Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Aus dem Tagebuche eines hypochondrischen Laien/II
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 8, S. 126–128
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Gemütskrankheit, Schwermut, Depression
S. 1865, Nr. 29
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[126]
Aus dem Tagebuch eines hypochondrischen Laien.[1]
[126]
II.
3. Die Folgen der Hypochondrie.


Der geneigte Leser, wenn er sich in den im ersten Abschnitte unsers Artikels angeführten Quellen gespiegelt und, in einer oder einigen derselben das Bild seines Gemüthszustands erkannt hat, dürfte zunächst nun die Angabe der Mittel erwarten, die er anzuwenden habe, um schnell und sicher von seinem erkannten Uebel zu genesen. Der Verfasser glaubte aber, wohlmeinend, einen Abschnitt über die Folgen voranschicken zu müssen, um durch das abschreckende Bild derselben den Leidenden für die Anwendung der Mittel ernstlicher geneigt und für die Wirkung leichter empfänglich zu machen.

Erste Folge. Die Hypochondrie, wenn man sie einwurzeln und erstarken läßt, zerstört selbst eine eiserne Gesundheit: – Das Thier bedarf, um zu gedeihen, nur guter und genügender Nahrung, der Mensch neben dieser auch Heiterkeit des Gemüths. Ja, durch diese erhält schmale, ärmliche Kost einen solchen Kraftzusatz, daß man den heitern Armen oft in strotzender Gesundheit sieht, während der Begüterte durch seine Hypochondrie hinwelkt. Ist die körperliche Beschaffenheit auch eine befriedigende, so ist doch immer ein günstiges Verhältniß zwischen den consumirten und den wieder neu zufließenden Kräften erforderlich, wenn der Lebenssaft nicht abnehmen und der Körper zerstört werden soll. Durch die fortwährende Verstimmung des Gemüths geht aber nicht nur der Genuß gänzlich verloren, den die Nahrung gewähren muß, wenn sie wahrhaft gedeihlich wirken soll, sondern die zur Verdauung nöthige körperliche Ruhe ist zugleich auch keine vollkommene, wenn sie nicht durch Gemüthsruhe unterstützt wird. Das fortwährend beschäftigte Denkvermögen entzieht den Verdauungswerkzeugen die nöthigen Kräfte und zerstört den Körper des Hypochondristen noch sicherer und schneller, als den des arbeitenden Denkers, der sich in freudiger Thätigkeit keine Erholung vergönnt. Mangelt dem Gemüthskranken daneben auch noch gar die gesunde Nahrung, so geht er um so schneller seinem Ende entgegen, als er meistens auch der gesunden, belebenden Luft entbehrt, indem er, menschenscheu, sich im Hause eine freiwillige Gefangenschaft auflegt. Hat die Hypochondrie aber gar einen körperlichen Grund, so muß die Ursache, das leibliche Uebel, immer mit der Wirkung, der Hypochondrie zunehmen, so muß der Leib immer siecher werden, so ist Lebensverkürzung unausbleiblich; denn an dem Wahne des Hypochondristen bewährt sich das Dichterwort:

„Er bringt die Mutter um, die ihn gezeugt.“[2]

Zweite Folge. Die Hypochondrie, wenn man sie einwurzeln und erstarken läßt, macht für jeden Beruf unfähig und bringt also auch materiellen Nachtheil. – Der günstige Erfolg einer jeden Berufsthätigkeit liegt in den drei Haupt-Factoren: Sachkenntniß, Fleiß und Berufsfreudigkeit. Keiner von diesen ist entbehrlich; die Hauptzauberkraft jedoch liegt in der Freudigkeit. Ohne Freudigkeit ist wahrhafter Fleiß undenkbar und Sachkenntniß ein einrostendes Werkzeug. Wie dem Schwermüthigen aber überhaupt die Freudigkeit fehlt, so fehlt sie ihm auch insbesondere in seiner geschäftlichen Thätigkeit. „Schwermuth ist Krankheit, und Krankheit verabsäumt jeden Dienst, zu welchem Gesundheit verpflichtet ist.“[3]

