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Aus dem Papierkorbe eines Achtundvierzigers (2)

Textdaten
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Autor: Moritz Bonmot
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Titel: Aus dem Papierkorbe eines Achtundvierzigers. 2. Spree - Piraten.
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 11, S. 187–190
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
siehe Teil 1. Die letzten vom Regiment
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[187]
Aus dem Papierkorbe eines Achtundvierzigers.
2. Spree-Piraten.

Die Commilitonen der Berliner Studentenschaft aus dem Jahre 1848! Wohin sind sie durch den Trieb der eigenen Neigung oder durch die Macht des Verhängnisses geführt und verschlagen worden? Viele durch Kerkermauern hindurch nach Amerika, Australien und sonstigen fernen Gegenden; wenige haben sich zu einflußreicheren Stellungen emporgehoben. Die größere Hälfte aber ist verschollen, verdorben, gestorben; Mancher hat das Jahr 1870 nicht mehr gesehen, nicht diese Verkörperung seines schönsten Jugendtraumes, ein durch Einigung stark und mächtig gewordenes, von dem Lichte freier und volksthümlicher Institutionen durchstrahltes Vaterland.

Noch sehe ich die prächtigen Jünglingsgestalten mit dröhnendem Schritte über das Pflaster Spree-Athens schreiten, die schwarz-roth-goldene Mütze auf langgelocktem Haupte, den klirrenden Säbel nachschleppend, trotz einem Dragonerofficier, den Kopf voll unreifer, himmelanstürmender Gedanken, in dem Traume schwelgend, eine Hauptrolle zu spielen auf der Bühne einer großen Bewegung, von deren Wesen sie doch kaum eine dunkle Ahnung hatten. Was waren alle die armen Geschlechter der Erde, verglichen mit uns, den von den Wogen der Volksgunst hochgetragenen Musensöhnen? Wo war ein Philister aus der Bürgerwehr, der nicht pflichtschuldigst Front machte vor der „Rotte Korah“, weithin kenntlich durch die rothgeschmückte Straußenfeder auf schwarzem Calabreser? Welcher Kneipwirth hätte sich unterfangen, einer ausgesendeten „Bier-Patrouille“ des Studentencorps den schuldigen Tribut zu versagen? In den verschiedensten Theilen der weiten Hauptstadt trat das fliegende Corps der Studenten als hochgeachtete Vermittelungsmacht auf, jeden drohenden Conflict zwischen Arbeitern und Bürgern im Keime zu ersticken. So begann es im April; so blieb es im Mai. Es war anstrengender Dienst. Generalmarsch fast jede Nacht in dieser bewegten Zeit; oft nur wegen einiger eingeworfenen Laternen oder einer der damals ganz besonders zur Nachtordnung gehörigen Katzenmusiken.

Versetzen wir uns aber zurück in die Tage jenes Studententhums, das zu den geschichtlichen Thaten reifer Männer sich berufen [188] glaubte, so steigt vor unserer Erinnerung eine ganze Reihe von Bildern und Scenen auf, von verschollenen und wenig bekannten Vorgängen, die nicht blos an sich selber interessant, sondern immerhin auch charakteristisch sind für manche Seite der gewaltigen Ereignisse. In meiner ersten Skizze habe ich ein düsteres Ereigniß aus den ersten Stunden der jungen Freiheit geschildert. Was ich dagegen in dem Nachfolgenden erzähle, das wird eher wie ein humoristisch-idyllisches Märchen klingen aus längst entschwundener Vergangenheit. Nichts destoweniger war es einst volle, von mir selbst erlebte Wahrheit.




Am letzten der schönen Maitage jenes wunderholden Frühlings von 1848 waren längst alle Knospen gesprungen; der Thiergarten strahlte in reichster Blätter- und Blüthenpracht; in seinen Gebüschen jubelte der Fink, flötete die Amsel, und in dem Ufergesträuch gen Moabit klagte die Nachtigall, ungestört von dem wuchtigen Gedröhne des nahen Borsig’schen Dampfhammers. Ich wandelte die große Charlottenburger Chaussee entlang nach dem Brandenburger Thore zu. Männer der Bürgerwehr lehnten dort als Wachtposten an den dorischen Säulen. In dem bunten Wogen und Treiben Unter den Linden und in den Gesichtern der Vorübergehenden fesselte heute wieder einmal ungewöhnliche Aufregung meinen Blick, je weiter ich diese stolzeste und prächtigste aller Straßen herabkam. Am Ende derselben wälzte sich in heftigen Zorngeberden und wirrer Declamation ein dichter Menschenknäuel um die Ufer des Kupfergrabens, wo derselbe unter der Schloßbrücke den Lustgarten vom Zeughause scheidet. „Verrath!“ „niederträchtige Hinterlist!“, „das darf das Volk nicht dulden,“ „Unsere Waffen!“ – so schwirrten die Rufe hin und wieder.

