen herumzutreten; denn es beginnt eine Revolution im Allerheiligsten des Hauses, vor deren vernichtenden Grundsätzen selbst die harmloseste Handarbeit auf dem Weihnachtstische nicht sicher ist. Das beruhigende Wort, daß der Geschmack verschieden sei, soll nicht mehr gelten, Regeln und Gesetze, ästhetische Formen und Begriffe werden aufgestellt, wo sonst die liebe Willkür behaglich umherschwärmte, kurz mit dem bloßen Gefallen kann man es den Kunstkennern nicht mehr recht machen und verpönt wird, was noch bis vor Kurzem als neueste Mode von Paris in unerschütterlicher Hochachtung felsenfest dastand.

Wir sind unzweifelhaft in einer Periode der Umwälzung. Es herrscht eine große Bewegung, welche statt der willkürlich herrschenden Modeformen strenge und wohlbegründete Formen in Kunst und Kunstgewerbe einführen will. Ist dies nun aber am Ende auch nur eine Modelaune? Wir haben Perioden des Reinigungstriebes innerhalb des Kunstgewerbes öfters erlebt. Die französische Revolution warf mit den alten Institutionen der Feudalmonarchie auch deren sämmtliche Erscheinungsformen auf das Schaffot. Die lustig bewegten Schnörkel des Rococo, die gepuderten Grazien und Amoretten wurden als frivoles Beiwerk unberechtigter Genußsucht feierlichst verdammt, und der strenge Formenkanon der antikrömischen Kunst wurde eingeführt; à la grecque war Mode, wie vorher à la Dubarry oder à la Pompadour, und die größten Modethörinnen der Zeit waren die ersten, welche sich in die neu aufgebrachten Kleiderformen stürzten und ihre Zuthaten, noch mehr aber ihre Fortlassungen zu benutzen verstanden.

Diese Modeumwälzung war wesentlich politisch-socialer Natur. Man kleidete sich antik, oder glaubte es wenigstens zu thun, ebenso wie man Senat und Consuln, Tribunen, Legionen etc. einführte. In folgerichtiger Weise hat denn auch die Restaurationsperiode offen mit diesen classischen Formen gebrochen und mit Willen und Bewußtsein wieder an die Rococoform des ancien régime angeknüpft. Auch heute weisen wir wieder auf die Formen der antiken Kunst als die berechtigten hin und bestreben uns, an ihnen unsere Schüler, unsere Kunstgewerbetreibenden heranzubilden.

Ist dieses nun wiederum nichts als eine solche Modeumwälzung, nur eine Laune, welche jene Formen an Stelle anderer setzen will, um gelegentlich wieder vom Schauplatz fortgespült zu werden? – Selbst wenn es nur ein Modeversuch wäre, so hätten doch wohl unsere Männer und vornehmlich unsere Frauen, welchen die Auswahl der kunstgewerblichen Gegenstände zum Schmuck des Körpers, des Hauses vor Allem obliegt, einigermaßen Grund, auf die Stimmen der Männer zu hören, welche sich mit diesen Fragen beschäftigen.

Es ist so wunderlich, auf den Einwand, daß dieses oder jenes Muster nicht schön sei, von einer Dame zu hören. „Es ist aber einmal mein Geschmack, der für mich ebenso berechtigt ist, wie der Ihre für Sie.“ Ihr Geschmack!?

Wenn man nicht besser wüßte, wie es hergeht mit der Auswahl der Muster! Unsere Frauen gehen in ein Modegeschäft; ihnen werden Stoffe vorgelegt, von denen man ihnen ebenso gut einreden könnte, daß sie für eine Hanswurstkomödie bestimmt wären, aber es wird gesagt, es sei „haute nouveauté de Paris“, und der Geschmack fängt bereits an, sich zu regeln. Wenn der Jüngling mit der Elle nun noch gar hinzufügt, daß von demselben Stoff die Frau Commerzienrath oder, höher hinauf, Ihre Excellenz gekauft habe, so ist jedes Bedenken geschwunden. „Unser Geschmack“ ist gebildet und verwahrt sich hochmütigst gegen jede Einsprache. – Ganz harmlos und unbewußt wird das Evangelium, welches soeben der Modejüngling aus Gott weiß welchen Geschäftsrücksichten gepredigt hat, gegen jede noch so begründete Einsprache unweigerlich als richtig und unumstößlich wiederholt.