Gehört der Gemüthskranke dem Handelsstande an, so ergreift er höchstens das noch mit Lust, was großen Gewinn abwirft, und beraubt sich dadurch der großen Summe, die aus vielen kleinen entsteht; so wird ihm die Freundlichkeit und Aufmerksamkeit schwer, wodurch Kunden gewonnen und gefesselt werden; so entgeht ihm in seiner Schlaffheit mancher Vortheil, den Andere bei innerer Freudigkeit erkennen und benützen. Gehört er einem wissenschaftlichen Stande an, so ist die Schwermuth seinem Berufe ein noch größeres Hinderniß; denn rein geistige Beschäftigung, unausgesetzte und anstrengende, ist, ohne Freudigkeit, mit gutem Erfolg noch weniger möglich. Ohne sie gleicht der Geist einem Uhrwerke, in welchem die bewegende Feder zerbrochen ist: man kann die Zeiger dennoch vorwärts rücken, ein wahres, lebendiges, inneres Weiterschreiten aber ist nicht möglich. Der Erfolg in jedem wissenschaftlichen Berufe also kann, ohne Freudigkeit, nur ein dürftiger sein, und dürftig, wie der Erfolg, ist dann auch der äußere Lohn, der mit den Leistungen, wenn auch nicht allezeit höher, jedenfalls doch immer rückwärts schreitet. Und welcher andern Art noch der Beruf immerhin sein mag, trübe Gemüthsstimmung muß unfähig für denselben machen, und als natürliche Folge „kommt endlich die Armuth, wie ein Wanderer, und der Mangel, wie ein gewappneter Mann.“[4]

[127] Dritte Folge. Trübe Gemüthsstimmung, wenn man sie einwurzeln und erstarken läßt, wirkt verstimmend auch auf die Umgebung, und von dieser gesteigert wieder zurück. – Dem härtesten und strengsten Herrscher ist leichter zu genügen, als einem launischen Menschen, dem durch das schwarze Glas der Schwermüthigkeit Alles in anderer Farbe und das Unangenehme in anderer Größe erscheint. Ungerecht und hart wird er gegen seine Untergebenen; denn er rügt und bestraft nicht blos wirkliche, sondern auch eingebildete Vergehungen, und zwar auch die wirklichen nicht nach ihrer wahrhaften, sondern nach ihrer eingebildeten Größe. Halten sie gleichwohl bei ihm aus, so wenden sie doch ihr Herz von ihm ab. Entschädigt er sie für erlittenes Unrecht, so zeigt er sich schwach und verliert an Ehrfurcht. Giebt er das Gefühl der Reue nicht zu erkennen, so drückt ihn die Last bösen Bewußtseins. In beiden Fällen wird die Folge seiner Verstimmung zu einer neuen Ursache derselben, ein Wechsel, der sich so lange wiederholt, bis die Schwermuth den vollendetsten und unglücklichsten Tyrannen gebildet hat.

Und da die Schwermüthigkeit im Zusammentreffen mit dem Frohsinn eine Disharmonie erzeugt, wie Töne zu einem falschen Accorde verbunden, so ist das Loos der nächsten Angehörigen des Hypochondristen nicht günstiger, als das seiner Untergebenen, wenn sie ihrem Temperamente nach von dem leidenden Familienhaupte verschieden sind. Ein heiteres Gesicht, ein munteres Lachen, ein fröhlicher Gesang, kurz jeder Ausdruck innerer Zufriedenheit verletzt den Schwermüthigen, ist ihm eine Verhöhnung seines Zustands, macht ihn bitter und hart selbst gegen die Blutsfreunde, die er liebt, und indem er so am eigenen Fleische nagt, verscheucht er den Frohsinn endlich selbst von des Kindes unbewölkter Stirn und umgiebt sich von allen Seiten mit so düsterm Gewölk, daß ihm kein heiterer Sonnenstrahl mehr daraus hervorbricht.