In der Mitte der verschiedensten dichtgedrängten Gruppen halten Jünglinge und Männer der fliegenden Corps, Studenten, Handwerker und Bürgerschützen, von lautem Beifallssturme oder tosendem Wuthgeschreie begleitete Redeübungen. Bald war ich von der Thatsache unterrichtet, welche die mit Recht mißtrauisch gewordene Menge zu so stark sich äußernder Wuth aufgestachelt hatte, und ich selbst war in meinem neunzehnjährigen Studentenherzen gleichfalls auf das Tiefste entrüstet. Bei Nacht und Nebel, unter dem Schleier des tiefsten Geheimnisses und ohne die Erlaubniß des Volkes einzuholen, hatte man sich nämlich „von oben her“ unterfangen, das Zeughaus auszuräumen und Gewehrladungen auf Spreekähnen nach Spandau zu verschiffen. Die Absicht lag für alle hier Versammelten klar zu Tage: Berlin sollte entwaffnet, bei dem im Bunde mit den Russen geplanten Feldzuge wehrlos den conservativen Hinterpommern in die Hände fallen. Das Geheimniß aber war von den wachsamen Augen der „Revolution“ entdeckt worden. Da lag ja nun der jedes Zweifels spottende Beweis vor Aller Blicken. Hundert und aber hundert schwielige Hände entladen mit Ameisengeschäftigkeit einen großen Spreekahn, der unter unverdächtiger Hülle von Brennholz die kostbare, zur Abfuhr schon während der Nacht vorbereitete Fracht barg. Und schon waren mehrere Kähne mit gleicher Ladung – so lautete die Mär – die Spree abwärts geschwommen. Schnell mußte dieser Gefahr durch die Entschlossenheit des Volkes gesteuert werden, und ein „Verräther“ und „Reactionär“ wäre ja Derjenige gewesen, welcher in jenen Monaten einem zufällig gerade zusammen gelaufenen aufgeregten Haufen hätte bestreiten wollen, daß er „das Volk“ und zum eingreifenden Handeln und Verfügen berechtigt sei. Also auf denn zur That!

Fünf Studenten von der „Rotte“, der anzugehören ich die Ehre hatte, unter ihnen der hochgewachsene, urkomische „Qualm“, der jetzt von seinen Heldenthaten auf einer einsamen Landpfarre träumt, daneben ein Dutzend büchsenbewaffnete Männer des Schützencorps vertheilten sich in schnell requirirten Booten. Ein jeder von uns übernahm die Führung und das Commando eines solchen Nachens, und bald schwamm diese Flotille, jedes Fahrzeug außer dem Capitain mit acht bis zehn Arbeitern, „Bassermann’schen Gestalten“ aus den Reihen der sogenannten „Rehberger“, bemannt, unter kräftigen Ruderschlägen und dem Zujauchzen des Pöbels einem merk- und denkwürdigen Abenteuer entgegen.

O, es war eine Fahrt voll tollsten poetischen Jugendübermuthes, nur begreiflich aus der Zeit, die sie überhaupt möglich machte. Nicht der leiseste Zweifel an der vollen Rechtmäßigkeit ihres Mandats, nicht die geringste Besorgniß vor etwaiger polizeilicher Hinderung ihres wahnwitzigen Unternehmens trübte den Eifer und heiteren Thatendurst dieser modernen Spree-Piraten, die auszogen, um auf offenem Wasser an „königlichem Gute“ sich zu vergreifen. Am Garten des Schlosses Monbijou verließ die Flotille den Kupfergraben und tauchte in die Fluthen der Spree. Auf den Brücken innerhalb der Stadt wimmelte es von Bürgern und Bürgerinnen, die mit wehenden Tüchern Gruß und Ermunterung winkten. Schon am Unterbaume eröffnete sich der Schauplatz unserer Thaten. Hier trafen wir die ersten Spreekähne, die sich träge durch die dicken, mit Grundsuppe gesättigten Gewässer des dortigen Flusses schleppten. Wie elend war es damals noch in jener jetzt so hocheleganten Gegend! Noch gemahnte dort keine Alsen-, keine Sadowabrücke, noch keine Moltke-, Roon- und Bismarck-Straße an die herrlich entfaltete Kraft des deutschen Vaterlandes.