Dieser Unfug, diese blinde Herrschaft der Mode ist es, gegen welche angekämpft werden muß, wenn unser Geschmack einigermaßen wieder in eine richtige Strömung gerathen soll. Alle Umwälzungen der Mode beseitigen zu wollen, wäre ein thörichtes Unternehmen; die hat es zu allen Zeiten gegeben und wird es geben, so lange Menschen bestehen. Aus diesen kleinen Schwingungen, deren Einzelbewegung sich für spätere Zeiten dem Blicke des Beobachters entzieht, setzt sich die Strömung zusammen, welche wir, wenn sie abgeschlossen vor uns liegt, als eine Stilperiode bezeichnen, aber diese Schwingungen müssen wenigstens nach einer Richtung hin gehen; wenn sie alle durch einander wirbeln, so entsteht eben keine Strömung, sondern ein Strudel, der nichts Lebendiges und Gesundes aufkommen läßt. Wir sind unzweifelhaft schlimmer daran, als je eine Periode vorher gewesen. Bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts hatte man es immer mit einer bestimmten Richtung zu thun. Wenn ein Stuhl, ein Tisch gebaut werden sollte, so konnte man über das Material und über den Reichthum der Ausführung verschiedener Meinung sein, über die Gesammtform aber, die dem Stück gegeben werden sollte, war Niemand im Zweifel. Wenn wir jetzt in ein Möbelmagazin treten, wird uns die Auswahl gestellt, ob wir unsere Stube gothisch, oder im Geschmack Louis XV, oder Louis XVI zu haben wünschen, oder lieber Néo-grec oder auch Renaissance, kurz wir haben alle Stile und keinen.

Zu dieser Unsicherheit über die Grenzen des Gebietes kommt noch die Unsicherheit über die Führerschaft auf dem ganzen Gebiete. Bis gegen das Ende des vorigen Jahrhundert hatte viele Generationen hindurch Frankreich die unbestrittene Herrschaft ausgeübt. Es beruhte dies wesentlich auf seiner politischen Machtstellung; weder die künstlerische Ausbildung noch der Geschmack waren im fünfzehnten und sechszehnten Jahrhundert in Frankreich höher gewesen als in Deutschland, nur Italien durfte als Meisterin voran den anderen Nationen genannt werden; allen übrigen Ländern war Deutschland weit überlegen. Das siebenzehnte Jahrhundert brachte den Deutschen politische Zerrissenheit, Armuth, unsägliches Elend, von dessen Folgen wir uns bis heute noch nicht völlig erholt haben; für Frankreich brachte es Reichthum, äußeren Glanz und die Concentration aller geistigen Kräfte um den glänzenden Mittelpunkt des Hofes. Von dort aus wurden der Welt Gesetze, den Kleidern ihr Schnitt und den Köpfen ihre Haare zudictirt.

Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts trat eine leichte Erschütterung ein. Der englische Geschmack eroberte sich eine gewisse Geltung. Zur Zeit der deutschen Erhebung in den Freiheitskriegen wurde eine Befreiung versucht; es wurde eine Art von deutschem Rock für die Männer erfunden, auf dem Wartburgfest die französische Schnürbrust feierlichst verbrannt, aber jene Periode, welche mit Heine für die Erinnerungen des Kaiserreichs zu schwärmen begann, kehrte ohne Widerstand zur

[233] alten Tradition zurück und bezog nach wie vor Alles, was guten Geschmack vorstellen sollte, aus Frankreich.

Wir befinden uns, im Großen und Ganzen genommen, noch völlig in derselben Lage. Es wäre eine große Thorheit, einen Feldzug hiergegen in der Art eröffnen zu wollen, daß man jene Waaren, die uns von jenseits der Vogesen kommen, als undeutsch etc. verwerfen wollte. Die Franzosen sind uns zur Zeit noch unzweifelhaft weit überlegen auf so ziemlich allen Gebieten des Kunstgewerbes. Es ist ja auch ganz natürlich, daß ein Volk, welches Jahrhunderte lang seine Kräfte hierfür ausgebildet hat, seine Handelsbeziehungen, seine Gesetzgebung, seine Arbeitstheilung hierauf angelegt hat, welches den inneren Reichthum und den Weltmarkt zum reichlichen Absatz der Producte besitzt, daß ein solches noch dazu von der Natur hochbegabtes Volk Besseres leisten muß als das Nachbarvolk, welchem alle diese Voraussetzungen fehlen und welches sich erst allmählich aus dem Kampfe um das Dasein herausgearbeitet.