Vierte Folge. Trübe Gemüthsstimmung, wenn man sie einwurzeln und erstarken läßt, läßt kein warmes Interesse an Leid und Freud’ Anderer zu und macht den Menschen daher werthlos für die Welt. – Der Selbstsüchtige schadet der Welt: er will sie für sich ausbeuten, er sieht nur sich als Zweck, alles Andere als Mittel an. Der Wohlwollende ist eine der Säulen, welche die Welt tragen. Wie die majestätische Sonne will er, mit edler Selbstverleugnung, nur Licht und Wärme um sich her verbreiten; nicht aber aus dem Mittelpunkt will er das Ganze beherrschen, sondern als nützliches Theilchen dem großen Ganzen sich anschließen. Der, welcher an trüber Gemüthsstimmung leidet, kann zwischen Beiden nur in der Mitte stehen: er will nicht schaden, kann aber auch nicht nützen. Wenn sein Herz auch das weichste und fühlendste wäre, der Fernblick nach dem, was nur Andere betrifft, das zarte Gefühl für Wonne und Schmerz, welche die Menschheit oder einen Theil derselben, eine Nation, einen Umkreis, einen Ort betreffen: dieser Fernblick und dieses zarte Gefühl, die es dem Menschen möglich machen, für weitere Sphären zu schaffen, die seinen Namen in weite Fernen tragen und von dort selbst ihm Liebe und Ruhm zuführen – diese beiden Erfordernisse des Wohlwollens gehen dem Schwermüthigen ab. Hat er für sein persönliches Wohl kein wahres, warmes Interesse, wie soll er das viel Umfassendere für Gemeinwohl haben? Widrig, nachsichtslos, unfreundlich, wie er gegen Andere ist, fehlen ihm selbst die unentbehrlichsten Eigenschaften zur Geselligkeit. Welchen Werth aber hätte ein Glied, das sich nicht irgendwo einem andern anreiht in der Kette, zu welcher es gehört? Sie schließt sich ohne dasselbe, und das einzelne Glied wird als unbrauchbar von ihr ausgestoßen.

Fünfte Folge. Trübe Gemüthsstimmung, wenn man sie einwurzeln und erstarken läßt, setzt den Menschen einer falschen, ungünstigen Beurtheilung aus. – Nur der Allwissende vermag in den Falten des Herzens zu lesen, der Mensch bildet sein Urtheil nach dem, wie die Dinge seinem Auge erscheinen; dem menschlichen Auge erscheint aber Vieles anders, als es in der Wirklichkeit ist. Nach einer zufälligen äußern Aehnlichkeit wirft der Mensch zwei wesentlich verschiedene Dinge wie Gegenstände von gleicher Art zusammen. Bei seiner oberflächlichen Anschauung entgeht ihm, bei gleicher Handlungsweise, die Verschiedenheit der Beweggründe; bei gleichen Wegen schließt er auch auf gleiches Ziel. Wie Gesichter werden daher auch oft Gemüthsarten mit einander verwechselt, und wer darum für sein wahres Selbst gehalten sein will, der enttäuscht seine Beschauer und giebt sich ihnen zu erkennen. Trübe Gemüthsstimmung bindet nun aber dem innern Menschen eine Larve vor, die ihn, bei oberflächlicher Anschauung, mit Andern leicht verwechseln läßt, und zwar so, daß er durch die Verwechselung niemals gewinnt, meistens aber verliert. Sein Trübsinn scheucht ihn von munterer Gesellschaft weg, die Welt aber beschuldigt ihn des Stolzes. Oder er flieht sie zwar nicht, trägt aber wenig oder gar nicht zur allgemeinen Unterhaltung bei und man flüstert sich von ihm zu: „Wie dumm! Wie unwissend!“ Man hält ihn für geizig, weil er sich selten ein Vergnügen gestattet; für ungenügsam, weil man ihm innere Unzufriedenheit anmerkt; für tadelsüchtig und zänkisch, weil Niemand es ihm recht machen kann; für neidisch, weil er sich nicht mit Glücklichen freut, und für herzlos, weil er nicht mit Betrübten weint, ja für lieblos selbst gegen die Seinigen, weil er auch gegen sie fast immer kalt, fast niemals zärtlich ist. Jedes einzelne Urtheil über ihn kann ein falsches sein und ist es auch oft. So lange er sich jedoch nicht in seiner wahren Gestalt zeigen kann, wird er höchstens von seiner nächsten Umgebung erkannt. Er verdient vielleicht die Achtung und Liebe Aller, wird sich derselben aber nicht erfreuen.