„Halt!“ und nochmals „halt!“ donnerte es aus unseren Booten hinter den verdutzt aufschauenden Schiffern, denen wegen der Neuheit des Falles die langen Stoßruder im Schlamme stecken blieben. Diese bekanntlich sonst durchaus nicht gefügigen Menschen sahen sich umzingelt und gehorchten wirklich in ihrer Verblüffung.

„Zwei Studenten und sechs Bürger an Bord! – Habt Ihr Waffen geladen?“

„Nee – Kartoffeln.“

„Das kennen wir schon – dort Holz und hier Kartoffeln. Noch zwölf Bürger an Bord! Die Kartoffeln umgeschippt!“

Man schippte und schippte. „Qualm“, mein theurer Stubenbursche, Contreadmiral bei dieser nautischen Expedition, durchstöberte die Kajüte und die Kojen, kroch in den Kielraum, untersuchte den Mast, den er für eine kolossale Bonbonhülse zu halten schien – Alles umsonst. Die Fracht war und blieb die prosaische Kartoffel, für unsern romantischen Heißhunger eine gar magere Kost. „Alle Mann in die Boote, vorwärts!“

Ein anderes Schiff in Sicht – neue Untersuchung; wieder fruchtlos. Noch eine Zille, wieder ein Spreekahn. Der Maitag und die Arbeit waren heiß, alle Mühe verschwendet. Kartoffeln, Holz und Kohlen, Heu, Ziegelsteine, sogar eine Ladung getragener und verschlissener Kleidungsstücke, überall gehorsame Schiffer und nirgends eine Spur von Waffen! Trotz allen fruchtlosen Suchens aber und des immerhin etwas heikeln Geschäfts glitten wir in heiterster Laune die Spree weiter abwärts, den „Zelten“ im Thiergarten vorüber und den Geländen des Thiergartens. Bald spiegelte sich Schloß Bellevue in der schon etwas geklärten Fluth; unter der Brücke Moabits glitten wir hinweg, und hell leuchtete in der Ferne die Kuppel des Charlottenburger Schlosses mit ihrem als Wetterfahne sich drehenden heiligen Michael oder Gabriel.

Nichts hatte bis zu dem Weichbilde dieser kleinen Nachbarresidenz unseren Frohsinn und Muth gebeugt; doch als wir die Brücke passirten, welche aus der Stadt neben dem Schloßgarten zur Moabiter Chaussee führt, da tauchte zum ersten Male eine leise Ahnung in unserem Geiste auf, daß wir uns nicht mehr in Freundesland, ja kaum noch auf neutralem Boden bewegten. Auch diese Brücke war von einer dichten Volksmenge besetzt, aber kein Tücherschwenken, kein Jubelgeschrei empfing hier die Flotille wie in Berlin. Mit düsterem Schweigen sah man uns erscheinen und weiterziehen. Der letzte der herrlich belaubten Baumriesen, die lauschigen Schattenwege des Schloßgartens lagen hinter uns; vor uns zur Linken tauchte der „Spandauer Bock“, das wohlbekannte Wirthshaus auf der Höhe, zur Rechten der lange Saum der sanftaufsteigenden Jungfernhaide hervor, und in sonniger Ferne, inmitten der wasserreichen Wiesen, ragte drohend und warnend – ein böses Omen – die Citadelle von Spandau. Dicht vor derselben, noch sehr weitaus, durchfurchten einige Schiffe mit gespannt sich bauschenden Segeln die Fluth, doch bis zum „Bock“ hin und noch weiter hinaus zeigte sich kein Fahrzeug den nach Beute spähenden Blicken. Heißer und heißer brannte die Nachmittagssonne; weit hinter uns lag das Schutz und Hülfe gewährende Berlin, das jedes Haar auf unserem Haupte gezählt hätte – in unseren Seelen dämmerte leise eine Ahnung auf.