Was wir können und wollen müssen, ist nur Folgendes. Wir müssen jenen Artikeln, welche uns als Modewaaren jedes Jahr zwei Mal von Paris herübergeschickt werden, keine größere Wichtigkeit beilegen als anderen Versuchen, etwas Schönes und Neues herzustellen. Jene französischen Musterzeichner schaffen ja schließlich auch niemals etwas absolut Neues, sondern schöpfen aus dem unendlichen Vorrathe bereits vorhandener Formen, welche sie dem modernen Bedürfnisse anpassen. Diesen Schatz der Menschheit müssen wir auch unserem Volke wieder erschließen, damit es selbstständig, seinen Bedürfnissen und Neigungen gemäß, aus demselben seine Kunstformen herausarbeite. Die politische Unabhängigkeit, die wir mühsam erkämpft, muß die geistige zur Folge haben; was wir auf dem Gebiete der Wissenschaft erringen, ist auch auf dem Gebiete der Kunst nicht unerreichbar. Die erste Voraussetzung aber dazu ist guter Wille und festes Zusammenhalten aller Kräfte, welche an diesem Werke mitarbeiten können.

Was wir an den französischen Modewaaren, welche uns ja seit Jahrzehnten den Markt überschwemmen, vor Allem auszusetzen haben, ist der Unverstand und die Willkür, welche in der Formgebung herrscht. Ein gefälliges Aeußere, eine kokette, oft überraschende Verbindung verschiedenartiger Formen darf diesen Waaren nicht abgesprochen werden; wir würden uns selbst ein arges Armuthszeugniß ausstellen, wenn wir dieselben, die wir seit Jahrzehnten bewundert, jetzt einfach als thöricht ansehen wollten. Es ist viel Gutes darin, aber in allen herrscht die Willkür, und durch diese Willkür allein läßt es sich erklären, daß alle zwei, drei Jahre ein Waarenlager unmodern wird. Es liegt im Interesse der Luxusfabrikanten, der Welt im raschesten Wechsel immer vollständig neue Formen aufzunöthigen, um sie zu fortwährend neuen Ankäufen zu veranlassen.

Diese unwürdige Abhängigkeit müssen wir brechen, nicht etwa nur aus commerciellen, sondern vorwiegend aus geistigen Rücksichten; wir müssen schließlich selber reif genug sein, um zu beurtheilen, welche Formen für den Schmuck unseres Hauses die tauglichen sind, und diese dann so tüchtig und ordentlich herzustellen, daß sie nicht nur für denjenigen, der sich dieselben beschafft, sondern für Geschlechter hinaus ein Stolz und eine Freude sind. Das Kleid, der Kopfputz mag leichteren Schwankungen unterworfen sein, aber das eigentliche feste Hausgeräth und von dem menschlichen Schmuck Alles, was aus edlerem Metall mit sorgfältiger Arbeit hergestellt ist, das soll in mustergültigen Formen ausgeführt werden, welche den Sturm der Zeiten zu überdauern im Stande sind und jedem Geschlechte zur Freude und zum Genusse gereiche.

Die Bewegung zur Einführung derartiger gesunder Formen in unser Kunstgewerbe ist jetzt im regsten Flusse. In England hat unter Anregung eines deutschen Fürsten und unter thätigster Mitwirkung eines unserer ersten jetzt lebenden deutschen Baumeister, Gottfried Semper's, der als politischer Flüchtling damals in London lebte, die Gründung des Kensington-Museums stattgefunden, welches den ausgesprochenen Zweck hat, dem englischen Kunstgewerbe neue Lebenselemente zuzuführen, dessen glänzende Resultate wir auf den letzten Weltausstellungen bewundern konnten. In Wien ist das österreichische Museum zu demselben Behufe entstanden. Von dem deutschen Gewerbemuseum in Berlin ist bereits in früheren Jahren in der „Gartenlaube“ ausführlich berichtet worden. In Stuttgart, in Karlsruhe, in Nürnberg, in Hamburg bestehen seit längerer Zeit verwandte Institute; in Leipzig, Dresden, Graz, Prag, Bremen und vielen anderen Orten sind dieselben in der Bildung begriffen.