Sechste Folge. Die Hypochondrie führt endlich oft zu Lebensüberdruß und endet dadurch bei Vielen mit Selbstmord. – Wenn die Gesundheit eines Menschen zerstört ist, seine Vermögensumstände rückwärts gehen, selbst innerhalb der Familie ihn kein freundliches Gesicht mehr anlächelt, er keinen Werth für die Welt und diese keinen Werth für ihn hat; wenn dazu endlich noch das trübe Gefühl kommt, von Wenigen nur verstanden, von den Meisten aber verkannt zu werden: was vermöchte einem solchen Menschen dann noch Freude am Leben zu gewähren? Es ist ihm eine Bürde, die er, je eher, desto lieber, abwerfen möchte. Er ist ein Wesen, das mit dem Erdendasein gebrochen, das dessen Lust nicht mehr kennt und für dessen Schmerz kein wahres Gefühl mehr hat; eine lebendig umherwandelnde Leiche; ein Geist, der seine körperliche Hülle nur noch wie ein leicht übergeworfenes Gewand trägt; ein Morgenschatten, der als solcher noch mit jeder Stunde abnimmt.

Hat der Unglückliche bei diesem Zustande noch sittliche Kraft genug, so fürchtet er Hand an sich zu legen, so wartet er, bis ihm von höherer Hand seine Bürde abgenommen wird. Fehlt ihm aber auch zugleich jenes Kleinod, so schwindet ihm endlich der letzte Rest von Kraft, sein wirkliches oder vermeintes Mißgeschick zu ertragen, so schließt er den schmählichen, feigen Tauschhandel eines kurzen, freiwilligen, größern Schmerzes für einen ihm von anderer Hand auf ungewisse Dauer auferlegten kleinern, so wird er zur Schande seines Namens und zum Kummer seiner Angehörigen die Parze seines eigenen Lebensfadens. Ein unglücklicher Augenblick giebt die unglückliche Idee ein, und diese Idee wird dann so unwiderstehlich anziehend, wie jenes Unthier, dem sein Opfer selbst in den Rachen laufen soll.

Daß das Land der Nebel – nach Andern der Berechnung – zugleich vorzüglich auch das Land der Selbstmorde ist und daß nicht blos dieser als solcher, sondern auch jede Art desselben epidemische Jahre hat: diese beiden Erscheinungen bewähren, daß sich der Unglückliche selbst oft über den Grund seines tragischen Endes täuscht.


4. Von den Mitteln gegen Hypochondrie.


Welcher Art aber auch die Quelle dieses Uebels sei, so lange es nicht seinen höchsten Gipfel erreicht hat, ist es auf die eine oder andere Weise heilbar. Ein höchst wirksames Mittel ist durch den vorigen Abschnitt bereits angegeben; denn durch Nichts wird der Mensch ernstlicher und nachdrücklicher gemahnt, gegen ein Uebel anzukämpfen, als dadurch, daß ihm die ganze mögliche Größe vorgehalten wird, zu welcher es heranwachsen kann.

Erstes Mittel ist demnach: Bedenke die nachtheiligen und gefährlichen Folgen dieses Uebels. – Vor manchem Unglück bliebe der Mensch ja bewahrt, wenn er bei seinem Thun wirklich immer die Folgen bedächte; warum sollte es hier, wo so viel von der Willenskraft geschehen kann, anders sein? Wer daher das verlorene Glück eines heiteren Gemüthes wiederfinden und festhalten möchte, der kann den vorhergehenden Abschnitt nicht oft genug zu seiner Lectüre machen. Er lese ihn, so oft sich die trübe Stimmung seiner bemächtigen will. Er lese ihn in fortwährendem Vergleich mit seinem Zustand, und wenn er mit Betrübniß finden sollte, daß sich manche der angedeuteten Folgen schon bei ihm eingestellt, so möge er sich darum [128] nicht aufgeben, sondern sich freuen, daß er noch weit genug von dem wirklichen Abgrund steht, daß ihm umzukehren noch möglich ist.