Da sprengte ein Reiter auf schäumendem Roß, dem Abzeichen [189] nach ein Mann von der „berittenen Bürgerwehr“, an das linke Ufer: „Heda! halt! was quält Ihr Euch bei die Hitze? Ich reite voraus nach Spandau und rapportire, ob die Waffenschiffe noch zu erreichen sind; in einer Viertelstunde bin ich zurück.“ Der Vorschlag fand Beifall; vertrauensvoll und in blöder Jugendeselei gingen wir in eine plumpe Falle. Winkte zur Linken doch gastlich das alte Schützenhaus, gegenwärtig und zwar schon seit zwanzig Jahren eine Zündspiegelfabrik. Mit Hurrah wurde gelandet; die Boote wurden auf den Strand gezogen. Bald sprudelte schäumend der heißersehnte Gerstensaft in den vor uns stehenden Gläsern, und es rollten die Kugeln, aber nicht aus der friedlich an der Wand lehnenden Büchse, sondern auf der staubigen Kegelbahn. Unsere biederen „Rehberger“ schliefen nach saurer Arbeit im Grase den Schlaf des Gerechten, und bald war niedere und höhere Politik, bald waren auch die Waffenschiffe sammt Berlin und der ganzen Welt vergessen. Der Wonne des Augenblicks hingegeben, genügte es den Jünglingen, Freunde unter Freunden, des Lebens Unverstand in holdem Leichtsinn zu genießen. Sie beachteten gar nicht, daß Viertelstunde auf Viertelstunde, daß Stunde auf Stunde verrann, ohne daß jener „Berittene“ zurückkehrte, auch hörten sie nicht die Signalschüsse von den Wällen der Festung, nicht den dumpfen Trommelwirbel, der von Charlottenburg herüberdröhnte. Während sie aber hier in sorgloser Selbstvergessenheit den Freuden des Landlebens und der allergemüthlichsten Kneipseligkeit sich hingaben, hatte der „Berittene“, auf den sie eigentlich warteten, ein großes Werk vollführt.

Seines Zeichens war er, wie ich später erfuhr, ein Glasermeister aus Charlottenburg mit Namen Lüdé, der wohl ursprünglich Lude geheißen hat. Ob dem Manne der Traum von einem zukünftigen Hofglasermeister zu schaffen machte, darüber war man in seiner Heimath nicht einig. Gewiß nur ist, daß er an jenem Nachmittage nach Spandau sprengte und dort meldete: „Das ganze Studentencorps ist zu Wasser und zu Lande im Anmarsch gegen die Festung; die Vorhut hat den Bock occupirt; Rehberger schleichen sich in hellen Haufen durch die Jungfernhaide und den Grunewald heran; die Berliner Bürgerwehr steht unter Waffen – man will sich durch einen Handstreich der Festung bemächtigen.“

Kein Gerücht war so unglaublich, daß es nicht dazumal seine Gläubigen gefunden hätte; die Phantasie befand sich bei aller Welt in aufgereiztester und unablässiger Thätigkeit; zur nüchternen Erwägung des Thatsächlichen und Möglichen war nirgends die ruhige Stimmung vorhanden. Es war daher kein Wunder, daß Herr Lüdé, der sich auch wohl kaum einer absichtlichen Lüge schuldig machte, mit seiner Schreckenskunde ganz Spandau zu alarmiren, vermochte. Dann flog er auf seinem Rappen nach Charlottenburg zurück. Hier fand er den Boden schon vorbereitet für seine Saat; er hatte nur nöthig, noch etwas Oel in das schon hell flackernde Feuer zu gießen.