Für die Wirksamkeit dieser Museen hat das Kensington-Museum das Vorbild gegeben, welches später allgemein befolgt wurde. Anschauung und Unterricht müssen sich nothwendig ergänzen. Wer erzogen werden muß, daß sind nicht nur die Handwerker, sondern auch das Publicum selbst, welches durch lange Gedankenlosigkeit und Abhängigkeit von Journalen der oberflächlichsten Art bereits vollständig vergessen hatte, was es Gutes zu fordern berechtigt wäre. Es galt also vornehmlich, gute alte Vorbilder zu sammeln. Fast ebenso schwer, wie es sein würde, ganz neu gebildete, auf beliebigen Consonantenzusammensetzungen beruhenden Worte in eine Sprache einzuführen, ebenso schwer und unmöglich ist es, Kunstformen zu erfinden, die nicht bereits in ihren Bestandtheilen vorher bekannt gewesen wären. Diejenigen, die immer nach etwas Neuem schreien und von alten abgebrauchten Formen sprechen, wissen nicht, was sie reden; mit demselben Rechte könnten sie den Dichtern einen Vorwurf machen, daß sie immer in derselben Sprache ihre Gefühle ausdrücken. Alle Kunstformen sind nur Worte, die allmählich und unmerkbar ihre Umbildung erfahren, nur die Zusammensetzung derselben, die Benutzung für den einzelnen Fall macht das Kunstwerk aus. Gilt dies schon für die große Kunst, um wie viel mehr für das Kunstgewerbe, dessen Erzeugnisse so innig mit den Bedürfnissen des Menschen verbunden sind, und diese Bedürfnisse sind bei aller Verschiedenheit der Formen doch schließlich im Wesentlichen immer wieder dieselben. Der Schriftsteller, der seine Sprache vollständig beherrschen und zur höchsten Kunstvollendung ausbilden will, wird tief eindringen in das Studium der Meisterwerke früherer Jahrhunderte und aus der Kenntniß fremder Sprachen, der lebendigen und todten, heraus wird sich sein Gefühl für die Feinheit im Organismus der eigenen Sprache kräftigen und bilden.

Ganz dasselbe in noch erhöhtem Maße tritt in der Kunst ein. Die Formen, welche die Anschauung uns bringt, sind leicht und sofort verständlich. Die Schönheit eines griechischen Armbandes, eines Ohrgehänges, den stolzen Schmuck einer mittelalterliche Kathedrale vermag auch der zu bewundern, dem die Verse Homer's eindruckslos am Ohre vorbeirauschen und der einem altdeutschen Gedichte wie einem Räthsel gegenüber steht. Wir müssen also sammeln, was an guten Vorbildern vorhanden ist, und wieder nutzbar machen für unser Volk und für unsere Bedürfnisse.

Hier liegt aber für die praktische Verwendung die Klippe, daß man nicht das Handwerk zur blinden Alterthümelei verleite. Die Frage muß scharf gefaßt werden: Zu welchem Zwecke sammeln wir die alten Vorbilder? – Ist es genug, wenn wir dieselben direkt nachahmen? – Entschieden nein! Nehmen wir ein Beispiel.

Wir wollen eine Lampe kaufen. Von allen, die uns der Fabrikant zeigt, gefällt uns keine. Wir fordern den Werkführer der Fabrik auf, die alte Werke zu studiren. Er geht in ein Gewerbe-Museum, in dem alte Schätze der Vorzeit ausgespeichert sind, und fragt nach Lampen in der guten Absicht, ein altes Vorbild zu benutzen. Man führt ihn zu den griechischen. Ja, was ist mit denen anzufangen? Das sind kleine flache Näpfe mit einer Tülle, aus welcher der Docht hervorkommt, geschlossen mit einem Deckel, in welchen das Oel eingegossen wird. Sie sind, wundervoll modellirt, wahre Kunstwerke der Ornamentik. Wie zierlich erstreckt sich die Schnauze nach vorn! Die Eingußöffnung ist eine Maske, welche das Oel zu trinken scheint. In den Ranken, aus welchen der Griff gebildet ist, findet sich mit geistvoller Andeutung auf die Nacht, zu deren Erhellung die Lampe bestimmt ist, die Fledermaus mit ausgespannten Flügeln. Auf dem Knaufe des Deckels ist das zierlichste Figürchen dargestellt. Aber trotzdem – zu brauchen ist nichts davon für unsere moderne Lampe.