Zweites Mittel. Wende eine hohe Sorgfalt auf die Erhaltung, oder, wenn sie schon gestört wäre, auf die Wiederherstellung deiner Gesundheit! – Bereits im ersten Capitel ist es gesagt worden: Nur in einem gesunden Körper kann eine gesunde Seele – ein heiteres Gemüth wohnen; wir müssen hier wieder darauf zurückkommen. Wer an trüber Gemüthsstimmung leidet, sich aber einer leidlichen Gesundheit zu erfreuen hat, der pflegt seinen Körper so wenig zu beachten, daß durch allerlei Vernachlässigungen endlich krankhafte Zustände entstehen, wovon er früher nichts gewußt, deren Ursprung er nicht aufzufinden vermag und die nunmehr seine trübe Stimmung um ein Bedeutendes vermehren. Wenn zu einer heitern Stimmung aber auch mehr als ein gesunder Körper erforderlich ist; wenn dieser ungünstige Verhältnisse auch nicht in günstige umwandeln kann, so ist er doch den Fortschritten der Hypochondrie ein mächtiges Hinderniß. Wenn auch nur von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, wird nicht daran gezweifelt werden können, daß für den Körper weit mehr geschehen müsse, als das, wozu der Erhaltungstrieb schon von selbst drängt.

Doppelte Sorgfalt aber hat derjenige seinem Körper zuzuwenden, der seine Gesundheit schon geschwächt sieht; denn bevor er die Wiederherstellung derselben bewirkt hat, darf er auch von der günstigsten Umgestaltung äußerer Verhältnisse das Glück einer vollkommen heiteren Stimmung nicht hoffen. Er versäume es daher aus doppelten Gründen nicht, zur rechten Zeit ärztlichen Rath zu suchen. Nicht daß er etwa seinen Körper förmlich unter medicinische Aufsicht stelle – dies würde gerade eine nachtheilige Aengstlichkeit erzeugen – sondern daß er der Kunst gestatte, der Natur zu Hülfe zu kommen, und sie sofort wieder verabschiede, wenn sie ihm ihre Dienste geleistet hat.

Die Sorge für die Erhaltung der Gesundheit macht aber, insbesondere zur Erzielung einer heitern Gemüthsstimmung, die Beobachtung mehrerer Regeln nothwendig, die wir daher der Begründung des zweiten Mittels nachfolgen lassen.

Erste Regel. Prüfe und beobachte dich, um zu erforschen, was deinem Körper nachtheilig ist, und dies dann auch sorgfältig zu vermeiden. – Was den Unterleib sehr und lange belästigt, das ist dem Körper kein dienliches Nahrungsmittel, das ist geradezu Gift für einen Menschen von trüber Gemüthsstimmung. Wer darum Rücksicht in dieser Beziehung fordern kann, der fordere sie und halte sich an Speisen, denen seine Verdauungswerkzeuge gewachsen sind, bis er es dahin gebracht hat, daß der Magen nicht mehr ihn, sondern er den Magen beherrsche. Wer aber aus diesem oder jenem Grunde auf solche Rücksicht verzichten muß, der thue mindestens, was an ihm liegt: der genieße nur höchst mäßig, was ihm doch nicht zuträglich ist. Mäßigkeit ist überhaupt Jedem anzurathen, der an trüber Stimmung leidet. Wer Genüsse nicht opfern mag, die er wiederholt an sich als schädlich erkannt hat, der verdient, daß er für seine ungezähmte Begierde leide, und er leidet doppelt – durch Selbstvorwurf.

Während aber für Wahl und Maß der Speisen auf die eigene Beobachtung angewiesen werden muß, auf das, was eine leichte Verdauung und eine regelmäßige Absonderung zuläßt, kann, hinsichtlich der Getränke, für den, welcher an trüber Gemüthsstimmung leidet, als feststehend angesehen werden, daß alle geistigen und gewürzhaften Getränke sammt und sonders das Blut verderben und das förderndste Mittel für Schwermüthigkeit sind. Die Lebenserhaltung erfordert weder nach dem Aufstehen den Kaffee, noch nach der Mahlzeit den Rebensaft. Wasser ist dem Menschen von der Natur als Getränk angewiesen; dieses nach Bedürfniß genossen – denn im Uebermaß verdünnt es die Magensäfte zu sehr – schließt alle Wirkungen in sich, die man von künstlichen Getränken vergebens erwartet. Wer sich darauf allein nicht zu beschränken vermag, der trinke mindestens nur das, was den Magen nicht für seine Functionen unfähig macht und das Blut nicht in seinem naturgemäßen Umlaufe stört.




  1. S. 1865, Nr. 29.
  2. Shakespeare.
  3. Derselbe.
  4. Sprüche Salomonis.