Wer jemals in Berlin gewesen ist, wird wohl auch das nur eine Stunde davon entfernte Charlottenburg kennen. Die Stadt hat sich in der letzten Zeit merkwürdig gehoben und gewährt jetzt mit ihrer intelligenten und strebsamen Bevölkerung ein ganz anderes Bild als vor dreißig Jahren, wo sie, in Betreff der größeren Zahl ihrer Einwohner, ein recht verkommenes und fast unheimliches Anhängsel der Hauptstadt war. Immer gierige Ansprüche hungerigen localen Eigennutzes bargen sich hier hinter dem Aushängeschilde jener schamlos augendienerischen, mit heuchlerischer Frömmelei verbrämten Bedientenhaftigkeit, die damals noch als „Patriotismus“ und „Königstreue“ sich breit machen konnte. Bessere Elemente waren allerdings vorhanden, aber sie schlossen sich hermetisch ab oder hatten ihren geselligen Schwerpunkt in Berlin. Viele Bewohner, Namen von aristokratischem Klange, lebten notorisch von höherem Bettel, und neben den eingeborenen Ackerbürgern bevölkerten dunkle Existenzen jeder Art die ungepflasterten, Abends nicht einmal von einer Oellampe beleuchteten Straßen des Ortes, der sich im Wettstreit mit Potsdam das „preußische Versailles“ zu nennen liebte. Wir würden dies nicht berühren, wenn sich aus diesem Geiste nicht die Opposition erklärte, welche das kleine Nachbarnest im Jahre 1848 in allen den Fällen zu machen wagte, wo diese Kriegslust sich hinlänglich gedeckt glaubte. Denkwürdig ist in dieser Hinsicht ein ebenso ernster wie komischer Vorgang.

Als, in der Revolutionsnacht vom 18. zum 19. März einige hundert bürgerliche Gefangene, gebunden, zum größeren Theil mehr oder weniger schwer verwundet, von Berlin nach Spandau transportirt wurden, waren die begleitenden Soldaten kaum und zum Theil gar nicht im Stande, ihre Gefangenen gegen die schändlichsten Angriffen und Mißhandlungen des Janhagels zu schützen, so lange der traurige Zug die Straßen Charlottenburgs passirte. Schon am nächsten Tage aber, als der Wind von Berlin ganz anders wehte, und die schnell freigelassenen Gefangenen wiederum durch Charlottenburg zogen, überstürzte man sich hier dergestalt mit revolutionären Kundgebungen und überschüttete die „edlen Kämpfer und Befreier“ dermaßen mit Ovationen, Liebesgaben, feierlichsten Ansprachen und sonstigem Schwindel, daß die Berliner, wie gestern vor den Mißhandlungen, so heute vor den Liebeshudeleien sich kaum zu retten vermochten. Trotzdem verblieb den Charlottenburgern das böse Gewissen des Kleinen, der den Großen gereizt hat. Während des ganzen Sommers peinigte sie die Furcht: die Berliner und zumal die Studenten, deren sich auch zwei oder drei in jenem traurigen Gefangenenzuge befunden hatten, würden eines Tages in Masse heranrücken, um jene nächtliche Heldenthat blutig zu rächen.

Als Herr Lüdé an jenem letzten Maitage von Spandau nach Charlottenburg zurücksprengte, um hier seine Mitbürger zu den Waffen zu rufen, da hatte diese schon lange die Schreckensnachricht aus dem Nachmittagsschlummer aufgerüttelt: „Die Studenten haben drei oder vier Waffenkähne geplündert; von zwei Seiten, zu Wasser und zu Lande, ziehen sie gegen die offene, wehrlose Stadt.“ - Unsäglich war der Wirrwarr des Tumults und der tragikomischen Scenen, welche folgten. Trommelwirbel Straße auf, Straße ab; Gekreische der Weiber in den Häusern und auf den Gassen, rührende Abschiedsthränen; in die Luft gefeuerte Schüsse, um durch den Knall den Muth zu beleben. Die Väter der Stadt stürzen ohne Hut nach dem Rathhause, nach dem Marktplatze die Männer der Bürgerwehr in ihrer mannigfaltigen Bewaffnung und in ihrem lächerlich bunten Aufputze. Neben ihnen und zwischen ihnen der nichtuniformirte Haufe mit Dreschflegeln, Piken, Heugabeln, selbst Bohnenstangen in der Faust, ein wahres Heer von Don Quixoten. Da die Garnison, zwei Schwadronen der Garde-du-Corps, bei dem allgemeinen Spectakel ebenfalls alarmirt war, die Stadt nach Spandau hin, wo nach Herrn Lüdé’s Bericht die feindliche Hauptmacht concentrirt war, demnach hinlänglich gesichert schien, so wurde im Kriegsrath auf dem Wilhelmsplatze einhellig beschlossen, die Hauptmacht der Bürgerwehr nach der entgegengesetzten Seite zu werfen. Todesmuthig rückte dieselbe in ihre Stellung, um die Canalbrücke, dort, wo heute die beiden Chausseehäuser stehen, gegen den von Berlin anrückenden Feind zu decken. Schweigend standen sich die Feinde gegenüber. Diesseits des Canals erwartungsvoll mit pochendem Herzen ein zitterndes Pfahlbürgerthum; jenseits, wie Pfähle steif, nur dumpf murmelnd – die Bäume und menschenleeren Gänge des Thiergartens.