Er geht zu den Candelabern, den Lampenträgern, die, aus Pompeji ausgegraben, den schönsten und kostbarsten Schmuck unserer Sammlungen bilden. Hier sollte sich doch ein Modell finden. Durchaus nicht. Das sind schlanke hohe Stäbe, die oben in einen weit ausladenden Kelch enden, auf dessen obere Platte [234] entweder die kleine Lampe aufgestellt wird, oder welcher mit Aesten und Ranken versehen ist, an welchen die kleinen Lampen an Ketten aufgehängt werden. Wie will man das schwere Becken einer Petroleumlampe auf einen so zarten Schaft stellen?

Nun geht es weiter, Abtheilung nach Abtheilung. Ist es keine Lampe, so sei es ein Leuchter. Hier ist ein Hauptwerk des Mittelalters, von dem berühmten Bernward von Hildesheim. Ja, was hilft es ihm? Unten kühne Drachenverschlingungen, aus denen Löwen- und Menschenfiguren hervorragen, nach oben hin ein schlanker Schaft mit einer dünnen Platte und einem Dorn, der zum Aufstecken des Lichtes bestimmt ist. Hier diese Leuchter des sechszehnten Jahrhunderts wären schon eher zu brauchen: breiter Fuß, fester gedrungener Schaft, aber bald sind sie zu kurz, bald zu lang. Alle sind sie darauf eingerichtet, eine schlanke Kerze aufzunehmen.

So war es denn also nichts mit der Vorbildersammlung, und der Herr Werkführer erzählt Abends triumphirend in seiner Stammkneipe, daß er es längst gesagt habe, daß bei diesen Museen nichts zu machen wäre, die Herren sammelten alte Scharteken, sie wären aber nicht praktisch und wüßten nicht, was der Arbeiter brauche. Schließlich findet sich eine ganze Gruppe derartiger Handwerker und Fabrikanten, welche von den Museen, ihren Zeichenanstalten, ihren Schulen etc. fordern, diese Anstalten sollten ihnen direct brauchbare Modelle schaffen; in Frankreich und England gäbe es ja so manches Schöne, das könnte man kaufen, daran habe man Vorbilder. Einem derartigen Verlangen ist nun wirklich gelegentlich nachgegeben worden, und was ist das Resultat? Ein organisirter, mit Staatsmitteln unterstützter Diebstahl fremder Muster, eine systematische Beförderung der Gedankenlosigkeit und des Schlendrians.

Wie soll denn nun aber unser Werkführer im Museum zu seinem Lampenmodell kommen? auf welche Weise können denn diese Alterthümer für den Handwerker lehrreich sein? Der Weg, der einzuschlagen ist, ist sicherlich ein anderer. Hier stehen also die griechischen Bronzen, Vasen, Candelaber etc. als mustergültige Vorbilder. Inwiefern sind sie denn mustergültig? Dieses Stück, das wir als vortrefflich anerkennen, erfüllte vor dreitausend Jahren in Griechenland seinen Zweck in vollkommener Weise und brachte auch äußerlich seine Eigenschaften zur vollsten künstlerischen Geltung. Die griechische Lampe war technisch anders eingerichtet als die unseren, folglich mußte sie auch künstlerisch eine durchaus andere Gestalt annehmen. Aber prüfen wir nun einmal, welche Klarheit und Gesetzmäßigkeit in den Formen ist. Jeder einzelne Theil ist seiner Bestimmung gemäß fein und durchsichtig herausgearbeitet. Wovon ging der Grieche bei seiner Bildung aus? Es liegt eine Gesetzmäßigkeit in dem ganzen Aufbaue und der Durchbildung derselben. Diese Gesetzmäßigkeit ist es, die wir kennen und uns zu eigen machen müssen, um nach denselben Gesetzen selbständig etwas Neues zu bilden. Zu Grunde legen müssen wir das Bedürfniß der Jetztzeit und es in derselben Folgerichtigkeit formell darstellen, wie die griechische oder sonst eine gute gesunde Zeit es mit ihren Bedürfnissen gemacht hat. Leicht ist dies allerdings nicht. Wir wollen in einer Reihe von folgenden Artikeln nachzuweisen suchen, was in den einzelnen Gebieten des Kunsthandwerks zu fordern ist.




  1. Director des Gewerbemuseums in Berlin.
    D. Red.