Ohne jede Ahnung der gewaltigen Dinge, die rings umher sich ereigneten, und der schweren Gewitterwolken, die von Ost und West über ihrem Haupte sich sammelten, lagen inzwischen die Mitglieder der großen Expedition im Grase des Schützenhauses und pflogen Raths. Der Zweck des Argonautenzuges war verfehlt; dafür lachte aber der Mai so einladend; der Tag war einmal „angerissen“ – was sollte man Besseres thun, als ihn im Schatten des nahen Grunewalds zu beschließen? So fand denn Qualm’s Vorschlag allgemeine Zustimmung: „Die Boote kehren mit den Rehbergern zurück, und zwar haben selbige in angemessener Entfernung von einander den Rückzug anzutreten. Natürlich werden diese Bürger morgen in der Aula für ihre uneigennützige Arbeit aus der Corpscasse anständig entschädigt. Die Studenten aber machen mit den Schützenbrüdern, die sich ihnen anschließen wollen, eine Spritzfahrt durch den Grunewald nach dem Pichelswerder.“ – Gedacht, gesagt und gethan. Bald lag das alte Schützenhaus still hinter den Davonziehenden, nur Einer blieb zurück, und dieser Eine war ich. Das Loos des Memoirenschreibers zwingt mich von mir selber zu sprechen.

Ich blieb also allein zurück. Schreiben wir nicht den 31. Mai, und feiert nicht eine liebe Schwester heute in Charlottenburg ihren Geburtstag? Waren nicht im stillen Pfarrgarten [190] die Verwandten versammelt, die auch meiner warteten? Verdiente ich nicht, wenn ich sogar heute fern blieb, mit Recht den Ruf eines entarteten Sohnes, ein Ruf, der schon hier und da unter Seufzen wider den Theilnehmer an der Revolution verlautbart worden? So riß ich mich denn los von den fidelen Brüdern und dachte nur noch auf eine sinnige Geburtstagsgabe. Blühten doch rings um mich die duftenden Kinder des Lenzes. Und so bückte ich mich denn und pflückte, wenn es auch nur eine Schwester war, für die ich mich bückte und für die ich pflückte. Ob dabei noch andere Gedanken in mir erwachten, kann ich nicht mehr sagen. Nur so viel ist mir erinnerlich: ich war in eine außerordentlich weiche und zärtliche, ganz romantisch-schwärmerische Stimmung gerathen und so tief in diese wehmüthig-süße Träumerei versunken, daß ich anfänglich auch die ganz seltsamen Bilder und Klänge nicht für wirklich hielt, die beim Sammeln und Ordnen des Straußes hin und wieder vor mir auftauchten und an mir vorüberschwebten – Bajonnette, in der Sonne blitzend, Commandoworte, das Stampfen wiehernder Rosse. Aber immer deutlicher, lebendiger und geräuschvoller bewegten sich rings um mich her diese Gestaltungen aus der realen Welt, sodaß ich endlich erwachen mußte. Ist heute Manöver? Alle Höhen, alle hervorragenden Punkte gen Spandau mit Infanteriecolonnen besetzt. Und was zieht dort stolz einher, hoch zu Roß, mit strahlendem Küraß und blitzendem, adlergekröntem Helme? Ich hatte die Spandauer Chaussee betreten, dort, wo heute die Halle für die Pferde-Eisenbahn sich erhebt. Da stürzt eine buntscheckige Rotte mir entgegen und hebt Hunderte mit Knitteln und Stangen bewaffnete Arme zugleich.

„Was, ihr verwünschten Studenten, ihr wollt unserer Landwehr die Waffen rauben?“

Die Situation war kritisch und etwas peinlich. Ich trug den Umständen Rechnung, concentrirte mich rückwärts und deckte mich im Rücken durch den Stamm einer Pappel, preßte den Blumenstrauß krampfhaft mit der Linken und zog zur Deckung den noch jungfräulichen Säbel. Doch was half die stumpfe Waffe gegen die hundertfache Uebermacht eines wüthenden und trunkenen Janhagels? Da, in der höchsten Noth, erschien der Retter. Ein Zug Garde-du-Corps, einen Lieutenant an der Spitze, sprengte zwischen die tobende Rotte und trennte mich von meinen Drängern.

„Sind Sie Student?“

„Zu dienen.“

„Haben Sie Ihre Erkennungskarte bei sich?“

„Ja wohl – hier ist sie.“

Er warf einen Blick aus dieselbe.

„Sie sind verhaftet.“

„Ich darf als Student nicht verhaftet werden, es sei denn, ich würde bei Verübung eines Verbrechens betroffen.“

„Sie sind dennoch verhaftet – auf meine Verantwortung.“

An dem Klange der letzten, mit besonderem Nachdruck gesprochenen Worte, die von dem schrillen Beifallsgeheul des Pöbels bewiehert wurden, erkannte ich in der prächtigen Hünengestalt vor mir den Grafen L., an dessen Seite ich zwei Jahre lang in Dombrandenburg die Bänke der Prima gedrückt hatte und der jetzt mit sarkastischen Blicken meine schwarz-roth-gold bebänderte Mütze, den Blumenstrauß und den Säbel fixirte. Vollständig ernüchtert, begriff ich seine wohlmeinende Absicht und den ganzen Ernst meiner vereinsamten Lage, denn von Charlottenburg her drang immer lauter und lauter unheimlich wüstes Geschrei zu meinen Ohren, und neue, immer neue Volkshaufen wälzten sich drohend gegen mich heran. Willig folgte ich nun der schützenden Escorte und fand in der Schloßwache ein willkommenes Asyl. Hier hatte ich kaum Zeit, um über den so ungemein komisch-tragischen Scenenwechsel des heutigen Tages Betrachtungen anzustellen, als ein Hauptmann von der Bürgerwehr sich präsentirte und in einem Verhör mich über die Stellung des Studentencorps, über seinen Angriffsplan etc. auszuforschen suchte. Schwer ward es mir, dem sonst ganz verständigen Manne, mit dem mich in späteren Zeitläuften amtliche Bande und Freundschaft verknüpfen sollten, glaubhaft zu machen, daß sich in meiner einzigen Person die ganze Macht concentrirte, um deren willen zwei Städte ihre gesammte Vertheidigungsmacht aufgeboten und so gewaltige Anstrengungen entfaltet hatten. Im Uebrigen aber unterließ ich auch nicht, ihm im Vollgefühl meiner verletzten Würde zu sagen, daß allerdings die Studenten nicht einen Augenblick anstehen würden, mit ihrer vollen Macht gegen Charlottenburg aufzubrechen, sobald es ruchbar würde, daß einer der ihrigen gegen alles Völkerrecht ohne vorhergegangene „Kriegserklärung“ in Haft gehalten werde. Darauf versetzte er nach einiger Ueberlegung mit einem feinen Lächeln: „Ihrem Verlassen der Wache steht nichts im Wege. Doch zu Ihrem eigenen Besten rathe ich Ihnen, erst die Dämmerung abzuwarten und alsdann auch nicht durch Charlottenburg zu marschiren, sondern Ihren Rückzug ganz still über Moabit anzutreten.“

Der Rath war unbedingt gut, und ich befolgte ihn. Meine Genossen hatten inzwischen allen Freuden idyllischer Waldluft sich hingegeben und waren nicht wenig belustigt, als ich ihnen am späten Abend noch von dem letzten Act der großen Expedition erzählte. Die Charlottenburger und Spandauer schwiegen, so viel wie möglich, über die Affaire, und auch wir hatten kein sonderliches Interesse daran, sie an die große Glocke zu hängen.